mini|Schwarzes Banner der al-Shabaab-Miliz (u. a. auch beim IS in Gebrauch)
Die Harakat al-Shabaab al-Mujahideen (HSM; ) – kurz al-Shabaab () – ist eine islamistische terroristische Bewegung in Somalia. Al-Shabaab kontrolliert Teile Südsomalias und setzt dort die Scharia in strenger Form durch. Die Gruppierung ist wahhabitisch beeinflusst.Somalia rebel groups 'merge', in: Al Jazeera English, 25. Dezember 2010 Ihr Ziel ist die Errichtung eines islamischen Staates am Horn von Afrika und die Beteiligung an einem weltweiten Dschihad.Interview mit Shabaab-Kommandeur Muhammad Abu Hanifa in zenith – Zeitschrift für den Orient vom Frühling 2010 Die Organisation steht auf der Liste der durch das Außenministerium der Vereinigten Staaten als terroristisch bezeichneten Organisationen im Ausland. Berüchtigt und gefürchtet sind sie unter anderem wegen der Selektionen bei den von ihnen verübten Überfällen: Die Opfer werden nach Muslimen und Christen sortiert, die Muslime laufen gelassen und die Christen ermordet.Birte Mensing: „Tötet uns alle oder lasst uns gehen.“ Als islamische Terroristen in Kenia einen Reisebus angreifen, ist für Passagier Salah Farah klar: Er muss die Christen im Bus schützen. In: Chrismon, Jg. 2024, Heft 5, S. 24.
Entwicklung
mini|Kenianischer AMISOM-Soldat vor Al-Shabaab-Logo in Kismaayo 2015.
Die al-Shabaab wurde nach der Auflösung der Union islamischer Gerichte 2006 von Aden Hashi Ayro als gut ausgebildete und ausgerüstete Miliz gegründet. Ayro soll zuvor ein Ausbildungslager der al-Qaida in Afghanistan besucht haben.
Die al-Shabaab beging politische Morde an Gegnern der Islamisten.Ken Menkhaus: Zum Verständnis des Staatsversagens in Somalia: Interne und externe Dimensionen. In: Heinrich-Böll-Stiftung (Hrsg.): Somalia. Alte Konflikte und neue Chancen zur Staatsbildung (= Schriften zur Demokratie. 6). Heinrich-Böll-Stiftung, Berlin 2008, ISBN 978-3-927760-79-0, S. 32–57, hier S. 46–47. 2008 war al-Shabaab in Mogadischu und weiteren Teilen Süd- und Zentralsomalias aktiv und umfasste einer Schätzung zufolge einige Hundert Zellen mit insgesamt bis zu 7.000 vorwiegend jungen Kämpfern. Sie beteiligte sich neben weiteren islamistischen und Clan-basierten Gruppen am bewaffneten Kampf für den Abzug Äthiopiens. Dabei beanspruchte sie die Führung innerhalb des somalischen Widerstandes gegen Äthiopien und die Übergangsregierung. Zudem strebte sie die Errichtung eines islamischen Staates mit Umsetzung einer strengen Auslegung der Scharia an.
Im März 2008 wurde al-Shabaab in die US-amerikanische Liste terroristischer Organisationen aufgenommen. In einer Stellungnahme begrüßte sie dies ausdrücklich, da sie sich dadurch „auf dem richtigen Weg“ bestärkt fühlte und hoffte, für islamistische Kämpfer aus dem Ausland attraktiver zu werden.
