Die Heraeus Holding GmbH ist die Konzernobergesellschaft eines deutschen Technologiekonzerns mit Sitz in Hanau, der weltweit tätig ist, unter anderem in der Herstellung und Verarbeitung von Edelmetallen und Quarzglas sowie in der Entwicklung von Sensoren und elektronischen Komponenten. Die Heraeus Holding zählt nach Umsatz zu den größten Familienunternehmen in Deutschland.Hermann Simon erwähnt Heraeus in seinem Buch als Beispiel für einen „Hidden Champion“: ergänzt: Simone Boehringer: Groß in der Nische, Artikel in der Süddeutschen Zeitung vom 11. Februar 2008, Ausgabe München, S. 18.

Geschichte Ab 1660: Apotheke als Konzernursprung mini|Haus Einhorn-Apotheke in Hanau Der Ursprung des Familienunternehmens Heraeus reicht bis in das 17. Jahrhundert zurück. Im Oktober 1660 übernahm Isaac Heraeus (1636–1676) die damalige Faucque-Apotheke in Hanau-Neustadt. 1668 eröffnete er am Marktplatz in der Hanauer Neustadt eine eigene Apotheke unter dem Namen „Zum weißen Einhorn“, die spätere Einhorn-Apotheke. Das Gebäude selbst existiert nicht mehr, da es den Luftangriffen der Alliierten auf Hanau im Zweiten Weltkrieg zum Opfer fiel.Falk Heunemann: Es bleibt in der Familie, Artikel in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung Monopol vom 15. Februar 2017, Nr. 2, S. 38.

Franz Heraeus (1661–1707), ältester Sohn von Isaac Heraeus, führte die väterliche Apotheke von 1683 bis 1707 und hatte den ersten Kontakt mit Edelmetallen in der Heraeus-Familie. Aus einer alten Urkunde geht hervor, dass er schon 1694 Feingold zur Vergoldung an die französische Kirche in Hanau lieferte. Die Einhorn-Apotheke wurde über insgesamt sechs Generationen bis Mitte des 19. Jahrhunderts als gräfliche Hofapotheke geführt.

1851–1888: Gründung der Platinschmelze mini|Deutsches Reichspatent Nr. 63591 zur Vergoldung von Platinblech: Das erste Patent der Firmengeschichte Im Jahr 1851 übernahm der Apotheker und Chemiker Wilhelm Carl Heraeus die Einhorn-Apotheke in Hanau von seinem Vater Esay Heraeus (1785–1830).Der Heraeus-Konzern in sieben Daten (dapd Datenblatt), dapd Nachrichtenagentur vom 1. Juli 2011.Hans-Jürgen Jakobs: Der Familienmensch, Artikel in der Süddeutschen Zeitung vom 1. September 2011, Ausgabe München, S. 18.

Ihm war bekannt, dass die Goldschmiede in der Stadt zur damaligen Zeit Schwierigkeiten hatten, das Edelmetall Platin für die Herstellung von Schmuck zu bearbeiten, da es eine große Zähigkeit und einen hohen Schmelzpunkt besitzt. Nach Experimenten gelang es Wilhelm Carl Heraeus erstmals 1856 mit einem selbst entwickelten Knallgas-Gebläsebrenner, Platin in größeren Mengen zu schmelzen und hochrein zu gewinnen. Zwar war das Verfahren bereits bekannt, jedoch gelang dies im Labor zuvor nur in geringen Mengen. Heraeus gründete die „Erste Deutsche Platinschmelze W. C. Heraeus“. Zu den Kunden seines Unternehmens zählten Goldschmiedewerkstätten und Schmuckfabriken aus aller Welt, aber auch Zahnfabriken, chemische Laboratorien und weitere Industriezweige. Im Jahr 1857 produzierte W.C. Heraeus rund 30 Kilogramm reines Platin, zwischen 1875 und 1879 wurden bereits bis zu 400 Kilogramm pro Jahr verkauft, 1888 über 900 Kilogramm.

1889–1926: Erfindungen und Patente mini|Richard Küch mini|Weltausstellung Paris 1900 1889 übernahmen die beiden Söhne des Firmengründers, Wilhelm und Heinrich Heraeus, die Geschäftsführung. Sie trieben Forschung und Entwicklung voran und holten einen ehemaligen Schulfreund, den Physiker und Chemiker Richard Küch, in das Unternehmen.

Küch betrieb weiterhin Grundlagenforschung und war 1891 an dem Deutschen Reichspatent Nr. 63591 zur Vergoldung von Platinblech beteiligt, das erste Patent der Firmengeschichte. 1899 entwickelte Küch dann ein Verfahren, bei dem durch Schmelzen von Bergkristall bei rund 2000 °C Quarzglas gewonnen werden konnte. Dieses nahezu blasenfreie Quarzglas war von höchster Reinheit und ist bis heute als Werkstoff Grundlage von Lichtwellenleitern und Mikrochips und wird auch in der Medizin eingesetzt.

