Der Anarchokapitalismus ist eine markt-fundamentale Ideologie und politische Philosophie, die für eine allein vom freien Markt, freiwilligen Übereinkünften und freiwilligen vertraglichen Bindungen zwischen Individuen geprägte Gesellschaftsordnung eintritt.„Anarcho-capitalism is a form of anarchism whose prime tenet is that the free market, unhampered by government intervention, can coordinate all the functions of society currently carried out by the state, including systems of justice and national defense. Anarcho-capitalists believe that a system of private property based on individual rights is the only moral system - a system that implies a free market, or total voluntarism, in all transactions.“ Susan Love Brown: The Free Market as Salvation from Government: The Anarcho-Capitalist View. In: James G. Carrier (Hrsg.): Meanings of the Market: The Free Market in Western Culture. Berg/Oxford, 1997, S. 99. In Abgrenzung vom Minimalstaat strebt der heutige Anarchokapitalismus eine reine PrivatrechtsordnungHans-Hermann Hoppe Staat oder Privatrechtsgesellschaft?, Manuskript der Rede auf dem 14-ten Philosophicum Lech, 24 Sept. 2010; auch erschienen in Wettbewerb der Gauner, ISBN 978-3-926396-58-7, sowie in Oliver Janichs Die Vereinigten Staaten von Europa, ISBN 978-3-89879-820-4 (auch NullstaatRoland Baader, Fauler Zauber, Resch, S. 68 (2. Auflage 1998), ISBN 978-3-935197-67-0) ohne öffentliches Recht an. Er tritt für ein weitgehend uneingeschränktes Recht auf individuelle Selbstbestimmung und eine weitreichende Verfügungsgewalt über Privateigentum ein, welche nicht durch staatliche Regelungen, sondern allein durch das Selbstbestimmungsrecht anderer eingeschränkt sein sollen.
Anarchokapitalisten betrachten jeden Staat als illegitimes politisches System, das Gesellschaftsmitglieder in ihrer Freiheit beschränkt, unrechtmäßig Gewalt gegen sie ausübt und sie durch Steuererhebung beraubt. Ihrer Meinung nach profitieren diejenigen vom Staat, die den größten Einfluss auf ihn haben, auf Kosten derjenigen mit weniger Einfluss. Der Staat sei daher eine unsoziale Einrichtung. In ihrer Staatskritik nehmen sie sowohl radikal liberale, libertäre und soziologische als auch ethische und wirtschaftswissenschaftliche Argumente für sich in Anspruch.
Der Begriff Anarchokapitalismus wurde erstmals von Murray Rothbard (1926–1995) verwendet. Zentral in seiner Theorie sind die Souveränität des Individuums und das Nichtaggressionsprinzip. Rothbard betonte, dass Libertäre keine Anarchisten seien. Kritiker wie der kanadische Historiker Quinn Slobodian sehen im Anarchokapitalismus eine Form des Rechtsextremismus und weisen auf sowohl rassistische und sozialdarwinistische als auch demokratiefeindliche Tendenzen von Vordenkern wie Rothbard und Hans-Hermann Hoppe hin.
Grundideen Souveränität des Individuums mini|Murray Rothbard Der US-amerikanische Ökonom Murray Rothbard verband die libertären Denktraditionen Nordamerikas mit den Ideen der österreichischen Schule zu einer Theorie des Anarchokapitalismus. Als dessen zentrale Prinzipien betrachtete er die Souveränität des Individuums und das Nichtaggressionsprinzip. Er schrieb dazu:
Für Anarchokapitalisten bedeutet Souveränität des Individuums bzw. Selbsteigentum, dass jeder Mensch ein Recht zur Selbstbestimmung hat, dass er allein das Recht besitzt, über seinen Körper und seine Lebensweise zu bestimmen. Rothbard begründet die Souveränität des Individuums durch Falsifikation aller möglichen Alternativen.
Das Recht auf Selbst- und Privateigentum beginnt für Rothbard mit der Geburt eines Menschen.Murray N. Rothbard: The Ethics of Liberty, New York 1998, S. 97–107. Für die Frage nach der Legalität von Abtreibung sei irrelevant, ob der Fötus bereits als Mensch betrachtet werde oder nicht, da kein Mensch das Recht habe, auf Kosten eines anderen zu leben. Eltern seien daher auch nicht dazu verpflichtet, ein geborenes Kind zu versorgen. Sie hätten allerdings, bis das Kind alt genug sei, um von zu Hause wegzulaufen, diesem gegenüber den Status von Treuhändern, welchen sie an andere Erwachsene verkaufen könnten. Auch hätten Eltern das Recht, ihre Kinder arbeiten zu lassen.
