Die Musketiere der Garde () waren ein Verband der Haustruppen des französischen Königs und fungierten als höfische Garde, Lehreinheit und Kampftruppe. Die Gardeeinheit wurde zwar als Musketiere bezeichnet, entsprach hinsichtlich Auftrag und Ausrüstung jedoch den Dragonern und bestand mit Unterbrechungen von 1622 bis 1815. Berühmtheit erlangte sie durch den Roman Die drei Musketiere von Alexandre Dumas sowie dessen Fortsetzungen und Verfilmungen. Beide Kompanien hatten ihre Garnison in Paris, die 1. in der Rue du Bac, die 2. in der damals vorstädtischen Rue du Faubourg Saint-Antoine.
Formationsgeschichte Der Ursprung der Musketiere fällt in die Zeit der Hugenottenaufstände 1620–1629, etwa 20 Jahre nach dem Edikt von Nantes. Die Musketiere der Garde wurden 1622 durch Bewaffnung einer Kompanie Chevaulegers mit den damals neuen Musketen gebildet und bestanden vor allem aus Adeligen.Liliane und Fred Funcken: Historische Uniformen. Bd. 1, München 1976, S. 24 ff. Die Aufstellung der Musketiere im Jahr 1622 ist nur durch die Memoiren von Jacques de Chastenet, Chevalier de Puységur belegt, worauf bereits 1721 Gabriel Daniel verwiesen hat: Rémi Masson: Les mousquetaires ou la violence d'État (Le temps de la guerre), Paris 2013, S. 9; Gabriel Daniel: Histoire de la milice françoise [...], Bd. 2, Paris: Jean-Baptiste Coignard 1721, S. 215f. Die drei ersten Regimentsinhaber (Capitaine) waren Jean de Bérard, Chevalier de Montalet und sein Neffe Hercule-Louis sowie Jean de Vieilchastel, Seigneur de Montalant.Rémi Masson: Les mousquetaires ou la violence d'État (Le temps de la guerre), Paris 2013, S. 13; Gabriel Daniel: Histoire de la milice françoise [...], Bd. 2, Paris: Jean-Baptiste Coignard 1721, S. 216. 1634 demissionierte der mit einer Entschädigung abgefundene Montalant, während König Ludwig XIII. sich selbst zum Capitaine erhob und als Capitaine lieutenant Jean-Armand du Peyrer, Comte de Tréville einsetzte.Rémi Masson: Les mousquetaires ou la violence d'État (Le temps de la guerre), Paris 2013, S. 18; René Chartrand: French Musketeer 1622–1775 (Warrior, 168), Oxford 2013, S. 11. (Der Titel Capitaine lässt sich in diesem Zusammenhang mit Hauptmann bzw. Rittmeister nur unzureichend übersetzen, denn es handelte sich um einen formellen Ehrentitel ähnlich einem Regimentschef). Dem Kommandant waren ein Sous lieutenant, ein Ensigne, ein Maréchal des logis und zwei Brigadiers zur Seite gestellt.Liliane und Fred Funcken: Historische Uniformen. Bd. 1, München 1976, S. 24. Des Weiteren verfügte jede Kompanie über einen „Fourrier“ (Fourier), „Aumônier“ (Geistlicher), „Apothicaire“ (Apotheker), „Sellier“ (Sattler), „Maréchal-ferrant“ (Beschlagschmied), sechs „Tambours“ und vier „Haut bois“ (Hautboisten). Jeder Musketier musste für seine komplette Ausrüstung selbst aufkommen, der König lieferte nichts, sodass auch die Pistolen, Musketen und Degen selbst gekauft werden mussten. Die Musketiere begleiteten den König nur außerhalb des Palastes und verrichteten ihren Dienst zu Fuß und zu Pferd, während andere Haustruppen den Monarchen innerhalb des Palastes bewachten.
