mini|Titelseite Der Ursprung des Kunstwerkes Der Ursprung des Kunstwerkes ist eine Abhandlung des Philosophen Martin Heidegger aus den Jahren 1935–36, in welcher er sich mit der Frage auseinandersetzt, was die Kunst als Kunst ausmacht. Was die Kunst ist, soll also nicht durch wissenschaftliche Disziplinen wie etwa die Psychologie erklärt werden, noch anhand soziologischer Ansätze, welche die Rolle der Kunst in der Gesellschaft untersuchen. Auch möchte Heidegger keine traditionell ästhetische Theorie der Kunst geben, welche normative Maßstäbe dafür gibt, was als Kunst gelten darf oder welche Kunst als ein Erlebnis für einen Betrachter beschreibt bzw. gar an metaphysische Konzepte bindet.

Heidegger versucht anstatt dieser überzeitlichen Erklärungen das Wesen der Kunst aus ihr selbst zu bestimmen, indem er sie entschieden geschichtlich denkt. Dies geschieht anhand zweier Thesen: Die erste lautet, im Kunstwerk habe sich „die Wahrheit ins Werk gesetzt“Martin Heidegger: Holzwege (GA 5), S. 21., die zweite, das Wesen der Kunst besteht in der „Stiftung der Wahrheit“, die „Geschichte gründet“.Martin Heidegger: Holzwege (GA 5), S. 65.

Die Abhandlung ist für das Werk Heideggers von großer Wichtigkeit, da er hier seinem Begriff der Welt eine neue Dimension verleiht und dieser zugleich mit der Erde einen Gegenbegriff erhält. Gadamer erinnert sich, dass dies damals eine „philosophische Sensation“ bedeutete.Hans-Georg Gadamer: Zur Einführung. In: Martin Heidegger: Der Ursprung des Kunstwerkes. Ditzingen 1986, S. 98.

Hintergrund Entstehung und Quellenlage Nach Heideggers eigenen Angaben begann die Vorarbeit zu dem Thema bereits in den Jahren 1931 und 1932.Vgl. Martin Heidegger / Elisabeth Blochmann, Joachim Storck (Hrsg.): Briefwechsel 1918-1968, Marbach 1989, S. 87. Diese Entwürfe wurden in den Heidegger-Studien erstmals 1989 veröffentlicht.Vgl. Friedrich-Wilhelm von Hermann (Hrsg.): Heidegger-Studien 5, 1989, S. 5–22. Erneut mit Paginierung der Heidegger-Studien abgedruckt in: Günter Figal (Hrsg.): Heidegger Lesebuch. Klostermann, Frankfurt am Main 2007, S. 149–170 Andere verstreute Aufzeichnungen, die in das Umfeld gehören, wurden ebenfalls in den Heidegger-Studien abgedruckt.Vgl. Heidegger-Studien 6 (1990), S. 5–7 und Heidegger-Studien 8 (1992), S. 6–12.

Die „Zweite Ausarbeitung“ wurde am 13. November 1935 in der Kunstwissenschaftlichen Gesellschaft in Freiburg unter dem Titel Vom Ursprung des Kunstwerkes vorgetragen und im Januar 1936 in Zürich wiederholt.Christoph König (Hrsg.): Geschichte der Germanistik. Mitteilungen. Göttingen, 2004, S. 39. Die in der Vortragssammlung Holzwege (Martin Heidegger: Holzwege (GA 5)) veröffentlichte Fassung ist die Zusammenfassung dreier erweiterter Vorträge, die Heidegger 1936 in Frankfurt am Main gehalten hat.Vgl. Andrea Kern: »Der Ursprung des Kunstwerkes«. Kunst und Wahrheit zwischen Stiftung und Streit. in: Dieter Thomä (Hrsg.): Heidegger Handbuch. Stuttgart, 2003, S. 162. Zunächst erschien der Text allerdings im Reclam-Verlag 1960. Diese Ausgabe weicht in einigen Stellen geringfügig von jener der Holzwege ab.

Da die erste Ausarbeitung des Themas in die Jahre 31/32 fällt, also genau die Zeit, in welcher sich in Heideggers Denken eine Kehre vollzog, bieten sich zwei Lesarten des Textes an. Die eine sieht ihn als eine Ausarbeitung der in Sein und Zeit dargelegten Auffassung von Wahrheit und Welt, die andere ordnet ihn bereits Heideggers gekehrtem Denken zu.