Nichtaggressionsprinzip Das Nichtaggressionsprinzip bedeutet für Anarchokapitalisten ein Verbot der Initiierung von und der Drohung mit Gewalt. Jegliche Aggression verletze die Freiheit anderer. Nur in Notwehrsituationen sei der Einsatz von Gewalt und die Drohung mit Gewalt zulässig. Das Nichtaggressionsprinzip verbietet Körperverletzung oder Mord ebenso wie Eigentumsdelikte. Zu letzteren zählen Anarchokapitalisten Betrug und Diebstahl, aber auch den Zwang zu unfreiwilligen Steuern und Abgaben sowie Enteignungen durch den Staat.Murray N. Rothbard: For A New Liberty. The Libertarian Manifesto. 2. Auflage. 1978
Der Unterschied zwischen libertären Anarchokapitalisten und libertären Minimalstaatlern besteht in erster Linie darin, wie weitgehend sie das Nichtaggressionsprinzip anwenden. Minarchisten, wie sie z. B. in libertären Parteien anzutreffen sind, möchten den Staat lediglich verkleinern, staatliche Gesetzgebung, Polizei, Gerichte und Militär jedoch beibehalten. Im Gegensatz dazu lehnen Anarchokapitalisten den Staat grundsätzlich ab, da jeder Staat per Definition ein durch Steuern und Gesetze nach innen und wegen externer Konflikte nach außen aggressiv agierender territorialer Monopolist sei, der somit gegen das Nichtaggressionsprinzip verstoße.Murray N. Rothbard: The Ethics of Liberty. 1982
Einige Theoretiker wie Rothbard bejahen das Nichtaggressionsprinzip als die wesentliche Basis von Moral und natürlichen Rechten. Andere wie David Friedman machen das universale Selbstinteresse aller Menschen, keine Opfer von Aggression werden zu wollen, zum Ausgangspunkt ihrer philosophischen Betrachtungen. Sie verurteilen weniger die Eingriffe des Staates, die sie als inhärent aggressiv und amoralisch betrachten und die es ihm als Machtmonopolisten erlauben, das Nichtaggressionsprinzip zu beugen. Vielmehr argumentieren sie, dass sich das Recht auf Widerstand gegen Aggression aus dem gegenseitigen Selbstinteresse der jeweiligen Vertragsparteien ergebe, weder Zwang und Gewalt zu initiieren, noch gegen sich selbst zu akzeptieren.
Nach dem deutschen Anarchokapitalisten Stefan Blankertz ist es legitim, sich gegenüber jemandem, der das Nichtaggressionsprinzip verletzt, zu verteidigen und einen Ausgleich für von einem solchen Aggressor verursachte Schäden zu verlangen: „[Ein] Dieb muss – logisch gesehen – zustimmen, dass ihm das geraubte Gut bzw. ein Äquivalent davon abgenommen wird. Denn entweder erkennt er das Eigentum an (dann muss er zugeben, ein Unrecht begangen zu haben), oder er leugnet das Recht auf Eigentum: Dann kann er nichts dagegen einwenden, dass man ihm etwas wegnimmt.“Stefan Blankertz: Was hat es mit dem Naturrecht auf sich? In: eigentümlich frei. Nr. 6, Februar 1999.
Privateigentum Die meisten Anarchokapitalisten haben ein neo-lockeanisches Eigentumsverständnis. Eigentum wird aus ihrer Sicht durch „Vermischung der Natur mit der eigenen Arbeit“ geschaffen, indem jemand sich einen Gegenstand, der von keinem anderen Menschen genutzt oder als Eigentum beansprucht wird, aneignet und durch eigene Arbeit aufwertet. Rothbard schreibt: „In einer freien Gesellschaft ist jeder Teil der Natur, der nie zuvor genutzt wurde, besitzerlos. (…) Wenn Kolumbus auf einem neuen Kontinent landet, ist es dann legitim für ihn, den neuen Kontinent oder den Bereich soweit seine Augen sehen als sein Eigentum zu erklären? Dies wäre in der freien Gesellschaft, wie wir sie postulieren, eindeutig nicht der Fall. Kolumbus oder Crusoe müssten das Land nutzen, es in irgendeiner Weise kultivieren, bevor er behaupten könnte, es zu besitzen. (…) Ungenutztes Land müsste besitzerlos bleiben, bis ein erster Nutzer eintrifft. Jeder Versuch, einen Anspruch auf eine Ressource zu erheben, die jemand nicht nutzt, müsste als Angriff auf die Besitzrechte eines zukünftigen ersten Nutzers gewertet werden.“Murray Rothbard: Man, Economy, and State: A Treatise on Economic Principles. S. 147.
