mini|Denkmal für Lili Marleen und Lale Andersen auf Langeoog mini|Schellackplatte mit der Originalfassung der Lili Marleen (hier: Lili Marlen) vom 2. August 1939 Lili Marleen (mitunter auch Lili Marlen oder Lilli Marleen geschrieben) ist der Titel eines Liedes, das 1939 durch Lale Andersen in der Melodiefassung von Norbert Schultze zum ersten deutschen Millionenseller und zum deutschen und internationalen klassischen Soldatenlied wurde. Im Lied wird das Leid eines durch den Krieg getrennten Paars thematisiert.

Entstehungsgeschichte Der Schriftsteller und Dichter Hans Leip schrieb die ersten drei Strophen des Textes – zusammen mit einer danach weitgehend in Vergessenheit geratenen Melodie – im Ersten Weltkrieg, vor seiner Abfahrt an die russische Front, in der Nacht vom 3. (Karsamstag) zum 4. April (Ostersonntag) 1915 während einer Wache vor der Garde-Füsilier-Kaserne in der Chausseestraße in Berlin. Zwei weitere Strophen fügte er später für die Veröffentlichung unter dem Titel Lied eines jungen Wachpostens in der Gedichtsammlung Die kleine Hafenorgel (1937) hinzu.

Die Entstehung des Titels Lili Marleen sowie viele Einzelheiten seiner späteren Verbreitung sind umstritten. 1948 schrieb eine Margrit Freud in der NZZ, Lilly Freud-Marlé – eine Nichte Sigmund Freuds und Ehefrau des Schauspielers Arnold Marlé – habe als Diseuse im Hamburg der Vorkriegszeit Leip zu dem Lied inspiriert, was dieser jedoch umgehend dementierte. Der Schweizer Germanist Charles Linsmayer hält allerdings weiterhin an dieser Version fest.Er schuf «Lili Marleen»: Hans Leip auf linsmayer.ch. Leip äußerte sich auch zum vermeintlichen finanziellen Erfolg seines Liedes: „Leider habe ich an dem Lied auch keine Millionen verdient, […] denn die Militärsender pflegten nichts zu zahlen.“Ein I für ein Ypsilon. In Sachen Lili Marle[e]n. In: Der Spiegel Nr. 46/1948, S. 22 (PDF, 197 KB)

Dem Heimatfotografen Johann Holzem zufolgeJohann Holzem: Lili Marleen und Belgrad 1941. Der lange Weg zum Ruhm, 3. Auflage, 1997, S. 9 ff.Ernst Probst, Superfrauen 10 – Musik und Tanz, 2008, S. 28. setzt sich der Titel aus zwei verschiedenen Vornamen zusammen; bei Lili soll es sich um den Kosenamen der Freundin eines Freundes von Dichter Leip gehandelt haben, während Marleen der Vorname einer Hilfsschwester aus einem Reservelazarett gewesen sei.

Im Herbst 1937 bat der Sänger Jan Behrens den damals bereits erfolgreichen Komponisten Norbert Schultze, mit dem er befreundet war, ihm ein paar Shanties für eine Radiosendung zu schreiben.Norbert Schultze, Mit dir, Lili Marleen. Die Lebenserinnerungen des Komponisten Norbert Schultze, 1995, S. 77. Schultze verfasste dann zu dem Gedicht Lili Marleen aus dem 1937 bei Christian Wegner in Hamburg verlegten Bändchen Die kleine Hafenorgel von Leip eine Melodie. Zu jener Zeit existierte jedoch bereits ein Chanson mit einer Melodie des Hindemith-Schülers Rudolf Zink aus dem Jahre 1937. Diese Version war auch Lale Andersen bereits bekannt, da sie im Münchner Kabarett „Simpl“ auftrat, wo sie Zink kennenlernte. Ende 1938 erhielt Andersen Kenntnis von Schultzes Melodiefassung.

Andersen hatte das Lied in der melancholischeren Fassung von Zink schon seit einiger Zeit in ihren Bühnenprogrammen gesungen, als Schultze ihr seine Version zur Aufnahme anbot. Obwohl Andersen selbst sich ihr Leben lang wenig für die damals neue Fassung erwärmen konnte, war Schultze von der Neuaufnahme angetan. Andersen konnte keinen rechten Gefallen an der für sie ungewohnten und ihrer Meinung nach unpassenden Melodie finden, während Schultze nie wirklich zufrieden mit den Betonungen ihrer Version war, so wie dem marschartigen Rhythmus und dem Männerchor im Hintergrund, der sich nach seiner Ansicht „wie ein Kastratenchor“ anhörte. Trotz dieser Unstimmigkeiten, für die zeitlebens kein Konsens gefunden werden konnte, wurde diese Version, die 1938 in den Berliner Electrola-Studios aufgenommen worden war, schließlich auf Schallplatte veröffentlicht.

