Der Begriff deutschsprachige Literatur beziehungsweise deutsche Literatur bezeichnet die literarischen Werke in deutscher Sprache aus dem deutschen Sprachraum der Vergangenheit und Gegenwart. Zur deutschsprachigen Literatur werden im weitesten Sinne die Gesamtheit aller Texte in deutscher Sprache gezählt. Nach einem engen Literaturbegriff werden deutschsprachige Texte, welche den Großgattungen Dramatik, Epik und Lyrik angehören, sowie sowohl sprachlich ausgewählte Selbstzeugnisse, darunter Autobiografien, Memoiren, Tagebücher, Briefe, als auch Essays, literarische Reisebücher, Werke der Philosophie wie Geschichtsschreibung und Reden mit stilistischer Brillanz der deutschsprachigen Literatur zugerechnet.
Frühes Mittelalter (etwa 750–1100) mini|Althochdeutsche Dichtung als Randeintrag in einem lateinischen Kodex: Das Stabreimgedicht vom Weltende Muspilli aus dem 9. Jahrhundert
Deutschsprachige Literatur im frühen Mittelalter setzt etwa um 750 ein, mit den ältesten erhaltenen althochdeutschen Schriftzeugnissen. Dabei handelt es sich zunächst nicht um Literatur im eigentlichen Sinn, also Dichtung, sondern um althochdeutsche Glossare zu lateinischen Schriften und Übersetzungsarbeiten aus dem Lateinischen in die Volkssprache, die als Missionierungshilfe und als Verständnishilfe für lateinische Texte in Klöstern entstanden. Zu den ältesten erhaltenen althochdeutschen Glossaren zählt der Codex Abrogans, der als die älteste zusammenhängende Überlieferung in deutscher Sprache gilt.Herbert Walz: Die deutsche Literatur im Mittelalter. Kindler, München 1976, ISBN 3-463-00654-5, S. 17.
Frühe literarische Zeugnisse in deutscher Sprache finden sich in der Klosterliteratur: Bibeldichtung und Heiligenlieder. Wichtige Beispiele sind die zwei großen Bibelepen des 9. Jahrhunderts, das altsächsische Heliand und das südrheinfränkische Evangelienbuch des Otfrid von Weißenburg. Die älteste kirchliche Dichtung in deutscher Sprache ist das Wessobrunner Gebet, das die Erschaffung der Welt beschreibt. Vom Ende der Welt handelt das nur fragmentarisch überlieferte Gedicht Muspilli aus dem 9. Jahrhundert.Dorothea Klein: Mittelalter. 2. Auflage. Metzler, Stuttgart 2015, ISBN 978-3-476-02596-8, S. 140.
Neben religiöser Literatur findet man vereinzelt auch weltliche Dichtung in althochdeutscher Sprache, die traditionell mündlich weitergegeben wurde. Von Einhard, dem Biografen Karls des Großen, weiß man, dass an Karls Hof Lieder gesammelt wurden, die die Heldentaten früherer Könige besungen haben, diese sind jedoch nicht überliefert. Das einzige überlieferte Zeugnis germanischer Heldendichtung in althochdeutscher Sprache ist das Hildebrandslied, das sich auf den Außenseiten einer theologischen Handschrift aus dem Kloster Fulda aus dem 9. Jahrhundert findet.Dorothea Klein: Mittelalter. 2. Auflage. Metzler, Stuttgart 2015, ISBN 978-3-476-02596-8, S. 141.
Andere überlieferte, nicht-religiöse Texte sind nur fragmentarisch erhalten, so Zauber- und Segenssprüche, eigentlich Teil einer heidnischen Glaubenspraxis, viele davon sind jedoch bereits christlich geprägt. Bedeutend sind die Merseburger Zaubersprüche, welche um 950 in ostfränkischer Sprache im Domstift Merseburg schriftlich fixiert wurden.Dorothea Klein: Mittelalter. 2. Auflage. Metzler, Stuttgart 2015, ISBN 978-3-476-02596-8, S. 142.
Um 900 bricht die Überlieferung literarischer Zeugnisse in der deutschen Volkssprache ab. Aus den Jahren zwischen 900 und 1050 sind lediglich kirchliche Gebrauchsliteratur und Übersetzungen für zum Beispiel den Schulgebrauch überliefert. Bemerkenswert ist hier nur das Übersetzungswerk Notkers des Deutschen (um 950–1022), der in St. Gallen philosophische Texte der Antike auf hohem sprachlichen Niveau ins Althochdeutsche übertrug. Mit Notker hat das Althochdeutsche den Status einer vollwertigen Literatursprache erreicht.Herbert Walz: Die deutsche Literatur im Mittelalter. Kindler, München 1976, ISBN 3-463-00654-5, S. 32–33.Dorothea Klein: Mittelalter. 2. Auflage. Metzler, Stuttgart 2015, ISBN 978-3-476-02596-8, S. 142–143.