Seinsdenken Die Metaphysik bzw. Ontologie gab seit Beginn der Philosophie eine Vielzahl von Bestimmungen des Seins, beispielsweise: „Alles ist Materie“: Materialismus, „alles ist Geist“: Idealismus, „die Welt ist von Gott erschaffen“: Ontotheologie, „alles ist Objekt für ein Subjekt“: Subjektivismus. Unter diese philosophischen Bestimmungen fällt auch jene, welche sich an der neuzeitlichen Naturwissenschaft orientiert, wie dies der Neukantianismus tat. Auch er bringt ein bestimmtes Vorurteil darüber mit, was ist, und auch dieses bestimmt sein Verständnis der Kunst: Indem er der wissenschaftlichen Erkenntnis den Vorzug gab, erschien ihm das Kunstwerk nur als ein physischer Gegenstand, der darüber hinaus eine symbolische oder allegorische Bedeutung hat:

„Daß das Kunstwerk auch ein Ding ist und nur über sein Dingsein hinaus noch etwas anderes bedeutet, als Symbol auf etwas verweist oder als Allegorie etwas anderes zu verstehen gibt, beschreibt die Seinsweise des Kunstwerks von dem ontologischen Modell aus, das durch den systematischen Vorrang der wissenschaftlichen Erkenntnis gegeben ist. Was eigentlich ist, das ist das Dinghafte, die Tatsache, das den Sinnen Gegebene, das von der Naturwissenschaft einer objektiven Erkenntnis entgegengeführt wird. Die Bedeutung die ihm [sc. dem Kunstwerk] zukommt, der Wert, den es hat, sind dagegen zusätzliche Auffassungsformen von nur subjektiver Geltung.“Hans-Georg Gadamer: Zur Einführung. In: Martin Heidegger: Der Ursprung des Kunstwerkes. Ditzingen 1986, S. 103.

Heideggers Seinsdenken stellt den Versuch dar, sich im Philosophieren all dieser Bestimmungen zu enthalten. Es geht stattdessen der Frage nach, wie die philosophischen oder wissenschaftlichen Bestimmungen des Seins überhaupt entstehen. Damit ist Wahrheit kein überzeitlicher und ewiger Zustand mehr, sondern ein Geschehen. Nach Heidegger ist es nicht Aufgabe des Denkens, ewig gültige Seins- und Wahrheitsbestimmungen hervorzubringen, sondern darüber nachzudenken, wie diese Bestimmungen sich historisch ereignen. Das Sein selbst ist dann als Geschehen der Wahrheit zu begreifen. Hierzu darf gerade nicht im Vorhinein eine bestimmte Auffassung als wahr angenommen werden, die dann rückblickend allem historischen Geschehen untergeschoben wird.

Überwindung der Ästhetik Die metaphysischen Bestimmungen der philosophischen Tradition haben nach Heideggers Auffassung auch die traditionelle Ästhetik geprägt, weshalb er in ihr eine „metaphysische Kunstlehre“ sah,Martin Heidegger: Hölderlins Hymne »Der Ister«. (GA 53), S. 21. da sie einerseits mit Begriffen wie Sinnbild, Allegorie, Metapher, Gleichnis, die platonische Trennung von Sinnlich-Materiellem und Geistigem reproduziere, andererseits alle Kunstwerke als Objekte für ein Subjekt auffasste. Entsprechend der programmatischen Ablehnung der Metaphysik, strebte Heidegger auch eine „Überwindung der Aesthetik“ an. Die Abhandlung Der Ursprung des Kunstwerkes kann daher als ein Beitrag zu diesem Programm angesehen werden. In den Beiträgen zur Philosophie (GA 65) notiert Heidegger:

„Die Frage nach dem Ursprung des Kunstwerks will nicht auf eine zeitlos gültige Feststellung des Wesens des Kunstwerks hinaus, die zugleich als Leitfaden zur historisch rückblickenden Erklärung der Geschichte der Kunst dienen könnte. Die Frage steht im innersten Zusammenhang der Aufgabe der Überwindung der Aesthetik und d. h. zugleich mit einer bestimmten Auffassung des Seienden als des gegenständlich Vorstellbaren. Die Überwindung der Aesthetik wiederum ergibt sich als notwendig aus der geschichtlichen Auseinandersetzung mit der Metaphysik als solcher.“Martin Heidegger: Beiträge zu Philosophie. (Vom Ereignis) (GA 65), S. 503f.

Damit dies gelingt, entwickelt Heidegger sein Kunstdenken aus seinem Seinsdenken heraus: „Betont Heidegger, daß die Besinnung auf das Wesen der Kunst nur aus der Frage nach dem Sein bestimmt sei, dann spricht er darin allein seinen Anspruch aus, daß hier die philosophische Frage nach der Kunst auf einen neuen Grund gestellt wird, der in der Ausarbeitung der Seinsfrage gewonnen wird.“Friedrich-Wilhelm von Hermann: Heideggers Philosophie der Kunst. Eine systematische Interpretation der Holzweg-Abhandlung ‚Der Ursprung des Kunstwerkes‘, Frankfurt am Main 1980, S. XIX.

