mini|Erlebnis in Höhe der Baumwipfel
Die Erlebnispädagogik (auch als EP oder EPäd abgekürzt) ist ein Themengebiet der Pädagogik. Sie befasst sich mit Gruppenerfahrungen in der Natur, um die Persönlichkeit und soziale Kompetenzen zu entwickeln. Erlebnispädagogik gilt heute als integrativer Bestandteil ganzheitlicher Erziehungs- und Bildungskonzepte. Ursprünglich in der Reformpädagogik verwurzelt, gewinnt sie in jüngster Zeit wieder an Bedeutung, da Schlüsselqualifikationen wie soziale Kompetenz, Wagnisbereitschaft und Persönlichkeit eine zunehmende Rolle in der Gesellschaft spielen. Der Begriff „Moderne Erlebnispädagogik“ wurde Ende der 1970er-Jahre von Jörg W. Ziegenspeck an der Leuphana Universität Lüneburg geprägt. Es gelang ihm, in fünf Jahrzehnten die Erlebnispädagogik zur allgemein anerkannten Teildisziplin der Pädagogik zu entwickeln und zu fundieren. Er war es auch, der wissenschaftliche Praxis und praxisorientierte Wissenschaft als sich wechselseitig stimulierende Wirkungsfelder begriff, und die erlebnispädagogische Bewegung mit ihren vielfältigen, praktischen und vorwiegend ehrenamtlich verantworteten Projekten entscheidend formte.Torsten Fischer, Jens Lehmann (Hrsg.): Die erlebnispädagogische Bewegung zwischen Wunsch und Wirklichkeit. Das reformkritische Werk von Jörg W. Ziegenspeck. Baltmannsweiler (Schneider Hohengehren) 2020, ISBN 978-3-384-02098-7
Geschichte mini|Schüler auf einer Outdoor-Exkursion in den USA, 1899
Die Geschichte der Erlebnispädagogik hängt eng mit Entwicklungen in der Philosophie, der Psychologie, der Soziologie und der Pädagogik zusammen. Die Erlebnispädagogik, wenn auch noch nicht unter diesem Begriff, war seit jeher eine Methode, die versucht hat, den Erziehungsmethoden der jeweiligen Zeit, die als reformbedürftig empfunden wurden, etwas entgegenzusetzen.
Die Erlebnispädagogik entwickelte sich im Kontext von Schule und deren Erziehungsauftrag und war eng mit der Auffassung von ganzheitlichem Lernen verknüpft. An den wichtigen historischen Vertretern aus Pädagogik und Philosophie lässt sich die erlebnispädagogische Geschichte skizzieren. Der Blick über Jahrtausende hinweg verdeutlicht einen roten Faden von der Erziehungslehre Platons, die von einer umfassenden Förderung der Jünglinge in einer gesunden Gegend ausgeht, hin zu den ganzheitlichen Erziehungsvorstellungen am jungen Menschen des Aristoteles bis zu Jean-Jacques Rousseau. Er gilt als einer der Begründer des erlebnispädagogischen Gedankens. Insbesondere im 20. Jahrhundert verschmolzen reform- und erlebnispädagogische Ansätze mit Einflüssen vormilitärischer Erziehung.
Vordenker und wichtige Vertreter der Erlebnispädagogik Jean-Jacques Rousseau mini|Französische Originalausgabe von Emile oder über die Erziehung
Bedeutende Grundlagen der Erlebnispädagogik wurden von Jean-Jacques Rousseau (1712–1778) geschaffen, der in seinem Buch Emile oder über die Erziehung für eine „Natürliche Erziehung“ plädiert.
Dieser erste Satz aus EmileRousseau, Jean-Jacques: Emile. 1762. In: Themenportal Europäische Geschichte (2006), europa.clio-online.de (abgerufen am 10. Juni 2020) verdeutlicht gleich zu Beginn den Hauptgedanken des Werkes, der häufig mit dem Schlagwort Zurück zur Natur wiedergegeben wird. Rousseaus Ziel ist eine Erziehung ohne Erzieher, die durch natürliche Strafe (logische Konsequenzen), das heißt die negativen Folgen von unpassenden Handlungen, zum freien Menschen führt.
Nach Rousseau wird der Mensch durch drei Einflüsse erzogen:Rousseau, Jean-Jacques: Emile. 1762. Digitalisat, Vollständige Onlineausgabe, Übersetzung nach Hermann Denhardt (abgerufen am 10. Juni 2020)
Die Reihenfolge der Erwähnung von Natur, Dinge und Menschen zeigt ihre Bedeutung. Demnach orientiert sich das Lernen nicht so sehr an der Person des Erziehers, sondern vielmehr an den Wirkungen, die sich aus dem Umgang mit gegenständlichen Dingen in der Natur ergeben. Die Erziehung durch Menschen hat das einzige Ziel, die Erziehungsgewalt der Natur und der Dinge zu stärken und negative Einflüsse, wie Gesellschaft, Wissenschaft, Kunst und Zivilisation zu verhüten.
