mini|Anteil der türkischen (rot) oder kurdischen (grün) Muttersprachler nach Provinz (in Prozent, Zensus 1965)
Auf dem Gebiet der heutigen Türkei wurden und werden in Geschichte und Gegenwart insgesamt etwa 50 Sprachen aus sechs verschiedenen Sprachfamilien und eine isolierte Sprache (Hattisch) gesprochen. Rund die Hälfte dieser Sprachen ist inzwischen ausgestorben, aber durch Inschriften oder historische Texte überliefert. Heute existieren in der Türkei über 20 Sprachen und Ethnien mit zusammen rund 75 Millionen Sprechern. Dies zeigt, dass sowohl der heutige türkische Staat als auch das Territorium der Türkei in allen Phasen der Geschichte von einer großen ethnischen und linguistischen Vielfalt geprägt war und ist.
Jüngeren Datums sind Zuwanderungen von kleineren Flüchtlingsgruppen aus Zentralasien oder dem Kaukasus, die Turksprachen oder kaukasische Sprachen sprechen. Diese Sprachen und auch die Sprachen von Ausländerkolonien (zum Beispiel Deutsch, Französisch, Englisch) werden üblicherweise nicht zu den „Sprachen der Türkei“ hinzugerechnet, da unter diesem Begriff die Sprachen der längerfristig residenten Ethnien erfasst werden.
Nach dem Vertrag von Lausanne sind die offiziell anerkannten Minderheitensprachen Armenisch, Griechisch und Hebräisch.
Übersicht Die großen lebenden Sprachen Die National- und Amtssprache der Türkei ist die Turksprache Türkisch, die in der Türkei von über 80 % der Bevölkerung als Muttersprache und von weiteren 10 % – 15 % als Zweitsprache gesprochen wird. Damit ist das Türkische die mit Abstand wichtigste Sprache in der heutigen Türkei.
Darüber hinaus gibt es etwa 25 Sprachen aus insgesamt fünf verschiedenen Sprachfamilien, die heute von nicht-türkischen in der Türkei längerfristig ansässigen Ethnien und Minderheiten gesprochen werden. In diesem Sinne ist die Türkei ein multiethnischer Staat. Die bedeutendsten dieser Sprachen sind (nach der Anzahl ihrer Muttersprachler)
Kurmandschi oder Nordkurdisch mit etwa 10 Mio. Sprechern (indogermanische Sprache des iranischen Zweigs) Zazaisch mit 1,2 – 2 Mio. Sprechern (indogermanische Sprache des iranischen Zweigs) Arabisch (Syro-mesopotamisches Arabisch) mit etwa 1 Mio. Sprechern (afroasiatische Sprache des semitischen Zweigs) Aserbaidschanisch mit 550.000 Sprechern in der Türkei (Turksprache des oghusischen Zweigs) Kabardinisch oder Ost-Tscherkessisch mit 550.000 Sprechern in der Türkei (nordwestkaukasische Sprache) Bulgarisch oder Pomakisch mit 300.000 Sprechern (indogermanische Sprache des slawischen Zweigs) Adygeisch oder West-Tscherkessisch mit knapp 300.000 Sprechern (nordwestkaukasische Sprache)
Verlust des Armenischen, Griechischen und Aramäischen Bis 1915 gab es in der Türkei fast zwei Millionen Armenier mit der Muttersprache Armenisch. Ihre Zahl ist durch den Genozid von 1915–17 und die anschließenden Vertreibungen auf etwa 40.000 zurückgegangen. Griechisch wurde um 1900 noch von 1,5 Millionen Sprechern in der Türkei gesprochen, davon sind heute noch 4.000 Sprecher in Istanbul übriggeblieben. Von den einst verbreiteten aramäischen Sprachen – den Varietäten der aramäischen Christen – ist heute außer dem Turoyo (3.000 Sprecher) nur noch die kleine Hertevin-Sprache (1.000 Sprecher) in der Türkei vertreten. Die früheren aramäischen Sprachformen Nestorianisch-Neuaramäisch („Assyrisch“), Chaldäisch-Neuaramäisch (Kaldoyo) und Jüdisch-Neuaramäisch (Lishana Deni) werden heute in der Türkei nicht mehr gesprochen. Seit dem 6. Oktober 1997 besteht in der Türkei ein offizielles Unterrichtsverbot für Aramäisch.Kath.net: Türkei: Zehn Jahre Lehrverbot für Aramäisch. 6. Oktober 2007.
Weitere Minderheitensprachen Andere Minderheitensprachen sind die indogermanischen Sprachen Albanisch (15.000 Sprecher in der Türkei), Romani (25.000) und Domari (30.000) und die Romanische Sprache Ladino (11.000). Zur kartwelischen Gruppe der kaukasischen Sprachen gehören in der Türkei Georgisch (40.000 Sprecher) und Lasisch (30.000). Außer den schon erwähnten Sprachen Kabardinisch und Adygeisch werden die westkaukasischen Sprachen Abchasisch (5.000) und Abasinisch (10.000) in der Türkei gesprochen.
