mini|28-Zoll-Herren-Tourenrad,hier: gemuffter Diamantrahmenmit doppeltem Oberrohr mini|Ramon Casas i Pere Romeu en un tàndem, Gemälde von Ramon Casas i Carbó von 1897 mini|Ein Rennrad von Ducati mini|Ein Liegerad (hier ein Kurzlieger)
Ein Fahrrad, kurz Rad, in der Schweiz Velo (von , Kurzform für ; und ), ist ein meist zweirädriges, einspuriges Landfahrzeug, das üblicherweise, naturgemäß mit Ausnahme von Elektrofahrrädern, vollständig durch Muskelkraft fortbewegt wird.§ 63a Abs. 1–2 StVZO, Art. 2 Nr. 8 der Verordnung vom 18. Mai 2017 ()
Durch den Nachlauf entsteht bei einem Lenkausschlag ein Drehmoment, das diesem als Rückstellmoment entgegengerichtet ist. Dadurch lenkt das rollende Fahrzeug selbstständig zurück bis (fast) zur Geradeausstellung. Die Kreiselkräfte stabilisieren das Fahrrad beim Fahren zusätzlich abhängig vom Trägheitsmoment und der Geschwindigkeit. Außerdem haben weitere Faktoren wie die Masseverteilung einen Einfluss auf die Fahrstabilität von einspurigen Fahrzeugen (siehe auch: Fahrphysik (Fahrrad)).
Für die Benutzung eines Fahrrades im öffentlichen Straßenverkehr gibt es in jedem Land spezifische gesetzliche Bestimmungen (siehe Radverkehr und speziell für Elektrofahrräder deren Nutzungs-Bestimmungen).
Sonderformen Beispiele für besondere Bauformen: Ein Einrad hat nur ein Laufrad, über dem alle Kipprichtungen balanciert werden müssen. Ein Tandem ermöglicht es zwei Personen, einen eigenen Sitzplatz einzunehmen. Ein Lastenfahrrad ermöglicht den Transport von Menschen oder Gütern.
Name Das Wort Fahrrad wurde von den deutschen Radfahrervereinen 1885 als deutsche Entsprechung für die englische Bezeichnung ( von ) eingeführt.Pryor Dodge: Faszination Fahrrad – Geschichte, Technik, Entwicklung. Der neue Ausdruck trat im alltäglichen Sprachgebrauch zunehmend neben die aus dem Französischen entlehnte etablierte Bezeichnung Veloziped. Er konnte sich letztlich durchsetzen, als in der Zeit der Weimarer Republik das Französische als die Sprache des Hochadels zusehends abgelehnt wurde. Auch die Wörter Radfahrer (umgangssprachlich: Radler) und Radfahren stammen von deutschen Radfahrervereinen. Bis zur Mitte der 1920er Jahre war der Ausdruck Fahrrad eher für Motorräder verwendet worden, und deren Motor hieß häufig Fahrradmotor.Ludwig Löw von und zu Steinfurth, Das Automobil. 5. Auflage, C. W. Kreidel’s Verlag, Berlin 1924, S. 163 f.
Regionale Bezeichnungen sind Fietse im Niederdeutschen (ähnlich „Fiets“ im Niederländischen) und Leeze in der Sondersprache Masematte in Teilen des Münsterlands. In einigen deutschen Mundarten wird das Fahrrad als Variation von Veloziped bezeichnet, wie etwa im Solinger Platt Flitzepie oder im Sauerländischen Flitzepääd. Die deutschsprachige Schweiz behielt die Abkürzung Velo als Abkürzung von vélocipède bis heute bei.Ludwig Löw von und zu Steinfurth, Das Automobil. 5. Auflage, C. W. Kreidel’s Verlag, Berlin 1924, S. 163 f. In Bayern und Österreich wird es auch Fahrradl oder kurz Radl genannt.
Allgemeine scherzhafte Bezeichnungen für das Fahrrad sind Drahtesel und Stahlross.
Internationale Aktions- bzw. Gedenktage mini|World Naked Bike Ride Saragossa 2009
Einmal im Monat, meistens am letzten Freitag eines Monats, wird weltweit in Form von Critical Mass-Fahrradrundfahrten („Kritische Masse“) für bessere Radfahrbedingungen demonstriert.
Beim World Naked Bike Ride wird mehr oder weniger unbekleidet gefahren, auch um die Verletzlichkeit von Fahrradfahrenden zu verdeutlichen.
Die Kidical Mass (Kofferwort aus „Kid“ (engl. für Kind) und Critical Mass) findet für Kinder und Jugendliche in Begleitung unterstützender Erwachsener statt.
Jährlich am 3. Juni werden der am 12. April 2018 als ein offizieller UN-Tag des Bewusstseins über die gesellschaftlichen Vorteile der Fahrradnutzung von den Vereinten Nationen ausgerufene „Weltfahrrad-“ bzw. bereits seit 1998 auch der „Europäische Tag des Fahrrads“ begangen.
