mini|rechts|alternativtext=Bild des Covers|Buchdeckel der 116. Edition (ca.1931) David Golder ist ein 1929 in Frankreich erschienener Roman von Irène Némirovsky, der die gleichnamige Hauptfigur, einen im internationalen Erdölgeschäft tätigen und reich gewordenen jüdischen Geschäftsmann, in seinem letzten Lebensabschnitt in den 1920er Jahren vorstellt. Als er sich um der finanziellen Absicherung seiner Tochter willen zu einem letzten Geschäftsabschluss für eine in den USA ansässige Firma von Paris nach Moskau begibt, stirbt er nach erfolgreicher Verhandlung auf der über das Schwarze Meer führenden Rückreise auf einem Schiff. – Der 1930 ins Deutsche und Englische übersetzte Roman brachte für die seit 1919 staatenlos, aber in guten Verhältnissen in Frankreich lebende Schriftstellerin nach zwei kleineren literarischen Arbeiten den Durchbruch.

Inhalt Der Roman beginnt mit einer Unterredung zwischen Golder und seinem Geschäftsfreund Simon Marcus, mit dem er seit 26 Jahren gemeinsam die in New York, London, Paris und Berlin ansässige Firma Golder & Marcus betreibt. Marcus hat auf eigene Rechnung risikoreiche Bankgeschäfte betrieben und verloren. Zu seiner Rettung möchte er Golder Erdölaktien abkaufen, die dieser 1920 für die Erdölförderung im Kaukasus erworben hat und die aufgrund der inzwischen erfolgten sowjetischen Verstaatlichung der Ölfelder 1926 fast allen Wert verloren haben. Marcus hofft dadurch auf kleine Spekulationsgewinne. Golder, der das Geld eigentlich gebrauchen könnte, weist das Angebot in der Erwartung zurück, dass die Aktien durch einen Erwerb von Konzessionen durch ausländische Käufer wieder an Wert gewinnen können, und unterstellt, dass auch Marcus das wisse. Dieser begeht Selbstmord.

Nach Marcus’ Beerdigung, die Golder nicht nur die Vereinsamung seines Geschäftsfreundes vor Augen führt, sondern mehr noch seine eigene, reist er im Nachtzug nach Biarritz, wo er vor allem seine 18-jährige Tochter Joyce wiedersehen will. Während der Fahrt hat er einen Herzanfall, der den 68-Jährigen zum ersten Mal um sein Leben fürchten lässt. In Biarritz begegnet er nicht nur seiner Frau Gloria und Joyce, sondern auch dem Schwarm „Geschmeiß“ der „glanzvollen“ Badestadtwelt, den die beiden Frauen zu ihrer Unterhaltung auf dem repräsentativen Anwesen um sich versammeln. In seinen Augen „Zuhälter, Schnorrer, alte Kokotten; eine Meute gieriger Hunde“, die alle von seinem erwirtschafteten Geld leben (S. 242 f.Zitiert wird nach der Ausgabe von 1995, die in der von Hans Magnus Enzensberger herausgegebenen Reihe „Die Andere Bibliothek“ als 121. Band erschienen ist.). Unter ihnen Hoyos, „der schöne Abenteurer“ lateinamerikanischer Herkunft, seit Jahrzehnten Geliebter seiner Frau, und Alec, ein verarmter Prinz, Freund von Joyce und gleichzeitig Gigolo einer älteren Lady. In diesen häuslichen Verhältnissen erlebt er eine noch gesteigerte Vereinsamung, zumal Joyce, außer dass sie ihn durch ihre Jugendlichkeit und Schönheit erfreut, auf keine andere Verbindung zu ihm Wert zu legen scheint, als er sie bei seiner Frau erlebt, deren wichtigste Begrüßungsfrage stereotyp „Wie gehen die Geschäfte?“ lautet (S. 243, 255): Er empfindet sich wie „eine Maschine zum Geldmachen“ (S. 239) für die ihm Nahestehenden, unter anderem für den „Rolls-Royce“ und den „Hispano-Suiza“ von Gloria oder den „Bugatti“ für Joyce, bevor er nach getaner Arbeit „krepieren“ wird (S. 327). Er kann nicht einmal in seinem eigenen Zimmer schlafen, weil seine Frau es anderweitig verwendet. Seit seine Tochter sich schminkt und mit Juwelen schmückt (S. 248 f.), kann er sie auch zur „Hure“, zum „Flittchen“ geworden sehen (S. 298, 327). In einem Hass- und Zornausbruch teilt ihm seine Frau mit, dass Joyce gar nicht seine leibliche Tochter ist, sondern ihrem Verhältnis mit Hoyos entstamme. Nachdem sie vor 48 Jahren aus elender Armut in der Begleitung Golders Russland auf dem Auswandererdeck eines Schiffes verlassen habe, sei ihre Liebe zu ihm, der sich rastlos ums Vorwärtskommen mühte, im neuen Leben schnell erkaltet.

