Die Glanzstoff Austria (früher Erste österreichische Glanzstoff-Fabriken, Glanzstoff-Fabrik St. Pölten oder Enka Austria) war ein chemisches Unternehmen im niederösterreichischen St. Pölten. Das 1906 eröffnete Werk produzierte bis 2008 bis zu 12.000 Tonnen Viskosefasern pro Jahr und war zeitweise deren zweitgrößter Produzent weltweit. Zuletzt erwirtschaftete es einen Umsatz von 50 Mio. Euro.glanzstoff.at: auf glanzstoff.at
Nach einem Brand in der Abluftreinigungsanlage im Jänner 2008 wurde die Produktion gestoppt, konnte jedoch im April des Jahres teilweise wiederaufgenommen werden. Im Juli 2008 wurde überraschend bekannt gegeben, die Viskosegarnproduktion in St. Pölten zu beenden. Ende 2008 wurde die Produktion endgültig eingestellt, Anfang 2009 wurde das Unternehmen aufgelöst und die Liegenschaften von der Glanzstoff-Gruppe, die sich im Eigentum der CAG Holding befindet, übernommen.
Seit 2015 stehen die verbliebenen Bauwerke der Anlage unter .
Geschichte Entstehung und Entwicklung bis zum Anschluss an das Deutsche Reich mini|Max Fremery, Johann Urban und Emil Bronnert (1906) mini|hochkant|Johann Urban als Präsident der Glanzstoff (1928) mini|hochkant|Eduard Thilo, 1905–1930 Finanzdirektor der Ersten Glanzstoff-Fabrik ÖsterreichsNachruf Paul Thilo in Chronikblättern der Familie Luyken, 1931, S. 45Autobiographie von Eduard Thilo, Privatbesitz 1903 wurde ein neuer Zollvertrag zwischen Österreich-Ungarn und dem Deutschen Kaiserreich abgeschlossen, der die Einfuhr deutscher Waren nach Österreich erschwerte. Die Eigentümer des deutschen Unternehmens Vereinigte Glanzstoff-Fabriken AG, allen voran der Österreicher und Mitbegründer Johann Urban, entschieden, ein eigenes Werk in Österreich zu eröffnen, um trotzdem den Markt in Österreich-Ungarn ohne Schwierigkeiten bedienen zu können. Urban wurde 1904 zum Leiter des Tochterunternehmens unter der Firma Erste Österreichische Glanzstoff-Fabrik AG mit Sitz in Wien ernannt. Als die Aktiengesellschaft im Dezember 1904 gegründet wurde, waren außer der Muttergesellschaft noch die Oberrheinische Bank und die Niederösterreichische Escompte-Gesellschaft beteiligt. Das Aktienkapital sollte ursprünglich drei Millionen Kronen betragen, bei der Gründung am 17. Dezember wurde es jedoch auf nur 2,5 Millionen Kronen festgesetzt.
Urban machte sich auf die Suche nach einem Standort für eine Betriebsstätte in Österreich, Wien kam aufgrund der hohen Grundstückspreise nicht in Frage. Die Wahl fiel vor allem aufgrund der verkehrsgünstigen Lage an der Westbahn, den ausreichenden Grundwasserreserven und der günstigen Energieversorgung aus den städtischen Elektrizitätswerken auf Viehofen. Der damalige St. Pöltner Bürgermeister Wilhelm Voelkl hatte Urban zudem den günstigen Baugrund vom Niederösterreichischen Religionsfonds knapp außerhalb der Stadtgrenzen verschafft, ließ auf Stadtkosten die Zufahrtsstraße errichten und veranlasste einen vorgezogenen Kanalbau. Zudem wurden von der Stadt die Kanalgebühren um 25 % reduziert und die Verpflichtung eingegangen, Arbeiterwohnungen zu errichten. Schon 1903 hatte Hermann Ofner einen Verein zur Erbauung billiger Wohnungen gegründet, der in den Folgejahren zahlreiche Arbeiterwohnhäuser errichtete. Das mit Abstand größte war der Komplex der Zehn-Häuser-Gruppe am Mühlweg, bei seiner Fertigstellung 1908 beherbergte er über 100 Arbeiterwohnungen.
+ Mitarbeiter und TagesproduktionenJahr Mitarbeiter Tagesproduktion in Tonnen1906 306 0,1251914 1.700 unbekannt1928 3.020 61930 2.500 unbekannt1932 800 2,51939 unbekannt 41940 unbekannt 51943 2.200 8,81944 unbekannt 9,51945 600 unbekannt1955 1.400 61959 1.485 151965 1.550 241971 1.353 331974 968 411979 550 331983 965 351984 892 41,21990 913 36,71994 250 unbekannt1996 420 unbekannt1997 530 302000 422 unbekannt2004 500 342008 350 31,52010 15 keine Produktion mini|Die Fabrik bei der Erbauung 1905 mini|Die prägnanten Wassertürme 1905 mini|Das Werk 1905 Die Fabrik wurde am 4. April 1906 in Betrieb genommen, zu den Eröffnungsfestlichkeiten im Mai 1906 erschienen zahlreiche Ehrengäste. Zu Produktionsbeginn erzeugten 306 Arbeiter täglich 125 Kilogramm Kupferseide, später wurde die Tagesproduktion auf 600 Kilogramm gesteigert. Bald darauf erfolgten die ersten Erweiterungsarbeiten, unter anderem ließ Urban 1908 das Verwaltungsgebäude aufstocken.
