mini|hochkant|Yves Tanguy, Foto aus dem Jahr 1948 von George Platt Lynes Raymond Georges Yves Tanguy (* 5. Januar 1900 in Paris; † 15. Januar 1955 in WaterburyIn der Literatur wird überwiegend Tanguys amerikanischer Wohnort Woodbury als Sterbeort angegeben, z. B. Andreas Schalhorn: Yves Tanguy 1900–1955. Eine Chronik zu Leben und Werk. In: Karin von Maur: Yves Tanguy und der Surrealismus, Hatje Cantz, Ostfildern 2000, ISBN 3-7757-0964-9, S. 228: „im Hospital von Woodbury“. Einzelne Quellen geben hier genauer das „Waterbury Hospital“ im knapp 20 km entfernten Waterbury an, z. B. Yves Tanguy Dies. In: The New York Times, 16. Januar 1955., USA) war ein französischer Maler des Surrealismus. Er wanderte 1939, nach dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs, in die Vereinigten Staaten aus und heiratete dort in zweiter Ehe die amerikanische Künstlerin Kay Sage. 1948 nahm er die amerikanische Staatsangehörigkeit an.

Tanguy war Autodidakt. Nach der Begegnung mit Werken Giorgio de Chiricos im Jahr 1922 fasste er den Entschluss, Maler zu werden. 1925 wandte er sich dem Surrealismus zu und gehörte dem Kreis um André Breton an. In den späten 1920er Jahren entwickelte er seine typische Bildsprache aus weiten Landschaften mit phantastischen Formen vor einem farblich geschichteten Hintergrund. Dabei sind die zumeist gedämpften Farben sehr fein und ohne sichtbaren Pinselstrich aufgetragen. Die Motive entstanden nach dem surrealistischen Konzept des Automatismus. Wichtig war Tanguy das Element der Überraschung, weswegen er ohne vorher festgelegten Plan arbeitete.

Tanguy schuf rund 600 Gemälde, Gouachen und Objekte, 1200 Zeichnungen und 33 Druckgrafiken. Der geringe Umfang des Œuvres lag an seiner sorgfältigen und langwierigen Malweise sowie seinem ausgeprägten Desinteresse an der Vermarktung seiner Werke. Dennoch hatte er einen großen Einfluss auf andere Künstler der surrealistischen Bewegung.

Leben Yves Tanguy wurde am 5. Januar 1900 im Hôtel de la Marine in Paris, dem Sitz des französischen Marineministeriums geboren, angeblich in einem Bett, das dem Maler Gustave Courbet gehört haben soll.Andreas Schalhorn: Yves Tanguy 1900–1955. Eine Chronik zu Leben und Werk. In: Karin von Maur: Yves Tanguy und der Surrealismus, Hatje Cantz, Ostfildern 2000, ISBN 3-7757-0964-9, S. 211. Beide Eltern waren Bretonen aus dem Finistère.Biographie. In: Katharina Schmidt: Yves Tanguy. Prestel, München 1982, ISBN 3-7913-0616-2, S. 262. Der Vater Felix Tanguy (1851–1908) war Aufsichtsbeamter im Ministerium. Er entstammte einer Seefahrerfamilie aus Brest und war früher selbst Kapitän gewesen. Die Mutter Thérèse Coadou (1860–1936) kam aus bäuerlichen Verhältnissen in Plogonnec nahe Locronan. Yves hatte drei ältere Geschwister: Emilie (1888–1972), Félix (1892–1966) und Henri (1896–1914).

Nach dem Tod des Vaters wuchs Yves bei einer Cousine in Pont-Rousseau bei Nantes auf, später bei Verwandten in Plestin-les-Grèves. 1912 zog er zu seiner Familie nach Paris und besuchte das Lycée Montaigne, wo er Pierre Matisse kennenlernte, einen Sohn Henri Matisses, dessen Interieur mit Goldfischglas einen frühen Eindruck auf ihn machte. Yves war kein eifriger Schüler. Er war rebellisch und konsumierte schon früh Alkohol und gelegentlich Äther. 1916 kehrte die Mutter nach Plogonnec zurück. Yves blieb bei seiner Schwester. Bei Besuchen in der Bretagne half er Bauern und Fischern bei der Arbeit und interessierte sich für bretonische Mythen und Legenden.Andreas Schalhorn: Yves Tanguy 1900–1955. Eine Chronik zu Leben und Werk. In: Karin von Maur: Yves Tanguy und der Surrealismus, Hatje Cantz, Ostfildern 2000, ISBN 3-7757-0964-9, S. 211–212.

