mini|200px|Fonuafoʻou auf einem Foto von 1928 Fonuafoʻou oder Fonuafoou, anderer Name Falcon Island, auch bekannt als „Die verschwundene Insel“, ist eine kurzlebige, unbeständige Vulkaninsel in der Haʻapai-Inselgruppe im Südpazifik, die zum Königreich Tonga gehört. Sie liegt 63 km westlich der Insel Nomuka und 94 km nördlich von Tongatapu, der Hauptinsel Tongas. Der Name Fonuafoʻou bedeutet „Neues Land“ in der Tongaischen Sprache.Patrick D. Nunn, Vanished Islands and Hidden Continents of the Pacific. Honolulu: University of Hawaii Press, 2009, ISBN 978-0-8248-3219-3. Der in Europa gebräuchliche Name „Falcon Island“ geht auf das britische Kriegsschiff H.M.S Falcon der Australia Station zurück, dessen Besatzung 1865 an dieser Stelle eine Untiefe vermaß.John Dunmore: Chasing a Dream - The Exploration of the Imaginary Pacific. Upstart Press, Auckland 2016, ISBN 978-1-927262-79-5, S. 172 Im englischsprachigen Raum wird Fonuafoʻou auch als „Jack-in-the-Box Island“ bezeichnet, weil die Insel scheinbar wie ein Springteufel plötzlich auftaucht und wieder verschwindet.J. D. Whitcombe, Tongan Jack-in-the-Box. In: Pacific Islands Monthly, Bd. 24, Nr. 1, S. 72.
Geologie Fonuafoʻou ist der Gipfel eines submarinen Vulkans, der zeitweise über die Meeresoberfläche anwächst und dessen Spitze danach wieder vollständig erodiert, sodass kein Land mehr über dem Meeresspiegel sichtbar ist.Artikel zur Haapai-Inselgruppe in der Encyclopædia Britannica Der Geochemiker Edward Hoffmeister (1899–1991) von der Johns Hopkins University in Baltimore, der Falcon Island im Mai 1928 besuchte, hat festgestellt, dass die Insel hauptsächlich aus basaltischen Gesteinen besteht, die in der Regel sehr fein gekörnt und von Eisenoxiden eingefärbt sind.J. Edward Hoffmeister, Harry S. Ladd & Harold L. Alling, Falcon Island. American Journal of Science, Dezember 1929, S. 461–471 Der Vulkan Fonuafoʻou sendet bei seinen Ausbrüchen keine Lavaströme aus, sondern eruptiert nur lockeres Material. Daher kann die daraus aufgehäufte Landfläche nach kurzer Zeit von Wind und Wellen abgetragen werden, sodass die Insel innerhalb weniger Jahre wieder unter dem Meeresspiegel versinkt.
Frühe und zweifelhafte Sichtungen Francisco Mourelle In einigen Veröffentlichungen wird behauptet, der spanische Kapitän Francisco Antonio Mourelle de la Rúa habe 1781 Fonuafoʻou gesehen.Zum Beispiel: Falcon Island - A Phenomenon of the Sea. In: The Sydney Morning Herald vom 12. November 1927, S. 13 Mourelle durchquerte den Pazifischen Ozean von 1780 bis 1781 mit der Fregatte Nuestra Señora del Rosario la Marinera, kurz auch La Princesa genannt, von den Philippinen nach San Blas in Mexiko. Navigator des Schiffes war Don José Antonio Vázquez. Die Reise wird in zwei Logbüchern beschrieben, eines von Mourelle selbst und ein zweites von Vázquez.
