Sichenhausen ist ein Stadtteil von Schotten im mittelhessischen Vogelsbergkreis.
Geographie Der Ort liegt am Südhang des Vogelsberges. Nahe dem Ort im Oberwald entspringt die Nidder. Oberhalb des Dorfes liegt der Ernstberg, ein Naturschutzgebiet, in dem seltene Pflanzen- und Tierarten beheimatet sind. Er ist ein beliebter Punkt für Touristen, da man dort bei klarem Wetter die Skyline von Frankfurt am Main und den Taunus sehen kann.
Geschichte Ersterwähnung und Ortsname Die älteste bekannte schriftliche Erwähnung von Sichenhausen erfolgte am 7. April 1335 unter dem Namen Sychenhusen,Friedrich Battenberg: Stolberger Urkunden. Regesten zu den Urkundenbeständen und Kopiaren der Fürsten und Grafen zu Stolberg in Ortenberg, im Hessischen Staatsarchiv Darmstadt und im Staatsarchiv Magdeburg 1191–1840. = Repertorien des Hessischen Staatsarchivs Darmstadt 21, Darmstadt 1985, S. 17, Nr. 56. wobei sich die Urkunde auf das alte Sichenhausen bezieht, das nordöstlich des heutigen Ortes lag.
In der Gemarkung des heutigen Sichenhausen befanden sich im Hochmittelalter auch die Ortschaften Eigelshain und Enkharts, die zu Wüstungen wurden.Leonhard Volk: Die Wüstungen im Kreis Schotten. In: MOHG NF 37, 1940, S. 1–172, S. 86. Alt-Sichenhausen wurde 1555 als wüst bezeichnet. Der neue Ort wurde erstmals am 11. August 1572 nachgewiesen.
Der Ortsname Sichenhausen wird bisher gedeutet als „zu den Haus Häusern eines Sigo, eines Sicho.“K. Heuson: Woher stammt der Name Bösgesäß? Eine Erklärung der Ortsnamen des Kreises Büdingen. In: Heimat-Jahrbuch 1952 des Landkreises Büdingen, S. 21–25, S. 25. Die Endung „hausen“ bedeutet mittelhochdeutsch eigentlich „zi den husen“, das heißt zu den Häusern. Alt-Sichenhausen bestand also früher als die umliegenden Orte mit den Endungen „hain“ und „rod“. Der Grund für diese frühe Ansiedlung in dieser Höhenlage des rauen, unwirtlichen Vogelsberges ist nur mit der Bedeutung seiner Lage zu erklären.
Eine alte Fernstraße führte einst durch die Gemarkung und überquerte die Höhen des Vogelsberges. Diese „rechte Nidderstraße“ soll der Weg gewesen sein, den der Leichenzug von Bonifatius im Sommer 754 von Mainz nach Fulda nahm.
Siedlungsgeschichte von Sichenhausen Ähnlich wie ein anderer Schottener Stadtteil, nämlich Michelbach, hat Sichenhausen eine besondere Siedlungsgeschichte. Beide Orte sind aus Wüstungen im 15. und 16. Jahrhundert neu hervorgegangen. Sichenhausen und die Wüstungen Eigelshain und Enkharts wurden bereits im 19. Jahrhundert gründlich untersucht.Georg Wilhelm Justin Wagner: Die Wüstungen im Großherzogtum Hessen. Mit einem ergänzenden Anhang von F. Knöpp (Vol. 1–3). Darmstadt 1854–1865, S. 218 ff.
Das Dorf „Eygelshain“ wurde 1289 erstmals erwähnt. Im Siedlungsgebiet wurden Reste mittelalterlicher Eisenhütten gefunden. „Eigilshain“ wird noch einmal 1436 erwähnt.Ludwig Baur, Hessische Urkunden. Bd. 4, Nr. 140. Seit 1555 ist der Ort wie auch Alt-Sichenhausen wüst.Georg W. J. Wagner, Wüstungen Hessen, S. 225.
