mini|Sichtung von Thora-Rollen im Keller des Instituts, 6. Juli 1945
Das Institut zur Erforschung der Judenfrage war zwischen 1939 und 1945 eine parteipolitische Einrichtung der NSDAP, die 1941 offiziell als die erste Außenstelle der „Hohen Schule“ des Parteiideologen Alfred Rosenberg an der Bockenheimer Landstraße 68/70 in Frankfurt am Main eröffnet wurde.Juliane Wetzel: Institut zur Erforschung der Judenfrage. In: Wolfgang Benz u. a. (Hrsg.): Enzyklopädie des Nationalsozialismus. 5., aktual. und erw. Aufl., dtv, Stuttgart 2007, S. 576, ISBN 978-3-423-34408-1. Zweck war die rassenideologisch fundierte „Gegnerforschung“ zur Verwendung in der NS-Propaganda, in Verbindung mit dem nationalsozialistischen Mordprogramm gegen Juden.Jan Björn Potthast: Das jüdische Zentralmuseum der SS in Prag. Gegnerforschung und Völkermord im Nationalsozialismus. Frankfurt a. M. / New York 2002, S. 167 ff., ISBN 3-593-37060-3. Leitender Bibliothekar des Instituts war der Priester und Judaist Johannes Pohl. Der als Grundstock für die Bibliothek geplante Bestand der gut 40.000 Bände umfassenden Frankfurter Judaica- und Hebraica-Sammlung konnte letztendlich aufgrund der riesigen Büchermassen, die mithilfe der Rauborganisation „Einsatzstab Reichsleiter Rosenberg“ aus Archiven und Bibliotheken aus den besetzten Gebieten gewaltsam beschlagnahmt und entwendet worden waren, nicht mehr in die Institutsbibliothek überführt werden und verblieb an seinem ursprünglichen Standort, der Frankfurter Stadtbibliothek. Das Institut bewarb die Raub-Bibliothek als „die größte ihrer Art in der Welt“.Jan Björn Potthast: Das jüdische Zentralmuseum der SS in Prag. Gegnerforschung und Völkermord im Nationalsozialismus. Frankfurt a. M. / New York 2002, S. 173. Um die Bestände vor Schäden durch feindliche Bombenangriffe und Brand zu sichern, wurden diese ab Herbst 1943 nach Hungen verlegt. Im März 1944 brannten die Häuser des Instituts an der Bockenheimer Landstraße oberhalb der Keller infolge eines Bombenangriffs aus.Fritz Bauer Institut (Hrsg.): „Beseitigung des jüdischen Einflusses…“ Antisemitische Forschung, Eliten und Karrieren im Nationalsozialismus. Frankfurt a. M. / New York 1999, S. 64, ISBN 3-593-36098-5.
Trotz weitgehender Zusammenarbeit ist es nicht zu verwechseln mit dem Institut zum Studium der Judenfrage, seit 1934, 1939 umbenannt zu Antisemitische Aktion, ab 1942 Antijüdische Aktion; oder mit dem Institut zur Erforschung und Beseitigung des jüdischen Einflusses auf das deutsche kirchliche Leben, das auf Betreiben Deutscher Christen errichtet wurde.
Entstehungsprozess Ausgründung aus dem Reichsinstitut von Walter Frank Im August 1938 erhielt Wilhelm Grau, Geschäftsführer der „Forschungsabteilung Judenfrage“ im „Reichsinstitut für Geschichte des neuen Deutschlands“ unter Walter Frank, Besuch von seinem Bekannten Reinhold Lindemann, der 1935 zum Dramaturgen und Pressesprecher der Frankfurter Städtischen Bühnen aufgestiegen war. Lindemann vermerkte anschließend in einem „Bericht an den Herrn Oberbürgermeister über die Errichtung eines Institutes zur Erforschung der Judenfrage in Frankfurt am Main“ an Friedrich Krebs: „Zur Förderung des kulturellen und wissenschaftlichen Ansehens der Goethestadt Frankfurt a.M. scheint sich im Augenblick die günstige Gelegenheit zu bieten, das Schwergewicht der wissenschaftlichen Erforschung der Judenfrage nach Frankfurt a.M. zu legen.“Dieter Schiefelbein: Das „Institut zur Erforschung der Judenfrage Frankfurt am Main“. Frankfurt a. M. 1993, S. 27. (Quelle: Magistratsakte 6919/12 Bd. 1, Lindemann an Krebs, 10. August 1938.)