Die Princesa verließ die Manilabucht am 24. August 1780 mit südöstlichem Kurs, passierte im Januar 1781 den Bismarck-Archipel („Archipiélago de las Mil Islas“) und erreichte Ende Februar 1781 den Tonga-Archipel mit der Insel Fonualai („Isla de la Amargura“). Auf Vavaʻu („Grupo de las Vavao“) wurden die Seefahrer im März 1781 freundlich empfangen. Mourelle nannte den Ankerplatz daher „Puerto del Refugio“ (Hafen der Zuflucht). Um die Haapai-Inseln zu durchfahren, waren die Spanier auf die Hilfe der Insulaner angewiesen, die das Schiff begleiteten und die Princesa am 22. März 1781 mit mehreren Kanus sicher durch eine Durchquerung („una canal“) zwischen zwei kleinen Inseln geleiteten, die Mourelle „Las Culebras“ (Die Schlangen) taufte. Vázquez hat das Profil der Inseln in seinem Tagebuch gezeichnet. Am 24. März passierten sie Ata („Sola“) und am 27. März sichteten sie eine weitere Insel, die Mourelle zu Ehren des Navigators „Vázquez“ nannte. Diese Insel, die zwischen Haapai und dem südlichen Tongatapu liegen soll, ist nicht näher beschrieben und ist bislang nicht identifiziert.María Luisa Rodríguez-Sala: Un nuevo derrotero de Manila a San Blas según el "Diario de Navegación" de José Antonio Vázquez (agosto de 1780 a septiembre de 1781). In: Delaware Review of Latin American Studies, University of Delaware, Bd. 14, Nr. 1 vom 31. August 2013María Luisa Rodríguez-Sala: Diario de la navegación hecha por José Antonio Vázquez. Contribución al conocimiento náutico de la ruta entre Filipinas y la Nueva España. UNAM-Instituto de Investigaciones Sociales, Instituto de Geografía, 2013.Ricardo Beltrán y Rózpide: Islas Tonga y Samoa. In: Boletín de la Sociedád Geográfica de Madrid, Jg. 7, Bd. 13 vom September 1882, S. 159–160 Fonuafoʻou ist es nicht, denn die Insel liegt nordwestlich von Haapai und nicht südlich davon. Man darf annehmen, dass ein erfahrener Seemann wie Mourelle die Himmelsrichtungen richtig bezeichnen konnte. „Las Culebras“ sind zweifelsfrei Hunga Tonga und Hunga Haʻapai, die bis zu dem Vulkanausbruch Ende Dezember 2014 noch zwei getrennte Inseln waren. Fonuafoʻou lag westlich von Mourelles Kurs, man kann davon ausgehen, dass er die Insel nicht gesehen hat. Die Princesa erreichte San Blas am 21. September 1781.
La Pérouse Der französische Seefahrer Jean-François de La Pérouse umsegelte die Erde von 1772 bis 1776 mit den Fregatten La Boussole und L'Astrolabe. Ende Dezember 1787 erreichten die Schiffe auch den Tonga-Archipel. Sie durchquerten die Inselgruppe von Nord nach Süd auf folgender Route:
Vavaʻu (Vavao), 27. Dezember 1787 Late Kao unbekannte Insel (Fonuafoou?) Tofua (Tofooa) Hunga Tonga und Hunga Haapai, 31. Dezember 1787 Tongatapu, 31. Dezember 1787 ʻAta (Pylstaart), 1. Januar 1788.
Auf der Strecke von Kao nach Tofua sah La Perouse ein verbranntes Land, das schwarz und völlig ohne Vegetation war. Die Beschreibung könnte durchaus auf Fonuafoʻou zutreffen. La Pérouses Reisebericht Voyage de La Pérouse autour du monde (Reise um die Welt) enthält dazu folgende Zeilen:
La Perouse verwendet die Bezeichnung „pays“ = Land, Staat und nicht „l'ile“ = Insel. Außerdem liegt dieses Land dem Bericht nach nordöstlich auf der Insel Tofua, Fonuafoʻou liegt südlich davon. Man darf davon ausgehen, dass La Perouse Fonuafoʻou nicht gesehen hat.
Bestätigte Ausbrüche Am 11. Oktober 1885, einem Sonntag, war auf Tongatapu ein Erdbeben zu spüren. Am darauf folgenden Dienstag erhob sich in nordnordöstlicher Richtung eine deutlich sichtbare, gewaltige Rauch- und Dampfwolke über dem Meer mit Lichtblitzen und Donner. Weil die Einwohner beunruhigt waren, entsandte König George Tupou I. die Bark Sandfly mit Premierminister Shirley Waldemar Baker und weiteren prominenten Bürgern Tongas, um die Geschehnisse aufzuklären. Baker schilderte den Vulkanausbruch später sehr anschaulich in einem Vortrag vor dem Auckland Institute and Museum:
Als sich die Sandfly der Stelle näherte, bot sich ein überwältigender Anblick. Große Mengen Dampf, Rauch und Schwefelgase schossen in Fontänen in einem Bereich von über drei Kilometern aus dem Meer. Sie reichten bis zu einer Höhe von 300 Metern und mehr. Dunkle Wolken aus Staub und Asche breiteten sich in alle Richtungen aus. Diese Masse aus Gas, Dampf und vulkanischer Substanz wurde ständig von neuen Explosionen gespeist, die aus drei großen und mehreren kleineren Fontänen hervorbrachen. Es hatte sich eine Insel von ungefähr 5 mal 6 Kilometern gebildet, die an ihrer höchsten Stelle eine Höhe von etwa 12 m erreichte, mit einem Krater an der Nordseite. Die Eruptionen erfolgten sehr schnell, etwa im Minutentakt, allerdings war keine feurige Lava zu sehen.S. W. Baker: A Description of the New Volcano in the Friendly Islands. In: Transactions and Proceedings of the Royal Society of New Zealand, Bd. 18, 1885, S. 41–46