Jeweils am 3. Mai-Mittwoch eines Jahres wird international der Ride of Silence veranstaltet („Stille Fahrradfahrt“), an dem Radfahrende an ihre im Verkehr verunglückten bzw. gestorbenen Kollegen erinnern und ihrer gedenken, 2020 an fast 140 Orten in sieben Ländern weltweit (Stand 18. Mai).
Der jährlich am 19. April stattfindende Bicycle Day hingegen ist, anders als der Name vermuten lässt, kein fahrradbezogener Aktionstag, sondern der Jahrestag der LSD-Entdeckung, da dessen Entdecker Albert Hofmann an diesem Tag (19. April 1943) den ersten LSD-Rausch hatte und in diesem Zustand mit dem Fahrrad fuhr.
Geschichte
Allgemeiner Überblick Muskelkraftwagen wurden schon im Mittelalter gebraucht, meistens als Wägelchen mit Lakaien-Fußantrieb in herrschaftlichen Gärten. Eine Ausnahme bildeten Wagen für Behinderte, von denen der mit den Armen bewegte Wagen des querschnittsgelähmten Uhrmachers Stephan Farfler der bekannteste ist.
Draisine Im Jahr 1817 stellte der badische Forstbeamte Karl Drais in Mannheim seine einspurige, von ihm so genannte Laufmaschine (später Draisine genannt) als Alternative zum Reitpferd vor.
Sein Laufrad wurde vielfach nachgebaut, aber nicht weiterentwickelt, teilweise wegen der Kollisionsgefahr mit Fußgängern verboten, und schließlich vergessen. Später konnte man mit den ersten Eisenbahnen größere Entfernungen überwinden. Erst im Zuge der Hochindustrialisierung in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts entstanden wieder Laufmaschinen, die bald mit Pedalantrieb ausgerüstet und bis zum Ende des Jahrhunderts zum heute bekannten Fahrrad weiterentwickelt wurden. Ein Nachbau der Draisine ist im Technoseum Mannheim ausgestellt.
Pedalantrieb Zunächst dominierten die von der Draisine übernommenen Radgrößen um 60 cm Durchmesser, die bei relativ schwerer Bauweise dank Kreiselkräften ein balancierendes Fahren – mit kleinen Lenkkorrekturen – schon ab geringen Geschwindigkeiten ermöglichten.
1827 erhält der Zimmergesell Eduard Siemers aus Hamburg für 3 Jahre ein Privilegium auf eine Fahrmaschine.
1853 baute Philipp Moritz Fischer aus Schweinfurt das erste sicher belegte Fahrrad mit Tretkurbelantrieb. Die Pedale befanden sich an der Achse des Vorderrads.Helmuth Poll in: Germanisches Nationalmuseum, S. 61.Max J.B. Rauck u. a.: Mit dem Rad durch zwei Jahrhunderte., S. 30.Feldhaus, S. 274.
Der vermutlich von dem Franzosen Pierre Michaux und seinem in die USA ausgewanderten Landsmann Pierre Lallement (US-Patent von 1866) benutzte Pedalkurbelantrieb (1861) wirkte ebenfalls direkt an der Achse des Vorderrades einer Draisine.
Hochrad Das Pedalieren schräg nach vorne erzeugt beim Hochrad Lenkkräfte und erschwert dadurch das Balancieren beim Fahren. Weil das bei der Laufmaschine nötige Ausschreiten nach vorne entfiel, konnte die Sitzposition weiter nach vorn (und höher) gelegt werden, womit die Trittkräfte mehr von oben wirken und das Vorderrad weniger eingelenkt wird. Insbesondere konnten dadurch höhere Geschwindigkeiten erreicht werden, weil mit einer Umdrehung der Pedale eine größere Distanz zurückgelegt wurde. Dabei nahm man in Kauf, dass der Boden auch mit den Zehenspitzen vom Sattel aus nicht mehr erreicht wird, dass man über eine Fußraste hinten am Rahmen auf- und absteigen muss. Dadurch ließ sich der Durchmesser des Antriebsrades auf das Zwei- bis Dreifache steigern (größere Entfaltung) und pedalierend schneller fahren. Das Hochrad war entstanden.
Weil der Fahrer sehr hoch und weit vorn – also nur wenig hinter dem vorderen Aufstandspunkt – saß, waren Stürze durch Bremsen oder kleine Bodenhindernisse häufig und führten zu relativ schweren Verletzungen, unter anderem des Kopfes. Das bezüglich Sicherheit fehlentwickelte Hochrad wurde nach der Erfindung des Niederrads bald aufgegeben.
