Die britische Mount-Everest-Expedition 1922 war die erste Expedition, die ausdrücklich die Erstbesteigung des Mount Everest zum Ziel hatte. Sie endete nach zwei gescheiterten Anläufen und einem schweren Unglück beim dritten Besteigungsversuch. Bei ihr wurde erstmals Sauerstoff aus Druckflaschen als Besteigungshilfe eingesetzt.
Eine Erkundungsexpedition war bereits im Vorjahr in das Gebiet des Mount Everest vorgedrungen. Dabei hatte George Mallory, der auch Teilnehmer der Expedition von 1922 war, eine seiner Meinung nach gangbare Route zum Gipfel entdeckt. miniatur|Die Teilnehmer im Base Camp miniatur|Die Nordflanke des Mount Everest
Vorbereitungen Die Besteigungsversuche des Mount Everest waren Teil des Pioniergeistes, der in dieser Zeit im britischen Empire herrschte. Nachdem die Briten weder den Nord- noch den Südpol als Erste erreicht hatten, galten nun ihre Anstrengungen der Eroberung des sogenannten „Dritten Pols“, also auf die Erstbesteigung des Mount Everest. Die ersten Expeditionen waren bereits in den Jahren 1915 und 1916 vom Brigadier Cecil Rawling geplant worden. Sie kamen wegen des Ersten Weltkrieges und danach durch den Tod von Rawling nicht zustande. Die in den 1920er Jahren unternommenen Expeditionen wurden vom Mount Everest Committee, das von der Royal Geographical Society und dem Alpine Club gebildet worden war, organisiert.Holzel, Salkeld: In der Todeszone
Die 1922er Expedition verfügte über Landkarten, die aus im Jahr 1921 stattgefundenen Vermessungen erstellt worden waren. John Noel übernahm die Aufgabe, eine Film- und Fotoausrüstung zusammenzustellen, um die Expedition bestmöglich zu dokumentieren. So gehörten drei Filmkameras, zwei Panoramakameras, vier Plattenkameras, eine Stereokamera und fünf sogenannte Westentaschen-Kodaks (Vest Pocket Kodak) zur Ausrüstung. Letztere waren Fotokameras, die klein und leicht genug waren, um von den Bergsteigern mit in große Höhen genommen zu werden. Die Bergsteiger sollten damit in der Lage sein, einen möglichen Gipfelerfolg nachzuweisen. Zudem wurde ein abdunkelbares Zelt zur Entwicklung der Fotos mitgenommen. Noel sind eine große Anzahl an Fotos und ein Film zu verdanken.Breashers, Salkeld: Mallorys Geheimnis
Während der vorbereitenden Expedition 1921 hatte man erkannt, dass die beste Zeit für eine Besteigung sehr wahrscheinlich die Zeit des Vormonsuns sei. Die Expeditionen in den Jahren 1922 und 1924 wurden diesen Erkenntnissen entsprechend geplant.
Flaschensauerstoff als Besteigungshilfe Das Jahr 1922 kann auch als Ausgangsjahr der bis heute andauernden Kontroverse über die Verwendung von Flaschensauerstoff beim Bergsteigen in große Höhen angesehen werden. Bei der Britischen Mount-Everest-Expedition 1921 hatte man schon Sauerstoffflaschen dabei, nutzte sie allerdings nicht. Alexander Mitchell Kellas, der ab etwa 1920 als einer der ersten Wissenschaftler überhaupt auf die nützliche Verwendung von Flaschensauerstoff in großen Höhen hingewiesen hatte, nahm zwar an der Expedition von 1921 teil, kam aber beim Anmarsch ums Leben. Wegen der damals noch sehr schweren Systeme war er allerdings selbst skeptisch, ob man sie bis ganz nach oben mitnehmen könne. Kellas’ Erkenntnisse wurden allgemein auch wenig beachtet, was vielleicht daran lag, dass er als Privatperson forschte. Mehr beachtet wurden die Druckkammerexperimente von Professor Georges Dreyer, der im Ersten Weltkrieg als höhenmedizinischer Berater der Royal Air Force tätig gewesen war. Nach seinen Untersuchungen, die er unter anderem mit George Ingle Finch betrieb, war er der Auffassung, dass in so großen Höhen das Überleben nur durch mit Sauerstoff angereicherte Atemluft möglich sei. Weiterhin wurden die Beobachtungen von Paul Bert herangezogen, der den Tod von Ballonfahrern in großen Höhen untersuchte. Dass 1922 Sauerstoffflaschen mitgegeben wurden, war Folge dieser Untersuchungen.
