We Insist! Freedom Now Suite ist ein politisches Konzeptalbum, das eine Zusammenstellung von Jazzstücken enthält, die Schlagzeuger Max Roach mit dem Texter Oscar Brown Jr. verfasst und mit seiner Band und prominenten Gastmusikern eingespielt hat. Das 1960 veröffentlichte Album „entstand aus einer politischen Erfahrung“so Max Roach 1996 im Gespräch mit Peter Rüedi und Franz Biffiger. M. Roach Just Play These Goddamn Drums. In: du. Die Zeitschrift der Kultur, 12/1996, S. 32–48, hier S. 42 und bezog pointiert Stellung im damaligen Kampf der Afroamerikaner der Vereinigten Staaten gegen Rassendiskriminierung.

Entstehungsgeschichte Nachdem am 1. Februar 1960 Sit-in-Demonstrationen afroamerikanischer Studenten in einem Restaurant in Greensboro, das ausschließlich für Weiße reserviert war, und anschließend in anderen Städten der Südstaaten begannen, erklärten selbst zuvor eher unpolitische Jazzmusiker wie Duke Ellington, Count Basie und Art Blakey öffentlich ihre Unterstützung.

Schon zuvor hatte die National Association for the Advancement of Colored People 1959 dem Schlagzeuger Max Roach und dem Texter Oscar Brown den Auftrag erteilt, zum 100. Jahrestag des Inkrafttretens der Emanzipations-Proklamation von 1863 ein Oratorium zu gestalten. Roach und Brown zerstritten sich jedoch bei der Arbeit. „Aus politischen Gründen“, behauptete Oscar Brown später, weil er damals Martin Luther King Jr. glaubwürdiger fand als den von Max Roach favorisierten Malcolm X. Einen Monat vor den Aufnahmen zur „Freedom Now Suite“ hatte zudem Elijah Muhammad, damaliger Führer der Black Muslims, angesichts der auf dem afrikanischen Kontinent sich bildenden unabhängigen Staaten zur Gründung eines eigenen schwarzamerikanischen Staates in Nordamerika aufgerufen (bis heute eine Forderung der schwarznationalistischen Bewegung).Vgl. Christian Broecking: Respekt. Verbrecher, Berlin 2004. Auszug auch in den

Nach Browns Erinnerung hatten die beiden zunächst vorgesehen, ein langes Werk mit dem Titel „The Beat“ zu schreiben, in dem „die Geschichte der afrikanischen Trommel von Afrika bis zur jetzigen Zeit“ erzählt werden sollte. Mehrere dieser Teile wurden nicht nur gemeinsam konzipiert, sondern auch erarbeitet. Roach spielte Brown dabei die vorgesehenen Melodien auf der Melodica vor, als sich die beiden an die Arbeit machten.Ingrid Monson: Freedom Sounds: Civil Rights Call Out to Jazz and Africa. Oxford University Press, Oxford / New York 2007, S. 173 f. Angesichts der sich politisch zuspitzenden Ereignisse war nach dem Zerwürfnis unklar, ob die beiden je wieder zusammenarbeiten würden.Max Roach. In: Gudrun Endress Jazz Podium. Musiker über sich selbst. DVA, Stuttgart 1980, S. 106–113 Daher beschloss Roach, die Suite in veränderter Form mit einer Combo vor der Fertigstellung des gesamten Werkes einzuspielen und zu veröffentlichen. Das gerade entstandene unabhängige Jazzlabel Candid bot ihm dies an; dessen Produzent Nat Hentoff hoffte sogar darauf, anschließend auch das Werk in der ursprünglich geplanten Form auf den Markt bringen zu können.Hentoff, Linernotes zu We Insist! Freedom Now Suite

Brown erfuhr von der geplanten Aufnahme erst durch eine Postkarte, mit der Hentoff ihn um biographische Angaben bat, die er in seinen Linernotes berücksichtigen wollte.Monson Freedom Sounds, S. 174 Roach versammelte zur Einspielung des Werks neben seinem Sextett, zu dem auch seine spätere Frau Abbey Lincoln gehörte, weitere Musiker – einerseits den Swingsaxophonisten Coleman Hawkins, andererseits Perkussionisten aus afrikanischen und karibischen Musikkulturen, allen voran den aus Nigeria stammenden Olatunji. Beider Namen wurden – ebenso wie der von Abbey Lincoln – auf dem Plattencover groß herausgestellt.

