mini|Estnisch als gesprochene Sprache

Estnisch (Eigenbezeichnung: eesti keel) ist eine flektierend-agglutinierende Sprache und gehört zum ostseefinnischen Zweig der Gruppe der finno-ugrischen Sprachen. Das Estnische ist eng mit dem Finnischen und dem 2013 ausgestorbenen Livischen verwandt. Eine entfernte Verwandtschaft besteht zum Ungarischen. Estnisch ist die einzige Amtssprache der Republik Estland und wird dort von 950.000 Menschen gesprochen. Durch die historischen Ereignisse des 20. Jahrhunderts gibt es auch im Ausland estnische Gemeinden, die etwa 150.000 Sprecher zählen. Die Gesamtzahl der Sprecher des Estnischen als Muttersprache liegt damit bei rund 1,1 Millionen. Der Sprachcode ist et bzw. est (nach ISO 639).

Alphabet Das estnische Alphabet verwendet die folgenden Buchstaben: a, b, c, d, e, f, g, h, i, j, k, l, m, n, o, p, q, r, s, š, z, ž, t, u, v, w, õ, ä, ö, ü, x, y Hierbei kommen die Buchstaben c, f, q, š, z, ž, w, x und y nur selten, entweder in Fremdwörtern oder fremden Namensgebungen, vor (alle gängigen Zeichen fett). Die Vokale a, e, i, o, u, õ, ä, ö und ü können alle in der ersten Silbe eines Wortes vorkommen, in der letzten sind aber nur noch die Vokale a, e, i, u, und in einigen Fremdwörtern o (metroo), möglich. Mit den Konsonanten b, d oder g beginnen nur Fremdwörter.

Phonologie Vokale Das Estnische besitzt 9 Monophthonge, die in drei Quantitätsstufen (kurz vs. lang vs. überlang) auftreten können. Die Quantität gilt hierbei als distinktives, also bedeutungsunterscheidendes Merkmal. Weiterhin gelten Lippenrundung (gerundet vs. ungerundet) und Zungenstellung (vorne vs. hinten) als distinktive Merkmale estnischer Vokale. Es gilt hierbei zu beachten, dass der für das Deutsche typische Einfluss der Quantität auf die Qualität entfällt. Während im Deutschen ein langer E-Laut [eː] in seiner kurzen Artikulation zu einem [ɛ] würde, bleibt im Estnischen die Qualität, also die Gespanntheit, erhalten, sodass [e] zu artikulieren ist.

+Monophthonge des Estnischen (in IPA-Lautschrift)   vorne hinten ungerundet gerundet ungerundet gerundet überlang lang kurz überlang lang kurz überlang lang kurz überlang lang kurz geschlossen   mittel offen    

Der Laut [], ein ungerundeter halbgeschlossener Hinterzungenvokal, graphematisch durch das Zeichen <õ> dargestellt, ist der gleiche Laut wie das bulgarische <ъ>; im Russischen existiert mit <ы> lediglich ein dazu ähnlicher Laut, der jedoch im Gegensatz zum Laut [ɤ] keinen Hinterzungenvokal, sondern einen Zentralvokal ([ɨ]) darstellt.

Je nach Zählweise umfasst das Estnische zwischen 19 und 36 Diphthonge. Die Differenzen ergeben sich aus der Frage, ob es sich bei den Lautverbindungen um verbundene oder verschmolzene Einzellaute handelt. /ae/ []; /ai/ []; /au/ []; /ea/ []; /ei/ []; /eu/ []; /iu/ []; /oe/ []; /oi/ []; /ou/ []; /ui/ []; /õe/ []; /õi/ []; /õu/ []; /äe/ []; /äi/ []; /äu/ []; /öi/ []; /üi/ [];

Diese Diphthonge werden um folgende, als losere Lautverbindungen zu betrachtende Diphthonge ergänzt: /ao/ []; /eo/ []; /ie/ []; /io/ []; /oa/ []; /õa/ []; /õo/ []; /äo/ []; /öa/ []; /öe/ [];

Als schwierig erweist sich jedoch die Filterung standardsprachlicher Diphthonge von jenen, die lediglich in dialektalen Varianten des Estnischen auftreten. Eine konsequente Betrachtung der letzteren Gruppe würde dazu führen, die zweite Liste der Diphthonge erweitern zu müssen.