Rund zwei Monate später folgte ein Schreiben des Parteipädagogen Alfred Baeumler, Leiter der Hauptstelle Wissenschaft im Amt Rosenberg, in dem er Grau bat, „in dieser Angelegenheit der Partei und nicht einer Staatsbehörde die Initiative zum Aufbau eines neuen Judeninstitutes zu überlassen“.Dieter Schiefelbein: Das „Institut zur Erforschung der Judenfrage Frankfurt am Main“. Frankfurt a. M. 1993, S. 28 f. (Quelle: Brief Grau an Krebs, 23. Oktober 1938.) Insbesondere weil Oberbürgermeister Krebs dem vom Amt Rosenberg herangetragenen Kurs nicht folgen wollte, geriet Grau zunächst zwischen die Fronten von Krebs und Alfred Rosenberg. Krebs plante, mit Wilhelm Frick das Reichsministerium des Innern auf seine Seite zu ziehen. Das Anfang November 1938 geführte Gespräch zwischen Krebs und Ministerialrat Hans Draeger vom Innenministerium verlief indessen erfolglos. Krebs notierte unter anderem, dass „man der Ansicht sei, es seien genug Stellen in Deutschland vorhanden, die sich mit der Judenfrage befaßten“.Dieter Schiefelbein: Das „Institut zur Erforschung der Judenfrage Frankfurt am Main“. Frankfurt a. M. 1993, S. 29. (Quelle: Notiz Krebs vom 5. November 1938.) Diese Ansicht wurde noch wenige Tage vor den Novemberpogromen vertreten. Wenige Tage später wurden die bürokratischen Richtlinien für die „Lösung der Judenfrage“ festgelegt.Dieter Schiefelbein: Das „Institut zur Erforschung der Judenfrage Frankfurt am Main“. Frankfurt a. M. 1993, S. 41 ff.
Außerdem wurde versucht, vom „Braunen Haus“ Unterstützung zu bekommen. Grau setzte einen Brief mit der Hoffnung auf, eine neue Grundlage für weitere Verhandlungen mit dem Innenministerium zu erhalten und den Widerstand von Walter Frank abzuwehren. Anfang November 1938 bestätigte sodann Ernst Schulte Strathaus, Leiter der Kulturabteilung von Rudolf Heß, gegenüber Grau, dass „ein solches Sonderinstitut zur Bearbeitung der Judenfrage in keiner Weise das Institut Frank beeinträchtige“.Dieter Schiefelbein: Das „Institut zur Erforschung der Judenfrage Frankfurt am Main“. Frankfurt a. M. 1993, S. 29 f. (Quelle: Brief Grau an Dr. Schlechta [Kulturamt], 2. November 1938.) Am 9. November 1938 teilte auch Krebs in einem Brief an Heß mit, dass es ihm „schon immer am Herzen“ gelegen habe, „die seltene Bücherei … dem geistigen und politischen Kampf des Nationalsozialismus gegen das Judentum zur Verfügung zu stellen“. Krebs schlug die Bezeichnung „Reichsinstitut zur Erforschung des Judentums“ vor. Als Rechtsträger sollte die Stadt Frankfurt fungieren, als Geldgeber „das Reich“. Ferner schlug er als wissenschaftlichen Leiter der Bücherei Wilhelm Grau vor, wobei dieser grundsätzlich dazu bereit wäre, „mit dem Reichsinstitut für Geschichte des neuen Deutschlands zusammenzuarbeiten“.Dieter Schiefelbein: Das „Institut zur Erforschung der Judenfrage Frankfurt am Main“. Frankfurt a. M. 1993, S. 30. (Quelle: Brief Krebs an Heß, 9. November 1938.) Heß stimmte zu, und Kurt Mayer, Leiter der Reichsstelle für Sippenforschung im Innenministerium, begrüßte die Pläne „warm“.Dieter Schiefelbein: Das „Institut zur Erforschung der Judenfrage Frankfurt am Main“. Frankfurt a. M. 1993, S. 31. (Quelle: Brief Grau an Krebs, 21. November 1938.)
Anschluss an die Parteiuniversität von Alfred Rosenberg Der anhaltende Versuch von Walter Frank, das Innenministerium gegen das Vorhaben von Krebs zu mobilisieren, scheiterte. Heß schickte seinen Brief vom 9. November an Martin Bormann auf den Obersalzberg, der diesen an das Amt Rosenberg weiterleitete.Dieter Schiefelbein: Das „Institut zur Erforschung der Judenfrage Frankfurt am Main“. Frankfurt a. M. 1993, S. 33. (Quelle: BA Koblenz, R1/62, Aktennotiz Frank, 24. November 1938.) Das geplante Institut fiel in die Hände der Partei: Zwischen dem 26. und 29. November 1938 folgte ein Gespräch von Gotthard Urban, Stabsleiter im Amt Rosenberg, mit Krebs in Frankfurt, nach dem sich Krebs folgende Notizen machte: „1.) Hohe Schule soll geschaffen, Generalstab der Schulung der NSDAP. 2.) Schaffung des Instituts durch die Stadt. 3.) Außeninstitut der HSch? unter rechtlicher und vermögensrechtlicher Selbständigkeit und Verfügungsbefugnis der Stadt über die Bibliothek. 4.) Für Forschung jederzeit zur Verfügung zu stellen. 5.) Geldliche Mittel über Rosenberg. 6.) Grau in den städt. Dienst übernehmen. 7.) Nach Möglichkeit Zusammenlegung der beschlagnahmten jüdischen Büchereien in diesem Institut.“Dieter Schiefelbein: Das „Institut zur Erforschung der Judenfrage Frankfurt am Main“. Frankfurt a. M. 1993, S. 33 f. (Quelle: Mag.Akte 6919/12 Bd. 1, Notiz Krebs, ohne Datum.) Anders als Grau, dem die Obhut des Instituts unter dem Kirchenfeind Rosenberg nicht behagte, war Krebs nun zuversichtlich, und er erblickte „eine ungeheure Entwicklungsmöglichkeit für das Institut. Außerdem wird es, wenn es unmittelbar dem Schutz der Partei unterstellt ist, kein Mensch mehr wagen, daran zu rütteln. Die Tätigkeit kann sich also ungehemmt entfalten, ohne daß Herr Frank über das Reichsinnenministerium Schwierigkeiten bereiten kann.“Dieter Schiefelbein: Das „Institut zur Erforschung der Judenfrage Frankfurt am Main“. Frankfurt a. M. 1993, S. 34. (Quelle: Mag.Akte 6919/12 Bd. 1, Brief Krebs an Grau, 1. Dezember 1939.)