Sprachen von Flüchtlingsgruppen Durch aktuelle Flüchtlingsbewegungen gibt es über die genannten Landessprachen hinaus heute kleinere Gruppen von Sprechern der Turksprachen Turkmenisch, Kasachisch, Kirgisisch, Usbekisch und Uigurisch; außerdem einige Hundert Sprecher der kaukasischen Sprachen Lakisch, Lesgisch und Darginisch. Die Tschetschenen bilden mit 1.000 Personen das größte Kontingent der Flüchtlinge aus dem Kaukasus.Manfred Weidmann, Jürgen Blechinger: Flüchtlinge in Istanbul. (PDF; 641 kB) Da es sich hierbei um Flüchtlingsgruppen handelt, werden diese Sprachen in der Regel nicht zu den „Sprachen der Türkei“ gezählt.
Historische Sprachen auf dem Gebiet der Türkei Auf dem Staatsgebiet der heutigen Türkei wurden im Laufe der fast viertausendjährigen Geschichte viele bedeutende Sprachen gesprochen, die heute ausgestorben sind. Zu den wichtigsten zählen Hattisch, Hethitisch, Luwisch, Lykisch, Lydisch, Phrygisch, Akkadisch (in der Form des Assyrischen), Urartäisch, Altgriechisch, Byzantinisch, Altarmenisch, Lateinisch und das klassische Syrisch, die Religionssprache der aramäischen Christen.
Genetische Klassifikation Die Sprachfamilien Die aktuellen und historischen Sprachen der Türkei lassen sich in sechs Sprachfamilien und eine isolierte Sprache gruppieren:
Hattisch (isolierte Sprache) Hurritisch und Urartäisch Indogermanische Sprachen Afroasiatische Sprachen Kartwelische Sprachen Nordwestkaukasische Sprachen Turksprachen
Nach der Zahl der Sprecher sind die Turksprachen – vor allem vertreten durch das Türkische – heute mit Abstand am bedeutendsten. Hattisch, Urartäisch und Hurritisch, viele indogermanische Sprachen und die meisten afroasiatischen Sprachen sind inzwischen ausgestorben. Dennoch besitzt die Türkei auch heute noch eine beachtliche linguistische und ethnische Vielfalt.
Hattisch Das Hattische (von den Hethitern hattili genannt) war die Sprache der anatolischen Urbevölkerung, der Hattier, die die im frühen 2. Jahrtausend v. Chr. neu eingewanderten Hethiter in Anatolien vorfanden. Sie ist die älteste durch Texte belegte Sprache Anatoliens, allerdings ist so wenig erhalten geblieben, dass eine umfassende grammatische Beschreibung nicht möglich ist. Auch der erhaltene Wortschatz ist wenig umfangreich. Schriftlich fixiert wurde diese Sprache nicht durch die Hattier selbst, sondern durch die Hethiter, von deren indogermanischen Sprache sich das Hattische in Struktur und Wortschatz völlig unterschied. Das Verbreitungsgebiet des Hattischen umfasste vor dem Eindringen der indogermanischen Hethiter, Palaer und Luwier ganz Zentral- und Nordanatolien bis zur Schwarzmeerküste und Teile Kappadokiens. Hattisch ist um 1500 v. Chr. als gesprochene Sprache ausgestorben, hatte aber als Kultsprache im Hethitischen Reich weiterhin große Bedeutung.
Das Hattische weist nicht nur zum Hethitischen keine verwandtschaftliche Beziehung auf, sondern auch zu keiner der anderen bekannten Sprachen in Altanatolien und in den benachbarten Gebieten. Nach heutigem Kenntnisstand muss das Hattische als isolierte Sprache angesehen werden. Versuche, es mit den westkaukasischen Sprachen in Beziehung zu setzen, sind nicht weiter verfolgt worden.
Hurritisch und Urartäisch Hurritisch und Urartäisch sind ausgestorbene vorderasiatische Sprachen, die zwar miteinander, aber nach heutiger Kenntnis mit keiner anderen Sprache verwandt sind. Hurritisch ist die Sprache des Mitanni-Reichs der Hurriter im 12. Jahrhundert v. Chr., das sich im nördlichen Irak, Syrien und der Osttürkei erstreckte und damit etwa dieselbe Ausdehnung besaß wie das heutige Kurdengebiet (das ist kein Hinweis auf eine sprachliche Verwandtschaft). Das Urartäische Reich (9. bis 6. Jahrhundert v. Chr.) hatte sein Zentrum am osttürkischen Van-See und erstreckte sich über die ganze östliche Türkei und das heutige Armenien. Im Laufe des ersten vorchristlichen Jahrtausends wanderten die indogermanischen Armenier in die Gebiete des Urartäischen Reiches ein. Hurritisch und Urartäisch wurden mit aus der mesopotamischen Keilschrift abgeleiteten Schriftformen geschrieben.
