Die Warenkunde ist eine naturwissenschaftlich-technische Disziplin von den Gebrauchswerten der WarenGünter Grundke: in FORUM WARE 13 (1985) Nr. 1/2, S. 108 „Die Gebrauchswerte der Waren liefern das Material einer eigenen Disziplin, der Warenkunde.“ Karl Marx: Das Kapital. Kritik der Politischen Ökonomie. , das ursprünglich mit den „Handlungswissenschaften“ substanzielles Grundlagenwissen des Handels beschreibt. Warenkunde ist die ordentliche Kenntnis der Ware. Die Propädeutik geht zurück auf den Göttinger Professor Johann Beckmann (1739–1811), der den Begriff „Waarenkunde“Johann Beckmann: Vorbereitung zur Waarenkunde, oder zur Kenntnis der vornehmsten ausländischen Waaren, Göttingen 1793. prägte und darunter die neuen und bisher unbekannten Waren (z. B. aus anderen Erdteilen) erklärte und bekannt machen wollte, die später als Kolonialwaren bezeichnet wurden. Der Aufgabenbereich der Warenkunde war bei Beckmann: (1.) die systematische Ordnung der Waren, (2.) die Identifizierung und Prüfung der Waren, (3.) die Ermittlung der Herkunft der Waren und der wichtigsten Märkte, (4.) die Beschreibung der Herstellungsverfahren, (5.) die Erläuterung des unterschiedlichen Wertes der Sorten und Qualitäten, (6.) die Ermittlung der Bedeutung der Waren im Wirtschaftsleben. Die Ganzheitlichkeit des Beckmann’schen Lehrgebäudes, welches von der Natur als ökonomische Kategorie ausgeht, ist für die wissenschaftstheoretische Grundlegung der Warenlehre wesentlich. Bei Johann Beckmann wesentlich ist im „technologischen Paradigma“ die „ganzheitliche Konzeption“, welche bei Carl v. Linné die Grundlagen seines Denkens hat; Reinhold Reith (im Nachwort zur Schwedischen Reise. Verlag Libelle, Lengwil 1995)

Entwicklung des Faches mini|Titelblatt von Johann Beckmanns Vorbereitung zur Waarenkunde (1793). Die Warenkunde fand zunächst besondere Beachtung im Bereich des Handels, weil die Kenntnis der Handelsgegenstände (Handelsware) von wesentlicher Bedeutung für den wirtschaftlichen Erfolg des Händlers war. Entsprechend kam es zur Bildung von speziellen Warenkunden (Warengruppen, z. B. der Lebensmittel oder der Textilien), die auch in beruflichen Schulen für Warenkaufleute unterrichtet wurden. Beschrieben wird das Aussehen und die Eigenschaften der Waren, die Orte ihrer Gewinnung, die Zubereitung der Waren für den Handel und die Handelssorten. Warenkundlich behandelt werden auch die Verunreinigungen und Fälschungen von Waren und die einfachsten Verfahren, diese zu erkennen.Karl Hassack, Ernst Beutel: Warenkunde, I Anorganische Waren, Sammlung Göschen, Band 222, 5. Auflage, Berlin und Leipzig, 1927, S. 6f

Die Handelsobjekte enzyklopädisch beschreibende Warenkunde unterscheidet sich von der Warenlehre in deren Ausrichtung auf Gebrauchswert. Johann Michael Leuchs (1763–1836) gliederte in seinem 'System des Handels, 1817', die Warenkunde vom eigentlichen Handel. Er unterschied im 1. Band: „Esswaaren“, „Waaren zur Bekleidung“, „Gemächlichkeitswaaren“, „Waaren zur Hervorbringung“Johann Michael Leuchs: Systeme des Handels, Band 1, Bürgerliche Handelswirtschaft, Nürnberg 1817 . Viktor Pöschl 1947: „Ware ist die vom Menschen und für ihn mit technischen Mitteln zu stofflichen und geistigen Zwecken wirtschaftlich gestaltete Natur.“Viktor Pöschl: Prinzipien natürlicher Ordnung in Technik und Wirtschaft. Eine Einführung in die Wirtschaftswissenschaft, insbesondere in die Technologie und Warenkunde. Ferd. Enke, Stuttgart 1947 Artur Kutzelnigg 1962: „Die Wirtschaftliche Warenlehre befasst sich mit den Naturprodukten und den technischen Erzeugnissen, die als Waren Bedürfnisse befriedigen, und behandelt sie auf naturwissenschaftlicher Grundlage, aber von Gesichtspunkten und besonders vom Standpunkt des Verbrauchers aus.“Artur Kutzelnigg in: Die Zigarette als Modellfall der Wirtschaftlichen Warenlehre. Franz Nowack Verlag, Frankfurt am Main 1962, S. 9 „Es scheint zweckmäßig, von dem Verhältnis auszugehen, das zwischen dem Menschen und seiner Umwelt besteht.“Artur Kutzelnigg: Wort und Begriff „Ware“ In: Die Ware im Weltbild der Wirtschaft. Festschrift für Edmund Grünsteidl zum 70. Geburtstag. Österreichischer Gewerbeverlag, Wien 1970 (hier auf S. 28)

