mini|Mars-Figur aus dem Marstempel des Vicus Als Vicus Wareswald wird eine im nördlichen Saarland gelegene kleinstädtische römische Siedlung (lateinisch vicus) bezeichnet. Das antike Siedlungsareal befindet sich heute auf den Gemarkungen der Gemeinden Oberthal, Marpingen und Tholey im Landkreis St. Wendel. Hier finden seit dem Jahr 2001 umfangreiche Ausgrabungen mit dem Ziel statt, Aussehen, Struktur und Chronologie der Siedlung zu klären.

Lage und Entstehung mini|Lage des Vicus Wareswald (etwa in der Mitte der Karte) am Schnittpunkt bedeutender römischer Straßen Die Siedlung entstand etwa in der Mitte des 1. Jahrhunderts n. Chr. am Kreuzungspunkt zweier stark frequentierter Straßen.Klaus-Peter Henz: Das Grabungsprojekt Römischer Vicus Wareswald – eine römische Siedlung am Fuße des Schaumberges. In: Heimatbuch des Landkreises St. Wendel. Ausgabe 29, 2000–2003, S. 101–109, hier S. 102 f. Eine der beiden Verbindungen lief von Argentoratum (Straßburg) über den römischen Vicus in Schwarzenacker (Stadt Homburg) nach Augusta Treverorum (heute Trier), die zweite kam von Metz über Dillingen-Pachten, das antike Contiomagus, durch den Vicus im Wareswald bis nach Mogontiacum (Mainz).Monika Buchmüller-Pfaff: Siedlungsnamen zwischen Spätantike und frühem Mittelalter. Die -(i)acum-Namen der römischen Provinz Belgica Prima (= Zeitschrift für romanische Philologie. Beiheft 225). Niemeyer, Tübingen 1990, ISBN 3-484-52225-9, S. 786. Der Wareswald lag in der römischen Provinz Gallia Belgica (später Belgica I) im südöstlichen Grenzgebiet der civitas der Treverer zur civitas der Mediomatriker, jedoch noch auf treverischem Gebiet. Viele Reisende nutzten die Straßen und schufen, so das gängige Erklärungsmodell zur Entstehung der Siedlung, eine Nachfrage nach Waren und Dienstleistungen, die von sich hier ansiedelnden Händlern und Handwerkern befriedigt wurde. Besondere siedlungsgeographische Vorteile etwa in Form von günstigen Klimabedingungen, fruchtbaren Böden oder besonders einfacher Wasserversorgung bot der Siedlungsplatz dagegen nicht.Klaus Peter Henz: Der gallorömische Vicus Wareswald. Ein Rundgang durch die antike Siedlung. Edition Schaumberg, Marpingen 2017, ISBN 978-3-941095-45-8, S. 3–6. Möglicherweise folgte der Straßenzug einer eisenzeitlichen Handelsroute oder der Vicus hatte eine keltische Vorgängersiedlung, da an dieser Stelle auch Funde, insbesondere keltische Münzen, aus der Spätlatènezeit entdeckt wurden.Siehe Johannes Schönwald: Forschungsgeschichte Wareswald. In: TERREX gGmbH (Hrsg.): Ausgrabung Wareswald. Erste Ergebnisse. Pirrot, Saarbrücken 2002, S. 13–47, hier: S. 46 und schon Helmut Freis: Das Saarland zur Römerzeit. Institut für Landeskunde im Saarland, Saarbrücken 1991, S. 50: „[…] könnte sogar der Mittelpunkt eines Gaues aus der Zeit des freien Keltentums gewesen sein.“