Wenn also das Seinsdenken auf diese Weise danach fragt, was die Kunst in ihrem Wesen ausmacht, dann kann auch im Falle der Kunst nicht im Voraus eine wahre Bestimmung des Seins angesetzt werden. Viel mehr wird sich zeigen, dass die Kunst selber ein Verhältnis zum Sein (bzw. der Welt als dieses Bedeutungsganze) darstellt. Im Kunstwerk wird also nicht bloß etwas erfahrbar, das vorher nicht erkannt war, sondern mit dem Kunstwerk selbst tritt ontologisch „etwas Neues ins Dasein“Hans-Georg Gadamer: Zur Einführung. In: Martin Heidegger: Der Ursprung des Kunstwerkes. Ditzingen 1986, S. 108., das nicht durch eine zuvor festgesetzte metaphysische oder wissenschaftliche Wahrheit beschrieben werden kann. Aus diesem Grund möchte Heidegger auch von einer Kunsttheorie loskommen, welche die Kunst als ästhetisches Erlebnis beschreibt und dadurch den Betrachter in den Mittelpunkt rückt: Es geht ihm darum „die ontologische Struktur des Werks unabhängig von der Subjektivität seines Schöpfers oder Betrachters zu verstehen.“Hans-Georg Gadamer: Zur Einführung. In: Martin Heidegger: Der Ursprung des Kunstwerkes. Ditzingen 1986, S. 105. Denn der Vorrang des Betrachters und des Erlebens ist selbst ein sich in der Neuzeit und parallel zur Subjektphilosophie ausbildender, der nicht rückwirkend auf beispielsweise die antike Kunst angewandt werden kann.

Inhalt

Im Mittelpunkt des heideggerschen Interesses am „Rätsel“ der Kunst steht dabei nicht mehr das Ideal der Ästhetik des Klassizismus, die Schönheit, sondern das Verhältnis von Kunst und Wahrheit. Gleichwohl erweist sich Schönheit als eine der wesentlichen Weisen, wie sich Wahrheit „ins Werk setzt.“ Der Vortrag ist, wie der Titel schon anzeigt, eine „Ursprungs-Theorie“, wobei Ursprung nach Heidegger das bedeutet, woher eine Sache ihr Wesen hat. Der Begriff des Wesens fasst wiederum das, was und wie eine Sache ist, unter sich zusammen. Für Heidegger zeigte sich jedoch bei der Suche nach dem Ursprung, dass der Künstler nur ist, indem er Kunstwerke hervorbringt, das Kunstwerk aber nur, weil es durch den Künstler gefertigt wurde: „Der Künstler ist der Ursprung des Werkes. Das Werk ist der Ursprung des Künstlers. Keines ist ohne das andere. Beide haben ihren Ursprung in der Kunst.“Martin Heidegger: Holzwege (GA 5), S. 1. Somit wird die Frage nach dem Ursprung des Kunstwerkes, zur Frage nach dem Ursprung der Kunst.

Zwei Thesen entfaltete Heidegger in seinem Vortrag: zum einen die, dass sich Wahrheit „ins Werk setze“; zum anderen die, dass der Kunst durch die Stiftung der Wahrheit eine geschichtsgründende Macht zukomme.

Für Heidegger war ein Kunstwerk nicht etwas Abstraktes, weshalb er äußerst ausführlich die Dinghaftigkeit des Kunstwerkes erläuterte. „Die Werke werden verschickt, wie die Kohle aus dem Ruhrgebiet (…) Hölderlins Hymnen waren während des Feldzuges im Tornister mitverpackt, wie das Putzzeug.“Martin Heidegger: Holzwege (GA 5), S. 3. Aber das Kunstwerk scheint über dieses Dinghafte hinaus noch etwas mehr zu sein. Zunächst muss aber verstanden werden, was ein Ding ist. Heidegger schlug drei Interpretationen vor, die er jedoch als unzureichend kritisierte:

Ein idealistisches Dingverständnis, welches im Ding ein aus Substanz und Akzidenzien Zusammengesetztes sieht. Hier wird die Struktur der Sprache (Substanz-Kopula-Akzidenz) auf das Ding übertragen, es wird gleichsam „überfallen.“

Ein materialistisches, bloß sinnliches, Dingverständnis (das Ding „rückt uns auf den Leib“), welches das Ding als Summe der Sinnesdaten begreift. Heidegger kritisierte hieran, dass niemals Sinnesdaten wahrgenommen werden, vielmehr „[H]ören [wir] den Sturm im Schornstein pfeifen […] Wir hören im Haus die Türe schlagen und hören niemals akustische Empfindungen.“Martin Heidegger: Holzwege (GA 5), S. 10.

Ein Dingverständnis, welches Stoff und Form unterscheidet, also dem „Begriffsschema schlechthin für alle Kunsttheorie und Ästhetik“ folgt.Martin Heidegger: Holzwege (GA 5), S. 12. Für Heidegger war der einzig akzeptable Ort dieses Begriffspaares das Zeug, also Gegenstände des Gebrauchs. Hier wird Stoff in eine Form zwecks Dienlichkeit gebracht, meist ist zudem die Verwendung des Stoffs von der zu erreichenden Form abhängig.