Maximinus „Max“ Friedrich Alexander de Crinis (* 29. Mai 1889 in Ehrenhausen, Steiermark;Taufbuch Ehrenhausen, tom. C, fol. 105 (Faksimile), abgerufen am 29. Januar 2024 † 2. Mai 1945 in Stahnsdorf bei Berlin) war ein österreichischer Psychiater und Neurologe. Im NS-Staat war er Ordinarius und Direktor der Universitätsnervenklinik Köln sowie der Psychiatrischen- und Nervenklinik der Charité in Berlin. Er war SS-Standartenführer und als Ministerialreferent für medizinische Fachfragen im Amt Wissenschaft des Reichsministeriums für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung an der Vorbereitung und Durchführung der NS-Krankenmorde beteiligt.
Leben und Wirken Herkunft und Studium Max de Crinis wurde am 29. Mai 1889 als Sohn des Arztes Alexander „Alex“ de Crinis (1849–1912) und dessen Frau Maria, geb. Bullmann (1859–1929), in Ehrenhausen geboren und am 5. Juni 1889 auf den Namen Maximinus Friedrich Alexander getauft.Gerhard Kurzmann/Wiltraud Resch: Denkmäler und Schicksale der St. Peter Stadtfriedhof in Graz, Graz 2002, S. 202. Die Familie seines Vaters war seit 1640 in der Steiermark ansässig; die seiner Mutter stammt aus Altweilnau im Taunus.Degeners Wer ist's? Begr. und hrsg. von Herrmann A.L. Degener, X. Ausgabe (1935), Berlin 1935, S, 260. De Crinis besuchte von 1895 bis 1899 die Volksschule in seinem Geburtsort und von 1899 bis 1907 das k.k. II. Staatsgymnasium in Graz. Der als ehrgeizig und fleißig beschriebene de Crinis trat 1907 von der Katholischen zur Evangelischen Kirche über.
De Crinis studierte in Graz und Innsbruck Medizin wie sein Vater. 1908 wurde er Mitglied des Corps Joannea.Kösener Corpslisten 1930, 50, 144 1912 wurde er in Graz zum Dr. med. promoviert. Für eine neurologisch-psychiatrische Ausbildung verblieb er als Assistent an der dortigen Universitätsnervenklinik. Im Ersten Weltkrieg wurde er am 29. Jänner 1916 Landsturmassistenzarzt und psychiatrischer Sachverständiger am Militärgericht in Graz. Besonders widmete er sich der Erforschung von Kriegsneurosen. 1916 heiratete de Crinis die ein Jahr jüngere Schauspielerin Lili Anna Szikora (1890–1945). Er hatte einen Sohn, Xandi de Crinis (1929–1963).
Beruflicher Werdegang Am 1. Mai 1918 wurde de Crinis zum Oberarzt ernannt. 1920 habilitierte er sich mit einer Arbeit über Die Beteiligung der humoralen Lebensvorgänge des menschlichen Organismus am epileptischen Anfall.Monographien aus dem Gesamtgebiete der Neurologie und Psychiatrie, Heft 22, Springer, Berlin 1920. Ende Oktober erhielt er seine Habilitationsurkunde. Seine Ernennung zum außerordentlichen Professor für Psychiatrie und Neuropathologie in Graz erfolgte am 30. Juli 1924, die Berufung zum Ordinarius 1927.
Politische Orientierung Im Bereich der südöstlichen deutschen Sprachgrenze des österreichisch-ungarischen Vielvölkerstaates aufgewachsen, war de Crinis ausgeprägt deutschnational eingestellt. Schon während seiner Studienzeit hatte er sich einer deutschnationalen Korporation angeschlossen. Nach Ende des Ersten Weltkrieges betätigte er sich in der Großdeutschen Volkspartei, die sich der Bildung eines großdeutschen Reiches verschrieben hatte. Er war 1918 in einem Freikorps und gehörte auch dem Steirischen Heimatschutz an, der die Abtrennung der Untersteiermark von Nachkriegsösterreich bekämpfte. 1927 schloss diese Bewegung eine erste Kampfgemeinschaft mit der österreichischen NSDAP.
Zum 21. Dezember 1931 trat der antisemitisch gesinnte de Crinis der NSDAP bei (Mitgliedsnummer 688.247).Bundesarchiv R 9361-IX KARTEI/5590600 Seine politischen Aktivitäten führten am 22. Mai 1934 zu seiner Verhaftung. Nach dem Putsch der Nationalsozialisten in Österreich und der Ermordung des Bundeskanzlers Engelbert Dollfuß am 25. Juli 1934 floh de Crinis nach Deutschland.