Von 1918 an fuhr Tanguy eineinhalb Jahre in der Handelsmarine zur See. Er bereiste Europa, Südamerika und Afrika und erreichte den Rang eines Offiziersanwärters. Als er zur französischen Marine einberufen werden sollte, stellte er sich verrückt und simulierte einen epileptischen Anfall. Stattdessen wurde er ins 37. Infanterieregiment nach Lunéville eingezogen, wo er sich mit seinem Stubenkameraden Jacques Prévert anfreundete. Um das Regiment verlassen zu können, meldete sich Tanguy freiwillig zum afrikanischen Jägerkorps und wurde nach Foum Tataouine in das französische Protektorat Tunesien versetzt. 1922 beendete er seinen Militärdienst als Unteroffizier.Andreas Schalhorn: Yves Tanguy 1900–1955. Eine Chronik zu Leben und Werk. In: Karin von Maur: Yves Tanguy und der Surrealismus, Hatje Cantz, Ostfildern 2000, ISBN 3-7757-0964-9, S. 212–213.

Zurück in Paris arbeitete Tanguy ohne Berufsausbildung als Hilfskraft an der Börse, Packer, Zeitungsverkäufer und Straßenbahnführer. Er wohnte bei seiner Schwester Emilie, zu der er aber kein gutes Verhältnis hatte. Lieber verbrachte er seine Zeit mit Prévert und Marcel Duhamel im Vergnügungsviertel von Montparnasse. In den Sommermonaten reisten die Freunde in die Bretagne. Er lernte die Modistin Jeannette Ducrocq (1896–1977) kennen, die er 1925 heirateteAndreas Schalhorn: Yves Tanguy 1900–1955. Eine Chronik zu Leben und Werk. In: Karin von Maur: Yves Tanguy und der Surrealismus, Hatje Cantz, Ostfildern 2000, ISBN 3-7757-0964-9, S. 213. (andere Quellen nennen das Jahr 1927).Biographie. In: Katharina Schmidt: Yves Tanguy. Prestel, München 1982, ISBN 3-7913-0616-2, S. 266. Zu einem künstlerischen Erweckungserlebnis wurde im Frühjahr 1922 die Begegnung mit zwei Werken Giorgio de Chiricos in einem Schaufenster der Galerie von Paul Guillaume. Tanguy sprang von der Plattform eines Autobusses ab, um sie fasziniert zu betrachten. Später entdeckte er eines dieser Bilder, Das Gehirn des Kindes, im Besitz André Bretons wieder.Karin von Maur: Yves Tanguy oder „Die Gewissheit des Niegesehenen“. Wandlungen des malerischen Œuvres. In: Karin von Maur: Yves Tanguy und der Surrealismus, Hatje Cantz, Ostfildern 2000, ISBN 3-7757-0964-9, S. 11–12. Tanguy begann selbst künstlerisch tätig zu werden, erst mit Zeichnungen und Aquarellen, von 1925 an auch in der Technik der Ölmalerei, die er sich autodidaktisch beibrachte. Beeinflusst war er durch die Lektüre der Zeitschrift La Révolution surréaliste. Nach dem Besuch einer Ausstellung surrealistischer Werke zerstörte er Ende 1925 viele seiner frühen Ölbilder und Gouachen.

hochkant=0.5|mini|links|Selbstporträts in einem Fotoautomaten (ca. 1929)

Schon 1923 machte der Maler Maurice de Vlaminck den Pariser Kunstkritiker Florent Fels auf Tanguys Zeichnungen aufmerksam. Fels ermöglichte Tanguy 1925 mit drei Zeichnungen die Beteiligung am Salon de l’Araignée und knüpfte die ersten Kontakte zur Gruppe der Surrealisten. Tanguy lernte Louis Aragon, André Masson, Robert Desnos und schließlich auch André Breton kennen. Er befreundete sich mit Benjamin Péret und Raymond Queneau. Der Pavillon in der Rue du Château, den Duhamel für sich und seine Freunde Prévert und Tanguy angemietet hatte, wurde zu einem Treffpunkt der surrealistischen Bewegung. Hier pflegten sie das Spiel Cadavre Exquis.Andreas Schalhorn: Yves Tanguy 1900–1955. Eine Chronik zu Leben und Werk. In: Karin von Maur: Yves Tanguy und der Surrealismus, Hatje Cantz, Ostfildern 2000, ISBN 3-7757-0964-9, S. 213, 216. In solchen Gemeinschaftszeichnungen kollaborierte Tanguy mit Künstlern wie Masson, Max Ernst, Joan Miró und Man Ray.Beate Wolf: Genesis einer neuen Welt. Zum grafischen Werk von Yves Tanguy. In: Karin von Maur: Yves Tanguy und der Surrealismus, Hatje Cantz, Ostfildern 2000, ISBN 3-7757-0964-9, S. 136, 142. Breton schilderte im Rückblick die Atmosphäre der Treffen: „Niemals wieder wird der Surrealismus eine solche organische Einheit haben, noch sprudelte er je stärker als damals […] Absoluter Nicht-Konformismus, großer Zynismus und schönster Humor herrschten bei unseren Zusammenkünften im alten Haus der Rue du Château.“Karin von Maur: Yves Tanguy oder „Die Gewissheit des Niegesehenen“. Wandlungen des malerischen Œuvres. In: Karin von Maur: Yves Tanguy und der Surrealismus, Hatje Cantz, Ostfildern 2000, ISBN 3-7757-0964-9, S. 19–20.