Die Gemarkung des heutigen Sichenhausen umfasst die Gemarkungen von Alt-Sichenhausen und Enkharts und stößt nördlich an die ehemaligen Grenzen von Eigelshain. Der große Zehnte der „alten Felder“ fiel an die Kirche Herchenhain. Zu dieser Kirche gehörten Sichenhausen und Hartmannshain als Filialen.Stephan Alexander Würdtwein, Dioc. III, S. 87.
Am 11. August 1335 versprach Hermann von Lißberg, Conrad III. von Trimberg Schotten und die drei Teile von Sichenhausen, die Conrad ihm für 500 Pfund Heller verpfändet hatte, nach zehn Jahren zurückzugeben. Die Rückgabe kann auch an Gottfried von Eppenstein dem Jüngeren erfolgen.Helfrich Bernhard Wenck: Hessische Geschichte II. Frankfurt am Main & Leipzig 1789. S. 238 f. 1389 kaufte Friedrich von Lißberg von Eberhard I. von Eppenstein für 503 Gulden u. a. das Dorf „Siechenhausen“ und die Wüstung „Engelshein.“Georg W. J. Wagner: Wüstungen Hessen, S. 221.
1572 verzichtete Graf Ludwig zu Stolberg-Königstein auf alle Ansprüche an den Dörfern „Eigelshain“, „Enkers“ und Sichenhausen gegenüber Landgraf Ludwig IV. von Hessen-Marburg.
Eckards gehörte wie Burkhards, Busenborn, Eichelsachsen, Eschenrod, Hartmannshain, Herchenhain, Kaulstoß, Sichenhausen und Wingershausen zum Gericht Burkhards.Georg W. J. Wagner: Wüstungen Hessen, S. 224. Am 21. April 1303 gab Werner von Lißberg dem Ritter Johann von Linden Güter „zu deme Eckehardis“ als Eigentum, die Johann vorher als Lehen von Werner hatte. Dafür gab Johann einen Mansus zu Unter-Widdersheim.Valentin Ferdinand Gudenus: Codex diplomaticus anecdotorum res Moguntinas, Trevirenses, Franconicas, Palatinas, finitmarumque regionum nec non jus germanicum et S. R. I. historiam vel maxime illustratium (Vol. 1–5), Göttingen, Frankfurt, Leipzig (1743–1768), IV, S. 986 f.
In Steuerlisten werden 1555 für „Enckarz“ die gleichen Namen und Abgaben wie für Sichenhausen 1578 genannt. Das bedeutet, dass beide Orte identisch waren. Enckarz/Sichenhausen bestand 1555 aus 16 Häusern, in denen 17 Familien wohnten. Außerdem gab es ein Hirtenhaus, zwei Mahlmühlen und eine Schleifmühle.Georg W. J. Wagner: Wüstungen Hessen, S. 239.
Weitere Geschichte Seit dem Mittelalter gehört Sichenhausen kirchlich zu Herchenhain.
Im Dreißigjährigen Krieg wurde das Dorf sehr in Mitleidenschaft gezogen. 1635 starben 85 Einwohner an der Pest.Ortsgeschichte im Internetauftritt der Stadt Schotten
Im 18. Jahrhundert wurde eine Schule errichtet. Sie steht noch heute in der Ortsmitte, wurde allerdings seit 1905 nicht mehr als Schule genutzt, da man einen Neubau errichtete. Dieser wurde 1972 umgebaut und dient heute als Dorfgemeinschaftshaus.