Eine solche Flasche enthielt etwa 240 Liter Sauerstoff. Vier solche Flaschen waren auf einem Tragegestell befestigt, das die Bergsteiger auf dem Rücken tragen sollten. Zusammen mit anderen Anbauteilen ergab sich ein Gesamtgewicht von etwa 14,5 kg. Somit hätte jeder Bergsteiger zu Beginn des Tages ein großes Zusatzgewicht zu tragen gehabt. Zehn dieser Systeme wurden der Expedition zur Verfügung gestellt. Obwohl eine Maske über die Nase und den Mund gezogen wurde, sollte zudem ein Schlauch im Mund gehalten werden. Dreyer hatte auch die Fließgeschwindigkeit vorgeschlagen: Auf 7000 m Höhe sollten 2 Liter Sauerstoff pro Minute fließen, beim Anstieg zum Gipfel dagegen 2,4 Liter pro Minute. Daraus ergab sich, dass eine Flasche für etwa 2 Stunden gereicht hätte. Der gesamte Sauerstoffvorrat wäre somit nach spätestens 8 Stunden aufgebraucht gewesen. Heutzutage werden meist 3- oder 4-Liter-Flaschen benutzt, die mit Sauerstoff unter einem Druck von 250 Bar gefüllt sind. Bei einer Fließgeschwindigkeit von 2 Liter pro Minute kann eine kleinere moderne Flasche also über 6 Stunden genutzt werden.Angaben zur Benutzung von Sauerstoff von H. Bielefeldt
George Finch war auf der Reise für die Geräte verantwortlich, was auch an seiner Ausbildung zum Chemiker und seinem Interesse an dieser Technik lag. Er ordnete tägliche Übungen mit den Geräten an. Dabei traten schnell die Schwächen zu Tage: Die Apparaturen waren sehr störanfällig, wenig robust bei Stößen und sehr schwer bei geringem Inhalt an Sauerstoff. Es entbrannte wegen dieser Geräte ein Streit unter den Expeditionsteilnehmern; viele Bergsteiger wollten lieber ohne sie aufsteigen. Von den Trägern wurde die mit Sauerstoff angereicherte Atemluft als „englische Luft“ bezeichnet.
Expeditionsteilnehmer Die Expeditionsteilnehmer wurden nicht nur nach bergsteigerischen Qualitäten ausgewählt. So spielten sowohl die Schichtzugehörigkeit als auch die Zugehörigkeit zum Militär oder zu bestimmten Berufen eine gewichtige Rolle. Insbesondere in der Öffentlichkeit wurde auf die militärischen Ränge oder die Universitätsabschlüsse der einzelnen Expeditionsteilnehmer hingewiesen.
NameFunktionBerufCharles G. Bruce (1866–1939)ExpeditionsleiterSoldat (Offizier, Rang: Brigadier General)Edward Lisle Strutt (1874–1948)Stellvertretender Expeditionsleiter und BergsteigerSoldat (Offizier, Rang: Lieutenant-Colonel)George Mallory (1886–1924)BergsteigerLehrerGeorge Ingle Finch (1888–1970)BergsteigerForscher und Lehrer am Imperial CollegeEdward „Teddy“ F. Norton (1884–1954)BergsteigerSoldat (Offizier, Rang: Major)Henry Treise Morshead (1882–1931)BergsteigerSoldat (Offizier, Rang: Major)Dr. Theodor Howard Somervell (1890–1975)BergsteigerArztDr. Arthur William Wakefield (1876–1949)BergsteigerArztJohn Noel (1890–1989)Fotograf und FilmkameramannSoldat (Offizier, Rang: Captain)Dr. Tom George Longstaff (1875–1964)ExpeditionsarztArztJohn Geoffrey Bruce (der Vetter von Charles G. Bruce) (1896–1972)Dolmetscher und OrganisationsaufgabenSoldat (Offizier, Rang: Captain)C. John Morris (1895–1980)Dolmetscher und OrganisationsaufgabenSoldat (Offizier, Rang: Captain)Colin Grant Crawford (1890–1959)Dolmetscher und OrganisationsaufgabenBeamter der indischen Zivilverwaltung
Zu den eigentlichen Bergsteigern kam noch eine große Gruppe von Trägern hinzu, sodass die Expedition schließlich aus etwa 160 Männern bestand.
Anreise miniatur|Karte des Mount Everest miniatur|rechts|Rongpu-Kloster, im Hintergrund der Mount Everest Der Weg zum Basislager folgte weitgehend der Route, die auch 1921 genommen wurde. Als Ausgangspunkt in Indien diente Darjiling, wo sich die Expeditionsteilnehmer Ende März 1922 sammelten. Einige der Teilnehmer waren bereits einen Monat vorher dorthin angereist, um Träger zu rekrutieren und weitere organisatorische Dinge zu erledigen. Für die meisten Expeditionsteilnehmer begann die Reise zum Mount Everest am 26. März. Crawford und Finch blieben zunächst zurück, um den Transport der Sauerstoffflaschen zu übernehmen. Diese erreichten Kalkutta erst etwa zu dem Zeitpunkt, als die Expedition schon Darjiling verließ. Die weitere Organisation funktionierte und die Flaschen wurden bald weitertransportiert.