Als der Schoner Maile, Kapitän Lane, sich dem neuen Vulkan am 16. Oktober 1885 bis auf 11 km annäherte, fiel die Schlackenasche des Vulkans als feiner, körniger Staub auf das Deck. Die Insel hatte bereits eine Höhe von 30 m erreicht. Die Aktivität war zu diesem Zeitpunkt fast erloschen, doch die Rauchsäule war in Nukualofa, in über 90 km Entfernung, immer noch sichtbar.W. S. Lane: Reference to a new Volcano in the Friendly Islands. In: Transactions and Proceedings of the Royal Society of New Zealand, Bd. 18, 1885, S. 421
1877 registrierte die in Australien stationierte Sloop H.M.S Sappho eine große, aus dem Ozean aufsteigende Rauchwolke. Bei einer Eruption 1885 stieg ein Vulkankegel bis auf 88 m über den Meeresspiegel und bildete eine etwa 3 km durchmessende Insel. Im April 1894 war Falcon Island praktisch verschwunden, doch erneute vulkanische Aktivität im Dezember desselben Jahres ließ die Insel wieder auftauchen. Sie war damals 15 Meter hoch, 5 Kilometer lang und 1,6 Kilometer breit. Sie war 1898 wieder unter dem Meeresspiegel verschwunden.Falcon Island Has Disappeared. In: The New York Times vom 11. September 1898, S. 13
1892 fuhr Siosateki Tonga (1853–1913), der 4. Premierminister von Tonga, nach Falcon Island. Nachdem die tonganische Flagge an einem schnell errichteten Mast gehisst worden war, pflanzten Gefangene unter Aufsicht von Polizeibeamten etwa 2000 keimende Kokosnüsse auf der Insel ein. Sie gediehen, bis 1894 Kapitän William Ross vom Schoner Ysabel in Nukualofa eintraf und die Nachricht überbrachte, dass die Insel erneut versunken war.
Im Oktober 1927 konnte man von Nukualofa aus deutlich Rauch- und Dampfwolken sehen, die tausend Meter in die Atmosphäre aufstiegen. Die Insel erhob sich erneut bis auf eine Höhe von 30 m. Im Mai 1928 wurde Fonuafoʻou von einer Gruppe Wissenschaftler mit dem Premierminister von Tonga und dem Prinzen Tungi besucht, der die Insel ein weiteres Mal für das Königreich Tonga annektierte. Am 17. März 1928 passierte Kapitän Gunderson mit dem unter panamaischen Flagge fahrenden Motorschiff Beulah die Insel und berichtete Folgendes:
Danach wuchs Fonuafoʻou ständig an und war 1933 bereits 127 m hoch. 1936 ereigneten sich die bislang letzten sichtbaren Ausbrüche. Nun setzte abermals die Erosion ein, und die Insel verschwand 1949 wieder unter dem Meeresspiegel. Heute befindet sich an dieser Stelle eine Untiefe von 17 m..
Forschungsexpeditionen 1889 mini|Karte von 1889 1889 gab es eine britische Forschungsexpedition mit H.M.S Egeria zu dem vier Jahre zuvor neu entstandenen Eiland. Wie der Expeditionsbericht beschreibt, bestand die Insel aus einer lockeren, feinkörnigen, dunkelgrauen Vulkanasche, die in Schichten aufgehäuft war, durchsetzt mit vulkanischen Bomben. Zu diesem Zeitpunkt hatten sich zwei Krater gebildet. Es waren keine akuten Eruptionen zu beobachten, aber Schwefeldämpfe lagen in der Luft und die Inseloberfläche war noch nicht vollständig abgekühlt. In 1,8 m Tiefe wurde eine Bodentemperatur von 40 °C gemessen. An einigen Stellen hatten sich bereits einzelne Samenpflanzen festgesetzt. An einem flachen Abschnitt des Küstensaumes wuchsen sogar zwei junge Kokospalmen. Die Expeditionsmitglieder konnten außer einem einzigen Vogel der Gattung Actitis keine Tiere beobachten.J. J. Lister: A Visit to the Newly Emerged Falcon Island, Tonga Group, South Pacific; in: Proceedings of the Royal Geographical Society and Monthly Record of Geography, März 1890, S. 157–160
1921 Im November 1921 erkundete die Sloop H.M.S. Veronica der New Zealand Division der Royal Navy die Region um die Falconinsel und fand dort eine einzelne, niedrige Erhebung im Durchmesser von ungefähr 14 Metern. Im Südosten des Hügels war der Seeboden im Umkreis von 900 Metern nur 12 Meter tief.Henry Stommel: Lost Islands – The Story of Islands That Have Vanished from Nautical Charts. The University of British Columbia Press, Vancouver 1984, ISBN 978-0-48678467-0, S. 69
1927 mini|Karte von 1928