Direktor der Psychiatrischen Universitätsnervenklinik Köln In Köln wurde er als Ordinarius für Psychiatrie und Neurologie als Nachfolger des als Jude entlassenen Gustav Aschaffenburg eingestellt und mit Berufungsurkunde vom 9. Oktober 1934 rückwirkend zum Direktor der Psychiatrischen Universitätsnervenklinik ernannt. Verbunden mit seiner Ernennung zu einem preußischen Beamten war der Erwerb der preußischen Staats- und damit auch der deutschen Reichsangehörigkeit. Seine Berufung nach Köln wurde vom Reichsministerium für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung gegen das Votum der Fakultät durchgesetzt. Diese hatte Defizite in der wissenschaftlichen Praxis von de Crinis auf dem Gebiet der Psychiatrie geltend gemacht, die als Schwerpunkt der zu besetzenden Stelle galt. Ministerialrat Daniel Achelis setzte sich in einem Schreiben vom 6. Juli 1937 mit folgendem Argument darüber hinweg und schlug ihn für die Neubesetzung vor:
Wissenschaftliche Aktivitäten Als Klinikdirektor und Ordinarius konnte sich de Crinis erstmals auch in Deutschland durch seine rassenhygienischen und eugenischen Aktivitäten profilieren. Die Dozentenschaft der Kölner Universität führte er ab November 1934 bis zu seinem Wechsel nach Berlin 1938. In der 1935 gegründeten Gesellschaft Deutscher Neurologen und Psychiater fungierte er als Beirat. Für das Erbgesundheitsgericht Köln war er gutachterlich tätig.
Seine wissenschaftliche Karriere setzte de Crinis durch histopathologische und histochemische Arbeiten fort. Eine Abhandlung über die Anatomie der Hörrinde publizierte er 1934. Bekannt wurde er aber auch durch die Entwicklung einer besonderen Form der Hirnzellenfixierung. Hirnpunktionen, die er später im Zusammenhang mit seinen Forschungen über Hirntumore vornahm, können als „fragwürdige Menschenversuche“Jasper, S. 68f. gesehen werden. De Crinis war auch beteiligt an einem von der Deutschen Forschungsgemeinschaft finanzierten Projekt zum biologischen Nachweis der innersekretorischen Störungen bei Schizophrenie. Geisteskrankheiten führte er nach seiner These auf Eiweißzerfallstoxikosen zurück. Seit 1940 befasste sich de Crinis auch mit dem menschlichen Gesichtsausdruck.Maximinian de Crinis: Der menschliche Gesichtsausdruck und seine diagnostische Bedeutung. Leipzig 1942. Auf dem Gebiet der Neuropathologie, Neurophysiologie, Neurologie und Psychiatrie publizierte er insgesamt 60 wissenschaftliche Arbeiten.Siehe Klimpel, S. 56.
Mitgliedschaft in der SS In die SS (SS-Nummer 276.171) trat de Crinis am 18. Februar 1936 als Untersturmführer ein.Bundesarchiv R 9361-III/520425 Am 20. April 1937 wurde er zum SS-Obersturmführer, am 11. September 1938 zum SS-Hauptsturmführer befördert. SS-Standartenführer wurde er November 1943.Michael Grüttner: Biographisches Lexikon zur nationalsozialistischen Wissenschaftspolitik. Synchron, Heidelberg 2004, ISBN 3-935025-68-8, S. 36.
De Crinis hatte enge Kontakte zum Sicherheitsdienst der SS (SD) und war mit Reinhard Heydrich, dem Chef und Walter Schellenberg als dem Leiter des Amtes IV E (Abwehr) des Reichssicherheitshauptamtes befreundet. Letzterer beschreibt ihn in seinen Erinnerungen als „väterlichen Freund“, in dessen Haus er „wie ein Sohn verkehrte“. Er sei „eine große, vornehme Erscheinung, politisch versiert und von beachtlicher Allgemeinbildung“ gewesen.Walter Schellenberg: Aufzeichnungen: Die Memoiren des letzten Geheimdienstchefs unter Hitler. Limes, 1979, ISBN 3-8090-2138-5, S. 79 ff. Als Person seines Vertrauens bezog Schellenberg de Crinis auch in das als Venlo-Zwischenfall bekannte Unternehmen ein, bei dem er am 29. Oktober 1939 Schellenberg nach Holland begleitete.Peter Koblank: Der Venlo-Zwischenfall, Online-Edition Mythos Elser 2006.
Im Dienst der Wehrmacht und Waffen-SS Als beratender Psychiater war de Crinis bereits ab 1937 beim Wehrkreisarzt III aktiv. Für den Mob-Fall wurde auch der Umgang mit den zu erwartenden Opfern wie Kriegszitterern, Hysterikern und Neurotikern, aber auch mit Kriegsdienstverweigerern und Homosexuellen besprochen. In Berlin betätigte er sich 1939 als beratender Armeepsychiater.