Hierbei handelt es sich strenggenommen um nur eine von mehreren Aussprachevarianten; dieses Zeichen kann im Bulgarischen auch noch als [ə] oder [ɐ] ausgesprochen werden.

Konsonanten Das Estnische hat 17 Konsonantenphoneme, die den Vokalen gleich in drei Quantitätsstufen (kurz vs. lang vs. überlang) auftreten können. Auch bei den Konsonanten gilt die Quantität als distinktiv und wird durch die Merkmale von artikulierendem Organ und Artikulationsstelle sowie der Artikulationsart ergänzt.

+ Konsonanten des Estnischen   bilabial labio-dental alveolar alveolarpalatalisiert post-alveolar palatal velar uvular Plosive         Nasale     ()     Vibranten               Frikative       Approximanten               Laterale            

Die Laute ʒ und kommen jedoch lediglich in Fremdwörtern vor.

Auffälligkeiten ergeben sich auch im Hinblick auf die Plosive, die im Estnischen nicht aspiriert, also nicht behaucht werden. Diese gelten im Estnischen weiterhin als Varianten der Phoneme /p,t,k/.Mati Hint: Häälikutest sõnadeni. AS Pakett Trükikoda, Tallinn 1998, S. 69. Darüber hinaus wird das Graphem <s> grundsätzlich stimmlos artikuliert.

Akzentuierung Im Estnischen liegt der Wortakzent grundsätzlich auf der ersten Silbe. Besonders fällt dies in Wörtern wie teater (deutsch: Theater) auf. Eine Ausnahme ist das Wort aitäh! (deutsch: danke!). Des Weiteren ist für Lehn- und Fremdwörter charakteristisch, dass die Akzentuierung der Ausgangssprache zumeist beibehalten wurde. Bei estnischen Wörtern kann zudem ein Nebenakzent auf der dritten oder einer anderen ungeraden Silbe liegen, was vor allem im Falle der zahlreichen Komposita deutlich wird.

Grammatik Das Estnische kennt keine grammatischen Geschlechter. In der dritten Person Singular wird für Personen beiderlei Geschlechts das Pronomen tema (Kurzform: ta) verwendet. Das heißt, dass zwischen Maskulinum und Femininum nicht unterschieden wird. Das gilt auch für Berufsbezeichnungen; so kann das estnische Wort õpetaja sowohl ‚Lehrerin‘ als auch ‚Lehrer‘ bedeuten.

Substantive Bezüglich der grammatischen Kategorie des Kasus unterscheidet man im Estnischen 14 Fälle. Bei der estnischen Sprache handelt es sich um eine Akkusativsprache, doch ist der Akkusativ als solcher nicht mehr zu erkennen. Wie auch im Finnischen ist der historische Akkusativ im Laufe der Sprachentwicklung lautgesetzlich mit dem Genitiv zusammengefallen. In der Tat spielen die estnischen Fälle, so viele es auch sind, für die Auszeichnung von Agens und Patiens keinerlei Rolle, dieselbe wird nur durch die Wortstellung und die Verbform bewerkstelligt.

Transitiv gebrauchte transitive Verben bereiten naturgemäß die kleinsten Probleme, die Reihenfolge lautet hier: Agens Verb Patiens. Intransitiv gebrauchte transitive Verben werden in der Grundform elliptisch, also sich auf einen obliquen Patiens beziehend, verstanden. Um das involvierte Substantiv selbst zum Patiens zu machen, es sozusagen in den Absolutiv zu setzen, wird der Verbstamm um „-u“ erweitert. Dies wird am folgenden Beispiel deutlich: muutma (ändern): ta muudab (er/sie/es ändert (irgendetwas)), ta muutub (er/sie/es ändert (sich)).

