Die Holocaustforschung erforscht den Holocaust an etwa sechs Millionen Juden Europas (Shoa) und sein Verhältnis zu weiteren Massenmorden in der Zeit des Nationalsozialismus: darunter dem Völkermord an hunderttausenden Sinti und Roma, der Aktion T4 an über hunderttausenden Behinderten und der millionenfachen Ermordung von Slawen (siehe NS-Zwangsarbeit, Generalplan Ost, Hungerplan).

Als Teil der umfassenderen NS-Forschung bezieht sich Holocaustforschung auf historische Entstehungsbedingungen, Entscheidungsprozess, Organisation, Durchführung, Täter, Mittäter, Opfer, Auswirkungen und Besonderheiten des Holocaust. Dies wird weltweit erforscht, jedoch besonders in den USA, Großbritannien, Israel, Polen und Deutschland. mini|Yad Vashem, Jerusalem, gegr. 1953 mini|United States Holocaust Memorial Museum, Washington D.C.

Anfänge USA mini|hochkant|Robert H. Jackson (1892–1954), ehemals Hauptanklagevertreter bei den Nürnberger Prozessen

Schon während des Holocaust sammelten jüdische und nichtjüdische Zeitzeugen und Widerstandskämpfer Berichte von den systematischen NS-Massenmorden an Juden, die ab 1941 bis 1949 in einigen Staaten erschienen.Für die Publikationen siehe das Literaturverzeichnis.

Holocaustüberlebende und während der NS-Zeit aus Europa emigrierte Historiker schufen die Grundlagen der angelsächsischen Holocaustforschung. Schon 1945 verfügte das von Jacob Robinson 1940 gegründete Institute for Jewish Affairs über ein klares Konzept zum Holocaust, zu den Tätern und Mechanismen der Ausrottung. Dabei wurde von einem zentral geplanten Verbrechen (Intentionalistischer Ansatz) ausgegangen und die Opferschätzungen des Instituts waren nur geringfügig konservativer als die Täterschätzungen von Dieter Wisliceny oder Wilhelm Höttl.

Die Sicherung von NS-Archiven durch die Alliierten und die Sammlung von Zeitzeugenberichten durch Institute zur jüdischen Geschichte bildeten nach dem Krieg eine bessere Forschungsgrundlage. So baute Jacob Robinson das 1925 in Berlin gegründete Institute for Jewish History (YIVO) in New York City ab 1940 neu auf. Er war 1945 als Mitglied der UN-Menschenrechtskommission Berater des US-Chefanklägers Robert H. Jackson und half 1952 beim Aushandeln des Luxemburger Abkommens zwischen Israel und der Bundesrepublik Deutschland.

Sein Mitarbeiter, der polnische Holocaustüberlebende Philip Friedman, hatte bis zur deutschen Besetzung Polens eine Zweigstelle dieses Instituts in Warschau geleitet. Er emigrierte nach dem Krieg in die USA und veröffentlichte die ersten historischen Werke zum Holocaust aus der Opferperspektive. Robinson und Friedman veröffentlichten 1960 das erste regelmäßige Journal zum Holocaust, gefolgt von umfassenden Bibliographien. Diese Sammlungen vornehmlich jüdischer Holocaustliteratur gelten als Grundlagenwerke für die Holocauststudien, die seit 1967 als spezieller Wissenschaftszweig entstanden sind. Dabei spielen Zeugnisse der Opfer eine ebenso entscheidende Rolle wie Zeugnisse der Täter.

Deutschland In Deutschland stand unter dem Eindruck der nun bekannt werdenden Details aus den Vernichtungslagern in der unmittelbaren Nachkriegszeit die Frage nach den Schuldigen im Vordergrund, die meist apologetisch beantwortet wurde. Dass die Alliierten die NS-Archive beschlagnahmt hatten, erschwerte die empirische Grundlagenforschung.

Ab 1950 standen die Akten der ersten Nürnberger Prozesse zur Verfügung. Es erschienen zunächst vereinzelte Quellendokumentationen, meist von Holocaustüberlebenden wie Bruno Blau, Hans-Günter Adler und Joseph Wulf. Ab 1960 begann eine schrittweise Rückgabe von Archivbeständen. Die NS-Prozesse in der Bundesrepublik setzten vermehrt empirische Untersuchungen zu den NS-Massenverbrechen in Gang, häufig als Gerichtsgutachten und Gutachten für WiedergutmachungsbehördenBeispiele in der zweibändigen Sammlung Gutachten des Instituts für Zeitgeschichte. 1958 oder als Publikationen der staatlichen Bildungsarbeit.