In der Nacht auf den 1. Mai 2008 wurde Ayro bei einem US-Luftangriff in Dhuusamarreeb getötet. Sein Nachfolger wurde Mukhtar Robow. Am 29. Oktober 2008 wurden in den Gebieten Somaliland und Puntland in Nordsomalia nahezu gleichzeitig Selbstmordattentate in den Städten Hargeisa und Boosaaso verübt. Diese richteten sich gegen den Präsidentenpalast, das äthiopische Handelsbüro und das Büro des Entwicklungsprogramms der Vereinten Nationen. Niemand bekannte sich zu diesen Anschlägen. Eine Täterschaft von al-Shabaab wurde vermutet. Demnach versuchte sie, diese beiden weitgehend autonomen und vom Bürgerkrieg unberührten Gebiete (die gute Beziehungen zu Äthiopien unterhalten) zu destabilisieren.BBC News: Deadly car bombs hit Somaliland
Im Oktober 2008 kam es zunehmend zu Konfrontationen mit der Allianz für die Wiederbefreiung Somalias (ARS), die aus übrigen (gemäßigten, weniger radikalen) Teilen der Union islamischer Gerichte entstanden ist. Während die ARS Friedensgespräche mit der Übergangsregierung führte und auf diese Weise den Abzug der äthiopischen Truppen erreichte, bestand al-Shabaab auf der Fortführung des bewaffneten Kampfes. Im Januar 2009 verließen die äthiopischen Truppen Somalia und der gemäßigte Islamist Sharif Sheikh Ahmed von der ARS wurde zum neuen Präsidenten gewählt.BBC News: Somali president faces tough task Nach dem Abzug der äthiopischen Truppen nahm al-Shabaab im Januar 2009 kampflos den Regierungssitz Baidoa ein und drang im weiteren Verlauf des Jahres 2009 in die Region Bakool vor., in: Garowe Online, 21. September 2009 Sie konnte weiterhin von der verbreiteten Ablehnung gegen Äthiopien und „den Westen“ (aufgrund der Unterstützung für die äthiopische Militärintervention und die Übergangsregierung, deren Truppen zum Teil Übergriffe gegen Zivilisten begingen) in der somalischen Bevölkerung profitieren.Ken Menkhaus: Somalia: ‚They Created a Desert and Called it Peace (building)‘. In: Review of African Political Economy. Bd. 36, Nr. 120, 2009, S. 223–233, doi:10.1080/03056240903083136.
Am 3. Dezember 2009 sprengte sich ein Selbstmordattentäter an einer Examensfeier einer medizinischen Hochschule in Mogadischu in die Luft. Dabei wurden die drei Minister Ibrahim Hassan Addow, Mohamed Abdullahi Waayel und Qamar Aden Ali sowie 19 weitere Personen – größtenteils Medizinstudenten – getötet und mehr als 60 verletzt. Al-Shabaab wies die Verantwortung für diesen Anschlag von sich, wurde jedoch allgemein für verantwortlich gehalten. Daraufhin demonstrierten in Mogadischu Hunderte gegen al-Shabaab.Somalis rally against al-Shabab Islamists and bombing, in: BBC News, 7. Dezember 2009 In der Führung der al-Shabaab soll es (Stand 2009) Differenzen um das weitere Vorgehen geben; während eine von Mukhtar Robow geführte Fraktion für Verhandlungen mit Gegnern eintritt, befürworten die Anhänger von Amir Sheikh Mukhtar Abdirahman Abu Subeyr, der angeblich von 1.200 ausländischen Dschihadisten unterstützt wird (s. u.), eine weitere Eskalation des Konflikts, bis ganz Somalia unter ihre Herrschaft gebracht ist. , in: Garowe Online, 20. Dezember 2009 Ende Dezember 2010 kündigte Hisbul Islam die Vereinigung mit al-Shabaab an.
Ende Juli 2011 vertrieben Amisom-Truppen die Kämpfer von Al-Shabaab aus Mogadischu. Die meisten Kämpfer setzten sich in die Region Shabeellaha Hoose ab.Thomas Scheen und Helmut Fricke, „Die Frucht des Hungers“, in: FAZ, 8. August 2011, S. 3.
Aufbau Ein Grund für den Erfolg von al-Shabaab war neben ihrer militärischen Stärke die verhältnismäßig gute Ausrüstung und Ausbildung ihrer Kämpfer. Diese wurden eher durch ideologische Gemeinsamkeiten als durch veränderliche Clan-Allianzen zusammengehalten.Jeffrey Gettleman: In Somalia, a Leader Is Raising Hopes for Stability, in: New York Times, 16. September 2009. Manche Zellen sollen allerdings auch in Clan-Milizen des mächtigen Habar-Gedir-Hawiya-Clans bestehen, die sich nunmehr als Islamisten bezeichnen. Die einzelnen Zellen sind in unterschiedlichem Ausmaß zur Führung der al-Shabaab loyal. Verschiedentlich gab es Kämpfe mit der verbündeten Hisbul Islam um die Machtteilung. Hisbul Islam ist ebenfalls islamistisch, allerdings eher somalisch-nationalistisch statt auf einen globalen Dschihad ausgerichtet wie al-Shabaab.Behind Somalia's Islamist rivalry, in: BBC News, 1. Oktober 2009
Herrschaft und Umsetzung der Schari'a mini|Das von al-Shabaab kontrollierte Gebiet in Somalia. Links im Januar 2009, rechts im Dezember 2010
Al-Shabaab hatte zeitweise die Kontrolle über Teile Südsomalias übernommen. Die Übergangsregierung kontrollierte in den Jahren 2010 und 2011 lediglich mit Hilfe der Truppe AMISOM der Afrikanischen Union Mogadischu mit dem Hafen, dem Flughafen, dem Präsidentenpalast und einigen Militärlagern.Somalis grow fearful of Islamists, in: BBC News, 12. November 2008.