Eine weitere Kompanie Musketiere wurde zum Schutz Kardinal Richelieus aufgestellt, gegen den sich zahlreiche Verschwörungen und Attentatsversuche richteten. Ein ständiger Konfliktherd am französischen Hof waren das Misstrauen und die Konkurrenz zwischen dem kinderlosen Ludwig XIII. und seinem jüngeren Bruder Gaston von Anjou, dem potentiellen Thronfolger. Der König, die Königinmutter und der Kardinalminister planten eine Eheschließung zwischen Gaston und der vermögenden Witwe Mademoiselle de Montpensier, was jedoch auf erheblichen Widerstand traf. Für Gaston wäre die Ehe mit einer ausländischen Prinzessin prestigeträchtiger und politisch gewinnbringender gewesen, während für eine Adelsfaktion um das Haus Bourbon-Condé ein kinderlos bleibender Bruder des Königs im Hinblick auf den eigenen Platz in der Thronfolge vorteilhaft erschien. So kam eine Verschwörung zustande, die auf die Ermordung Richelieus abzielte, der für die Politik Ludwigs XIII. verantwortlich gemacht wurde. Da der Kreis der Mitwisser recht groß war, erfuhr der Kardinal von der Konspiration und informierte den König. Der für das Attentat vorgesehene Verschwörer Chalais wurde im Juli 1626 hingerichtet, während Gaston der Heirat mit Mademoiselle de Montpensier zustimmen musste.Klaus Malettke: Richelieu. Ein Leben im Dienste des Königs und Frankreichs, Paderborn 2018, S. 351–361. Im September 1626 ordnete Ludwig XIII. die Aufstellung von 50 berittenen mousquetons an. Diese Wachen des Kardinals waren eine private Leibgarde und gehörten noch nicht zu den königlichen Haustruppen. Sie wurden 1631 verstärkt, umfassten ähnlich wie die königlichen Haustruppen verschiedene Einheiten zu Fuß und zu Pferde und zählten schließlich 300 bis 420 Mann.Rémi Masson: Les mousquetaires ou la violence d'État (Le temps de la guerre), Paris 2013, S. 24–26. Zuerst entstanden eine Konkurrenz und Konflikte zwischen Richelieus berittenen Gardisten und seinen Gardisten zu Fuß, später mit den Musketieren des Königs.Rémi Masson: Les mousquetaires ou la violence d'État (Le temps de la guerre), Paris 2013, S. 29. Die Garden des Kardinals wurden regelmäßig und besser bezahlt, während die Musketiere als königliche Garde angesehener waren und eine längere Tradition hatten.Rémi Masson: Les mousquetaires ou la violence d'État (Le temps de la guerre), Paris 2013, S. 31.
Quellen des 17. Jahrhunderts berichten nahezu einhellig, dass es häufig zu Duellen zwischen den Musketieren und den Männern Kardinal Richelieus gekommen sei. Richelieu wird in der Forschung dabei manchmal unterstellt, dass er eine kompromisslose Haltung gegenüber Duellen vertreten habe, beispielsweise aus persönlichen Motiven, da sein ältester Bruder in einem Duell tödlich verwundet worden war. Im Juni 1626 wurden Duelle mit einem königlichen Edikt unter Todesstrafe verboten, um das ausufernde Duellwesen einzudämmen. Richelieu bewegte sich aber durchaus im Rahmen adeliger Normen und Werte und befürwortete zur Verteidigung der Ehre notfalls auch Gewalt. Im Fall der Konkurrenz zwischen Musketieren und den Leibwachen des Kardinals wird die ambivalente Haltung des Kardinals deutlich. Dies zeigt der Blick auf seine Personalentscheidungen: Der Capitaine von Richelieus 100 Musketieren, François d'Ogier de Cavoye († 1641), war als Duellant berühmt.Rémi Masson: Les mousquetaires ou la violence d'État (Le temps de la guerre), Paris 2013, S. 34; Zur Haltung Richelieus gegenüber Duellen allgemein: Klaus Malettke: Richelieu. Ein Leben im Dienste des Königs und Frankreichs, Paderborn 2018, S. 389–394, insbesondere S. 390. Nach Gabriel Daniel (1721) wurden die Duelle zwischen Musketieren und Garden des Kardinals von Ludwig XIII. und Richelieu geduldet und mit Interesse verfolgt.Gabriel Daniel: Histoire de la milice françoise [...], Bd. 2, Paris: Jean-Baptiste Coignard 1721, S. 217: „C'étoit un plaisir pour le Roy d'apprendre que les Mousquetaires avoient mal-mené les Gardes, & le Cardinal pareillement s'applaudissoit quand les Mousquetaires avoient eu du dessous.“ Sie trugen erheblich zum martialischen Prestige beider Einheiten bei.
Capitaine-lieutenant Tréville gewann am Hof mit seinen von Ludwig XIII. innerhalb der Armee favorisierten Musketieren und durch die persönliche Nähe zum Herrscher zunehmend an Einfluss. Hierdurch entstand zugleich eine persönliche Feindschaft zwischen Tréville und Richelieu, deren jeweilige Machtstellung letztlich stark von der Gunst des Königs abhing. 1642 beteiligte sich Tréville an der Cinq-Mars-Verschwörung zur Ermordung Richelieus. Dem Kardinalminister gelang es jedoch, belastende Briefe des Hauptverschwörers Cinq-Mars abzufangen, woraufhin den Beteiligten der Prozess gemacht werden konnte. Tréville wurde am 1. Dezember 1642 verbannt, konnte aber nach dem Tod Richelieus (am 4. Dezember) wieder an den Hof zurückkehren.Rémi Masson: Les mousquetaires ou la violence d'État (Le temps de la guerre), Paris 2013, S. 22, 37–39; Gabriel Daniel: Histoire de la milice françoise [...], Bd. 2, Paris: Jean-Baptiste Coignard 1721, S. 217.