Zwei Aufnahmesitzungen fanden am 31. August (mit Coleman Hawkins) und am 6. September 1960 (mit den Perkussionisten) in Hentoffs Penthouse, das zu einem Studio umfunktioniert wurde, statt. Toningenieur war Bob d’Orleans. Die Veröffentlichung war die zweite Platte des jungen Labels (nach einer LP von Otis Spann).Sie hatte die Vertriebsnummer Candid CJM 8002 (Mono) bzw. CJS 9002; in Deutschland kam sie auch als Philips/twen-Platte auf den Markt. Die CD-Version wird seit 1988 als CCD 79002 vertrieben.

Auflistung der Titel mini|hochkant|Max Roach (1979) Bis auf die gekennzeichneten Ausnahmen stammen alle Kompositionen von Max Roach (Musik) und Oscar Brown Jr. (Text). Seite A 1. Driva Man – 5:10 2. Freedom Day – 6:02 3. Triptych: Prayer/Protest/Peace (Roach) – 7:58 Seite B 4. All Africa – 7:57 5. Tears for Johannesburg (Roach) – 9:36

Aufbau des Albums Als Suite ist das Album aufgrund der sie inhaltlich klammernden Texte von Oscar Brown zu verstehen. Die Texte schlagen einen Zeitbogen von der Zeit der Sklaverei in die Gegenwart. Roach unterlegte seinen Kompositionen (poly)rhythmische Schichtungen, integrierte teilweise ungerade 5/4-Metren, aber auch komplexe afrikanische Muster in seine Arrangements.Ralf Dombrowski: Basis-Diskothek Jazz. Reclam, Stuttgart 2005, S. 180f. In den ersten drei Stücken bezieht sich Roach zudem auf musikalische Symbole afroamerikanischer Identität wie den Blues und den Gospel. Der kurz zuvor (1959) durch den Jazz-Hit „Take Five“ popularisierte 5/4-Takt, mit dem Roach schon früher experimentiert hatte, wird in mehreren Stücken (Driva Man, Tryptich – Peace und Tears for Johannesburg) verwendet. Die beiden letzten Stücke sind aufgrund des Einsatzes eines Perkussionsensembles, der rhythmischen Ostinati und des modalen Rahmens deutlich afrikanisch geprägt.So die Musikwissenschaftlerin Ingrid Monson in ihrer Analyse, vgl. Monson Freedom Sounds, S. 178f.

Das Eröffnungsstück Driva Man ist musikalisch ein Worksong, der auf einem Blues beruht. Abbey Lincoln begann a cappella in C-Moll und begleitete sich auf einem Tamburin. Mit ihrer Interpretation prangerte Abbey Lincoln Vergewaltigung und geschlechtsspezifische Ausbeutung von Sklavinnen annach Monson Freedom Sounds, S. 176 (die mit ihrem eindringlichen Gesang jenseits europäischer Tonalität „den Free-Jazz-Gesang von Patty Waters oder Jeanne Lee vorausnimmt“).Philippe Carles, Jean-Louis Comolli: Free Jazz – Black Power. S. Fischer, Frankfurt am Main 1974, S. 206 Die Interaktion zwischen ihren „Wutschreien“ und dem als männlichen Gegenpart agierenden Coleman Hawkins (der hier seine einzige Aufnahme im vom Bassisten interessant verschleppten 5/4-Takt machte) weist teilweise über die (damalige) Formensprache des Jazz hinaus und ist von einer ergreifenden Intensität.

Freedom Day ist dagegen ein eher konventionelles Up-tempo-Stück des Modern Jazz. Es feiert letztlich die Befreiung von der Sklaverei mit melodisch-lebhaften Instrumentalsoli von Booker Little, Walter Benton, Julian Priester und Roach.

Tryptich war ursprünglich als Ballett-Stück konzipiert und steht im Zentrum der Platte: Das dreiteilige Stück beruht auf dem Erbe des Gospel. Sein erster Teil, „Prayer“, ist ein Spiritual ohne Text, das auf einer pentatonischen Skala in E-Moll basiert. Roach hatte dafür die Trommeln so gestimmt, dass sie gut zum Klang von Lincolns Stimme passen.nach Monson Freedom Sounds, S. 177f. Tryptich verzichtet auf die Sextett-Besetzung und wurde als Duett für Gesang und Schlagzeug aufgenommen: Lincolns ausdrucksstarker, engagierter Gesang bildet das Spektrum von Heiterkeit bis zur Beinahe-Hysterie ab. So konnte im Dialog mit Roachs Schlagzeug eine packende Eindringlichkeit entstehen. Dabei „wurde gebetet (Prayer), geschrien (Protest) und tief durchgeatmet (Peace). Die Schläge des Sklavenantreibers konnte man nicht nur hören, man spürte sie.“Marcus Wölfle: Jazzfrauen. In: Jazzzeitung, 11/2005, S. 3 Insbesondere in Protest verwendet Lincoln neue und ungewohnte stimmliche Ausdrucksmöglichkeiten.Im Rückblick sagt Lincoln im Gespräch mit Gudrun Endres: „Es hat sehr viel Sinn, mit der menschlichen Stimme zu schreien, zu rufen, Geräusche nachzuahmen, das entdeckte ich erstmals in der Musik zur Zeit der »Freedom Now Suite«.“ Auch später habe sie „diese Möglichkeiten, die ich in ›Triptych - Prayer, protest, peace‹ der »Freedom Now Suite« angewandt habe, in mein Singen mit einbezogen.“ G. Endress Soziales Anliegen in der Musik: Abbey Lincoln. In: Jazz Podium, 12/1982, S. 4–7, hier S. 5