In den von ihr kontrollierten Gebieten setzt al-Shabaab eine strenge Auslegung der Scharia durch. Diese variiert lokal, geht jedoch allgemein weit über deren traditionelle Anwendung in Somalia hinaus und schränkt die Freiheit der Bevölkerung ein. So wird der Besuch einer Moschee zu den fünf täglichen Gebeten vorgeschrieben. Zigarettenrauchen und das Kauen von Kat wurden verboten, ebenso Fußball, Kinos, nicht-religiöse Musik und das Tanzen an Hochzeiten. Männer dürfen keine „westlichen“ Frisuren tragen und müssen ihren Bart wachsen lassen. Frauen werden unter Druck gesetzt, statt der üblichen farbigen Gewänder dunkle Kleider (Abayas) mit Gesichtsschleier zu tragen. Ärmere Frauen können sich ein solches Kleidungsstück mitunter nicht leisten, da Abayas teuer importiert werden. al-Shabaab beschränkt auch die Bewegungsfreiheit von Frauen, indem ihnen verboten wird, in der Öffentlichkeit (etwa auf Märkten) zu arbeiten, sich ohne einen männlichen Verwandten als Begleiter zu bewegen oder mit fremden Männern zu sprechen. Mancherorts wurden auch Büstenhalter als „Täuschung“ verboten oder die Bedeckung von Händen und Füßen mit Handschuhen und Socken vorgeschrieben. Verstöße gegen solche Vorschriften werden ohne Gerichtsverfahren mit Auspeitschung, Geldbußen oder (bei Männern) dem Rasieren des Kopfes geahndet.Human Rights Watch: , 19. April 2010Somali Islamists publicly whip women for wearing bras, in: Reuters, 16. Oktober 2009. Abgerufen am 20. Oktober 2009.
Als Strafen für angeblichen Diebstahl, außerehelichen Geschlechtsverkehr und „Abfall vom Islam“ hat al-Shabaab mehrere öffentliche Hinrichtungen und Amputationen durchgeführt. Für Aufsehen sorgte insbesondere die Steinigung eines Mädchens in Kismaayo im Oktober 2008, dem Ehebruch vorgeworfen wurde. Gemäß Verwandten war die 13-Jährige vergewaltigt worden und hatte diese Tat bei den Sicherheitskräften der al-Shabaab anzeigen wollen, wurde daraufhin jedoch inhaftiert, des unehelichen Geschlechtsverkehrs beschuldigt und öffentlich hingerichtet.Amnesty International: Somalia: Girl stoned was a child of 13. 31. Oktober 2008. Im Jahre 2009 wurde eine Frau in einem Dorf bei Wajid wegen Ehebruchs gesteinigt, ihr Liebhaber wurde ausgepeitscht. In Merka wurde wegen desselben Tatbestandes ein Mann gesteinigt, bei seiner schwangeren Freundin sollte die Geburt abgewartet werden. In derselben Stadt wurden zwei Männer wegen des Vorwurfs der Spionage gesteinigt.Somali woman stoned for adultery, in: BBC News, 18. November 2009. Am 27. Oktober 2010 wurden in Beledweyne zwei Mädchen erschossen, weil sie angeblich für Äthiopien spioniert hatten.Mohammed Ibrahim: Somali Islamists Kill Two Girls Branded Spies, in: New York Times, 28. Oktober 2010 Oft werden Menschen gezwungen, bei den Hinrichtungen und Amputationen zuzusehen.taz.de: Rabiate Justiz der IslamistenBBC News: Somali justice – Islamist-styleReuters: Somalia: Compulsory Viewing of Amputations as Punishment, in: New York Times, 9. Oktober 2009