Weltmacht USA: Ein Nachruf (Originaltitel: Après l’empire: Essai sur la décomposition du système américain) ist der Titel eines Buches aus dem Jahr 2002 von Emmanuel Todd, in dem er die Vereinigten Staaten von Amerika als eine Supermacht im Niedergang beschreibt.Emmanuel Todd: Weltmacht USA : Ein Nachruf. 6. Aufl., Piper, München 2003, ISBN 3-492-04535-9. Die aggressive und beunruhigende Außenpolitik der Regierung Bush sei kein Zeichen der Stärke, sondern ein letztes Aufbäumen einer Macht, die inzwischen vom Rest der Welt abhängig sei. In dem Buch untersucht Todd die grundlegenden Schwächen der USA und kommt zu dem Schluss, sie würde wirtschaftlich, militärisch und ideologisch rapide die Kontrolle über die Weltbühne verlieren. Todd sagt voraus, dass die Vereinigten Staaten, die jetzt die einzige Supermacht der Welt sei, untergehen werde.

Besondere Aufmerksamkeit erfuhr das Buch, da Todd bereits 1976 in seinem Buch La chute finale (deutsch: Vor dem Sturz: Das Ende der Sowjetherrschaft)Todd, Emmanuel: Vor dem Sturz : Das Ende der Sowjetherrschaft. Frankfurt: Ullstein, 1977, ISBN 3-550-17364-4 zu einem Zeitpunkt, als den meisten dies absurd erschien, den Zusammenbruch der Sowjetunion vorhersagte und dabei auch die Gründe und Umstände recht genau traf. Basis für seine damalige Annahme bildete unter anderem die zunehmende Säuglingssterblichkeit in der UdSSR und die anthropologisch verankerte egalitäre Grundhaltung der slawischen Familien. Grundthese Die Grundthese dieses Buches ist, dass die USA im Begriff seien, ihren Status als „letzte verbliebene Supermacht“ zu verlieren. Die dafür erforderlichen militärischen, wirtschaftlichen und ideologischen Qualitäten könnten sie nicht mehr aufbringen. Daraus resultiere deren zunehmende Unberechenbarkeit und Aggressivität. Diese wird auch als Zeichen ihrer zunehmenden Schwäche und als Frustreaktion auf ihre faktische wirtschaftliche Abhängigkeit von den sich beständig emanzipierenden Großmächten Europa und Japan gedeutet.

Die gegenwärtigen USA hätten sich zu einem „räuberischer Staat“ entwickelt, der selbst massive Industrie- und Außenhandelsdefizite aufweise und deshalb die Finanzen und Produkte aller anderen Staaten aufsauge und seinen Reichtum im eigenen Land zu Lasten der Minderheiten und unteren Schichten und zum Vorteil der superreichen antidemokratischen Oberschicht umverteile.

Eine Datenanalyse und Vergleiche mit historischen Weltreichen bringen Todd zu der Überzeugung, dass sich die Vereinigten Staaten innerhalb der nächsten Jahrzehnte zu einer Regionalmacht zurückbilden würden, während die EU mit einem wieder erstarkten Russland gemeinsam mit Japan künftig das Weltgeschehen bestimmen werden.

Nach seiner Prognose sind Europa und die USA im Begriff, voneinander abzurücken, beschleunigt durch die militärischen Abenteuer der letzteren Macht im Nahen und Mittleren Osten. Als unmittelbare Folge stehe eine Intensivierung der Beziehungen zwischen Deutschland und Frankreich an, vielleicht auch Großbritanniens. Gleichzeitig würden sich immer mehr Staaten Europa zuwenden.

Inhalt Die deutsche Ausgabe enthält ein Vorwort vom Dezember 2022. Darauf folgt die Einführung, welche bereits die Schlussfolgerungen präsentiert. Der Hauptteil des Buches ist in acht Kapitel gegliedert: Der Mythos vom weltweiten Terrorismus Die große demokratische Bedrohung Die imperiale Dimension Die Unsicherheit des Tributs Der Rückgang des Universalismus Dem Starken die Stirn bieten oder den Schwachen angreifen Die Wiederkehr Russlands Die Emanzipation Europas Ein Schlusskapitel und Anmerkungen schließen die Publikation ab.

Vorwort Todd bezieht sich auf die deutsch-französische Allianz: Ohne den deutschen Widerstand gegen den Irakkrieg als Signal für den "Aufbruch Europas in die strategische Autonomie", hätte Frankreich nicht bei der UNO auf eine Verzögerung der Kriegspläne der USA einwirken können. Nächste Etappe sollte die explizite Zusammenarbeit mit Russland sein.