Die Erstaufnahme der Lili Marleen mit einem Orchester unter Leitung von Bruno Seidler-Winkler dauerte die ganze Nacht auf den 1. August 1939. Abgemischt wurde sie am Folgetag im Electrola-Studio. Die Platte sollte mit einem preußischen Zapfenstreich beginnen, im Hintergrund ein Soldatenchor und „dezenter Marschrhythmus“.Norbert Schultze, Mit dir, Lili Marleen. Die Lebenserinnerungen des Komponisten Norbert Schultze, 1995, S. 64. Es wurde zum „Symbol für Heimweh, Trennung und Sehnsucht […], vor allem für Hoffnung auf Wiedersehen. Die Zeit – der Krieg, der immer furchtbarer wird, die Umstände haben das bewirkt“.Norbert Schultze, Mit dir, Lili Marleen. Die Lebenserinnerungen des Komponisten Norbert Schultze, 1995, S. 78.

Als B-Seite diente eine weitere Leip-Vertonung mit einer Melodie von Schultze (beide Titel unter dem Pseudonym „Frank Norbert“), Drei rote Rosen (Gedenken). Von der im August 1939 unter Electrola EG 6993/ORA 4198-2 veröffentlichten Platte wurden gerade einmal 700 Exemplare verkauft. Sie geriet zunächst in Vergessenheit. Das melancholische Lied über Abschied, Trennung und ungewisse Heimkehr ist zwischen Soldatenlied und Schlager einzuordnen.Vgl. Exkurs: Der Mythos „Lili Marleen“. In: Axel Jockwer: Unterhaltungsmusik im Dritten Reich. Konstanz, Univ., Diss., 2005, . S. 234–245.

Inhalt Das Lied handelt davon, dass ein Soldat sich an früher erinnert, als er mit seiner Freundin Lili Marleen an der Laterne vor der Kaserne stand, und sie auffordert, ihn da wieder zu treffen.

Historisches Umfeld mini|Lale Andersen – Lili Marleen (hier: Lili Marlen). Das Bild ist ein Ausschnitt der oben gezeigten Platte. Das Lied wurde genau einen Tag nach Glenn Millers In the Mood aufgenommen, in einer Zeit der Kriegsstimmung, denn am 1. September 1939 begann mit dem deutschen Überfall auf Polen der Zweite Weltkrieg. Am 6. April 1941 begann der Krieg gegen Jugoslawien und Griechenland, bereits am 12. April 1941 wurde Belgrad von der deutschen 12. Armee eingenommen. Am 17. April folgte Jugoslawiens Kapitulation. Bereits davor wurde der Mittelwellensender Radio Belgrad (serbisch: Радио Београд/Radio Beograd) von deutschen Truppen besetzt und strahlte fortan als „Besatzungssender Belgrad“ aus. Die Sendeleistung war so hoch, dass er alle Frontabschnitte in Europa und Nordafrika zwischen Narvik und Kairo erreichte, was einem Sendegebiet von sechs Millionen Zuhörern entsprach.

Zur Geschichte der Ausstrahlung von Lili Marleen durch den Soldatensender Belgrad gibt es verschiedene Versionen, die sich zum Teil widersprechen. Johann Holzem ergänzt die Episode der „Entdeckung“ der Lili Marleen um die Person des Oberleutnants Maximilian Fabich, Chef der 3. Kompanie des motorisierten Infanterieregiments "Großdeutschland", ab 1942 Infanteriedivision Großdeutschland Ludger Tewes, Die Panzergrenadierdivision "Grossdeutschland" im Feldzug gegen die Sowjetunion 1942–1945, Essen 2020, S. 44–46, ISBN 978-3-8375-2089-7, die am Stadtrand von Belgrad stationiert war.Johann Holzem, Propagandaabteilung Südost (Hrsg.): Stadt und Veste Belgrad Heft 3: Ein Jahr Soldatensender Belgrad, Belgrad 1942, S. 42 ff. Fabich hatte den Auftrag erhalten, für den Sender Belgrad Schallplatten zu holen und reiste am 22. April 1941 zur Radio-Verkehrs-AG nach Wien (seit 1957 ORF). Ihm wurden einige Kisten mit Schallplatten ausgehändigt, die als „ungängig“ im Wiener Archiv verstaubten und am 26. April in Belgrad eintrafen. Bei Durchsicht dieses Sortiments sah Max Fabich auch die Schallplatte von Lili Marleen von Electrola. Er erinnerte sich sofort an seine Koblenzer Zeit, als er dieses melancholische Lied zum ersten Mal gehört hatte, und sagte spontan: „Die muss in die Sendung!“ Fabich hatte diese Version in der Bar eines kleinen Moseldorfes 1940 kennen gelernt, wo er in Vorbereitung des Frankreich-Feldzuges mit seiner Kompanie stationiert war. Da er selbst ein passionierter Pianist war, hatte er die Melodie in sein Repertoire aufgenommen und im Kreis seiner Soldaten vorgetragen. Fabich hatte das Lied in ein 45-minütiges Programm aufgenommen, das er selbst zur Eröffnung zusammengestellt hatte, und präsentierte es schließlich am 26. April 1941 mit einem aus seiner Kompanie gebildeten Soldatenchor.Johann Holzem: Der lange Weg zum Ruhm, Lili Marleen und Belgrad 1941, 3. Auflage, Meckenheim, 1997 und Erzählungen von Ruth Fabich. Andere Quellen gehen indes davon aus, dass die vom Reichssender Wien ausrangierten 60 Platten gespielt wurden, worunter sich auch Lili Marleen befand.