Mit der Verbreitung des Warenangebots und der Bildung von Marken geriet die Warenkunde in das Interesse der Vermarktung industriell produzierter Waren (Wirtschaftliche Warenlehre bzw. Warenwirtschaftslehre, Produktmarketing und Warenverkaufskunde). Im Marketing bekommen Gesichtspunkte der allgemeinen Warenkunde Bedeutung, beispielsweise die Lebenszyklen einzelner Produkte auf dem Konsumgütermarkt, deren Obsoleszenz oder die Differenzierung des Warenangebots nach Anspruchsniveaus im Warengruppenmanagement.

Da in den Überflussgesellschaften Waren nicht nur der unmittelbaren Bedürfnisbefriedigung dienen, sondern auch dazu, Lebensstile zu kultivieren oder die eigene Individualität auszudrücken, geraten Waren auch in den Fokus des kulturellen Interesses und der Soziologie. Hierbei interessieren etwa die kulturindustriellen Fragen, warum Waren unter amerikanischen Marken, wie Coca-Cola oder McDonald’s, weltweit Konsumstile prägen und nationale Kulturen verdrängen und in globaler Dimension die warenethischen Bemühungen zum fairen Handel und nachhaltigen Konsum.

Unter den Einflüssen von Ressourcenverknappung und der Umweltproblematik kam dem biologisch-ökologischen Aspekt der Ware besondere Bedeutung zu. So lässt sich der Ressourcenverbrauch einzelner Waren errechnen und als „ökologischer Rucksack“ definieren. Dadurch lassen sich weniger umweltschädliche Varianten als Alternativen ermitteln. Die Minimierung der Umweltbelastung im Lebenslauf der Ware hat sich die Integrierte Produktpolitik (IPP) zur Aufgabe gemacht. Damit ist die Nachhaltigkeit ein wesentlicher Aspekt von Warenkunde und Warenlehre, Grundlagenfach für das nachhaltige Management. Im warenwissenschaftlichen Sinn des Brundtland-Reports sind die Waren als Mittel zur Bedürfnisbefriedigung die Substanz ganzheitlich nachhaltiger Entwicklung.

Als Leitbild hatte die Physikalische Ökonomie (Gottfried Wilhelm Leibniz, 1646–1716) bis Ende des 18. Jahrhunderts vielfach wirtschaftswissenschaftlichen Einfluss. Die Göttinger Universität, wo Johann Beckmann als Staatswissenschaftler wirkte, folgte mit „Theoria cum praxi“ Leibniz im Leitbild. Die politische Ökonomie setzte die Erkenntnisse der Naturwissenschaften noch insgesamt voraus. Johann Beckmann war Herausgeber und überwiegender Verfasser der Physikalisch-ökonomischen Bibliothek. Wiewohl auf den Grundlagen der Lehre von der Ware schon im frühen 19. Jahrhundert angeregt wurde Eine eigene Wissenschaft von den Objekten der Wirtschaft forderte bereits Carl Günther Ludovici (1707-1778), dem sich der Nationalökonom Johann Michael Leuchs (1763-1836 ) in Unterscheidung naturwissenschaftlicher Warenkunde und wirtschaftlicher Warenlehre angeschlossen hat. , als eine von drei Hauptwissenschaften auch eine eigene realökonomische Disziplin aufzunehmen, hat bisher die Wirtschaftswissenschaft keine solche Lehre in sich eingegliedert. In Anbetracht der Exklusion der Ware als akademischen Forschungsgegenstand initiierte Otto Gekeler das Magazin FORUM WARE als internationale warenwissenschaftliche Plattform. Das akademische Ausblenden der Ware als Elementarform des Wirtschaftens ist oft kritisiert worden. Rudolf Seyffert: Die Warenlehre. In: Wirtschaftslehre des Handels. 3. Teil, 5. Kapitel. Westdeutscher Verlag Opladen, 5. Aufl. 1972. Der „Wissenschaftliche Sozialismus“ ein Konstrukt. - Karl Neelsen, Klaus Mueller-Bülow: Ware und Geld. Dietz Verlag Berlin 1973. Dem Theorieverzicht der enzyklopädisch betriebenen Warenkunde folgten seit Mitte des Zwanzigsten Jahrhunderts wissenschaftslogische Neuansätze, aus welchen zunächst aus der Wirtschaftlichen Warenlehre im betriebswirtschaftlichen Kontext die Warenwirtschaftslehre, im sozialökologischen Kontext sodann die bio-ökonomische Orientierung auf naturwissenschaftlich-systemtheoretischer Grundlage hervorgegangen sind.