Erst um 1050 setzt die Produktion literarischer Werke wieder neu ein, unter anderem mit neuen literarischen Gattungen und in der frühen mittelhochdeutschen Sprache. Im 11. Jahrhundert entstanden vor allem christlich belehrendeVgl. etwa Bernhard Sowinski: Lehrhafte Dichtung des Mittelalters. Stuttgart 1971. Werner Richter: Lehrhafte Dichtung. In: RL. Band 2, 1965, S. 31–37. und ermahnende Texte. Die Textsorten waren heilsgeschichtliche Darstellungen, zum Beispiel das Ezzolied (um 1065), Legendendichtung wie das Annolied (um 1077), alt- und neutestamentliche Bibelepik (zum Beispiel Genesis, Exodus, Leben Jesu), dogmatische Darlegungen, eschatologische Dichtungen und Mariendichtung.Dorothea Klein: Mittelalter. 2. Auflage. Metzler, Stuttgart 2015, ISBN 978-3-476-02596-8, S. 143–153.
Hohes Mittelalter (etwa 1100–1250) mini|Wolfram von Eschenbach; Autorenbild in der Manessischen Liederhandschrift
Um die Mitte des 12. Jahrhunderts wurde die Literatur vielfältiger: Man griff Themen auf, die zuvor der Schrift für unwürdig befunden wurden. Außerdem gab es mehr unterschiedliche Formen, wie höfische Lyrik, unterhaltende Erzählungen. Geistliche Dichter interessierten sich neu für einzelne Personen und ihre Lebensgeschichte, dies führte zu Legendendichtungen wie Albers Tundalus und Veldekes Servatius.
Damals erhielt auch die eine mehr weltliche (nichtkirchliche) Dichtung Auftrieb, nämlich die Geschichtsepik. Sie kam erstmals zu Rang und Namen als Dichtkunst. Das bedeutendste Werk, die Kaiserchronik mit rund 17.000 Versen, erzählt episodenhaft die Geschichte des römischen Kaisertums von der Gründung Roms bis zu Konrad III. Das Rolandslied des Pfaffen Konrad schildert den Kampf Karls des Großen und seiner Paladine gegen die Sarazenen in Spanien sowie den Tod Rolands nach einem Verrat. Mit dem Rolandslied und dem Alexander des Pfaffen Lamprecht machte sich auch erstmals der Einfluss französischer Stoffe und Gestaltungsweisen bemerkbar, der die deutschsprachige Literatur für die nächsten Jahrzehnte und Jahrhunderte prägen sollte.
In den Jahrzehnten nach 1150 brach eine „Blütezeit“ der deutschsprachigen Literatur an. An einzelnen Höfen des Feudaladels verbreitete sich eine kultivierte literarische Praxis nach romanischsprachigem Vorbild: die so genannte Höfische Literatur. In der Lyrik entwickelte sich der Minnesang (hohe Minne) und die Sangspruchdichtung, mit ihren wichtigsten Vertretern Heinrich von Morungen, Reinmar der Alte und Walther von der Vogelweide. Für die höfische Epik galt schon den Zeitgenossen als Gründungsakt der Eneasroman des Heinrich von Veldeke, der vom Niederrhein an den Landgrafenhof in Thüringen kam und sein Werk dort gegen 1185 fertigstellte. Danach entstanden nach französischsprachigen Vorlagen (Chrétien de Troyes) zahlreiche höfische Epen in mittelhochdeutscher Sprache. Die bekanntesten sind hier Erec und Iwein (Hartmann von Aue), Tristan und Isolde (Gottfried von Straßburg), Parzival (Wolfram von Eschenbach). Abseits von dieser „modernen“ Erzählkultur bleibt das anonym überlieferte Heldenepos Nibelungenlied.
Spätes Mittelalter (etwa 1250–1500)
Als revolutionär erwies sich am Ausgang des Mittelalters der Buchdruck mit beweglichen Lettern. Schließlich konnte Pergament als Beschreibstoff durch billiges Papier ersetzt werden. Am Übergang zur Neuzeit steht Johannes von Tepls Der Ackermann aus Böhmen.