In Sichenhausen und Schotten begingen die Räuber Nicolaus Vierheller aus Kaulstoß und Jakob Heinrich Vielmetter, vulgo Jacob Heinrich, um 1810 zwei Diebstähle.Friedrich Ludwig Adolph Grolman: Actenmäßige Geschichte der Vogelsberger und Wetterauer Räuberbanden und mehrerer mit ihnen in Verbindung gestandenen Verbrecher. Nebst Personal-Beschreibung vieler in alle Lande teutscher Mundart dermalen versprengter Diebe und Räuber; Mit einer Kupfertafel, welche die getreuen Bildnisse von 16 Haupt-Verbrechern darstellt. Gießen 1813. Kap. XXXI, S. 226 ff, S. 234. Der Räuber Vielmetter wurde als eigentlicher Kopf der Wetterauer Bande angesehen.Hermann Bettenhäuser: Räuber- und Gaunerbanden in Hessen. Ein Beitrag zum Versuch einer historischen Kriminologie Hessens. In: Zeitschrift des Vereins für Hessische Geschichte und Landeskunde. Bd. 75/76. 1964/65, S. 275–348, S. 338. Mit dem Schweinehirten Heinrich Fischer aus Sichenhausen beging Vielmetter in der Nacht vom 9. zum 10. März 1799 einen Tuch-Diebstahl in Schotten.Friedrich Ludwig Adolph Grolman: Actenmäßige Geschichte, S. 214.
Die Statistisch-topographisch-historische Beschreibung des Großherzogthums Hessen berichtet 1830 über Sichenhausen:
1840 hatte das Dorf 517 Einwohner. Durch Missernten, Auswanderung nach Amerika oder den Weggang von jungen Leuten aufgrund der schlechten wirtschaftlichen Situation nahm die Einwohnerzahl danach sehr schnell ab. Nur 24 Jahre später lebten nur noch 368 Einwohner in Sichenhausen. Im Jahre 1909 betrug die Einwohnerzahl nur noch 281. Dieser Wert hat sich bis heute in etwa gehalten.
Bis zum Zweiten Weltkrieg war die Bevölkerung sehr arm. Aufgrund des Klimas waren der Ackerbau und die Viehzucht nicht lohnend. „Besonders unfruchtbar sind die rauhen Gegenden von Herchenhain, Hartmannshain, Sichenhausen …“ Obstbäume gab es 1830 keine und auch keine Winterfrucht.Georg Wilhelm Justin Wagner: Statisch-topographisch-historische Beschreibung des Großherzogthums Hessen. Darmstadt 1830, S. 264. Die Bevölkerung wusste sich aber zu helfen durch das Herstellen von Besen und Schanzenkörben, die von Hausierern vertrieben wurden.
In den beiden Kriegen des 20. Jahrhunderts kamen insgesamt 34 Menschen aus Sichenhausen ums Leben.
Im Dorf gab es einst einen Fußballverein. Der Spielbetrieb wurde aber wieder eingestellt und der Verein schloss sich der Spielgemeinschaft Burkhards an. Der ehemalige Sportplatz dient heute als Gewerbefläche für einen Forstbetrieb.
Ende Mai 2016 ergossen sich an einem Wochenende aufgrund von starken Regenfällen gleich drei Schlammlawinen über den nordwestlichen Teil des Dorfes. Insgesamt waren sieben Haushalte davon betroffen, darunter das Bürgerhaus. Ein Haus war bis auf weiteres unbewohnbar. In den Wochen und Monaten danach waren die Bürger mit den Aufräum- und Renovierungsarbeiten beschäftigt. Die Stadt Schotten richtete für die betroffenen Haushalte ein Spendenkonto ein und es wurden einige bauliche Maßnahmen getroffen.
Hessische Gebietsreform (1970–1977) Sichenhausen war bis zum 31. Dezember 1971 eine eigenständige Gemeinde und gehörte zum Landkreis Büdingen. Im Zuge der Gebietsreform in Hessen wurde zum 31. Dezember 1971 gemeinsam mit den Orten Kaulstoß und Burkhards in die Stadt Gedern im Wetteraukreis eingegliedert. Die Stadt Gedern sollte ursprünglich dem neuen Vogelsbergkreis angehören. Gedern entschied sich allerdings für den Wetteraukreis. Als sich zeigte, dass diese im Wetteraukreis verbleiben wollte, wurden die Vogelsbergorte Burkhards, Kaulstoß und Sichenhausen am 1. August 1972 durch Landesgesetz in die Stadt Schotten, die in den Vogelsbergkreis wechselte, umgemeindet. Für den Stadtteil Sichenhausen wurde ein Ortsbezirk errichtet.