Niederrad mini|Ein Rover von 1886, bereits mit vielen Konstruktionsmerkmalen heutiger Fahrräder
An die Sturzgefahr beim Gebrauch eines Hochrads erinnert der englische Begriff safety bicycle für das spätere Niederrad. Als Abhilfe gegen die Sturzgefahr wurden zwei Lösungen ausprobiert:
Das amerikanische „Kangaroo“ (1884) mit einem halb so großen Vorderrad, das einen ins Schnelle übersetzenden Antrieb aus beidseits des großen Rads montierten Pedalen und paarigen Ketten hatte, blieb ein Kuriosum. Der gleichzeitig (1879/1884) eingeführte ins Schnelle übersetzende Kettenantrieb zum Hinterrad mit Tretkurbel zwischen Vorder- und Hinterrad wurde mit dem Rover II 1885 zur Standardkonstruktion für den Pedalantrieb des Fahrrads. Das gegenüber einem Hochrad deutlich kleinere Vorder- und größere Hinterrad ( „bicyclette“) näherte sich der ursprünglichen Radgröße der Draisine wieder an. Der Sattel wurde wenig hinter der Fahrzeugmitte platziert. Bis Ende der 1880er Jahre wurde der Rahmen des kettenbetriebenen Niederrads in Statik und Ästhetik zum heute noch üblichen Diamantrahmen (von „diamond“ = Rhombus) verbessert. In der Folge kamen weitere Elemente, wie eine Lampe, Schutzbleche, eine Klingel, ein Packträger, hinzu und wurden zu Beginn des 20. Jahrhunderts zur Standardausrüstung von Fahrrädern.
Neben dem Sicherheitsaspekt war für den Siegeszug des Niederrads auch der Umstand ausschlaggebend, dass die Niederräder, was ihre Geschwindigkeit betraf, den Hochrädern letztlich überlegen waren.
Die frühen Automobile entstanden aus der Fahrradkultur und der Fahrradtechnik der 1880er bis 1890er Jahre.
Einsatz im 20. Jahrhundert mini|Radfahrkarte von 1920 mit halbierter „Gebühren-Marke“ des Magistrats der Stadt Celle, Staat Preußen, die Polizei-Direktion mini|Demonstration für das Fahrrad als ökologisches Verkehrsmittel (1990) mini|Überquellender Fahrradparkplatz am Bahnhof Göttingen mini|hochkant|Mietfahrrad
1896 erklärte das Reichsversicherungsamt, das Fahrrad sei nicht mehr als Gegenstand des Sports, sondern als Verkehrsmittel anzusehen.Eine für Radfahrer … In: Altonaer Nachrichten. Abendausgabe, 18. August 1896, S. unpag. , (Digitalisat) Aufgrund seines niedrigen Preises war das Fahrrad das erste massentaugliche Individualverkehrsmittel. In den Niederlanden gab es 1924, bei der Wiedereinführung der Fahrradsteuer, 1,7 Millionen Fahrräder: ein Fahrrad auf vier Einwohner.Arent Toncko Schuitema Meijer: Zó was Groningen, 1919–1939. Niemeijer, Groningen 1967, S. 43. Auch in vielen anderen Ländern Europas erlangte es in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts eine große Verbreitung, als es für Arbeiter erschwinglich wurde, die damit den infolge von Industrialisierung und Urbanisierung immer länger werdenden Weg zur Arbeitsstelle zurücklegten. 1936 fuhren beispielsweise in den deutschen Städten mit über 100.000 Einwohnern zwischen 43 und 61 % der Arbeiter per Fahrrad zu ihren Arbeitsstätten. Doch auch für Fahrten in den Urlaub hatte das Fahrrad eine Bedeutung. 1938 existierten bereits über 10.000 km Radwege.Uwe Burghardt: Straßenverkehr, in: Ullrich Wengenroth (Hrsg.) Technik und Wirtschaft, VDI-Verlag, Düsseldorf 1993, 399–417, S. 408. In der Zwischenkriegszeit avancierte das Fahrrad in Europa zum wichtigsten Individualverkehrsmittel; ab den 1950er Jahren wurde es jedoch immer stärker vom Automobil verdrängt.Christoph Maria Merki, Verkehrsgeschichte und Mobilität, Stuttgart 2008, S. 50. Das Werbefahrrad fand seinen Einsatz als Werbeträger in der Wirtschaft.
Aus dem Kontext der Shoa zeigt das Humberghaus im südwestlichen Westfalen in einer Dauerausstellung ein originales Fahrrad aus den 1920er Jahren, das 1938 einem Überlebenden, Ernst Humberg, die Flucht durch die Wälder in die Niederlande vor der ihn verfolgenden Gestapo ermöglichte, nachdem ein Freund es ihm repariert hatte. Das Rad gelangte mit Ernst und seiner Familie nach Kanada, wurde dort noch lange benutzt, und kam schließlich 2012 zurück an den Niederrhein, als Geschenk seiner Tochter Ruth Muscovitch an diesen Geschichtsort, zur bleibenden Erinnerung an ein Rad als Lebensretter.Geschichtsort Humberghaus