Der Wong-Tai-Sin-Tempel () ist eine daoistische Kultstätte in der Sonderverwaltungszone Hongkong. Er ist dem „Großen Unsterblichen Wong“ – Wong Tai Sin – einem daotistischen Heiligen aus dem 4. Jahrhundert n. Chr., geweiht. Er gab dem gleichnamigen Distrikt auf der Halbinsel Kowloon seinen Namen. Die Tempelanlage ist trotz seines daoistischen Ursprungs auch Heiligen des Buddhismus und Konfuzianismus gewidmet. Diese Besonderheit unter den heiligen Kultstätten Hongkongs ist im chinesischen Kulturkreis unter dem Begriff der Drei Lehren bekannt. Dem Tempel wird nachsagt, dass bei Bitten und astrologischen Fragen beim Orakel – – Tempelbesucher stets eine Antwort erhalten haben – . In Hongkong zählt der Wong-Tai-Sin-Tempel wie den ebenso bekannten kleineren Yuen Yuen Institute zu den religiösen Stätten der „Drei Lehren“. Im Vergleich zu anderen lokalen daoistischen Tempel wie der Yuk Hui Gung, das buddhistische Ling-To-Kloster oder der große Tian Tan Buddha mit dem Po-Lin-Kloster hat er die meisten Besuchern. Er ist sowohl als touristisches Ziel bei Besuchern von außerhalb als auch unter den Einheimischen der Stadt beliebt. Insbesondere bei traditionellen Festtagen wie dem chinesischen Neujahrsfest ist der Tempel aufgrund des starken Besucherandrangs beinahe 24 Stunden am Tag in Schichtbetrieb geöffnet, um dem Ansturm der Gläubigen gerecht zu werden.

Bezeichnung und Verwaltung Der Hongkonger Wong-Tai-Sin-Tempel ist nur eine von mehreren Tempelanlagen weltweit. Daneben gibt es beispielsweise Tempel in den Städten Foshan, Guangzhou, Jinhua, Taipeh, Singapur, Sydney, Paris und San Francisco. Die Trägerorganisation Sik Sik Yuen, die für den Betrieb und Verwaltung zuständig ist, gehört wie viele andere Tempel Hongkongs zum Mitglied des „Chinesischen Tempelkomitees“ – – der Stadt. Daher ist der Tempel bei Hongkonger Bürgern auch unter der Bezeichnung „Siki-Sik-Yuen Wong-Tai-Sin-Tempel“ – – bekannt.

Etymologie Wong Tai Sin Wong Tai Sins () bürgerlicher Name war Huang Chuping (; ca. 328–386), ein junger Hirte aus der Stadt Jinhua in der heutigen Provinz Zhejiang – historisch Kreis Jinhua – , der zur Zeit des Östlichen Jin (317–420) gelebt hat und Namensstifter des daoistischen Tempels ist. Dieser wurde später ein daoistischer Eremit und nach seinem Tod als ein „großer“ Heiliger – „Da Xian“, kantonesisch „Tai Sin“ – verehrt. In der Legende begegnete der 15-jährige Hirte am nördlichen „Rotkieferhügel“ – seines Heimatorts einem daoistischen Meister, der ihm Instruktionen gab und seinen Weg wies. Daher bezeichnete man ihn später im daoistischen Kreis als „Heiliger vom Rotkieferhügel“ – . Der Tempel ist daher auch unter seinem vollständigen Namen als „Chekchung Wong-Tai-Sin-Tempel“ () bekannt.

Sik Sik Yuen Sik Sik Yuen () wurde offiziell 1921 als eine karitative Trägerorganisation des Wong-Tai-Sin-Tempels gegründet. Der Begriff Sik Sik – – bedeutet wörtlich etwa „bei den Oberflächlichkeiten und äußere Schönheit dieser Welt geizen“. Sinngemäß bedeutet es etwa „sich bei weltlichen Begierden zügeln“ und „beim Streben nach weltlichen Freuden maßhalten und nicht übertreiben“, also nicht ins Extreme verfallen. Der Begriff Yuen – – wird üblicherweise mit Garten oder Park übersetzt, jedoch hat es hier auch die Bedeutung einer öffentlichen Stätte bzw. eines umzäunten Ortes zur Erholung.