Verwaltungsgeschichte im Überblick Die folgende Liste zeigt die Staaten und deren Verwaltungseinheiten,Bis zur Trennung der Rechtsprechung von der Verwaltung waren die Ämter und frühen Gerichte sowohl Gericht als auch Verwaltungsorgan. denen Sichenhausen angehört(e):
Vor 1450: Heiliges Römisches Reich, Grafschaft Ziegenhain, Amt Nidda, Gericht Burkhards 1450–1495: Erbstreit zwischen der Landgrafschaft Hessen und den Grafen von Hohenlohe ab 1450: Heiliges Römisches Reich, Landgrafschaft Hessen, Amt Nidda, Gericht Burkhards ab 1567: Heiliges Römisches Reich, Landgrafschaft Hessen-Marburg, Amt Nidda, Gericht Burkhards 1604–1648: Heiliges Römisches Reich, strittig zwischen Landgrafschaft Hessen-Darmstadt und Landgrafschaft Hessen-Kassel (Hessenkrieg) ab 1604: Heiliges Römisches Reich, Landgrafschaft Hessen-Darmstadt, Oberfürstentum Hessen, Amt Nidda, Gericht Burkhards 1787: Heiliges Römisches Reich, Landgrafschaft Hessen-Darmstadt, Regierungsbezirk Gießen, Amt Nidda und Lißberg, Gericht Burkhards ab 1806: Großherzogtum Hessen,Infolge der Rheinbundakte. Fürstentum Oberhessen, Amt und (seit 1803) Gericht Lißberg ab 1815: Großherzogtum Hessen, Provinz Oberhessen, Amt Lißberg ab 1821: Großherzogtum Hessen, Provinz Oberhessen, Landratsbezirk SchottenTrennung zwischen Justiz (Landgericht Schotten) und Verwaltung. ab 1832: Großherzogtum Hessen, Provinz Oberhessen, Kreis Nidda ab 1848: Großherzogtum Hessen, Regierungsbezirk Nidda ab 1852: Großherzogtum Hessen, Provinz Oberhessen, Kreis Schotten ab 1867: Norddeutscher Bund, Großherzogtum Hessen, Provinz Oberhessen, Kreis Schotten ab 1871: Deutsches Reich, Großherzogtum Hessen, Provinz Oberhessen, Kreis Schotten ab 1918: Deutsches Reich, Volksstaat Hessen, Provinz Oberhessen, Kreis Schotten ab 1938: Deutsches Reich, Volksstaat Hessen, Landkreis BüdingenIm Zuge der Gebietsreform 1938 wurde die Provinz Oberhessen aufgelöst. ab 1945: Deutsches Reich, Amerikanische Besatzungszone,Infolge des Zweiten Weltkriegs. Groß-Hessen, Regierungsbezirk Darmstadt, Landkreis Büdingen ab 1946: Deutsches Reich, Amerikanische Besatzungszone, Hessen, Regierungsbezirk Darmstadt, Landkreis Büdingen ab 1949: Bundesrepublik Deutschland, Hessen, Regierungsbezirk Darmstadt, Landkreis Büdingen ab 1971: Bundesrepublik Deutschland, Hessen, Regierungsbezirk Darmstadt, Landkreis Büdingen, Stadt Gedern ab 1972: Bundesrepublik Deutschland, Hessen, Regierungsbezirk Darmstadt, Vogelsbergkreis, Stadt Schotten ab 1981: Bundesrepublik Deutschland, Hessen, Regierungsbezirk Gießen, Vogelsbergkreis, Stadt Schotten
Gerichte seit 1803