Der Partido Liberal Mexicano (deutsch: Liberale Mexikanische Partei) war eine von 1901 bis 1913 bestehende Organisation, die in Opposition zum autoritären mexikanischen Präsidenten Porfirio Díaz aus den zuvor bestehenden Clubes Liberales entstand.vgl. Markus Kampkötter: Emiliano Zapata – Vom Bauernführer zur Legende (Münster: Unrast Verlag, 1996), S. 23, ISBN 3-928300-40-7; Kampkötter beziffert das Gründungsjahr mit 1901 und die Entstehung aus den liberalen Clubs, die vorher lose und unabhängig voneinander bestanden. Er berichtet ferner, dass der spätere Staatspräsident Francisco Madero anfangs ebenfalls Mitglied der Partei war, sich aber nach etwa fünf Jahren von ihr distanzierte, weil er die zunehmende Radikalisierung durch den Einfluss der nordamerikanischen Anarchisten ablehnte. Das der Partei nicht selten zugeschriebene Gründungsjahr 1906 dürfte damit zusammenhängen, dass Ricardo Flores Magón ein offizielles Parteiprogramm im April 1906 aus seinem kanadischen Exil verfasste. Die Partei fungierte in ihren ersten Jahren als oppositionelles Sammelbecken, zeichnete sich jedoch zugleich durch eine anarchosyndikalistische Einstellung aus. So wird im Manifest der Partei aus dem Jahre 1911 die „Zerschlagung aller politischen, ökonomischen, sozialen, religiösen und moralischen Institutionen“ gefordert, die „die freie Initiative und den freien Zusammenschluss von Menschen ersticken.“Manifiesto del 23 de septiembre de 1911, Regeneracion, Ausgabe vom 20. Januar 1912. Der einflussreichste Vertreter des Partido Liberal Mexicano (PLM) war der Revolutionär und Anarchist Ricardo Flores Magón.

Der PLM war die einflussreichste, militante Oppositionsbewegung in der Zeit vor der mexikanischen Revolution. In der Revolutionszeit gewann die Gruppe für einige Monate die Kontrolle über den Bundesstaat Baja California, konnte sich in Gesamtmexiko jedoch nicht durchsetzen.

mini|300px|Die Junta Organizadora der Partido Liberal Mexicano 1910.

Geschichte Vorgeschichte und Gründung mini|Das Titelblatt der Regeneración aus dem Jahre 1914 Die ersten Aktivitäten der späteren Akteure des PLM begannen um die Jahrhundertwende, also 11 Jahre vor dem Beginn der mexikanischen Revolution. Im Jahr 1900 herrschte der autoritäre Präsident Porfirio Díaz bereits seit zwei Jahrzehnten, zeitliche Begrenzungen der Präsidentschaft hatte er aus der Verfassung streichen lassen. Oppositionelle Bewegungen waren mit Beschränkungen der Meinungs- und Pressefreiheit, Gefängnisstrafen und auch politischen Morden konfrontiert.Michael C. Meyer, William L. Sherman, Susan M. Deeds: The Course of Mexican History, Oxford, Oxford University Press, 2006, ISBN 0-19-517836-X Zugleich konnte Porfirio Díaz jedoch auf die Unterstützung zumindest von Teilen der Mittel- und Oberschicht zählen, da seine Präsidentschaft politische Stabilität, wirtschaftlichen Aufschwung und ausländische Investitionen mit sich brachte. Als die Brüder Flores Magón 1900 begannen, in der Zeitschrift Regeneración sozialrevolutionäre Texte zu veröffentlichen, agierten sie also in einem Umfeld relativer politischer Stabilität. Daran änderte auch der 1901 in San Luis Potosí organisierte, oppositionelle Congreso Liberal von Camilo Arriaga nichts. Die schlechten Lebensbedingungen der Land- und Industriearbeiter führten ebenfalls zu keiner allgemein revolutionären Stimmung in Mexiko. Dennoch werden die Oppositionsaktivitäten der Jahrhundertwende von Historikern häufig als Vorboten der mexikanischen Revolution beschrieben.Encyclopædia Britannica: „Mexico Precursors of revolution“, 2008 und Charles C. Cumberland: „Precursors of the Mexican Revolution of 1910“ in: The Hispanic American Historical Review, Vol. 22, No. 2, 1942, S. 344–356