Der Mythos vom weltweiten Terrorismus Nach dem Titel beginnt das Kapitel mit den weltweiten Fortschritten in der Alphabetisierung, die allein erst auch die Globalisierung ermögliche. Die Alphabetisierung, bei den Frauen der Welt angekommen, breche die Bevölkerungsexplosion und reduziere die Geburtenzahlen pro Frau signifikant. Diese Entwicklung verliefe in der Welt und in gleicher Weise auch in den islamischen Ländern.

Damit träten diese Länder in die geistige Moderne ein. Die zu beobachtenden Unruhen und Gewalt in diesen Ländern seien Findungsprozesse, die in ähnlicher Weise auch in Europa und USA (Bürgerkrieg) abgelaufen seien. Speziell für die These des Niedergangs des Islamismus, der zum Ende hin besonders gewalttätig sei, beruft er sich auf Gilles Kepel.Als zentrale Quelle Todds sei hier ergänzend angegeben: Kepel, Gilles: Das Schwarzbuch des Dschihad : Aufstieg und Niedergang des Islamismus. München: Piper, 2002, ISBN 3-492-04432-8 Anhand der Alphabetisierungsentwicklung in den Ländern macht er Pakistan und Saudi-Arabien als nächste Krisenherde aus.

Der islamische Fundamentalismus sei mithin ein Übergangsphänomen, das man mit Geduld kanalisieren, jedoch nicht bekämpfen müsse. Der Kampf gegen den Terrorismus sei witzlos und nur im amerikanischen Interesse, da er oberflächliche militärische Eingriffe rechtfertige sowie den Stützpunktsbau in diversen Ländern.

Die große demokratische Bedrohung In Erweiterung von Fukuyamas These, dass Wohlstand Demokratie nach sich ziehe,Als zentrale Quelle Todds hier ergänzend angegeben: Fukuyama, Francis: Das Ende der Geschichte : Wo stehen wir? München: Kindler, 1992, ISBN 3-463-40132-0 sieht Todd die tieferen Ursachen für die Entwicklung zu demokratischen Strukturen in der Alphabetisierung, auch wenn er dann Fukuyama in der These folgt, dass die Welt eines Tages durch die liberale Demokratie geeint sein wird. In Anbetracht von Doyles Gesetz,Da die USA 2002 im Begriff stehen, gegen den Irak einen Angriffskrieg zu führen, nimmt Todd Doyles Gesetz als Beleg, dass die USA nicht länger eine Demokratie seien. Michael Doyle: Kant, Liberal Legacies, and Foreign Policy. In: Philosophy and Public Affairs, I und II, (1983)12, S. 205–235 und 323–352 (zitiert nach Todd) wonach Demokratien keine Kriege gegeneinander führen, bedeute dies auch die Aussicht auf allgemeinen Frieden.

Allerdings sei angesichts der anthropologischen Vielfalt mit sehr unterschiedlichen Wegen zu rechnen. Und: Eine solche Entwicklung entspreche nicht den Interessen der USA, da nur ein gewisses Maß an Unruhe und Unordnung deren militärische Präsenz in der Welt rechtfertige. Realistisch betrachtet brauche ein mittlerweile zur Ruhe gekommenes Europa die USA nicht mehr. Da diese sich zudem zunehmend ausbeuterisch verhielten, sei es an der Zeit, dass Europa sich Russland als Partner zuwende.

Die imperiale Dimension Todd vergleicht hier die Entwicklung der Weltwirtschaft unter amerikanischer Dominanz mit den historischen Großreichen Athens und Roms und kommt zu der Aussage, dass die Globalisierung keine rein ökonomische, apolitische Entwicklung sei. Vielmehr bedürfe sie der Voraussetzung in Form der Existenz einer politisch und militärisch vorherrschenden Macht. In dem Zusammenhang bezeichnet er die Idee des komparativen Kostenvorteils als den dritten amerikanischen Exportschlager neben Popmusik und Hollywoodfilmen mit einem Wahrheitsgehalt, der dem der Hollywoodfilme nahekomme. Dies sei leicht daran zu erkennen, dass der Welthandel gerade nicht im Gleichgewicht sei, sondern ein wachsendes Ungleichgewicht aufweise; dieses weltweite Ungleichgewicht zwischen den Ländern verbreite sich nun vermehrt auch in die beteiligten Länder.