Für die Reise durch Tibet lag die Genehmigung des Dalai Lama Thubten Gyatsho vor. Von Darjiling aus führte die Route über Kalimpong nach Phari Dzong und weiter nach Kampa Dzong, das am 11. April erreicht wurde. Hier rastete die Gruppe drei Tage, sodass Finch und Crawford mit den Sauerstoffflaschen aufholen konnten. Anschließend ging es weiter nach Shekar Dzong, um dann von Norden her zunächst das Rongpu-Kloster und anschließend den für das Basislager vorgesehenen Platz zu erreichen. Um sich besser zu akklimatisieren und um sich bei der vorherrschenden Kälte selbst warmzuhalten, wechselten die Teilnehmer der Expedition oft zwischen Reiten und Wandern. Am 1. Mai 1922 erreichte die Gruppe das Basislager am Rande des Rongpu-Gletschers.The Geographical Journal, Nr. 6, 1922
Geplante Aufstiegsroute Den britischen Expeditionen stand in der Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg nur der Zugang von Norden zur Verfügung. Mallory hatte im Jahr 1921 vom Lhakpa La aus eine gangbare Route zur Nordseite des Berges und weiter zum Gipfel entdeckt. Diese Route beginnt am Rongpu-Gletscher und verläuft dann über den einmündenden Östlichen Rongpu-Gletscher zunächst zum Nordsattel. Von dort aus ermöglichen die ausgesetzten Gipfelgrate (Nordgrat und Nordostgrat) den weiteren Aufstieg. Ein ernsthaftes, kräftezehrendes und klettertechnisch schwieriges Hindernis ist die mittlere von drei Felsstufen im Nordostgrat, der Second Step in etwa 8610 m Höhe, der vor dieser Expedition aber noch unbekannt war. Er hat eine Kletterhöhe von etwa vierzig Metern, die letzten fünf Meter sind fast senkrecht. Von dort führt die Gratroute mit relativ geringer Neigung zum Gipfel, der Weg ist jedoch noch recht weit und vor dem Gipfelschneefeld muss noch eine dritte, etwa zehn Meter hohe Stufe kletternd überwunden werden. Erstmals gelang chinesischen Bergsteigern im Jahr 1960 die Bewältigung dieser Route. Alternativ dazu erwogen die Briten damals, oberhalb des Nordsattels in die Nordflanke des Berges zu queren und über eine steile Schlucht, die später Norton-Couloir genannt wurde, den Gipfel zu ersteigen. Über diese Route erreichte erst Reinhold Messner im Jahr 1980 den Gipfel.
Besteigungsversuche miniatur|Die beiden Hauptrouten des Mount Everest, die 1922er Expedition versuchte den Aufstieg über die North-Col-North-Ridge-Route (gelb) Ausgehend vom Basislager war der Weg über den Östlichen Rongpu-Gletscher noch weitgehend unbekannt. Deshalb unternahmen Strutt, Longstaff, Morshead und Norton ab dem 5. Mai eine erste eingehende Erkundung des Weges. Das vorgeschobene Basislager (Lager III) wurde am oberen Gletscherrand, unter den Steilhängen des Nordsattels, auf etwa 6350 m Höhe errichtet. Zwischen dem Basislager und dem vorgeschobenen Basislager wurden zwei weitere Lager eingerichtet: Lager I auf etwa 5400 m Höhe und Lager II auf 6000 m Höhe. Die Errichtung und Versorgung dieser Lager wurde von einheimischen Bauern unterstützt, die aber nur kurze Zeit helfen konnten, da sie ihre Felder zu bestellen hatten. Longstaff verausgabte sich bei der Errichtung dieser Lager, wurde krank und fiel für den Rest der Expedition als Bergsteiger aus.
Am 10. Mai verließen Mallory und Somervell das Basislager mit dem Ziel, auf dem Nordsattel das Lager IV zu errichten. Sie erreichten am 15. Mai das Lager III und wagten zwei Tage später den Aufstieg auf den Nordsattel. Das dort auf einer Höhe von etwa 7000 Meter angelegte Lager wurde in der Folge ebenfalls mit Vorräten versorgt. Der weitere Plan sah vor, dass zunächst Mallory und Somervell einen Besteigungsversuch ohne Sauerstoff-Flaschen unternehmen sollten, gefolgt von einem Versuch mit Sauerstoff-Flaschen von Finch und Norton. Da ein Großteil der Bergsteiger aber erkrankte, wurden diese Pläne aufgegeben. Die mehr oder weniger gesunden Bergsteiger Mallory, Somervell, Norton und Morshead sollten deshalb gemeinsam einen Besteigungsversuch unternehmen.
Erster Besteigungsversuch