mini|Heerführer der Comitatenses und Limitanei im 5. Jahrhundert n. Chr. mini|Notitia Dignitatum: Die Kastelle der britischen Sachsenküste Othona, Dubris, Lemannis, Branoduno, Garriano, Regulbi, Rutupis, Anderidos und Portum Adurni mini|Die spätantiken Provinzen in Britannien (400 n. Chr.) mini|Die Kastelle und Festungsstädte der Sachsenküste um das Jahr 380 auf beiden Seiten des Ärmelkanals mini|Reenactor, der einen Soldaten der Secunda Britannica (4. Jahrhundert) darstellt, eine Einheit der legiones comitatenses unter dem Oberbefehl des Magister peditum (Notitia Dignitatum Occ. V). Der Comes Litoris Saxonici per Britanniam (wörtlich: „Graf der Sachsenküste in Britannien“) war ein hoher Offizier in der britischen Provinzialarmee des 3. bis 5. Jahrhunderts n. Chr. dessen Aufgabe es war, die an der Ost-, Südost- und Südküste Englands errichteten Kastelle gegen Raubzüge feindlicher Stämme zu sichern.
Definition Der spätantike römische Amts- und Ehrentitel Comes bezeichnete in der Regel die höchste Rangklasse des Adels (vir spectabilis) bzw. die engsten Ratsmitglieder am kaiserlichen Hof. Beim Militär wurde dieser Titel an die Kommandeure der mobilen Feldarmeen in den Provinzen oder an hohe Offiziere für zeitlich begrenzte Sonderkommandos vergeben (comes rei militaris).
Der Comes litoris Saxonici per Britanniam war zusammen mit dem
Comes Britanniarum, dem Oberbefehlshaber des mobilen Feldheeres, und dem Dux Britanniarum, dem Oberbefehlshaber der Nordgrenze (Hadrianswall),
einer der drei ranghöchsten Offiziere und Unterstatthalter im spätrömischen Britannien. ^
Kommandobereich Seine in der ND abgebildeten Insignien bestehen aus einer stilisierten Karte Britanniens die neun, über die ganze Insel verstreute Garnisonsstandorte zeigt. Diese sind die durch stark vereinfachte Städte- bzw. Festungsdarstellungen mit ihren jeweiligen Ortsnamen gekennzeichnet. Aber ihre Positionen entsprechen nicht der geografischen Realität, stattdessen folgen sie der Reihenfolge der Kastelle, die in der zugehörigen Liste der Einheiten und Stützpunkte aufgezählt werden.Johnston 1977, S. 7, Ralf Scharf, 2005, S. 69, 71 und 301. Dieser Militärbezirk entstand vermutlich aus einer Abspaltung vom einstigen Küstenschutzkommando des Comes Maritimi Tractus. Wie der Dux tractus Armoricani et Nervicani in Gallien kommandierte der Comes nicht das ganze Provinzaufgebot, sondern nur die Besatzungen der Kastelle zwischen den Flüssen Wash und Solent. Sein Befehlsbereich (comitativa) umfasste damit die Küsten der Provinzen
Flavia Caesariensis, Maxima Caesariensis und der Britannia prima.
Das entspricht den größten Teil des heutigen Kent und die Süd-Ost-Region der Insel. Der Zusatz per Britannias bedeutete, dass die Sachsenküste ebenfalls in mehrere Abschnitte unterteilt war oder sich noch über die Britannien hinaus erstreckte. Neben dem britannischen Flottenverband, den Kastellen an der Küste von Norfolk (bis zu einem Stützpunkt in der Nähe von Portsmouth) und Hampshire standen wohl auch noch die Signalstationen an der Nordsee unter seinem Befehl. Sein Hauptquartier befand sich wahrscheinlich in Camulodunum/Colchester oder in Londinium/London.
Funktion Der genaue Umfang seiner Pflichten und Autorität sind unbekannt. Auch die Erklärung für den Begriff „litoris Saxonici“ ist nicht eindeutig.