Rousseau kann als Vertreter des handlungsorientierten Unterrichts gesehen werden:
Erlebnis und Unmittelbarkeit sind die beiden wichtigsten Säulen der Rousseau’schen Erziehungsutopie. Damit errichtete Rousseau bereits im 18. Jahrhundert die Grundmauern zum Gedankengebäude der Erlebnispädagogik.
Henry David Thoreau mini|Der Ort, an dem Thoreaus Blockhütte stand, im Jahr 1908
100 Jahre später wurde diese Arbeit von Henry David Thoreau (1817–1862) weitergeführt. Thoreaus Ziel war das ursprüngliche und unmittelbare Leben ohne Mittler. Thoreau machte, wie auch Rousseau, den damals herrschenden Zeitgeist, wie Luxus, Bequemlichkeit, Mode, Zivilisation und Technik für den Verlust der Unmittelbarkeit verantwortlich. Er ging davon aus, dass ein Erlebnis in Form einer Auszeit vom vertrauten sozialen Umfeld und den alltagsbedingten Verpflichtungen einen inneren Perspektivwechsel anstoßen kann.
Thoreau suchte nach den eigentlichen Lebensbedürfnissen des Menschen und versuchte in einer selbstgebauten Blockhütte am Walden-See nahe seiner Heimatstadt Concord zweieinhalb Jahre lang ein bedürfnisloses Leben zu führen, um zum eigentlich Wichtigen vorzustoßen. Neben der Natur, an der jeder jederzeit kostenlos lernen konnte, war Thoreau der Ansicht, dass die Einrichtung von Volkshochschulen den Menschen die Bildung und Weltsicht verschaffen sollten. Diese Erfahrungen dokumentierte er in seinem Schlüsselwerk von 1854: Walden oder Leben in den Wäldern (englischer Originaltitel Walden; or, Life in the Woods).Thoreau, Henry David: Walden. deutsche Ausgabe 1905., zum Digitalisat (abgerufen am 10. Juni 2020)
John Dewey Bei einem weiteren wichtigen Vertreter, John Dewey, ist der Begriff der Erfahrung zentral:
Der Prozess des Lernens steht im Vordergrund, dieses Lernen findet seinen Bezug in den sozialen Aktivitäten des Kindes, seiner Lebenswelt und fordert das Kind, darf es jedoch nicht überfordern.Montiegel, Jochen e.a.: Projekt Dewey an der PH Ludwigsburg, (abgerufen am 10. Juni 2020)Heisermann, Tatjana: John Dewey (Uni-Köln): Der Begriff des Experience, PDF-Datei (abgerufen am 10. Juni 2020)
Lord Baden-Powell und die Pfadfinder mini|Fahnengruß von Pfadfindern verschiedener Nationalitäten beim 10th World Scout Moot 1996
1907 gründete Robert Baden-Powell in England die erste Pfadfindergruppe. Er ist mit der Pfadfindermethode einer der geistigen Väter der modernen Erlebnispädagogik. Das pädagogische Motto der Pfadfinderbewegung „learning by doing“ stammt von dem amerikanischen Reformpädagogen W.H. Kilpatrick, einem Zeitgenossen Baden-Powells.William Heard Kilpatrick: The project method. The use of the purposeful act in the educative process. Teachers College – Columbia University, New York NY 1918. Das Konzept, gezielt Verantwortung zu übertragen und Kindern und Jugendlichen „etwas zuzutrauen“ war in den puritanisch und konservativ geprägten europäischen Gesellschaften um die Jahrhundertwende neu. Zur Pfadfinderbewegung gehörten 2006 weltweit mehr als 38 Millionen Kinder und Jugendliche aus 216 Ländern. Die Methode wurde von vielen anderen Jugendverbänden übernommen und hat die Jugendarbeit und die Sozialpädagogik beeinflusst. Viele Elemente wurden ins Outdoortraining übertragen und werden bis heute im Managementtraining und Teamtraining eingesetzt.