mini|Luftbild des Ausgrabungsgeländes im Wareswald Der römische Siedlungsrest liegt am Fuß des Schaumbergs in einem Waldgebiet namens Wareswald. Dieser Name wurde vor allem in der lokalen Überlieferung häufig auf römische Ursprünge zurückgeführt und als „Varus-Wald“ verstanden. Daraus wird entweder eine Verbindung zu Publius Quinctilius Varus, dem römischen Feldherrn der Varusschlacht, oder aber eine Gründung der Stadt durch einen gewissen „Rictius Varus“ beziehungsweise „Rictiovarus“ abgeleitet. Diese Sagengestalt soll kaiserlicher Präfekt in Trier gewesen sein und während der Christenverfolgungen im Römischen Reich ein derart grausames Massaker unter der dortigen Christengemeinde angerichtet haben, dass er verflucht worden sei und seitdem im Wald hause.Karl Zangemeister: Dacianus und Rictius Varus. In: Korrespondenzblatt der Westdeutschen Zeitschrift für Geschichte und Kunst. Jahrgang 7, Nummer 4, 1888, Sp. 91–93, hier Sp. 91 f. (Digitalisat); Klaus Peter Henz: Der gallorömische Vicus Wareswald. Ein Rundgang durch die antike Siedlung. Edition Schaumberg, Marpingen 2017, ISBN 978-3-941095-45-8, S. 7 f. In Wirklichkeit geht der Name Wareswald wahrscheinlich auf das althochdeutsche warôn zurück, das dem modernen „wahren“/„bewahren“/„verwahren“ entspricht. Diese Bezeichnung dürfte sich davon herleiten, dass die Nutzung des Waldes oder die dortige Jagd im Mittelalter dem Lehnsherrn vorbehalten und der Bevölkerung „verwehrt“ war.Ludwig Prinz: Von unsern Flurnamen. In: Unsere Saar. Band 4, 1929/1930, S. 41–45. Online-Version der relevanten Passagen: Der Wareswald hat nichts mit Rixovarus zu tun. hfrg.de, abgerufen am 3. Mai 2022. Eine weitere These leitet den Namen des Waldstücks von dem lothringischen Adelsgeschlecht Warsberg her, das in direkter Nähe zum Wareswald begütert war und dessen Name seinerseits auf den Personennamen Warin zurückgeht.Michael Schmitt: Von Göttern und Gräbern. In: Archäologie in Deutschland. Ausgabe 5/2006, S. 62–65, hier S. 64; Klaus Peter Henz: Der gallorömische Vicus Wareswald. Ein Rundgang durch die antike Siedlung. Edition Schaumberg, Marpingen 2017, ISBN 978-3-941095-45-8, S. 8.

Ausdehnung und Chronologie Durch umfangreiche geomagnetische Untersuchungen und intensive Oberflächenbegehungen (Surveys) ist die Ausdehnung des Vicus weitgehend bekannt. Er erstreckte sich entlang einer Straße, die über einen Höhenrücken am Fuß des Schaumbergs verlief. Die Besiedlung beschränkte sich jedoch sowohl nach Norden als auch nach Süden hin nicht auf die Parzellen entlang dieser Hauptverkehrsachse, sondern dehnte sich zu beiden Seiten bis zu einer Entfernung von 200 Metern von der Straße aus. Dort wurden auch künstliche Terrassierungen nachgewiesen, die sich parallel zu der antiken Bebauung und zu den Höhenlinien des Hanges erstrecken. Um diese Siedlungsbereiche nutzen zu können, muss es Fußwege oder weitere Straßen gegeben haben, die jedoch noch nicht nachgewiesen sind. Insgesamt wird die Größe des Vicus Wareswald auf 20 Hektar geschätzt.Klaus-Peter Henz: Der gallo-römische vicus Wareswald, Saarland. Prospektion, Grabung, Präsentation. In: Alexander Heising (Hrsg.): Neue Forschungen zu zivilen Kleinsiedlungen (vici) in den römischen Nordwest-Provinzen. Rudolf Habelt, Bonn 2013, ISBN 978-3-7749-3759-8, S. 137–149, hier S. 139.

Die frühesten römischen Fundstücke im Wareswald sind Münzen, darunter als älteste ein Denar des Münzmeisters Quintus Antonius Balbus von 83/82 v. Chr. Solche vereinzelten Funde sind jedoch kein verlässlicher Hinweis auf eine römische oder römisch beeinflusste Siedlung. Ein größeres Fundaufkommen liegt erst aus der ersten Hälfte des 1. Jahrhunderts n. Chr. vor. An enger datierbaren Stücken sind neben weiteren Münzen vor allem Keramikfunde zu nennen, darunter die „graubelgische Ware“ und ein Terra-Sigillata-Gefäß aus einer Töpferei in La Graufesenque mit einem Töpferstempel des Rutaenus. Diese Funde erlauben es, die Entstehung des Vicus Wareswald in das mittlere 1. Jahrhundert n. Chr. zu datieren. Bereits mit dem späten 1. Jahrhundert begann ein starkes Wachstum des Siedlungskerns, wobei sich die Blütezeit des Ortes durch das ganze 2. Jahrhundert und erhebliche Teile des 3. Jahrhunderts n. Chr. hindurch fortsetzte.Klaus-Peter Henz: Das Grabungsprojekt Römischer Vicus Wareswald – eine römische Siedlung am Fuße des Schaumberges. In: Heimatbuch des Landkreises St. Wendel. Ausgabe 29, 2000–2003, S. 101–109, hier S. 103. In dieser Phase schlug sich die gute wirtschaftliche Lage auch in der qualitätvollen Ausstattung der Bauwerke nieder, einerseits durch die Badeanlagen, Fußbodenheizungen (Hypokausten) und Wandmalereien in den Wohngebäuden, andererseits durch repräsentative Gräber und Heiligtümer. Der wirtschaftliche Niedergang, der sich im Verlauf der sogenannten Reichskrise des 3. Jahrhunderts in Teilen des Römischen Reiches bemerkbar machte, erfasste jedoch auch die Siedlung im Wareswald. Ein starker Aufschwung lässt sich im Wareswald wieder am Anfang des 4. Jahrhunderts erkennen. Möglicherweise hing er auch mit der Erhebung Triers zur Kaiserresidenz zusammen, von der auch das ländliche Umfeld der Stadt profitiert haben dürfte. Im Vicus Wareswald ist in dieser Phase zu beobachten, dass einige Gebäude, darunter der Marstempel, eine grundsätzliche Instandsetzung erfuhren. Bis zum Ende des 4. Jahrhunderts n. Chr. sind Siedlungsaktivitäten archäologisch zu fassen. Danach wurde der Vicus endgültig verlassen und fiel wüst. Konkrete Gründe dafür sind archäologisch nicht auszumachen; eine Zerstörung etwa durch ein Brandereignis oder einen feindlichen Angriff ist nicht nachweisbar. Der politische und wirtschaftliche Bedeutungsverlust Triers könnte aber auch dem Vicus Wareswald die Existenzgrundlage entzogen haben. Eine mittelalterliche oder neuzeitliche Überbauung des Areals fand nicht statt.Klaus Peter Henz: Der gallorömische Vicus Wareswald. Ein Rundgang durch die antike Siedlung. Edition Schaumberg, Marpingen 2017, ISBN 978-3-941095-45-8, S. 6 f.