Die folgenden Jahre waren durch häufig wechselnde Wohnungen in Paris und schwierige wirtschaftliche Verhältnisse geprägt. Zeitweise bewohnte Tanguy ein unmöbliertes, einzig mit einer Staffelei ausgestattetes Zimmer und lebte von Arbeitslosenunterstützung. Mit der Publikation seiner Werke in La Révolution surréaliste galt Tanguy ab 1926 offiziell als Surrealist. 1927 hatte er seine erste Einzelausstellung in der Galerie Surréaliste. Er beteiligte sich an zahlreichen Aktivitäten und Ausstellungen der Bewegung, so 1938 an der Exposition Internationale du Surréalisme.Andreas Schalhorn: Yves Tanguy 1900–1955. Eine Chronik zu Leben und Werk. In: Karin von Maur: Yves Tanguy und der Surrealismus, Hatje Cantz, Ostfildern 2000, ISBN 3-7757-0964-9, S. 216–221. Das zur Ausstellung herausgegebene Wörterbuch Dictionnaire abrégé du surréalisme verlieh Tanguy den Titel „Guide du temps des druides du gui“ („Führer aus der Zeit der Misteldruiden“).Karin von Maur: Yves Tanguy oder „Die Gewissheit des Niegesehenen“. Wandlungen des malerischen Œuvres. In: Karin von Maur: Yves Tanguy und der Surrealismus, Hatje Cantz, Ostfildern 2000, ISBN 3-7757-0964-9, S. 92–93. Von 1927 an trug er auch immer wieder zu Publikationen surrealistischer Dichter bei, ohne dass seine Lichtdrucke oder Radierungen als direkte Illustrationen der Werke zu verstehen sind.Beate Wolf: Genesis einer neuen Welt. Zum grafischen Werk von Yves Tanguy. In: Karin von Maur: Yves Tanguy und der Surrealismus, Hatje Cantz, Ostfildern 2000, ISBN 3-7757-0964-9, S. 147. Im Streit um die Ausrichtung der surrealistischen Bewegung, auch zu politischen Fragen, der Anfang der 1930er Jahre zur Spaltung der Gruppe führte,Karin von Maur: Yves Tanguy oder „Die Gewissheit des Niegesehenen“. Wandlungen des malerischen Œuvres. In: Karin von Maur: Yves Tanguy und der Surrealismus, Hatje Cantz, Ostfildern 2000, ISBN 3-7757-0964-9, S. 72. schloss er sich dem orthodoxen Kern um Breton an, zu dem auch Max Ernst und Paul Eluard gehörten. Dies führte 1930 zum Bruch mit seinem Freund Prévert, der sich am gegen Breton gerichteten Pamphlet Un Cadavre beteiligt hatte. Tanguy unterzeichnete diverse Flugschriften aus der Gruppe der Surrealisten,Andreas Schalhorn: Yves Tanguy 1900–1955. Eine Chronik zu Leben und Werk. In: Karin von Maur: Yves Tanguy und der Surrealismus, Hatje Cantz, Ostfildern 2000, ISBN 3-7757-0964-9, S. 218. eigene Äußerungen zu seiner Person oder seiner Kunst blieben aber rar.Beate Wolf: Genesis einer neuen Welt. Zum grafischen Werk von Yves Tanguy. In: Karin von Maur: Yves Tanguy und der Surrealismus, Hatje Cantz, Ostfildern 2000, ISBN 3-7757-0964-9, S. 136. Laut Katharina Schmidt war Tanguy ein schweigsamer Mensch, der sich nicht aus eigenem Antrieb mitteilte und Fragen möglichst knapp beantwortete.Katharina Schmidt: Darstellen, was hinter dem Hügel liegt. Imagination und Malerei des Surrealisten Yves Tanguy. In: Katharina Schmidt: Yves Tanguy. Prestel, München 1982, ISBN 3-7913-0616-2, S. 11.