Nach einem erneuten schweren Herzanfall, als dessen Auslöser der Arzt eine lebensgefährdende Angina Pectoris diagnostiziert, brechen Golders Geschäfte an der Börse zusammen. Er verkauft das Anwesen in Biarritz und kehrt in seine Pariser Wohnung zurück. Seine Frau, die sich eigene Werte in Gold und Juwelen geschaffen hat, löst den Haushalt auf und verkauft das kostbare Mobiliar, so dass Golder in der leeren Wohnung, in der nur noch Spiegel hängen, allein zurückbleibt. Als seine Tochter ihn aufsucht, um ihn um Geld zu bitten, da ihre Mutter ihr nichts gibt und sie den reichen, viel älteren Mann, der sich um sie bemüht und den sie „das alte Schwein“ nennt (S. 366), nicht heiraten möchte, gewinnen gegen die Biologie die Vatergefühle in Golder (S. 371). Sein Stolz gebietet ihm, seine Tochter so abzusichern, dass sie ein unabhängiges Leben führen kann. Er begibt sich zu diesem Zweck auf eine letzte Geschäftsreise nach Moskau, die ihm zuvor ein alter Geschäftspartner aus den USA vergeblich nahegelegt hatte. Er kann nämlich, wenn er erfolgreich mit den sowjetrussischen Unterhändlern die Konzession für die Ausbeutung kaukasischer Ölfelder im Namen seines jüdischen Auftraggebers für dessen US-Ölgesellschaft erwirbt, die zu Beginn der Handlung Marcus gegenüber verweigerten Aktien in ihrem Wert steigern. In einer drei Tage dauernden Sitzung gelingt ihm ein erfolgreicher Abschluss. Auf der Rückreise, die ihn an den Ausgangspunkt seines jetzigen Lebens am Schwarzen Meer führt, stirbt er, kann aber an Bord des Schiffes noch einen jungen jüdischen Auswanderer als Boten für seinen amerikanischen Partner und seinen Pariser Notar gewinnen, so dass er die Zukunft seiner Tochter gesichert weiß.

Erzählerische Mittel Der Roman ist in erlebter Rede geschrieben, die der Autorin einen Wechsel der Perspektive und Rückblenden aus der Sicht der jeweiligen Person erlaubt, so dass der Leser das Geschehen vor allem aus der Sicht Golders, aber auch aus der Glorias, Joyce’ oder Hoyos’ nachvollzieht.