Befunde und Funde Siedlungskern mini|Luftbild von Ausgrabungen im Bereich des Vicus Wareswald Im Siedlungskern wurde bislang eine Fläche von ca. 2500 Quadratmetern ausgegraben. Entlang der römischen Straße mit parallel laufendem Abwassergraben und einer Portikus (überdachtem Gehsteig) erstreckte sich die Bebauung mit Gebäuden. Bislang können drei Gebäudekomplexe mit verschiedenen Bauphasen unterschieden werden.

Das sogenannte Gebäude D besaß in seiner frühen Bauphase einen ca. 12,50 × 7,50 Meter messenden Keller, der durch Einzug einer Quermauer später halbiert wurde. Aufgrund seiner Größe lässt sich vermuten, dass er einem Händler als Lager seiner Waren diente. In einer weiteren Ausbauphase wurde der Keller aufgegeben und mit Lehm verfüllt. Über dem Keller wurde nun ein repräsentativer Raum mit Fußbodenheizung (hypokaustum) errichtet, der mit Wandmalerei ausgestaltet wurde und verglaste Fenster besaß. Südwestlich anschließend legte man zwei ca. 3,50 × 3,50 Meter messende Badezimmer an, deren Wannen aus einem wasserdichten Gemisch von weißem Kalkmörtel und Ziegelbruch, dem sogenannten Terrazzo, bestanden. Ein weiterer kleiner, ca. 2 × 2 Meter messender Anbau der gleichen Bauphase im südöstlichen Bereich wies ebenfalls eine Fußbodenheizung auf und wird als beheizter Baderaum gedeutet. Zu dieser Bauphase besaß das Gebäude also reinen Wohnhauscharakter. In der Verfüllungsschicht eines Kellers (D13) fanden sich neben Feinkeramik unter anderem auch einige Landwirtschaftswerkzeuge.Zu Keller D13 (und den sonstigen Grabungen 2017 an Haus D) Klaus-Peter Henz: VIVAMUS und BIBITE. Trierer Spruchbecher im Wareswald. In: Ministerium für Bildung und Kultur – Landesdenkmalamt (Hrsg.): Denkmalpflege im Saarland. Jahresbericht 2017. Landesdenkmalamt, Saarbrücken 2018, S. 62–65, hier S. 64 (online).

Die südwestlich und nordöstlich angrenzenden Gebäude dagegen dienten wohl Händlern und Handwerkern nicht nur als Wohnraum, sondern auch als Kontor, denn hier fanden sich halbfertige Bronzestatuetten und ein 99 römische Pfund (ca. 30 Kilogramm) schweres Steingewicht einer schweren Balkenwaage,Edith Glansdorp, Eric Glansdorp: Gewichte und ein Bleietikett aus dem römischen vicus Wareswald bei Oberthal. In: Dieselben (Hrsg.): Vor- und frühgeschichtliche Spuren im mittleren Primstal. Archäologische Ausstellungen im Heimatmuseum Neipel von 1997 bis 2012 (= Archäologische Funde im Saarland. Band 2). Archäologie-Büro & Verlag Glansdorp, Tholey 2013, ISBN 978-3-00-039212-2, S. 557–575. die wohl nicht in einem Privathaushalt eingesetzt wurde. Da noch kein Gebäude vollständig im Grundriss erfasst ist, können wenig Aussagen zur Typologie der Grundrisse gemacht werden. Offensichtlich war aber im offengelegten Teil keine Streifenhausbebauung vorhanden, wie sie in den Straßenvici sonst sehr üblich ist.