Walter Frank gab seinen Kampf gegen Krebs noch nicht verloren und schaltete das von Bernhard Rust geleitete Wissenschaftsministerium ein. Dieses schickte am 6. Dezember 1938 seinen Sachbearbeiter Heinrich Harmjanz in Begleitung des Frankfurter Historikers Walter Platzhoff zu Krebs, um die Vorschläge des Ministeriums vorzutragen. Anstelle von Grau sollte der Orientalist Karl Georg Kuhn eingesetzt werden. Frank wäre unter dieser Bedingung bereit, mit dem Frankfurter Institut zusammenzuarbeiten. Und nur so sei eine Verbindung des Instituts zur Universität Frankfurt möglich. Da das Amt Rosenberg noch keine Bestätigung geschickt hatte, schwankte Krebs zunächst. Weitere Besuche von Urban am 7. Dezember und von August Schirmer, Leiter des Amtes „Juden- und Freimaurerfragen“ in Rosenbergs Dienststelle, am 10. Dezember, verliefen ebenfalls ergebnislos. Am 9. Dezember folgte von Frank – mittlerweile unterrichtet über die Pläne von Rosenberg – eine Strafaktion gegenüber Grau. Er teilte ihm schriftlich mit, dass er ihm den verbliebenen Forschungsauftrag und die restlichen Einkünfte entzogen habe.Dieter Schiefelbein: Das „Institut zur Erforschung der Judenfrage Frankfurt am Main“. Frankfurt a. M. 1993, S. 36. (Quelle: Mag.Akte 6919/12 Bd. 1, Brief Frank an Grau, Abschrift für Krebs.) Gleichzeitig ließ er seine Entlassung als ein Rundschreiben verteilen. In dieser Zwangslage setzte Krebs die städtische Anstellung des nunmehr drängenden Grau, der ein Gerichtsverfahren gegen Frank in Gang setzte, zunächst auf Eis. Die Ankündigung von Urban an Krebs folgte erst am 21. Januar 1939, die Bestätigung von Bormann am 31. Januar. Am 10. Februar 1939 fasste Bormann den Vertrag in einem Brief an Krebs in folgenden fünf Punkten zusammen:
„1.) Die in Frankfurt bestehende Bibliothek an Werken über das Judentum wird mit sofortiger Wirkung der Dienststelle des Reichsleiters Rosenberg angegliedert. Das Eigentumsrecht der Stadt Frankfurt wird dadurch nicht berührt. 2.) Die Stadt Frankfurt stellt ein Haus zur Verfügung, in dem die Sammlung der jüdischen Werke untergebracht werden kann. 3.) Als Leiter der Bücherei ist von der Dienststelle des Reichsleiters Rosenberg Dr. Grau in Aussicht genommen. Dieser wird von Reichsleiter Rosenberg übernommen und gleichzeitig von der Stadt Frankfurt angestellt und besoldet. Mit Rücksicht auf das schwebende Gerichtsverfahren zwischen Prof. Walter Frank und Dr. Grau wird die Stadt zunächst nur einen kurzfristigen Vertrag mit diesem abschließen. 4.) Die laufende Unterhaltung, Ergänzung und Erweiterung der Bücherei wird von der Stadt Frankfurt übernommen. 5.) Die öffentliche Erklärung, daß die Bibliothek ein Teil der Dienststelle des Reichsleiters Rosenberg geworden ist, wird durch diese erfolgen.“Dieter Schiefelbein: Das „Institut zur Erforschung der Judenfrage Frankfurt am Main“. Frankfurt a. M. 1993, S. 38. (Quelle: Mag.Akte 6919/12 Bd. 1, Brief Bormann an Krebs, 10. Februar 1939.)