Es könnte
„die gegen die Sachsen verteidigte Küste“, „die von den Sachsen verteidigte Küste“, oder „die von den Sachsen besiedelte Küste“
bedeuten.Eutropius, Breviarium, IX.21
Obwohl meist als reines Küstenschutzssystem erklärtAurelius Victor, De Caesaribus XXXIX.20–21, könnte die Aufnahme in die Notitia bedeuten, dass die Sachsenküste auch als eine Art Abgabensprengel für Steuerleistungen fungierte. Einige der dortigen Kastelle scheinen als Marinestationen weniger nützlich gewesen zu sein und könnten vielleicht nur als befestigte Depots für die sichere Aufbewahrung der Steuerabgaben gedient haben. Nach Donald White waren einige der Steinkastelle gegenüber der Bedrohung durch germanische Plünderer unverhältnismäßig groß geraten und dienten wohl in erster Linie dazu, eine Zurückeroberung Britanniens während der Abspaltung unter Carausius und Allectus (289–296) durch Rom zu verhindern. Diese Ansicht, obwohl weiterhin umstritten, wurde durch archäologische Grabungen in Pevensey unterstützt, die die Erbauung dieser Festung auf die frühen 290er Jahre datieren.Fields: Rome’s Saxon Shore. Coastal Defences of Roman Britain AD 250–500, Osprey 2006.
Entwicklung Die Notitia Dignitatum ist die einzige schriftliche Quelle für dieses, ansonsten unbekannte Militärkommando. Dass die darin erwähnten britischen Heerführer in der Zeit der Abfassung dieses Dokuments noch im Amt waren haben, ist umstritten. Der comes wurde, laut dem britischen Altphilologen John Church, vielleicht schon im Zuge der Reichsreform unter den Kaisern Diokletian (284–305) und Maximian (286–305), Diokletians Mitherrscher, eingesetzt, zu dieser Zeit wurden in Britannien und Gallien neue Militärämter geschaffen. Samuel Heywood glaubt hingegen, dass dies erst während einer weiteren Reformperiode unter Konstantin dem Großen () geschahSamuel Heywood: A Dissertation Upon the Distinctions in Society, and Ranks of the People, Under the Anglo-Saxon Governments. W. Clarke and Sons, 1818. S. 435.. Die Truppenabzüge der Jahre 383, 401 und 407 hatten die britischen Provinzstreitkräfte empfindlich geschwächt, sodass ab da keine kampfkräftigen Kontingente der regulären Armee auf der Insel mehr gestanden haben können. Zu Beginn des 5. Jahrhunderts sagten sich die britannischen Eliten infolgedessen vom Westreich los.Michael Zerjadtke: Das Amt Dux in Spätantike und frühem Mittelalter: Der ducatus im Spannungsfeld zwischen römischem Einfluss und eigener Entwicklung. Verlag Walter de Gruyter, Berlin 2018, S. 287.
An beiden Seiten des Ärmelkanals entstand damals schrittweise der Limes der Sachsenküste (litoris Saxonicum). An stark exponierten Abschnitten und Flussmündungen wurden Kastelle teilweise neu errichtet oder schon vorhandene umgebaut bzw. verstärkt. Einige von ihnen entstanden erst im späten dritten Jahrhundert, wahrscheinlich auf Anordnung des britischen Flottenbefehlshabers (und späteren Usurpator) Carausius (287–296). Deren Besatzungen hatten die Aufgabe Plünderer und Invasoren abzuwehren oder ihnen den Zugang zum Landesinneren so weit wie möglich zu erschweren. Die Zuständigkeit für die Sicherung Britanniens und der gallischen Küsten des Ärmelkanals lag in der Mitte des 4. Jahrhunderts noch in der Hand eines comes maritimi tractus. Laut Ammianus Marcellinus kam es 367 zu einem konzertierten Einfall mehrerer Barbarenvölker in Britannien, in dessen Verlauf die Einheiten der Provinzstreitkräfte entweder zersprengt oder fast zur Gänze aufgerieben wurden.Ammianus Marcellinus, Historia Romana, 17,8,6–7. Auch ihre Oberbefehlshaber fanden dabei den Tod, darunter der comes „der Küstenregionen“, Nectaridus, und der Dux Fullofaudes. Der Historiker Ian Hughes weist darauf hin, dass die beiden aber höchstwahrscheinlich in Gallien, und nicht in Britannien getötet wurden.Ian Hughes: Imperial Brothers: Valentinian, Valens and the Disaster at Adrianople. Pen and Sword, 2013, S. 367.