Ab etwa 1960 setzte eine breitere historische Forschung zur NS-Zeit ein. Vorangetrieben wurde sie 1961 durch das epochale Werk Raul Hilbergs, 1963 durch den Eichmann-Prozess, die These der Prozessbeobachterin Hannah Arendt von der „Banalität des Bösen“ und die Auschwitzprozesse 1963–1966. Die deutsche Forschung konzentrierte sich jedoch stärker als die Forschung in den USA, Israel und Großbritannien auf Aufstiegsbedingungen, „Machtergreifung“, Herrschaftskonsolidierung und Kriegführung des NS-Regimes und thematisierte den Holocaust noch kaum.

Institutionen Bereits seit etwa 1942 sammelten und veröffentlichten verschiedene Einrichtungen Dokumente des Holocaust: das YIVO: Yidisher visnshaftlekher institut in New York, die Wiener Library in London, das Centre de documentation juive contemporaine in Paris, seit 2005 unter dem Namen Mémorial de la Shoah bekannt das Żydowski Instytut Historyczny in Warschau.

1953 wurde in Israel die nationale Gedenk- und Forschungsstätte Yad Vashem gegründet. Dort erscheinen seit 1957 die regelmäßigen Yad Vashem Studies, die als Grundlage der späteren Holocaust Studies in den USA gelten. 1955 gründeten deutsche Juden in Jerusalem das Leo Baeck Institut mit drei Zweigstellen (Jerusalem, London, New York) als internationales Zentrum der Holocaustforschung.Guy Miron: The Leo Baeck Institute and German-Jewish Historiography on the Holocaust. In: David Bankier, Dan Michman (Hrsg.): Holocaust Historiography in Context. 2009, S. 305 Ab 1967 entstand in den USA eine eigenständige Forschungsrichtung zum Holocaust mit besonderen Lehrstühlen, Forschungsinstituten und Fachzeitschriften. Eine davon unabhängige Einrichtung ist das 1977 gegründete Simon Wiesenthal Center mit Hauptsitz in Los Angeles. Das 1946 gegründete umfangreiche Archiv Wiesenthals befindet sich seit 1954 in Yad Vashem; das von ihm 1961 neu gegründete Dokumentationszentrum des Bundes Jüdischer Verfolgter des Naziregimes befindet sich seit 1975 beim Simon-Wiesenthal-Institut in Wien.

1980 wurde das Holocaust Memorial Museum in Washington, D.C. gegründet. Es besitzt eine eigene Forschungsabteilung und die Fachzeitschrift Holocaust and Genocide Studies.

1994 begann der US-Regisseur Steven Spielberg das Projekt der Shoah Foundation, einer Sammlung von rund 52.000 auf Videos aufgezeichneten Interviews mit Holocaustüberlebenden. Seit 2006 hat die Freie Universität Berlin Zugang zu diesem Archiv der Oral History.Holocaust-Forschung: FU Berlin bekommt riesiges Video-Archiv. Spiegel Online, 4. Dezember 2006

In der Bundesrepublik Deutschland übernahm das 1949 gegründete Institut für Zeitgeschichte eine führende Rolle bei der Sammlung und Herausgabe von Dokumenten des Holocaust. Seit 2009 gibt es in Zusammenarbeit mit dem Bundesarchiv und etwa 40 weiteren internationalen Archiven eine auf insgesamt 16 Bände konzipierte Dokumentenreihe unter dem Titel heraus: Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden durch das nationalsozialistische Deutschland 1933–1945.Hans Michael Kloth: Holocaust-Forschung: Denkmal zum Durchblättern. Spiegel Online, 18. November 2009.

In Polen legten das Jüdische Historische Institut Warschau und das staatliche Institut für Nationales Gedenken (IPN) je eigene Archive zum Holocaust an, die ab 1989 für die internationale Holocaustforschung geöffnet wurden. Mit dem Deutschen Historischen Institut Warschau entwickelten sie gemeinsame Forschungsprojekte.Jochen Böhler: Zweit-Weltkriegs- und Holocaust-Forschung am Deutschen Historischen Institut Warschau: Das Institutsprojekt „Auftakt zum Vernichtungskrieg. Der deutsche Überfall auf Polen 1939“.

1995 wurde in Frankfurt a. M. das Fritz Bauer Institut als Studien- und Dokumentationszentrum zur Erforschung der Geschichte und Wirkung des Holocaust gegründet.Homepage Fritz Bauer Institut

2013 wurde das „Zentrum für Holocaust-Studien am Institut für Zeitgeschichte München“ gegründet, das sich als Forum für die internationale Holocaustforschung versteht und mit den Einrichtungen der „European Holocaust Research Infrastructure“ (EHRI)EHRI-ProjektEHRI-Project: „Public History of the Holocaust“ verbunden ist. Institut für Zeitgeschichte.