Mit dem Tod Ludwigs XIII. 1643 verloren Tréville und seine Musketiere ihre besondere Gunststellung. Die Beziehung zwischen Tréville und dem neuen, maßgeblich an der Minderjährigkeitsregierung für Ludwig XIV. beteiligten Kardinalminister Mazarin gestaltete sich nicht besser als zuvor zu Richelieu. Mazarins Position wurde von Teilen des Adels angegriffen, der seine Chance sah, den unter Richelieu verlorenen Einfluss zurückzugewinnen. Für den Kardinalminister war Tréville als an der Cinq-Mars-Verschwörung Beteiligter verdächtig, weswegen er ihn als capitaine-lieutenant durch einen Verwandten austauschen wollte. Hierfür bot er Tréville das Amt des Gouverneurs von Foix als Entschädigung für die Demission, was dieser jedoch ablehnte. Daraufhin schützte Mazarin Kostengründe vor und löste das Korps der Musketiere kurzerhand auf.Rémi Masson: Les mousquetaires ou la violence d'État (Le temps de la guerre), Paris 2013, S. 41–42.
Die durch Frankreichs Eingreifen in den Dreißigjährigen Krieg gestiegene Steuerlast führte ab 1648 zu mehreren Revolten gegen den unter Ludwig XIII. und Richelieu vorangetriebenen Ausbau der königlichen Herrschaft bzw. des Staates, der sogenannten Fronde. Die Frondeure waren besonders mit der Machtfülle Mazarins unzufrieden. Dieser hatte aufgrund seiner zahlreichen politischen Feinde einen erhöhten Schutzbedarf, weswegen er am 25. Februar 1648 die königliche Erlaubnis erhielt, eine eigene Garde von 100 Musketieren zu Fuß aufzustellen. Die Formierung der neuen Kardinalsgarde geschah auf Grundlage der ehemaligen Leibwache Richelieus. Der triumphale Einzug Ludwigs XIV. in Paris 1653 markierte das Ende der Fronde. Im Februar desselben Jahres wurde die Leibwache Mazarins um 100 Musketiere zu Pferd verstärkt.Rémi Masson: Les mousquetaires ou la violence d'État (Le temps de la guerre), Paris 2013, S. 43–45. Chartrand gibt abweichend an, dass die Musketiere Mazarins 1650 aufgestellt wurden, aber nennt keine Belegstelle: René Chartrand: French Musketeer 1622-1775, Oxford 2013 (Osprey Publishing), S. 8. Zum politischen Hintergrund: Klaus Malettke: Die Bourbonen, Bd. 1: Von Heinrich IV. bis Ludwig XIV. 1589–1715, Stuttgart 2008, S. 143–150.
Die königlichen Musketierkompanie wurde 1657 in Stärke von 150 Mann mit einem Capitaine lieutenant, einem Sous-lieutenant, einem Kornett, einem Ensigne und zwei Unteroffizieren neu aufgestellt. 1660 überließ der Kardinal seine Wachen (etwa 300 Mann zu Fuß) dem König, der sie nach Mazarins Tod den Musketieren der Garde als 2. Kompanie eingliederte. Diese leistete beim König bis 1663 erst Dienst zu Fuß, dann auch beritten.Le Pippre de Noeufville: Abrégé chronologique et historique de l'origine, du progrès et de l'état actuel de la maison du roi [...], Bd. 2, Lüttich: E. Kints 1734, S. 131. 1663 zählte jede Kompanie 300 Musketiere. 1664 löste man die 2. Kompanie auf, um sie sogleich nach Muster der ersten neu aufzustellen. Ab 1665 war der König auch Capitaine der 2. Kompanie.Le Pippre de Noeufville: Abrégé chronologique et historique de l'origine, du progrès et de l'état actuel de la maison du roi [...], Bd. 2, Lüttich: E. Kints 1734, S. 131f. (Januar 1665). Die 1. Kompanie ritt ab 1665Liliane und Fred Funcken: Historische Uniformen. Bd. 5, München 1980, S. 18. Grauschimmel oder Apfelschimmel (daher der Beiname Graue Musketiere oder mousquetaires gris), die 2. Kompanie Rappen (Schwarze Musketiere oder mousquetaires noirs). Vermutlich in Anspielung auf den unterschiedlichen Zeitpunkt ihrer Indienststellung ebenso geläufig war für die 1. Kompanie die Bezeichnung Große bzw. Alte Musketiere (grands mousquetiers) und Kleine bzw. Junge Musketiere (petits mousquetaires) für die 2. Kompanie.René Chartrand: French Musketeer 1622-1775, Oxford 2013 (Osprey Publishing), S. 12