Geschichte Entwicklung in Guangdong

1897, gegen Ende der Qing-Dynastie in Guangdong Panyu, vertrieb sich der einfache kaiserliche Zollbeamte Liang Ren'an – – gelegentlich mit guten Freunden am okkulten Abend mittels Fuji-Séance – die Zeit. Eines Abends erhielt Liáng Kontakt zum Huáng Chūpíng – auch bekannt als daoistischer Heiliger Wong Tai Sin. Liáng erhielt die Anweisung, sich um Menschen zu kümmern und Bedürftigen zu helfen, um sie zum Guten zu führen – – und wurde ein Anhänger des Daoismus. Im Jahr 1898 zum Geburtstag von „Großen Unsterblichen Wong“, am 28. des achten Monats im chinesischen Kalender, erhielt Liáng die Erlaubnis und Instruktionen, einen Tempel zu Ehren des „Großen Unsterblichen Wong“ zu errichten. Daraufhin sammelte er erfolgreich die nötigen finanziellen Mittel, um ein Jahr später, 1899, im fünften bzw. sechsten Monat des chinesischen Kalenders, in Guangzhou im Dorf Fangcun – – den ersten Wong-Tai-Sin-Tempel mit dem Altarnamen Puqingtan – – zu eröffnen. Der Tempel zog viele Gläubige in der Region des Perlflussdeltas an. 1901 zog sich Liáng in sein Heimatdorf Rengang – – zurück, um dort 1903 einen neuen Pǔqìngtán-Altar fertigzustellen, da ihm der „heilige Wong“ in naher Zukunft Unruhen im ganzen Land vorausgesagt hatte.

Nach der Xinhai-Revolution 1911 und dem Wohlwollenden Vertrag 1912 zwischen dem Kaiser Puyi und der neuen chinesischen Republik, der die Abdankung des chinesischen Kaiser besiegelte, endete in China die Ära des Feudalismus. Viele Tempel und religiöse Kultstätten wurden nach dem Motto der Erneuerung, „Altes zerstören, um Neues zu errichten“ – , verwüstet, und dazu zählte auch der Wong-Tai-Sin-Tempel in Guangzhou.

Die junge Republik China (1912–1949) brachte politisch und gesellschaftlich keine Stabilität im Land, und so verließen der inzwischen zum daoistischen Priester gewordene Liang Ren'an und sein Sohn Liang Junzhuan – – China Richtung Süden und kamen 1915 im kolonialen Hongkong an. (siehe Opiumkriege, Ungleiche Verträge, Vertrag von Nanking, erste und zweite Pekinger Konvention) Heute gibt es in Festlandchina nur noch wenige gläubige Anhängerschaft im Vergleich zu Hongkong, Macau oder den Gemeinden der Auslandschinesen im Übersee. (Stand 2003)

Entwicklung in Hongkong

Auf der Insel Hongkong eröffnete Liáng 1915 zunächst einen kleinen Schrein in einem gemieteten Apartment. Tagsüber auf der Jervois Street – , historisch – und abends auf dem „historischen informellen Nachtmarkt“ von Possession Street in Sheung Wan – – setzte er die Missionsarbeit fort. März 1916 brachte er den Schrein zum neuen Kräuterladen für TCM-Medizin auf der Queen's Road East – ugs. – in Wan Chai, und die Popularität vom „Großen Unsterblichen Wong“ wuchs allmählich an. Nach einem Rückschlag durch den Brand 1918 zogen die Liángs zunächst weiter zur Ostküste von Wan Chai.

Nach erneuter Fuji-Konsultation suchten die Liángs 1921 auf Anweisung des „heiligen Wongs“ auf der Halbinsel Kowloon, nahe dem Kowloon-City-Pier in Richtung des Bergs etwa 3600 Schritte entfernt, nach einem Ort zum Bau eines Tempels. Am Bergfuß des Dorfs Chuk Yuen – – fanden sie schließlich eine geeignete Stelle. Nach mehreren Fuji-Konsultationen an verschiedene Gottheiten bzw. Heiligen des Daoismus errichteten sie einen kleinen Schrein mit dem Altar namens Puyitan – – am siebten Monat des chinesischen Kalenders. Im selben Jahr 1921 zum Geburtstag vom „heiligen Wong“ am 23. Tag des achten Monats des chinesischen Kalenders wurde der Schrein in Kowloon eröffnet, und sie gaben dem Ort den Namen Sik Sik Yuen, das schließlich zum Verwaltungsorgan und später als gemeinnützige Organisation anerkannt wurde. Zunächst hieß der Tempel Chekchung-Sin-Tempel – – und wurde 1925 in Chekchung Wong-Sin-Tempel – – umbenannt.

In den Anfangsjahren 1921–1933 galt der kleine Schrein der Familie Liáng als private daoistische Einrichtung. Die finanziellen Mittel zum Bau des Wong-Tai-Sin-Tempels kamen fast ausschließlich von vier reichen chinesischen Geschäftsleuten in Hongkong, die zu Anhängern des Daoismus wurden und deren medizinische Leiden durch Verschreibungen von Heilkräutern in Liángs Kräuterladen in Wan Chai geheilt wurden. Aufgrund der hohen Nachfrage von Gläubigen beantragte 1934 die Verwaltung des Tempels mit Hilfe des damaligen Vorsitzenden Sir Tsun-Nin Chau – – des „Chinesischen Tempelkomitees“ zunächst eine Öffnung für die Öffentlichkeit zum traditionellen chinesischen Neujahrsmonat – . Während und nach dem Zweiten Weltkrieg (Pazifikkrieg) kamen viele chinesische Flüchtlinge aus Festlandchina nach Hongkong aufgrund politischer Unruhen und des Bürgerkriegs in China. Viele von ihnen ließen sich in Kowloon nieder. Es entstanden verschiedene informelle Hütten- bzw. Barackensiedlungen in der Nähe des Tempels.