Gesamtdarstellungen Zahlreiche Werke befassten sich zunächst mit Einzelepisoden und Einzelaspekten des Holocaust. Sie lieferten die Basis für spätere Gesamtdarstellungen. Von diesen sind in der internationalen Forschergemeinschaft weitgehend anerkannt:

mini|hochkant|links|Léon Poliakov, 1952 Léon Poliakovs Breviaire de la haine (1951), englisch erschienen als Harvest of Hate (1979), stützte sich auf die damals zugänglichen Dokumente der Nürnberger Prozesse und andere Quellen aus dem Center for Contemporary Jewish Documentation in Paris. Trotz heute erheblich verbesserter Quellenlage folgt die Forschung nach wie vor weitgehend seinen damaligen Fragestellungen.

Gerald Reitlingers Buch Die Endlösung (1953) basiert auf denselben Quellen, die auch Poliakov auswertete, analysierte sie aber ausgiebiger und bezieht die Judenretter stärker in das Gesamtbild ein. Seine Schätzung der Opferzahlen auf 4,5 Millionen ist inzwischen widerlegt.

Hans-Günter Adler verfasste bis 1949 das historisch-soziologische Werk Theresienstadt 1941–1945. Das Antlitz einer Zwangsgemeinschaft zum Ghetto Theresienstadt, das 1955 veröffentlicht wurde. Er ergänzte es 1958 mit der Dokumentation Die verheimlichte Wahrheit. 1974 erschien seine Forschung zur Bürokratie von Vertreibung und Vernichtung (Der verwaltete Mensch, Studien zur Deportation der Juden aus Deutschland).

Raul Hilbergs 1955 abgeschlossene Dissertation erschien erst 1961 als Buch The Destruction of the European Jews, deutsch: Die Vernichtung der europäischen Juden. Es gilt als Hauptwerk der Holocaustforschung, auf das sich viele weitere Forschungen stützten. Hilberg sichtete dafür ab 1945 zahllose Quellen des NS-Regimes in Deutschland und in den USA. Er untersuchte die Vorgeschichte und ideologische Kontinuitäten ebenso wie die Funktionsweise des NS-Regimes und stellte die bürokratischen Entscheidungsabläufe und das Zusammenwirken der verschiedenen NS-Behörden ins Zentrum seiner Analyse. Die gebundene dreibändige Originalausgabe enthält detaillierte Karten der Vernichtungslager, Ghettos und Deportationen aus den einzelnen Ländern. In der gekürzten Studienausgabe fehlen die Fußnoten.

Nora Levins The Holocaust (1968) beschreibt detailliert die Judenverfolgung ab 1933 und die Reaktionen auf das Bekanntwerden der NS-Massenverbrechen in den besetzten, neutralen und gegnerischen Einzelländern ab 1940. Die Autorin beschreibt das Zusammenwirken von Opfern und Tätern in den betroffenen Gebieten, speziell die Haltung der Judenräte, vergleicht die Bedingungen für die Rettung der meisten Juden Italiens und Frankreichs mit der Auslieferung der meisten Juden der Niederlande und unterzieht die Kollaborateure der NS-Herrschaft einer umfassenden Kritik. Sie berücksichtigt auch das Schicksal der überlebenden KZ-Häftlinge nach ihrer Befreiung, das die meisten Holocaustwerke bislang übergingen.

Lucy Dawidowicz veröffentlichte 1975 The War against the Jews.deutsch Der Krieg gegen die Juden. Eigenübersetzung. Kindler, München 1979, ISBN 3-463-00768-1 Fourier, Wiesbaden 1979, ISBN 3-925037-08-X. Mit ausführlichem Quellen- und Literaturverzeichnis Sie analysierte wie Levin zunächst die antisemitische Gesetzgebung im Dritten Reich, ihre Ausdehnung und Radikalisierung in den eroberten Gebieten und die Gründe dafür. Der Hauptteil vergleicht die Lebensumstände der Juden vor und nach ihrer Ghettoisierung und beschreibt die Rolle jüdischer Organisationen, die den Nationalsozialisten teilweise unabsichtlich in die Hände gespielt hätten. Für Osteuropa sind die Quellen sehr genau angegeben; aber die Situation in einzelnen Ländern wird nicht gründlich untersucht, und die Opferzahlen werden im Anhang präsentiert. Die Rettungsaktionen in Dänemark und Schweden sowie die Kollaboration in den übrigen Ländern werden nicht dargestellt.