Mit Wiederholungen macht Némirovsky auf die Dinge aufmerksam, die ihr wichtig sind. So wird das Wort „müde“, als es Simon Marcus zur Erklärung seines Selbstmordes im Sterben erwähnt – „Müde ... ich war ... müde“ (S. 224) –, zum ständigen Begleiter in Golders Selbstbeobachtung: „‚Müde’, dachte Golder, der plötzlich sein Alter wie eine schwere Erschöpfung spürte. ‚Ja’“ (ebenda). Auch beim morgendlichen Spaziergang in einer Zedernallee auf seinem Besitz in Biarritz: „In seinem alten grauen Überrock, mit einem Wollschal um den Hals und dem abgewetzten Hut auf dem Kopf hatte er nun eine merkwürdige Ähnlichkeit mit einem jüdischen Trödler aus einem ukrainischen Dorf. Manchmal zog er beim Gehen mit einer mechanischen, müden Geste die Schulter hoch, als höbe er einen schweren Ballen Stoff oder einen Sack mit Alteisen auf den Rücken“ (S. 302). – Oder die bis ins Eheleben und in Freundschaften eindringende Frage aus dem Geschäftsleben „Was machen/Wie gehen die Geschäfte?“. – Oder die ständige Klage der Männer über den als immerwährend wahrgenommenen Geldbedarf und die Ausgabefreude ihrer Frauen, für deren Befriedigung sie sich um ihr Familienleben bringen und nur noch geschäftlich unterwegs sind, wobei sie allerdings wie im Spielcasino ihre ganze Gier und Leidenschaft ausleben können. – Jederzeit ist auch mit Golders Bereitschaft zu rechnen, in Fluchen, Wut und Hass auszubrechen, im Stillen meistens anderen, laut sich selbst und der Familie gegenüber, die es ihm in gleicher Münze zurückzahlt. – Ein weiteres wiederholtes Motiv ist der Spiegel, in dem ausdrücklich Golder, seine Frau Gloria oder Joyce immer wieder auf ihr Selbstbild stoßen oder es dort zum Schminken suchen (S. 213, 253 ff., 273, 346 f., 358 f.). (Dieses Spiegel-Motiv ist eine Erinnerung der Autorin an die sie prägende Jugendlektüre von Oscar Wildes Das Bildnis des Dorian Gray.)

Themen Familienleben Das Thema der unzufriedenen Ehefrau ist ein altes Motiv, das in dem von den Brüdern Grimm gesammelten Märchen Vom Fischer und seiner Frau den Ton angibt. Hier ist es eingebettet in die moderne Arbeits- und Geschäftswelt der besseren Gesellschaft, in der die von Zuhause abwesenden Männer ihren Tätigkeiten nachgehen und ihre Frauen als „grüne Witwen“ in den inzwischen zu „Gated Communities“ gewordenen Vierteln der Ober- und gehobenen Mittelschicht zurücklassen. Dort führen sie dann ein Leben, wie es Némirovsky in ihrem wohlsituierten, aber lieblosen Elternhaus in Gestalt ihrer Mutter selbst kennen gelernt hat und was sie in ihrer Novelle Der Ball (1930, dt. 2005) am gezieltesten darstellt. Das Motiv von Unzufriedenheit wird im Roman gesteigert durch ein ungestillt bleibendes, sehnsüchtiges Liebesverlangen, wie es Joyce am deutlichsten zum Ausdruck bringt, wenn sie ihrem Geliebten, dessen Gigolo-Rolle sie kennt, sagt: „Oh, Alec, ich liebe die Liebe ...“ (S. 343). Dieses auf Dauer gestellte Liebesverlangen überfordert die Verlässlichkeit jeder Beziehung. Golder zieht daraus für sich sehr spät und zum Preis seiner endgültigen Einsamkeit die Konsequenz, dass er Gloria mit seinem geschäftlichen Ruin und seinem Verzicht auf weitere Betätigung die finanzielle Versorgungsbasis aufkündigt.

Némirovsky thematisiert damit für die kapitalismusorientierte Oberschicht das, was Richard Sennett inzwischen als ein Charakteristikum der Lebensbedingungen aller in der Kultur des zeitgenössischen Kapitalismus Arbeitenden ausmacht. Er stellt nämlich fest, dass sie sich den Bedingungen der Arbeitswelt ohne Rücksicht auf Privates anpassen müssen, so dass die kapitalistische Gesellschaft mehr und mehr ihre eigenen Reproduktionsbedingungen im Familienbereich aufzehrt und außer einer Repräsentationshülle nichts an Verbindlichem bleibt.Richard Sennett: Der flexible Mensch. Die Kultur des neuen Kapitalismus. Berlin (Berlin Verlag) 1998, ISBN 3-8270-0031-9. Ähnliches analysiert Ernest Gellner für die Sozialisationsbedingungen nationalstaatlicher Gesellschaften, die auf individuelle Atomisierung, Mobilität und die Bereitschaft des Einzelnen hinauslaufen, an allen Orten kontextunabhängig persönliche Leistung zu erbringen.Ernest Gellner: Nationalismus. Kultur und Macht. Siedler, Berlin 1997, S. 53–57.

Charakteristik der Hauptpersonen als Juden