Mit der Entwicklung der Höhensonne im Jahr 1904 gelten Küch und Heraeus als Erfinder der UV-Hochdrucklampe und Wegbereiter der Körperbestrahlung mit künstlichen Lichtquellen zur medizinischen Lichttherapie.Jörn Perske: Ein großes Erfindergenie, Artikel in der Frankfurter Neuen Presse vom 30. August 2010, Nordausgabe, S. 4.

mini|Tiegel aus Platin und Quarzglas Den Schwerpunkt der Produktion bildete weiterhin das Platin, das aufgrund seiner chemischen und physikalischen Eigenschaften für immer neue Anwendungsgebiete eingesetzt wurde. Wegen seiner Widerstandsfähigkeit gegen Säuren und Hitze wurde Platin unter anderem für wissenschaftliche Geräte, Tiegel und Schalen in der Chemie und Physik verwendet. Außerdem nutzte man bereits im 19. Jahrhundert das Edelmetall für Haltestifte zum Fixieren von künstlichen Zähnen, für Leuchtdrähte in Glühlampen und nichtkorrodierende elektrische Kontakte in Telefonen. 1906 entwickelte Küch das normierte Widerstandsthermomenter aus Platin, das vom Prinzip her auch heute noch in Autos und Backöfen Verwendung findet.

Ab 1889 wurden die USA zu einem wichtigen Absatzmarkt für Platin und Platinprodukte. Der 1896 ausgewanderte Charles Engelhard (1867–1950), Schwager der beiden Heraeus-Brüder, wurde Repräsentant des Konzerns. 1902 gründete er die Engelhard Corporation, ein Unternehmen zur Raffination von Platin, Gold und Silber.

1909 wurde Heraeus von einer offenen Handelsgesellschaft in die W. C. Heraeus GmbH umgewandelt. Richard Küch wurde Mitgesellschafter und einer von drei Geschäftsführern.

Ab 1927 mini|Platin-Thermometer von Heraeus (ca. 1930–1940) Wilhelm Heinrich Heraeus und sein Vetter Reinhard Heraeus übernahmen ab 1927 in dritter Generation die Führung des Unternehmens für nahezu 40 Jahre. In dieser Epoche wurden neue physikalische Erkenntnisse von Heraeus umgesetzt – beispielsweise in der Fertigung von ersten Dentallegierungen. Eine Innovation war 1919 das Schmelzen von metallischen Werkstoffen unter Vakuum, das von Wilhelm Rohn eingeführt wurde. Daraus entstand kurzzeitig das selbstständige Unternehmen Heraeus Vakuumschmelze, das innerhalb von zehn Jahren 84 deutsche Patente anmeldete.

Doch es gab auch Rückschläge. Bedingt durch den Ersten Weltkrieg, die Inflation und den Zusammenbruch des Edelmetallmarktes in Russland waren die Preise für Platin extremen Schwankungen unterworfen. Bei Heraeus richtete man deshalb die Forschungsaktivitäten vor allem auf Recyclingtechniken aus und versuchte zeitgleich, geeignete Werkstoffe und Materialien als Ersatz für die Edelmetalle zu finden.

Zweiter Weltkrieg und NS-Zeit

Das Unternehmen wuchs stetig und beschäftigte im Jahr 1939 rund 1.000 Mitarbeiter, die einen Jahresumsatz von 20 Millionen Mark erzielten.

Mit dem Ausbruch des Zweiten Weltkrieges wurden zahlreiche Mitarbeiter zum Militär eingezogen. Der Konzern beschäftigte 1.500 Zwangsarbeiter aus dem Zivilarbeiterlager Hanau. Die Produktion verlagerte sich auf rüstungsrelevante Güter wie beispielsweise Katalysatoren für FLAK Scheinwerfer. Bei Luftangriffen in den Jahren 1944 und 1945 wurden die Betriebsanlagen des Unternehmens in Hanau fast völlig zerstört. Heraeus trat dem Fonds der Stifterinitiative der deutschen Wirtschaft „Erinnerung, Verantwortung und Zukunft“ zur Entschädigung von Zwangsarbeitern bei.

1945–1983 Internationalisierung nach dem Wiederaufbau In den Jahren des Wiederaufbaus stand vor allem die Herstellung bewährter Produkte und Konsumgüter sowie der Ausbau von neuen Fertigungsbereichen im Mittelpunkt. Die Basis für die Internationalisierung und den Vorstoß in ausländische Märkte war bereits vor der Jahrhundertwende vom Firmengründer geschaffen worden. Auf diese Kontakte konnte der Konzern in der Nachkriegszeit zurückgreifen und damit zum Beispiel den amerikanischen Markt für den Absatz optischen Quarzglases gewinnen.