Die enzyklopädisch-systematische Warenkunde entwickelte sich im Bemühen um eine fachliche Epistemologie zum Generalismus der Wissenschaft und Lehre von der Ware auf Grundlage der Allgemeinen Systemtheorie, Theoretischen Biologie (Ludwig v. Bertalanffy, 1901–1972) und Bioökonomik (Nicholas Georgescu-Roegen, 1906–1994). Wesentlich ist die Verschmelzung von Thermodynamik, Evolutionsbiologie und Wirtschaftswissenschaft. Die Warenwissenschaft / Warenlehre beruht damit auf biophysikalischen Grundlagen. „Evolution-Ware-Ökonomie“, ÖGWT-Symposium 28./29. Mai 2009 in Wien. – Tagungsband (hrsg. von Richard Kiridus-Göller und Eberhard K. Seifert) im oekom-Verlag, München 2012.

Verbreitung und Pflege der Warenkunde bzw. Warenlehre gestalten sich weltweit recht unterschiedlich. Während in Deutschland der letzte Lehrstuhl für Warenkunde (Handelshochschule Leipzig) 1991 abgeschafft wurde Günter Grundke (1925-2021) war an der Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät der Karl-Marx-Universität Universität Leipzig für die Warenkunde letzter Ordinarius. , wird Warenlehre in Japan, Polen, Italien und anderen Ländern auf akademischer Ebene intensiv gepflegt. Die technologische Ausrichtung der Warenkunde (Hochschule für Welthandel in Wien) Ernst Beutel war 1926 bis 1944 Ordinarius für Technologie, in den Studienjahren 1929 bis 1931 Rektor der Hochschule für Welthandel. stand zunächst in der enzyklopädischen Tradition der Naturgeschichte, sodann technologischer Aufklärung als Orientierungswissen. Dazu: „Über die Unvermeidlichkeit der technologischen Aufklärung“ : Günter Ropohl in: Wozu Wissenschaftsphilosophie?, hrsg. von P. Hoyningen-Huene und G. Hirsch. - de Gruyter, Berlin und New York 1988, S. 359–381 Edmund Grünsteidl erweiterte in Nachfolge von Ernst Beutel den Namen des Technologischen Instituts: „Technologie und Warenwirtschaftslehre“. Damit auch wandelte sich die technologische Lehrtätigkeit im Dienste der Makroökonomie zu betriebswirtschaftlichen Aufgaben. Eine Ausrichtung auf gewerbliche Verwendungszusammenhänge im technisch-ökonomischen Bereich – Technologie verbunden mit Wirtschaftlicher Warenlehre – ist die in der Berufsbildung seit dem frühen 19. Jh. tradierte „Polytechnik“. Martin Füssel: Die Begriffe Technik, Technologie, Technische Wissenschaften und Polytechnik. Verlag Barbara Franzbecker, Bad Salzdetfurth ü. Hildesheim 1978 Polytechnisches Querschnittswissen verbindet die Didaktik der Arbeitslehre und der Konsumentenbildung. - Günter Ropohl: Arbeits- und Techniklehre: Philosophische Beiträge zur technologischen Bildung. Berlin: Edition Sigma 2004. - M. Buschmann, B. Kehr, M. Schabacker, G. Spitlbauer: Warenkunde und Verbraucherwissen. Köln - München: Stam Verlag, 5. Aufl. 1995.