Der Verwaltungsrat entschied, 1911 die Fabrik auf Viskosefaser-Erzeugung umzustellen, was bauliche Änderungen bedingte und durch eine Kapitalerhöhung auf 4 Millionen Kronen finanziert wurde. Die mehrere Neubauten umfassende Umrüstung war 1913 abgeschlossen.
Bis zum Beginn des Ersten Weltkriegs stieg die Mitarbeiterzahl auf 1.700 an. Schon kurz nach Kriegsausbruch musste ein Teil des Werksareals an ein Zweigwerk der Whitehead Torpedofabrik abgegeben werden. 1917 wurde die Produktion von Kartuschbeuteln für den Sprengstoff in Granaten unter Heeresaufsicht gestellt, was zu einer kurzfristigen Produktionssteigerung führte. 1918 stand das Werk nahezu still, das Schwefelsäurelager und ein Magazin waren zerstört, 1919 kam die Produktion mangels Kohle komplett zum Erliegen. Nach sechs Monaten konnte der Betrieb reduziert wiederaufgenommen werden, die Anlagen waren jedoch erst 1922 wieder voll ausgelastet.
1926 wurde damit begonnen, das Werk auszubauen. Grundlage dieser Erweiterung war eine Erhöhung des Aktienkapitals und der Verkauf der Aktienmehrheit an die niederländische Algemene Kunstzijde Unie N.V. Bis 1929 wurden das Kesselhaus, das Turbinenhaus und der 100 m hohe Schornstein errichtet, weiters wurde das angrenzende Areal der geschlossenen Whitehead Torpedofabrik erworben. Es konnten jedoch nicht alle zu Kriegsbeginn abgegebenen Flächen zurückgekauft werden, ein Teil der Grundstücke wurde der Stadt St. Pölten zur Schuldenabdeckung übergeben. Nach den Ausbauten beschäftigte die Glanzstoff 3.000 Mitarbeiter, die pro Tag sechs Tonnen Viskose produzierten. Als der Ort Viehofen 1923 eingemeindet wurde, war der Betrieb der größte St. Pöltens. Die Ende der 1920er Jahre einsetzende Weltwirtschaftskrise traf das Unternehmen ungleich härter als die meisten anderen der Stadt. Millionenverluste zwangen die Eigentümer, das Werk für 18 Monate zu schließen, 1932 wurde mit 800 Mitarbeitern der Betrieb wiederaufgenommen. 1933 wurde eine bis zuletzt bestehende eigene Betriebsfeuerwehr gegründet, die Feuerwehrausrüstung wurde von der geschlossenen Torpedofabrik übernommen.
Zweiter Weltkrieg und Besatzungszeit Der Anschluss an das Deutsche Reich bewirkte zunächst einen Aufschwung durch die Integration in einen größeren Wirtschaftsraum. Schon bald wurde die Fabrik ein wichtiger Betrieb für die Rüstungsindustrie. Die produzierten Garne fanden in Rüstungsprodukten wie Fallschirmen, Reifenkörben und Kartuschbeuteln für den Sprengstoff in Granaten Verwendung. Nachdem das Unternehmen 1941 in Glanzstoff-Fabrik St. Pölten AG umbenannt worden war, wurde es als kriegswichtig eingestuft. Die durch die Umstellung auf Cordkunstseide, eine mehrfach gezwirnte Viskosefaser, notwendigen Umbauarbeiten konnten dadurch rasch vollendet werden. Neben der Errichtung eines Ätznatronlagers wurden Anbauten an die Kuchendruckwäsche errichtet und die Heizanlage von Dampf auf Heißwasser umgestellt.
Ab 1943 wurde die Produktion weiter ausgebaut. Unter anderem wurden ein 35 m hoher Wasserturm, der zu Kriegsende auch als Flakturm diente, eine neue Transformatorenstation und eine Schwefel-Kohlenstoff-Rückgewinnungsanlage neu errichtet. Mit diesen Ausbauten wurde die Produktion zwischen 1938 und 1944 von 2.100 auf 9.500 Jahrestonnen mehr als vervierfacht. In der Fabrik wurden zahlreiche Zwangsarbeiter beschäftigt, für die ein eigenes Barackenlager auf dem Werksgelände unterhalten wurde.