Nach anderen Quellen hatte der Sender im April 1941 seinen Betrieb aufgenommen und verfügte über lediglich 54 Schallplatten, die bei einer Sendedauer von 21 Stunden pro Tag oft wiederholt werden mussten. Daher wurde ein Mann namens Richard Kistenmacher vom Sendeleiter Leutnant Karl-Heinz Reintgen nach Wien geschickt, um für Nachschub zu sorgen.Interview mit dem Soldaten R. Kistenmacher auf der CD Heimat, Deine Sterne, Vol. 4: Lili Marleen und der Soldatensender Belgrad, zit. nach Liel Leibovitz, Matthew I. Miller: Lili Marleen. Ein Lied bewegt die Welt. Aus dem amerikanischen Englisch von Nathalie Lemmens. Edition Elke Heidenreich bei C. Bertelsmann, München 2009, ISBN 978-3-570-58006-6, S. 273. Kistenmacher brachte vom Reichssender Wien Material, das aus „politisch verdächtigen Platten und ausgewiesenen Flops“Liel Leibovitz, Matthew I. Miller: Lili Marleen. Ein Lied bewegt die Welt. Aus dem amerikanischen Englisch von Nathalie Lemmens. Edition Elke Heidenreich bei C. Bertelsmann, München 2009, ISBN 978-3-570-58006-6. S. 125–137. bestanden haben soll, darunter das Lied eines jungen Wachpostens, das nach Reintgens Darstellung am 18. August 1941 auf seine Veranlassung hin erstmals gesendet wurde. Der vom deutschen Militär eingesetzte Sendeleiter Reintgen kannte die Platte bereits seit 1940.Diese Version kommt Paul Carells Buch Die Wüstenfüchse: Mit Rommel in Afrika, 2003, sehr nahe: In Krefeld hörten die Unteroffiziere der 2. Panzerspähkompanie der Aufklärungsabteilung 3 vor dem Frankreichfeldzug jeden Abend das Lied, das ihnen gefiel. Zur Kompanie gehörte auch der damalige Feldwebel d. Res. Karl-Heinz Reintgen, der vom Sender Berlin kam. Ihm gefiel Lili Marleen besonders gut. Die Kompanie wurde im Frühjahr 1941 nach Afrika verlegt; Reintgen, mittlerweile Leutnant, wurde Sendeleiter am Wehrmachtssender Belgrad. Er hatte dorthin die Platte mitgenommen und spielte sie aus Anhänglichkeit zu seiner alten Kompanie jeden Abend um 21.57 Uhr.

Reintgen war es auch, der die Platte Ende Juli 1941 kurzzeitig aus dem Programm nahm.„Morgens Lili Marleen, mittags Lili Marleen, abends Lili Marleen, nachts Lili Marleen! Was zuviel ist – ist einfach zuviel. Ich verbiete ab sofort diese Lili. Amüsiert Euch mit anderen Mädchen!“, erinnerte sich der Sendeleiter in einem Interview 1952; zitiert nach Axel Jockwer: Unterhaltungsmusik im Dritten Reich. Konstanz, Univ., Diss., 2005, . S. 236. Darauf folgte ein derart überwältigender Protest, dass das Lied ab dem 18. August 1941 allabendlich um 21.57 Uhr vor den letzten Nachrichten des Tages um 22 Uhr und vor Sendeschluss ausgestrahlt wurde. Für diese neue Sendung sind unterschiedliche Titel überliefert: Wir grüßen unsere Hörer, Wir schlagen das Wachtbuch auf oder Brücke zwischen Front und Heimat. Da nach anderen Quellen Lili Marleen am 18. August erstmals ausgestrahlt wurde, können entweder der Verzicht auf die Ausstrahlung, der darauffolgende Protest der Hörer und die Aufnahme in das ständige Programm auch später stattgefunden haben oder es wurde irrtümlich die Aufnahme des Liedes am festen Sendeplatz als Datum der Erstausstrahlung angenommen.