Rothbard leitet das Recht auf Eigentum aus dem Recht auf Selbsteigentum ab. Er schreibt: „Falls jeder Mensch das Recht an seinem eigenen Körper hat und falls er Objekte der Natur benutzen und transformieren muss, um zu überleben, dann hat er das Recht, das von ihm geschaffene Produkt zu besitzen.“ Nachdem Eigentum durch Arbeit geschaffen wurde, kann es durch freiwilligen Tausch oder als Geschenk an einen neuen Eigentümer weitergegeben werden; ein erzwungener Transfer von Gütern wird als illegitim angesehen.
Rothbard schreibt weiterhin: „Probleme und Schwierigkeiten treten immer dann auf, wenn das Erstnutzer-Erstbesitzer-Prinzip nicht beachtet wird. In fast allen Ländern haben Regierungen Anspruch auf neues, ungenutztes Land erhoben. (…) Nehmen wir an, die Regierung entledigt sich ihres ungenutzten Landes durch den Verkauf in einer Auktion an den Höchstbietenden. Da die Regierung keinen gültigen Besitzanspruch hat, hat der Käufer diesen ebenfalls nicht. Falls der Käufer, wie dies häufig passiert, das Land „besitzt“, es aber nicht nutzt oder darauf siedelt, wird er zum Landspekulanten in einem abwertenden Sinne. Der wirkliche Nutzer ist (…) gezwungen, das Land vom Spekulanten zu pachten oder zu kaufen, obwohl dieser keinen gültigen Besitzanspruch hat.“Murray Rothbard: Power and Market: Government and the Economy. Kansas City 1977, S. 132.
Gemäß Ludwig von Mises war umfangreicher Landbesitz immer das Resultat von durch Staaten erzwungenen Landmonopolen und resultierte nicht aus der Kumulation kleiner Parzellen durch Marktprozesse. „Nirgends und zu keiner Zeit entstand umfangreicher Landbesitz durch das Wirken der ökonomischen Kräfte des Marktes. Er ist das Resultat militärischer und politischer Anstrengungen. Durch Gewalt begründet, wird er ausschließlich von Gewalt aufrechterhalten.“Ludwig von Mises: Socialism. Yale University Press, New York 1951, S. 375.
Dadurch, dass sich der Staat Teile des Landes aneignet, es dem Markt entzieht und damit das Angebot senkt, erzielen Landbesitzer laut Rothbard höhere Gewinne mit der Verpachtung und dem Verkauf von Land, als es in einem freien Markt möglich wäre.Murray Rothbard: Power and Market. S. 68. Bernie Jackson weist weiter darauf hin, dass beispielsweise die Regierung der Vereinigten Staaten bestimmten Unternehmen der Holz-, Erdöl-, Bergbau- und Farmindustrie große Teile des Landes zu politisch festgelegten Preisen zur Verfügung stelle, welche sich unterhalb des Marktpreises befänden. Umweltverschmutzung und ein Raubbau an der Natur werde für diese Unternehmen dadurch profitabel, dass sie keine Marktpreise für die von ihnen genutzten Ressourcen zahlen müssten.Bernie Jackson: The Fine Art of Conservation. In: The Freeman: Ideas on Liberty. Oktober 1998.
Falls Besitz von Staaten gehalten wird, tritt Rothbard für die Rückgabe an den privaten Sektor ein. „Jeder Besitz in den Händen des Staates ist in den Händen von Dieben und sollte so schnell wie möglich befreit werden.“ Rothbard unterstützt weiterhin die Expropriation von „nominellem Privateigentum“, falls es das „Resultat von durch den Staat initiierter Gewalt“ sei. Er schlägt vor, dass Unternehmen, die mindestens zu 50 % durch den Staat finanziert wurden, von den Mitarbeitern zu ihrem Eigentum erklärt werden. Er schreibt: „(…) was wir beanstanden, sind ungerechtfertigte Besitzansprüche. Wir sind nicht für Privateigentum per se, sondern für unschuldiges, nicht kriminelles Privateigentum.“ Karl Hess schreibt: „[Der] Libertarismus (…) wünscht in keiner Weise jeden Besitz, der heute Privateigentum genannt wird, zu verteidigen. (…) Vieles Eigentum ist gestohlen. Viele Besitzansprüche sind fragwürdig. Alles ist tief verflochten mit einem unmoralischen Zwangsstaatssystem.“Karl Hess: Letter From Washington. In: The Libertarian Forum. Vol. I, No. VI, 15. Juni 1969, S. 2 (PDF; 580 kB)
Recht und Ordnung