Zunächst führten die oppositionellen Aktivitäten jedoch nur zu verstärkter Repressionen, Ricardo Flores Magón wurde verhaftet und musste ins Gefängnis. Anschließend ging er wie viele andere Oppositionelle ins Exil in die Vereinigten Staaten. Seine erste Station war Chicago, wo er sich jedoch durch den mexikanischen Geheimdienst derart bedroht fühlte, dass er kurzzeitig nach Kanada floh. Schließlich entschied er sich für einen Umzug nach St. Louis in Missouri, wo der PLM 1905 gegründet wurde. Ricardo Flores Magón wurde zum Präsidenten der neuen Partei gewählt. Weitere Mitglieder der Junta waren Juan Sarabia (Vizepräsident), Antonio Virral (Parteisekretär) und Enrique Flores Magón (Schatzmeister).William Dirk Raat: „The Diplomacy of Suppression: Los Revoltosos, Mexico, and the United States, 1906-1911“, in: The Hispanic American Historical Review, Vol. 56, No. 4, 1976, S. 532 Der PLM wurde in Mexiko nie als offizielle Partei anerkannt, entwickelte sich in der vorrevolutionären Zeit jedoch zum zentralen Sammelbecken der radikalen Opposition gegen Porfirio Díaz. Gründungsmitglieder der PLM waren Camilo Arriaga, Antonio I. Villarreal und Antonio Díaz Soto y Gama.

Der Streik in Cananea Richtungsweisend für die späteren Aktionen der revoltos um Flores Magón sollte ein Streik von Minenarbeitern in der Stadt Cananea an der Grenze zwischen Mexiko und Arizona werden.Manuel González Ramírez: Fuentes para la historia de la revolución, Band 3, La huelga de Cananea, Mexiko-Stadt, 1956 Auslöser des Streiks war ein neuer Arbeitsvertrag, der geringere Löhne und Entlassungen beinhaltete. Zugleich waren die Arbeiter jedoch auch über die Minenpolitik empört, nur US-Bürger in höheren Positionen zuzulassen.

Mexikanische Truppen und eine Freiwilligenarmee aus den Vereinigten Staaten schlugen den Streik gemeinsam nieder, zwischen 20 und 200 Minenarbeiter wurden getötet.William Dirk Raat: „The Diplomacy of Suppression: Los Revoltosos, Mexico, and the United States, 1906-1911“, in: The Hispanic American Historical Review, Vol. 56, No. 4, 1976, S. 535 Es sind Briefe erhalten, in denen der PLM aus Cananea um Unterstützung in Form von großen Waffenlieferungen gebeten wirdBrief von Guadalupe Mendoza an Ricardo Flores Magón, Cananea, November 2, 1905, in: Coleccion Porfirio Diaz, Cholula, Mexiko, Dokumentennummer 006229, allerdings war die Gruppe um Flores Magón zu derartigen Aktionen logistisch nicht in der Lage.

Der gescheiterte Streik in Cananea hatte zwei Auswirkungen auf den PLM. Zum einen wurde es zum Ziel, eine Revolution in Mexiko durch die Unterstützung von Arbeitskämpfen und sozialen Unruhen herbeizuführen. Zum anderen veranlasste der Minenstreik die mexikanische Regierung, die befreundeten USA zu einer Bekämpfung des PLM zu drängen. Am 12. Juli 1906 begann David Patterson Dyer, der Bundesstaatsanwalt für den Osten Missouris, mit einer Untersuchung auf Anordnung des US-Justizministeriums. Am 5. September berichtete der Botschafter der Vereinigten Staaten in Mexiko, dass eine 500 bis 800 Personen starke Revolutionsarmee aus Arizona plane, nach Cananea vorzurücken.Brief von Thompson an Bacon, 5. September 1906, in: National Archives, Washington D.C., Records of the State Department, Numerical Files 1909 – 1910, Record Group 59, Case 100/20 Verhaftungen in Arizona folgte die Stürmung des Redaktionsbüros der Regeneración in St. Louis. William Greene, der Besitzer der Kupferminen in Cananea, machte den PLM-Aktivisten Manuel Sarabia für den Streik verantwortlich, konnte jedoch nicht die Unterstützung der amerikanischen Behörden gewinnen.

Aufstände in Veracruz mini|Streikende Textilarbeiter in Río Blanco Im September 1906 erreichte die Junta des PLM die mexikanische Nordgrenze mit dem Ziel, eine Revolte in diesem Gebiet zu beginnen. Die Aktion wurde mit Hilario Salas koordiniert, der den PLM im Bundesstaat Veracruz organisierte und eine Gruppe von Oppositionellen um sich versammelt hatte. Die mexikanische Regierung hatte jedoch von den Planungen an der Nordgrenze erfahren, Vorbereitungen getroffen und die Gruppe um Flores Magón beschloss, nicht aktiv zu werden.