Ab 1958 gründete der Konzern erste ausländische Vertriebsgesellschaften in Frankreich und Italien, ab 1972 folgten Tochtergesellschaften und internationale Beteiligungen. In Japan und den USA wurden neue Quarzglaswerke gegründet, gefolgt von Produktionsstätten in Korea und auf den Philippinen für Kontaktierungsdrähte aus hochreinem Gold für Halbleiterbauelemente, sogenannte Bonddrähte. 1970 übernahm Helmut Gruber (1919–1989), ein in der Metallkunde angesehener Physiker, die Leitung der Geschäftsführung sowie konzernübergreifend die Verantwortung für das Technik-Ressort, bis 1983 als Vorsitzender der Geschäftsführung.Vgl. Gruber, Helmut. In: Walter Habel (Hrsg.): Wer ist wer? Das deutsche Who’s who. 24. Ausgabe. Schmidt-Römhild, Lübeck 1985, ISBN 3-7950-2005-0, S. 416. Er förderte die Aktivitäten in den Bereichen Quarzglas, Edelmetallchemie und Sondermetalle sowie den Aufbau von Tochtergesellschaften im Ausland. Erstmals im Jahr 1979 lag der Umsatz im Ausland über dem Inlandsumsatz.

Heraeus lieferte das weltraumstabile Quarzglas für den noch immer funktionsfähigen Laserreflektor zur genauen Bestimmung der Entfernung Erde-Mond, den die Apollo-11-Mission auf der Mondoberfläche zurückließ.

1983–2000: Gründung der Holding mini|Jürgen Heraeus (2017) Jürgen Heraeus, Sohn von Reinhard Heraeus und seit 1970 Mitglied der Geschäftsführung, übernahm von 1983 bis 2000 in vierter Generation die Unternehmensleitung.

Unter seiner Führung wurde die Internationalisierung verstärkt fortgeführt. Die Voraussetzungen hierzu wurden durch eine tiefgreifende Reorganisation des Unternehmens sowie moderne Managementstrukturen geschaffen. Nach der Gründung der Heraeus Holding im Jahr 1985 folgte 1990 eine umfassende Dezentralisierung. Hierfür wurden unter dem Dach der Management Holding die Kernarbeitsbereiche Edelmetalle, Dentalwerkstoffe, Quarzglas, Sensoren und Medizintechnik in fünf dezentrale, selbstständige Führungsgesellschaften umgewandelt.

1991 explodierte am Quarzglas-Standort in Hanau ein Wasserstofftank und zerstörte große Teile des Werksgeländes. Im selben Jahr legte das Unternehmen im Chemiepark Bitterfeld-Wolfen (Sachsen-Anhalt) nach der deutschen Wiedervereinigung den Grundstein für die größte Fabrik zur Produktion von synthetischem Quarzglas zur Herstellung von Lichtleitfasern.

2001–2019: Wachstum und Umstrukturierung mini|Eine Feinunze Gold mit Prägung von Heraeus Anfang 2000 übernahm Jürgen Heraeus den Vorsitz im Aufsichtsrat des Familienunternehmens. Das neue Jahrtausend begann für Heraeus erstmals mit einer Geschäftsführung, in der kein Familienmitglied saß. 2001 hatte der Technologiekonzern über 9.100 Mitarbeiter und einen Umsatz von fast 7 Milliarden Euro. Es gab weitere Umstrukturierungen, einzelne Geschäftsbereiche wurden verkauft (z. B. Heraeus Med, Kendro Laboratory Products), andere beispielsweise im industriellen Edelmetallbereich (Dünnfilmtechnik, Bonddraht) wurden ausgebaut. Ein Fokus wurde auf die Schlüsselmärkte Umwelt, Gesundheit, Mobilität, Kommunikation und Energie gelegt.

Der Geschäftsbereich W.C. Heraeus wurde ab 2009 in die neuen Geschäftsbereiche Heraeus Precious Metals und Heraeus Materials Technology aufgeteilt. Nach der Finanzkrise 2008 erzielte Heraeus mehrmals in Folge Umsatzrekorde, z. B. 2011 mit einem Rekord-Produktumsatz von 4,8 Milliarden Euro. Der Edelmetallhandelsumsatz überschritt 2011 erstmals die Marke von 20 Milliarden Euro. Im Sommer 2013 verkaufte Heraeus den Geschäftsbereich Dentalprodukte (Heraeus Dental) an den japanischen Chemiekonzern Mitsui. Im Juli 2013 übernahm mit Jan Rinnert, dem Schwiegersohn von Jürgen Heraeus, wieder ein Mitglied der Gesellschafterfamilie die Geschäftsführung.

Mit einer erneuten größeren Umstrukturierung der Organisation wurden die Geschäftsbereiche Heraeus Precious Metals und Heraeus Materials Technology in sieben neue Global Business Units (GBUs) umgewandelt. Seit 2017 bestand die Heraeus Gruppe aus zehn Global Business Units, unter dem Dach der Holding.