Frühe Neuzeit (Humanismus und Reformation) (etwa 1450–1600) mini|Martin Luther (Werkstatt Lucas Cranachs des Älteren), 1528 Aus Italien kommend verbreitete sich der Humanismus, die Geisteshaltung der Renaissance, in Deutschland. Man wandte sich antikem Gedankengut zu und schrieb deshalb oft auf Latein, auch wenn vor allem ein deutsches Publikum angesprochen werden sollte. Eine Trennung nach Sprachen ist deshalb wenig sinnvoll.Hans Rupprich, Neubearbeitet von Hedwig Heger: Geschichte der deutschen Literatur. Bd. 4/1: Das ausgehende Mittelalter, Humanismus und Renaissance 1370–1520. 2. Auflage. München 1994; Thomas Cramer: Geschichte der deutschen Literatur im späten Mittelalter. 3., aktual. Auflage. München 2000; Heinz Otto Burger: Renaissance, Humanismus, Reformation. Deutsche Literatur im europäischen Kontext. Bad Homburg v. d. H. 1969.
Frühe Literaten wie Niklas von Wyle oder Heinrich Steinhöwel haben sich besonders mit der Übersetzung neuer lateinischer Texte des italienischen Humanismus ins Deutsche beschäftigt und eine Reform der deutschen Schriftsprache angestrebt. Bekannte Vertreter der nächsten Generation waren Conrad Celtis, der in Basel tätige Erasmus von Rotterdam und Johannes Reuchlin, allerdings schrieben sie ihre Werke meist lateinisch und hatten außerhalb der Gelehrtenwelt und gesellschaftlichen Eliten zunächst wenig Einfluss. Anders Ulrich von Hutten (1488–1523) mit seinen rebellischen Gedichten oder Sebastian Brant (1458–1521), der sein erfolgreiches Narrenschiff auf Deutsch verfasste. Erasmus von Rotterdams Lob der Torheit ist das wichtigste Werk der deutschen Narrenliteratur. Weitere Werke wie Julius vor der verschlossenen Himmelstür begründen seine Stellung als wichtigsten satirischen Autor seiner Zeit. Ein weiterer bemerkenswerter Autor des 16. Jahrhunderts ist der Straßburger Johann Fischart (1546–1590), sein bekanntestes Werk ist die Affentheurlich Naupengeheurliche Geschichtklitterung. Fischart orientierte sich an Gargantua und Pantagruel des Franzosen François Rabelais. Ein häufiges Genre der Zeit war das Volksbuch. Es entstand anonym und war, weil es beliebte Themen aufgriff, weit verbreitet. Beispiele sind die Historia von D. Johann Fausten und die Geschichten um Till Eulenspiegel. Letzteres gehört mit dem Lob der Torheit zu den am stärksten rezipierten Prosatexten der frühen Neuzeit überhaupt.
Die folgenreichste Bewegung war die von Martin Luther (1483–1546) eingeleitete Reformation. Luther verstand es, seine Ideen auch in lesbarem Deutsch zu verbreiten. Das herausragendste Ereignis auf dem deutschen Buchmarkt des 16. Jahrhunderts war sicher das Erscheinen seiner Bibelübersetzung in den Jahren 1522 und 1534. Sie trug wesentlich zur Verbreitung des heutigen Deutsch bei. Gemeinsam mit den Kirchenliedern Luthers, beispielsweise Ein feste Burg ist unser Gott, Vom Himmel hoch, da komm ich her oder Wär Gott nicht mit uns diese Zeit, stellt sie den wichtigsten Beitrag zur deutschen Literatur der frühen Neuzeit dar. Seine Lieder wurden stilprägend für nachfolgende protestantische Lieddichter und fanden durch ihre Vertonung Aufnahme in der Kirchenmusik. Spätere Dichter wie Andreas Gryphius und Bertolt Brecht wussten die lutherische Bibelübersetzung für ihre Dichtung zu nutzen.
mini|Hans Sachs Neben Humanismus und Reformation verdienen auch der Meistersang, die Schwankdichtung und das Fastnachtsspiel zumindest eine Erwähnung, insbesondere deren bekannteste Vertreter, der Nürnberger Hans Sachs (1494–1576) und Jörg Wickram (um 1505 – vor 1562). Seit dem 17. Jahrhundert büßen Meistersänger stark an Renommee ein. Ihre Dichtung wird im bürgerlichen Literaturverständnis, das eine Differenz zwischen Kunst und Schund oder Hoch- und Trivialliteratur auch auf die Literatur der Vergangenheit überträgt, als Tiefpunkt der deutschen Dichtung eingeschätzt. Trotz des Interesses der Literaturwissenschaft und den wenigen wohlwollenden Stimmen zu einzelnen Aspekten der volksnahen Dichtung, gilt die Lyrik der städtischen Bewohner als misslungen.