Hurro-Urartäisch Hurritisch † Urartäisch †
Das jüngere Urartäisch stammt nicht direkt vom Hurritischen ab, sondern beide gehen auf eine gemeinsame noch ältere unbekannte Vorgängersprache zurück. Vielleicht besteht auch eine Verwandtschaft zu den nordostkaukasischen Sprachen, wie von einigen Forschern vermutet wird.
Indogermanische Sprachen der Türkei Fast alle Zweige des Indogermanischen waren oder sind auf dem Territorium der heutigen Türkei vertreten, eine Ausnahme bilden nur – von Ausländerkolonien abgesehen – Germanisch und Baltisch. Eine der ältesten nachweisbaren Sprachen in Anatolien ist – neben dem Hattischen und Akkadischen – das indogermanische Hethitische, die Sprache des Hethitischen Großreichs aus dem zweiten vorchristlichen Jahrtausend mit der Hauptstadt Ḫattuša. Damit nah verwandt sind die luwischen Sprachen, aber auch das Lydische und Lykische. Diese Sprachen bilden mit anderen den anatolischen Zweig des Indogermanischen. Weitere ausgestorbene indogermanische Sprachen auf dem Gebiet der Türkei sind Phrygisch und das nur sehr schwach belegte Thrakische (in der europäischen Türkei).
In der Phase des Achämenidischen Großreichs (550–330 v. Chr.) gehörten weite Teile Anatoliens zum Perserreich. Altpersisch war damals neben dem Aramäischen Verwaltungssprache auch in Anatolien. Inwieweit die Bevölkerung diese Sprache angenommen hat, ist nicht bekannt.
Im Osten war Armenisch seit der Mitte des ersten vorchristlichen Jahrtausends verbreitet, erst durch den Genozid von 1915–17 wurden die Armenier auf wenige Tausend Personen reduziert. An West- und Schwarzmeerküste wurde Griechisch seit dem 8. Jahrhundert v. Chr. gesprochen; seit hellenistischer Zeit hatte es sich im größten Teil Anatoliens als allgemeine Umgangssprache durchgesetzt. Seine heutige Form erreichte es im Wesentlichen im 8. Jh.n.Chr. Zwischen dem 11. und 14. Jh. wurde Griechisch als verbreitetste Umgangssprache durch Türkisch ersetzt. Auch danach blieb Griechisch allerdings Umgangssprache größerer Teile der Bevölkerung. Um 1900 lebten noch ungefähr 1,5 Millionen Griechischsprecher in der Türkei, erst 1922 wurden sie fast vollständig vertrieben.
In der Phase ihrer größten Ausdehnung siedelten auch die Kelten um Christi Geburt in Zentralanatolien, dort nannten sie sich Galater und sprachen die Galatische Sprache. Mit dem Aufstieg des römischen Reiches und seiner Ausdehnung nach Anatolien und in den Orient wurde Lateinisch zur Offizialsprache auf dem Gebiet der Türkei. Jüdische Flüchtlinge brachten nach der Vertreibung der Juden aus Spanien 1492 das romanische Ladino mit, das heute noch von 8.000 Juden vor allem in Istanbul gesprochen wird.
Albanisch ist vor allem in einigen Gebieten der europäischen Türkei vertreten, genauso wie einige slawische Sprachen, vor allem Bulgarisch und Bosnisch, Reste von Bevölkerungsgruppen, die im Osmanischen Reich durch den gesamten Balkan wanderten.
Die größte ethnische und linguistische Gruppe nach den Türken stellen die Kurden dar, Kurmandschi (Nordkurdisch) wird als Muttersprache von rund 10 Mio. Kurden in der Türkei gesprochen. Dieses gehört – wie auch das eigenständige Zazaisch – zu den iranischen Sprachen, genauer zur Nordwestgruppe des Iranischen. Auch die sog. Zigeunersprachen Romani und Domari, die zur Untergruppe des Indoarischen gehören, sind in der Türkei verbreitet.
Es ergibt sich folgende Klassifikation indogermanischer Sprachen auf dem Territorium der Türkei:
Indogermanisch in der Türkei Anatolisch Hethitisch † Palaisch †, Lydisch †, Luwisch † (Keilschrift-Luwisch, Hieroglyphen-Luwisch) Lykisch † (Lykisch A, Lykisch B = Milyisch), Karisch †, Pisidisch †, Sidetisch † (schwach belegt, Zuordnung unsicher) Phrygisch: Phrygisch † Thrakisch: Thrakisch †