Martin Luserke und die naturhafte Erziehung 1925 gründete der Reformpädagoge Martin Luserke die als Internat geführte Schule am Meer auf der Nordseeinsel Juist. Der Begriff Erlebnispädagogik war zur damaligen Zeit noch längst nicht formuliert, doch sein reformpädagogisches Konzept basierte bereits darauf,Herbert Giffei: Martin Luserke – Ein Wegbereiter der modernen Erlebnispädagogik? In: Wegbereiter der modernen Erlebnispädagogik, Heft 5, Lüneburg 1987. den Schülern durch eine „naturhafte Erziehung“ ein Erlebnis aus erster Hand zu ermöglichen, eine „Erziehung durch die See“.Ulrich Schwerdt: Martin Luserke (1880–1968). Reformpädagogik im Spannungsfeld von pädagogischer Innovation und kulturkritischer Ideologie. Eine biographische Rekonstruktion. Lang, Frankfurt am Main u. a. 1993, ISBN 3-631-46119-4. S. 222. Diese hands on-Methodik fand ihren Ausdruck insbesondere in seiner Vorstellung von „Lebensbildung“, einer praxisbezogenen Bildung, die sich am realen Leben orientierte und nicht wie an staatlichen Schulen dieser Zeit ausschließlich an theoretischen Erkenntnissen.Renate Maiwald: Schule als Gesamtkunstwerk – Die Elizabeth-Duncan-Schule und die Schule am Meer (gegründet von Martin Luserke). In: Pädagogisches Forum 8 (1995), H. 1, S. 3–11. Die Schule am Meer betonte den musischen, physischen und handwerklichen Bereich sowie eine tägliche Auseinandersetzung mit der Natur.Friedrich Merker: Die Bedeutung des Musischen in der Pädagogik Martin Luserkes. In: Pädagogische Rundschau 34 (1980), S. 595–601. Jeder Schüler und Lehrer war in dieses Konzept der basisdemokratisch organisierten „Schulgemeinde“ eigenverantwortlich eingebunden. Luserke entwickelte bereits während seiner pädagogischen Tätigkeit in der Freien Schulgemeinde Wickersdorf ab 1906 über zwei Jahrzehnte das schulische Laienspiel, das jedem Schüler die Möglichkeit einer darstellerischen und tänzerischen Ausdrucksform eröffnete.Bund für das neue Theater (Hrsg.) / Martin Luserke: Shakespeare-Aufführungen als Bewegungsspiele. W. Seifert, Stuttgart/Heilbronn 1921. Als damals einzige deutsche Schule errichtete die Schule am Meer zu diesem Zweck eine eigene Theaterhalle. Ein schuleigener Chor, ein Orchester und Theater-Performances mit deutschlandweiten Auftritten waren ebenso Elemente der erlebnispädagogischen Vorstellungen Luserkes wie eine aktive Teilnahme der Schüler und Lehrer am weiteren Ausbau der Schule, an der Einrichtung und Pflege von dreißig Meerwasseraquarien und elf Schulgärten, am Dünenschutz der Insel, am Bau eigener Segelboote und am Segeln sowie dem Erkunden der ost- und westfriesischen Gewässer sowie des Wattenmeers der Nordsee.Jörg Ziegenspeck (Hrsg.): Martin Luserke. Reformpädagoge – Dichter – Theatermann; Gründer und Leiter der Schule am Meer auf der Nordseeinsel Juist, Neubauer, Lüneburg 1990, ISBN 978-3-929058-07-9
Erlebnistherapie nach Kurt Hahn mini|Schloss Salem mini|Gordonstoun
Kurt Hahn war ein deutscher Pädagoge, der als Urvater der Erlebnispädagogik gilt und von 1886 bis 1974 lebte. Er wirkt mit seinen Konzepten bis heute in die Entwicklung und Umsetzung der Erlebnispädagogik hinein. Sein Verständnis vom Erleben und von Erlebnissen, seine zur Veranschaulichung gewählten Bilder wirken bis in die heutigen Schulmodelle, die in der Schule Schloss Salem angeboten werden. Ebenso stehen die Outward Bound Schools für die weltweit verbreiteten Bildungsstätten erlebnispädagogischer Ausrichtung.
Kurt Hahn kann keine konventionelle Karriere als Lehrer oder Erzieher vorweisen. Er wird oft als „Vater der Erlebnispädagogik“ bezeichnet, obwohl er weder studierter Pädagoge noch Politiker mit Mandat war. Trotzdem hat er Teilbereiche der Pädagogik entscheidend beeinflusst.Kurt Hahn: Reform mit Augenmaß. 1998.
Die Erlebnispädagogik hatte mit Hahn um 1930 in Deutschland ihren ersten Höhepunkt. Sie wurde in der Reformpädagogik zu einem wichtigen Pfeiler des Unterrichtsverständnisses. In der Dissertation von Waltraut Neubert (1930), einer akademischen Schülerin von Herman Nohl (Universität Göttingen), wurde dies deutlich.Waltraut Neubert: Das Erlebnis in der Pädagogik. 1925.
Das Erlebnis wurde dabei als ein „methodischer Grundbegriff der modernen Pädagogik“ neben dem der Arbeit verstanden, wobei die Schule als „Erlebnisfeld des Kindes“ galt.Erlebnispädagogik. In: Franz Stimmer (Hrsg.): Lexikon der Sozialpädagogik und der Sozialarbeit. 4. völlig überarbeitete und erweiterte Auflage. Oldenbourg, München / Wien 2000, ISBN 3-486-25369-7, S. 183.