Für seine besonderen Verdienste für die Wehrmacht wurde de Crinis am 1. Februar 1941 zum Oberfeldarzt und zum 1. Dezember 1942 „gemäß Erlaß des Oberbefehlshabers des Heeres“ zum Oberstarzt ernannt. 1939 erhielt er das Eiserne Kreuz II. und I. Klasse sowie 1941 die Medaille für deutsche Volkspflege. Im Jahr 1943 wurde er zum Mitglied der Gelehrtenakademie Leopoldina gewählt.
Ab Oktober 1944 wurde de Crinis zum obersten beratenden Heerespsychiater bestellt und leitete das Institut für Allgemeine Psychiatrie und Wehrpsychologie der Militärärztlichen Akademie. Als beratender Psychiater war er auch beim Heeressanitäts-Inspekteur (als Nachfolger von Oberstarzt Otto Wuth) und für die Waffen-SS bereits ab 1942 tätig.
Ordinarius und Direktor der Psychiatrischen- und Nervenklinik der Charité in Berlin Mit der Emeritierung von Karl Bonhoeffer 1938 wurden das Ordinariat und die Direktion der Psychiatrischen- und Nervenklinik der Charité in Berlin frei. Bonhoeffer war es nicht gelungen, seine Nachfolge rechtzeitig durch Präsentation eines konsensfähigen Kandidaten zu regeln. Fakultät und Ministerium hatten hierzu unterschiedliche Vorstellungen. Ebenso wie Bonhoeffer äußerte sich auch die Fakultät negativ zu einer Kandidatur de Crinis’. Der Dekan und Direktor der I. Medizinischen Universitätsklinik der Charité, Richard Siebeck, sprach sich gegenüber dem Ministerium wie folgt aus:
Die von Siebeck angesprochenen Erkundigungen bestanden in einer Umfrage bei sämtlichen Fachkollegen an deutschen Hochschulen. Diese ergab eine lediglich zweimalige Nennung von de Crinis’ Namen. Der einzige Fachvertreter, der sich dezidiert für ihn ausgesprochen hatte, war Carl Schneider aus Heidelberg, der sich später als T4-Gutachter maßgebend an den NS-Krankenmorden beteiligte.
Aber ebenso wie vorher in Köln setzte sich auch jetzt das Ministerium, nicht zuletzt bestärkt durch die starke Unterstützung durch die NS-Dozentenschaft, gegenüber der Fakultät durch und ernannte de Crinis zum 1. November 1938 zum Professor für Psychiatrie und Neurologie sowie zum Direktor der Nervenklinik der Charité.
Referent im Reichsministerium für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung 1939 wurde de Crinis Mitglied des Kuratoriums des Kaiser-Wilhelm-Institut für Hirnforschung. Im folgenden Jahr ernannte ihn Minister Bernhard Rust zum 1. Januar 1940 zum Nachfolger von Ernst Bach, der ein Ordinariat in Marburg übernahm und sich maßgeblich für die Berufung de Crinis nach Berlin eingesetzt hatte. Unter Belassung seiner Ämter als Hochschullehrer und Klinikdirektor wurde de Crinis im Ministerium als Referent für medizinische Sachfragen eingesetzt. In dieser Funktion konnte er sich auch zu Problemen der medizinischen Ausbildung und den damit zusammenhängenden Berufungsfragen als fachkompetent mit entsprechenden Gewicht äußern. Eine enge fachliche Zusammenarbeit fand mit dem Reichsgesundheitsführer der NSDAP und Staatssekretär für Gesundheitswesen im Reichsinnenministerium Leonardo Conti statt. Kontakte bestanden ebenfalls zum Reichsarzt Ernst-Robert Grawitz. 1944 wirkte er zugleich im Beirat des Bevollmächtigten für das Gesundheitswesen Karl Brandt.
Für seine Verdienste um die nationalsozialistische Bewegung wurde de Crinis mit dem Goldenen Parteiabzeichen der NSDAP ausgezeichnet.
Nach dem umstrittenen „Englandflug“ des Führerstellvertreters Rudolf Heß am 10. Mai 1941 wurde de Crinis mit der Erstellung eines psychiatrischen Gutachtens beauftragt, um die politisch opportune Diagnose „Geisteskrankheit“ zu stützen. Im Auftrag von Walter Schellenberg soll er kurz vor Kriegsende auch den Gesundheitszustand von Außenminister Joachim von Ribbentrop sowie von Hitler – sicherlich ohne Untersuchung der Genannten – beurteilt haben. Exposé von Klaus-Jürgen Neumärker Bei Hitler habe er die Parkinsonsche Krankheit diagnostiziert, wie er Anfang 1945 in einem Gespräch mit Graf Folke Bernadotte erklärte, ein medizinisches Gutachten für eine Amtsenthebung zugunsten Himmlers jedoch abgelehnt.Ernst Günther Schenck: Patient Hitler. Eine medizinische Biographie. Düsseldorf 1989, ISBN 3-7700-0776-X, S. 414f., 436.