In den 1950er Jahren half der Wong-Tai-Sin-Tempel vielen notleidenden Menschen insbesondere unter den neuen Flüchtlingen von Hongkong, die beispielsweise nach dem Großbrand in den Hüttensiedlungen von Nord-Kowloon bei Shek Kip Mei Dezember 1953 alles verloren hatten. Die allgemeine Unterstützung, Bekanntheit und Anhängerschaft des Wong-Tai-Sins-Tempels wuchs auch in der breiten Bevölkerung Hongkongs. 1956 schlug die damalige Hongkonger Regierung vor, das Gelände des Tempels zurückzufordern, um darauf dringend benötigte Sozialwohnungen für die neuen Bürger Hongkongs zu bauen (siehe Public Housing und New Towns in Hongkong). Der damalige Vorsitzende Sik sik Yuens Wong Wan-Tin kämpfte für den Weiterbetrieb des Tempels, und der Vorschlag der Kolonialregierung schlug fehl. Um als wohltätiger Betrieb anerkannt zu werden, nahm der Tempel am Haupthalle einen Eintritt von 10 Hongkong-Cents, um diese Einnahmen der ältesten und größten karitativen Organisation Hongkongs, der Tung Wah Group of Hospitals, zu spenden. Am 21. August 1956 wurde schließlich der offizielle Antrag für eine komplette Öffnung für die Öffentlichkeit erteilt. 1965 wurde die Trägerschaft Sik Sik Yuen von der damaligen Hongkonger Regierung als daoistische gemeinnützige Wohlfahrtsorganisation anerkannt. Aufgrund ihrer historischen Bedeutung für Hongkongs Geschichte gehört der Tempelkomplex seit Mai 2010 zu Hongkongs „Kulturdenkmälern ersten Grads“ ().

Gebäude und Anlage

Die Tempelanlage besteht aus einer großen Haupthalle – – und verschiedenen kleinen Nebenbauten der verschiedenen Heiligen und Gottheiten der Drei Lehren. Die Anlage beinhaltet Gebäuden und Pavillons im Baustil der traditionellen chinesischen Architektur und Gärten, die in Kontrast zum hektischen Treiben der verdichteten Stadt als eine Art Insel der Ruhe und Erholung dienen.

Verschiedene Gebäude und bauliche Elemente der Tempelanlage folgen der Anordnung und den Regeln der chinesischen Fünf-Elemente-Lehre – . So repräsentiert die Schriftenhalle (Archiv) bzw. Hauptbüro – – das Element Holz – , der Bronzene Pavilion – – das Element Metall – , der Yuye-Teich – – das Element Wasser – , der Yuxiang-Pavillon – – das Element Feuer – und die Sichtschutzwand – – das Element Erde – .

In der Haupthalle befindet sich der Altar für den daoistischen Xian, den „Großen Heiligen Wong“ und die Erdgottheit Tudigong sowie den buddhistischen Dharmabeschützer Sun Wukong. Zu den verschiedenen Hallen, Pavillons und Gärten gehört beispielsweise der „Halle Drei Heiligen“ – , die dem daoistischen Heiligen Lü Dongbin, dem als daoistischen Gottheit verehrten Guan Yu und dem buddhistischen Bodhisattva Guanyin geweiht sind. Im Qilin-Pavillon – – wird Konfuzius und Buddha Dipamkara im Yuxiang-Pavillon () verehrt. Im „Garten des Herzens“ – – befindet sich Nachahmung der Wandelgänge im Stil des Originals vom Neuen Sommerpalast in Peking sowie eine Nachahmung der originalen Neun-Drachen-Wand – – im Beihai-Park.

Erweiterung der Haupthalle Im April 2008 beschloss die Tempelverwaltung Sik Sik Yuen 140 Mio. Hongkong-Dollar für Erweiterungs- und Instandsetzungsmaßnahmen des Hauptaltars (Haupthalle) des Wong-Tai-Sin-Tempels zu investieren. Dabei wurden Renovierungsarbeiten in der Haupthalle sowie Außenanlage der Anbetungsplatz vor der Haupthalle durchgeführt. Außerdem wurde die Haupthalle um einen Untergeschoss erweitert, um dort eine Gebets- und Opferhalle namens „Yuanchen-Halle“ – – für verschiedenen daoistische Gottheiten des „Taisuis“ – – zu errichten. Die Bauarbeiten dauerten etwa drei Jahre und die Umbauten wurden im Januar 2011 fertiggestellt. Die offizielle Eröffnung der neuen „Yuanchen-Halle“ fand am 12. Januar 2011 statt.

Geografie und Verkehr