Im Sinne einer keynesianischen Definition einer Weltwirtschaft übernähmen dort die USA die Rolle des Staates. Da die Amerikaner selbst aber dem Staat misstrauisch gegenüberständen und ihn in Zaum hielten, sei es die amerikanische Bevölkerung selbst, von der die Welt Konjunkturspritzen in Form von Konsum erwarte; sie hätten für die Welt die Rolle der keynesianischen Staatsbediensteten: „Sie produzieren nichts und konsumieren nur“ (S. 98).

Die Situation sei gut vergleichbar mit der des alten Rom, als sich unter dem steten Strom der Waren und Gelder aus den eroberten Gebieten die römische Gesellschaft in Plutokraten und Plebs spaltete. Allerdings fehlten den USA inzwischen die zwei wesentlichen imperialen Voraussetzungen: Ihre militärischen und ökonomischen Zwangsmittel reichten nicht aus, um die Ausbeutung aufrechtzuerhalten, und ihr weltanschaulicher Universalismus sei im Niedergang begriffen, da Menschen und Völker nicht länger egalitär behandelt würden.

Die Unsicherheit des Tributs Die amerikanische Armee sei zwar zur Landesverteidigung zu groß, für eine Weltherrschaft aber zu klein. Zudem habe sie immer wieder bewiesen, dass sie nur schwer in einem Bodenkrieg Überlegenheit gewinnen könne, und sei damit weitgehend unfähig Territorium zu besetzen.

Das Streben nach Weltherrschaft sei den USA auch nicht grundsätzlich zu unterstellen, tatsächlich hätten die USA nach dem Fall der UdSSR zunächst ihre Militärausgaben und Präsenz in der Welt vermindert. Erst mit dem explodierenden Außenhandelsdefizit ab 1997 sei wieder aufgerüstet worden.

Dabei seien die Zahlungen an die USA nur sehr bedingt mit klassischen Tributzahlungen vergleichbar. Somit sei die Frage aufgeworfen, warum die Welt offenbar freiwillig das Geld in die USA bringt. Eine Analyse der Zuströme zeige, dass die Anleger vorwiegend nach sicheren Anlagemöglichkeiten suchten und die in den USA zu finden glaubten – trotz deren ansteigenden Außenhandelsdefizits. Dabei ignorierten die Anleger auch das ersichtliche Risiko, dass die Anlage auf die eine oder andere Weise verloren gehen könne, ja müsse und werde. Todd verweist dabei auf Beispiele aus der Zeit der Werkserstellung (2002) und spekuliert, ob die sich abzeichnende Dollarschwäche nur eine Schwankung sei oder bereits der Beginn des unvermeidlichen Großreinemachens, welches die imperiale Wirtschaftsposition der USA beenden werde. Die USA könnten ihren Anspruch nur dann länger aufrechterhalten, wenn sie ihren Universalismus lebten (wie es alle Weltreiche zuvor taten) und Ausländer nicht als Untertanen zweiter Klasse behandelten – was gegenwärtig leider zur weltanschaulichen Haupttendenz der Amerikaner würde.

Der Rückgang des Universalismus Eine wesentliche und erhaltende Kraft in Weltreichen sei die Fähigkeit, Menschen und Völker gleich zu behandeln, der Universalismus. Dieser sei Voraussetzung weiterer Ausdehnung. Der Universalismus sei der entscheidende Grund, dass Rom Athen bei weitem überragt und überdauert habe.

Die Fähigkeit zum Egalitarismus und damit Universalismus eines Volkes sei bereits in den Familienstrukturen angelegt, wesentlich erkennbar daran, ob die Brüder als Erben gleich behandelt würden. Bei den Angelsachsen sei die Disposition nicht klar. Einerseits hätten sie nie versucht, unterworfene Völker zu integrieren, ließen andererseits aber deren Sitten und Gebräuche weitgehend unangetastet. Bei den USA finde man beides: Während der Immigrationsphase seien beachtliche Integrationserfolge erzielt worden, andererseits wurden Indianer und Schwarze beispielsweise ausgegrenzt.

Für diese Ambivalenz finde man die Ursache in den englischen Familienstrukturen, welche beim Vererben keine klaren Regeln hätten, sondern beliebig und damit gleich und zugleich ungleich auf die Kinder verteilen könnten. Damit sei das Verhältnis der Angelsachsen zur Welt immer in Bewegung. Mit stark unterschiedlichen Tendenzen verschiebe sich die Barriere zwischen egal und differenziert laufend – was Todd dann ausführlich an der amerikanischen Geschichte aufzeigt.