Hilario Salas entschied sich dennoch zum Aufstand in Veracruz und erklärte in einem Manifest die bewaffnete Revolte des PLM gegen Porfirio Díaz. Salas teilte seine etwa 1000 schlecht bewaffneten Anhänger in drei Gruppen auf, die jeweils eine Garnison erobern sollten. Die Ziele waren Acayucan, Minatitlán und Puerto México. Die Aktion schlug fehl, Salas wurde schwer verletzt und die Aufständischen mussten sich in die Berge zurückziehen.Charles C. Cumberland: „Precursors of the Mexican Revolution of 1910“ in: The Hispanic American Historical Review, Vol. 22, No. 2, 1942, S. 344–356 Über die nächsten zwei Jahre hielt sich der verletzte Salas an verschiedenen Orten versteckt und begann erst 1908 wieder mit der aktiven Opposition.

Dennoch blieb Veracruz ein Zentrum des Widerstandes gegen Porfirio Díaz. Anfang 1907 gehörten die PLM-Mitglieder José Neira Gómez und Juan Olivar zu den Organisatoren eines Textilarbeiterstreiks in Río Blanco. Im Dezember 1906 waren Textilarbeiter in Tlaxcala und Puebla in den Streik getreten und baten Díaz um eine persönliche Vermittlung im Konflikt. Díaz stellte sich jedoch auf die Seite der Fabrikbesitzer, forderte die Wiederaufnahme der Arbeit und untersagte jede weitere Organisation der Arbeiter. Nach dieser Entscheidung traten die Textilarbeiter in Río Blanco ebenfalls in den Streik. Das dreizehnte Bataillon wurde nach Río Blanco geschickt, bei der Niederschlagung wurden 400 bis 800 Textilarbeiter getötet.Ramón Gil Olivo. „El Partido Liberal Mexicano y la huelga de Río Blanco“, in: Historia Obrera, 1975

Aktionen in den Vereinigten Staaten Im Oktober 1906 traf sich der PLM in El Paso (Texas) um weitere Aktionen zu planen. Mexikanische Stellen erfuhren jedoch von dem Treffpunkt und informierten ihrerseits die Vereinigten Staaten. Bei der Stürmung des Treffens konnte Ricardo Flores Magón flüchten, während Juan Sarabia verhaftet wurde und die nächsten fünf Jahre im Gefängnis verbrachte. Im Folgenden wurde von den Vereinigten Staaten ein Kopfgeld auf Flores Magón ausgesetzt.

Aufgrund dieser Rückschläge und weiterer Verhaftungen dauerte es zwei Jahre, bis sich der PLM wieder stark genug fühlte, um kleinere Angriffe auf die mexikanische Nordgrenze durchzuführen. Am 25. Juni 1908 wurde der Ort Viesca in Coahuila eingenommen. Ein Polizist wurde beim Angriff getötet, ein weiterer Polizist und ein Mitglied des PLM wurden verletzt. Obwohl das Dorf beim Angriff nicht beschädigt wurde, wollten die Bewohner die Kämpfer des PLM nicht in ihrem Ort haben, woraufhin sich der PLM auch zurückzog.Regeneración, Ausgabe vom 17. September 1910 Zeitgleich mit Viesca wurde ein anderer Ort, Las Vacas, von Kämpfern des PLM angegriffen. Auch hier gelang die Einnahme, nicht jedoch eine längerfristige Eroberung. Las Vacas war durch eine Garnison geschützt, bei den Kämpfen kam es zu starken Verlusten auf beiden Seiten. Auch wenn die Garnison erobert werden konnte, entschied sich der PLM angesichts vieler Toter zum Rückzug.

Der Beginn der mexikanischen Revolution mini|links|Porfirio Díaz 1908 versetzte Porfirio Díaz Mexiko durch ein Interview mit dem US-Journalisten James Creelman in Aufregung, da er ankündigte, seine Macht abgeben und 1910 nicht mehr zur Wahl antreten zu wollen.Karl B. Koth: „Crisis Politician and Political Counterweight: Teodoro A. Dehesa in Mexican Federal Politics, 1900-1910“, in: Mexican Studies / Estudios Mexicanos, Vol. 11, No. 2, 1995, S. 243–271 Ermutigt durch die Aussicht auf politische Veränderungen erschienen nun Publikationen, die nach Reformen verlangten. Unter anderem das Buch La Sucesión Presidencial en 1910 von Francisco Madero, in dem gefordert wurde, dass Díaz bei der nächsten Wahl auf eine erneute Kandidatur verzichten müsse. Zugleich löste Díaz’ Ankündigung bei den politischen Eliten des Landes große Unsicherheit aus und er wurde gedrängt, sich doch der Wiederwahl zu stellen.