All Africa beschreibt die Rückbesinnung auf das afrikanische Erbe – sowohl in Afrika als auch in Nordamerika. Nachdem zunächst Browns Gedicht über den Trommel-Beat zu Gehör gebracht wird, kommt es zu einem singenden Austausch von Lincoln, die die Namen von ethnischen Gruppen Afrikas nennt, mit dem nigerianischen Schlagzeuger Olatunji, der dabei in Yoruba singend deren Haltung zur Freiheit kommentiert (wobei die Bläser sich ebenfalls an dem Call and Response beteiligen), und dann mit Roach und den weiteren Perkussionisten eine lange gemeinsame Trommel-Passage spielt.

Tears for Johannesburg ist ein Klagelied, das Roach den Opfern des Sharpeville-Massakers widmete, bei dem eine gewaltfreie Demonstration gegen die Passgesetze der Apartheid von der Polizei zusammengeschossen wurde. Das Stück greift den Rassismus des Apartheid-Regimes an und stellt die Aktualität gewalttätiger Unterdrückung der Afrikaner in Südafrika dar. Zunächst hat Abbey Lincoln begleitet alleine von Bass, Perkussion und Schlagzeug „einen non-verbalen Vokalauftritt, der zweifellos zu den berührendsten politischen Statements der Epoche zählt“ (so Autor und Musiker Ben Sidran).Ben Sidran Freedom Now. Alternative Take. du. Die Zeitschrift der Kultur 12/1996, S. 71–73 Die sich anschließenden Solos von Booker Little, Walter Benton, Julian Priester und des Schlagzeugers sollen verdeutlichen, dass sich der Freiheitswille nicht unterdrücken lässt.nach Monson Freedom Songs, S. 179f. und den Linernotes Das expressive Solo von Trompeter Booker Little ist nach Jazz thing ein Höhepunkt des Albums.G. Filtgen: Jazz thing, 9/98

Coverfoto Das Cover der Originalplatte bei Candid spielt auf den Sitzstreik in Greensboro an. Das großformatige Foto zeigt drei Afroamerikaner in einem Imbiss, die sich zur Kamera umdrehen, während auf der anderen Seite des Tresens ein weißer Barmann Gläser putzt.Coverabbildung; Interpretation durch N. Reynolds. BBC

Wirkung

Das Konzeptalbum war zunächst kein kommerzieller Erfolg, wenn es auch letztlich eine der wirksamsten politischen Jazzplatten war.Vgl. S. Yanow Jazz on Record. Backbeat Books, San Francisco 2003, ISBN 0-87930-755-2, S. 444f. Es handelte sich um „eine der ersten Jazzplatten, die so offensiv wie radikal Positionen des black nationalism in der politischen Auseinandersetzung mit der Bürgerrechtsbewegung bezog.“Tobias Rapp: Max Roach ist tot. Der Befreier des Schlagzeugs. In: taz, 17. August 2007 Don DeMichael, der Rezensent des US-amerikanischen Down Beat, zögerte 1961 nicht, das Album mit der höchsten Wertung – fünf Sterne – zu versehen, meinte aber: „Ich weiß nicht, ob das noch Jazz ist. Das tut aber wenig zur Sache. Denn ich weiß, dass es großartige Musik, kraftvolle Musik, vitale Musik ist. Oscar Brown Jr. und Max Roach haben ein Werk geschaffen (…), das in komprimierter Form eine Geschichte der Flucht vor Unterdrückung in diesem Land darstellt. Diese Botschaft ist wichtig.“

Auch im deutschen Jazz Podium wurde die Platte lobend besprochen; auch dort überwogen in der Rezension die politischen Motive.Rainer Blome: Max Roach – „Freedom Now Suite“ (Candid / Philips Twen). In: Jazz Podium, 11(2) (1962), S. 54