Der Tod dieser beiden Heerführer schadete dem Ansehen des Reiches und veranlasste Kaiser Valentinian I. (364–375) zu scharfen Gegenmaßnahmen. So wurde zunächst (mit geringen Erfolg) ein comes mit einer Armee nach Britannien in Marsch gesetzt, bald darauf folgte ihm der magister equitum, Jovinus. Schließlich wurde Flavius Theodosius ausgesandt, um die Barbaren endgültig zurückzuwerfen und dort ausgebrochene Unruhen zu unterdrücken, sein Feldzug war wesentlich erfolgreicher. Nach Befriedung der Insel durch Theodosius muss der Zuständigkeitsbereich des comes maritimi tractus zwischen 368 und 395 in drei neue Militärbezirke aufgeteilt worden sein. Man wollte damit wohl auch verhindern, dass ein Heerführer nicht zu viele Einheiten unter sein Kommando bekam und ihm damit ein Aufstand (wie z. B. unter Carausius) ermöglicht werden konnte.Anm.: Carausius hatte noch das Kommando auf beiden Seiten des Ärmelkanals als auch an der Westküste Britanniens innegehabt. Die Gebiete, um den Hadrianswall waren von den barbarischen Invasoren ausgespart worden. Einige der dort stationierten Aufklärungseinheiten, die vermutlich mit dem Feind konspiriert hatten, wurden wegen ihres Verrats aufgelöst. Die Wallkastelle wurden größtenteils aufgegeben, stattdessen wurde entlang der Küsten eine Wach- und Signalturmkette aufgebaut (siehe hierzu Signalstationen in Yorkshire), deren Besatzungen entweder dem Dux von Britannien oder dem comes litoris Saxonici per Britanniam unterstellt waren.Joan Alcock: A Brief History of Roman Britain. Hachette UK, 2011, S. 102–103. Für den gallischen Teil der Sachsenküste wurden zwei neue Dukate geschaffen (dux Belgicae secundae und dux tractus Armoricani et Nervicani). Der comes befehligte ab diesem Zeitpunkt wohl nur mehr die Kastelle und Wachtürme an Britanniens Südostküste. Die britische Küstenverteidigungsorganisation konnte so bis Anfang des 5. Jahrhunderts aufrechterhalten werden.barbarica conspiratio, Ammianus Marcellinus 27,8,1–6, Peter Salway 2001, S. 281, A.H.M. Jones 1986, S. 1424.
In den Jahren 396 bis 398 führte Stilicho noch einmal Flottenoperationen vor Britannien durch. Offensichtlich waren Stilichos Truppen nicht nur in der Lage, die Kontrolle über die Seewege in die nordwestlichsten Provinzen aufrechtzuerhalten, sondern konnten daneben auch noch einige Erfolge im Kampf gegen Sachsen und Scoten erringen. Dies war die Gelegenheit auch gleich die Küstenverteidigung im Südosten Britanniens neu zu organisieren, sie erstand nun in der Form, wie sie in der Endfassung der Notitia Dignitatum überliefert wurde. Es ist gut möglich, dass der britische comes erst in dieser Zeit eingesetzt wurde, da er vorher nirgendwo erwähnt worden war.Nic Fields. Rome's Saxon Shore: Coastal Defences of Roman Britain. AD 250–500. — Osprey Publishing, 2006, S. 16. Das Amt dürfte offiziell bis um 410 bestanden haben, nach den archäologischen Befunden zu schließen wurden einige seiner Kastelle aber schon vorher aufgegeben. Als die Römer zu Beginn des 5. Jahrhunderts die höheren Verwaltungsbeamten und das mobile Feldheer abzogen und Britannien damit faktisch aufgaben (siehe Rheinübergang von 406 und Konstantin III.), verschwindet auch der Comes der Sachsenküste aus den Quellen.AHM Jones, 1986, S. 1424. Einige der Festungen (auf beiden Seiten des Kanals) blieben in den folgenden Jahrhunderten weiterhin bewohnt und besonders in Britannien wurden sie bis weit in die angelsächsische Zeit hinein genutzt.
Verwaltungsstab Das Officium (Verwaltungsstab) des Comes umfasste folgende Ämter:Officium autem habet idem vir spectabilis dux hoc modo
Principem ex officiis magistrorum militum praesentalium parte peditum (Kanzleileiter der Armee, aus dem Stab des Heermeisters) Numerarios ex utrisque officiis omni anno (zwei Zahlmeister aus dem Stab des Heermeisters, ernannt für ein Jahr) Adiutorem (Assistent) Cornicularium (Sekretär/Proviantmeister) Subadiuuam (Hilfskraft) Regrendarium (Verwalter) Exceptores (Juristen) Singulares et reliquos officiales (Leibwächter und sonstige Beamte)
In seinem Stab findet sich auch ein Cornicularis. Dieser war für gewöhnlich für die Verproviantierung der Einheiten verantwortlich. Solche Amtsträger finden sich in der Notitia nur noch bei fünf anderen Comes und Duces. In der Spätantike fiel diese Aufgabe in die Verantwortung der Zivilverwaltung der Provinz. Möglicherweise konnte der Comes in Krisenzeiten eigenmächtig über die Versorgungsgüter aus den öffentlichen Speichern verfügen.Konrad Stauner 2010, S. 133 und 153.
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