Bei der Einnahme St. Pöltens durch die sowjetischen Truppen wurde das Werk stark beschädigt, immerhin konnte die Sprengung des Betriebs verhindert werden. Am 14. April um 4 Uhr früh informierte ein italienischer Arbeiter den Produktionsleiter Franz Laimer über die geplante Sprengung, der im letzten Augenblick die Zündschnur durchschneiden konnte.Franz Forstner: 1945. Ende und Anfang. In: Siegfried Nasko, Willibald Rosner: St. Pölten im 20. Jahrhundert. Residenz, St. Pölten 2010, S. 122–151, hier: S. 126. Die Glanzstoff wurde von den Sowjets als Deutsches Eigentum beschlagnahmt und in die USIA eingegliedert, 45 % der Maschinen des Betriebs wurden noch 1945 in die Sowjetunion abtransportiert. Zu Kriegsende beschäftigte der Betrieb nur mehr 600 Mitarbeiter, bis 1955 stieg die Zahl der Arbeitnehmer auf 1.400 an. 1955, nach Abschluss des österreichischen Staatsvertrags und dem Ende der USIA, wurde das Werk unter öffentlicher Verwaltung weitergeführt. Erst 1956 konnte die Algemene Kunstzijde Unie die Aktienmehrheit wieder übernehmen, musste jedoch in den nächsten sechs Jahren 10.000 Tonnen Seide an die Sowjetunion als Ablöse liefern. Unter Auswertung der während des Kriegs entwickelten Herstellungsverfahren konnte die Produktion von Kunstseide für Autoreifenkarkassen bald wieder aufgenommen werden, 1957 waren 1.400 Personen angestellt.
Zweite Republik mini|hochkant=0.7|Zwei der 1905 erbauten Wassertürme mini|hochkant=0.7|Der Ziegelschlot 2009 In den folgenden Jahren wurde die Fabrik erweitert. Gegen Ende der 1950er wurden eine Spinnbad-Kristallisationsanlage zur Wiederaufbereitung der Spinnbäder sowie eine Schärabteilung eingerichtet, zwischen 1963 und 65 wurde neben zwei neuen Werkshallen vor allem die Energieversorgung infolge eines einwöchigen Kohlebunkerbrandes von Kohle auf Erdgas umgestellt. Seit 1960 produzierte das Werk auch das Bautenschutzmittel Kenitex. 1969 reorganisierte der Hauptaktionär der Glanzstoff seine Chemiefaserunternehmen. Die der Algemene Kunstzijde Unie gehörenden Werke in den Niederlanden sollten mit jenen der Glanzstoff AG in Deutschland wirtschaftlich und organisatorisch als ein Unternehmen geführt werden, der Name der neuen Gruppe war AKZO N.V., die Glanzstoff wurde der Tochtergesellschaft Enka-Glanzstoff untergeordnet.
Nachdem 1975 vorübergehend auf Kurzarbeit umgestellt wurde, entschloss sich die Konzernleitung Ende 1977, das Werk aufgrund pessimistischer Absatzprognosen im Laufe des Jahres 1978 zu schließen. Nach einem Konjunkturaufschwung im Herbst 1978 eröffneten sich neue Absatzmärkte und der Stilllegungsbeschluss wurde wieder aufgehoben. Zudem gewährte die Bundesregierung einen Kredit in Millionenhöhe. Im August 1978 brach ein Brand aus und löste einen Großeinsatz aller Stadtfeuerwehren aus. Es entstand ein Schaden in Höhe von mehr als zwei Millionen Schilling (inflationsbereinigt heute etwa Euro), und die Fabrik stand 20 Tage still. 1982 wurde die Firma in Enka Austria AG geändert.
Trotz der Aufhebung des Stilllegungsbeschlusses deponierten die Konzernvertreter 1979 bei Bundeskanzler Bruno Kreisky die Absicht das Werk mittelfristig zu schließen. Es wurde vereinbart, dass bei zukünftigen Problemen die Bundesregierung frühzeitig informiert und ihr das Werk zum Kauf angeboten wird. Im September 1981 trat der Fall ein, die Werksleitung informierte den Bundeskanzler über finanzielle Probleme. Nach Zuschuss von je 20 Mio. Schilling für 1982 und 1983 wurde versucht, die Fabrik an die Chemiefaser Lenzing zu verkaufen, die jedoch nach eingehender Prüfung ablehnte. Im November 1982 wurden 110 Mitarbeiter zur Kündigung angemeldet und die Produktion um 70 % gesenkt, im darauffolgenden Monat wurde bekannt, dass der Betrieb mit April 1983 verstaatlicht werden sollte. Das neue Unternehmen mit dem Namen Glanzstoff Austria Ges.m.b.H sollte ursprünglich zu einem Drittel vom Land Niederösterreich übernommen werden, was am damaligen Landeshauptmann Siegfried Ludwig scheiterte.