Ursprünglich intransitive Verben werden „absolutiv“ verstanden, das dem Verb vorangehende Substantiv ist also der Patiens. Diese können indes „transitiviert“ werden, mit der Bedeutung, dass irgendetwas dazu veranlasst wird, eine bestimmte Handlung zu vollführen, und anschließend wieder elliptisch gebraucht werden. Diese „Transitivierung“ geschieht durch eine Erweiterung des Verbstammes um „-ta“, wodurch im Estnischen der Kausativ gebildet wird: langema ((im Krieg) fallen): ta langeb (er/sie/es fällt (im Krieg)), ta langetab (er/sie/es fällt oder senkt (irgendetwas, aber vermutlich einen Baum oder den Kopf)).

Schließlich besitzt das Estnische auch die Möglichkeit, mit Hilfe von -ise (selbst) reflexive Konstruktionen zu bilden: Ma küsin endalt. (Ich frage mich.).

Bei dieser quasireflexiven Konstruktion liegt indes der Verdacht nahe, dass es sich dabei um einen Germanismus handelt, denn die zuvor beschriebene Sprachkonzeption zur Auszeichnung von Agens und Patiens kommt offensichtlich ohne reflexive Konstruktionen und Passivformen aus und ist in diesem Sinne als „ergativ gedacht“ zu bezeichnen.

Kasus typische Endung (Sg./Pl.) Beispiel (Sg./Pl.) Übersetzung Nominativ -/-d maja/majad; sõber/sõbrad (das) Haus / (die) Häuser; (der) Freund / (die) Freunde Genitiv Stammvokal/-de; -te maja/majade; sõbra/sõprade, rahva/rahvaste des Hauses/der Häuser; des Freundes/der Freunde; des Volkes/der Völker Partitiv -d; -t; Stammvokal/-sid; -id; -eid; Pluralstammvokal maja/majasid (auch maju); sõpra/sõpru (auch sõprasid) kontextabhängig Illativ -sse; (Plural-)Stammvokal; bei bestimmten Worttypen kompensatorische Längung (Nom. maja – Ill. majja; Nom. jõgi – Ill. jõkke) majja (auch majasse)/majadesse; sõbrasse (auch sõpra)/sõpradesse ins Haus/in die Häuser; unüblich (übertr. an die Freunde (z. B. glauben)) Inessiv -s majas/majades; sõbras/sõprades im Haus/in den Häusern; in dem Freund/in den Freunden Elativ -st majast/majadest; sõbrast/sõpradest aus dem Haus/aus den Häusern; unüblich Allativ -le majale/majadele; sõbrale/sõpradele auf das Haus/auf die Häuser; unüblich Adessiv -l majal/majadel; sõbral/sõpradel auf dem Haus/auf den Häusern; auf dem Freund/auf den Freunden Ablativ -lt majalt/majadelt; sõbralt/sõpradelt vom Haus/von den Häusern; vom Freund/von den Freunden Translativ -ks majaks/majadeks; sõbraks/sõpradeks zum Haus/zu den Häusern (werden); zum Freund/zu Freunden (werden) Terminativ -ni majani/majadeni; sõbrani/sõpradeni bis zum Haus/zu den Häusern; bis zum Freund/zu den Freunden Essiv -na majana/majadena; sõbrana/sõpradena als Haus/als Häuser; als Freund/als Freunde Abessiv -ta majata/majadeta; sõbrata/sõpradeta ohne Haus/ohne Häuser; ohne Freund/ohne Freunde Komitativ -ga majaga/majadega; sõbraga/sõpradega mit dem Haus/mit den Häusern; mit dem Freund/mit den Freunden Anmerkungen: Die ersten drei Kasus (Nominativ, Genitiv, Partitiv) sind grammatische, alle weiteren jedoch semantische Kasus.

Des Weiteren gibt es Beispiele für Formen, die traditionell nicht zu den 14 Fällen gezählt werden wie den Instruktiv (jalgsi, „zu Fuß“; käsitsi, „von Hand“) oder den auf gleiche Weise gebildeten Prolativ (meritsi, „auf dem Seeweg“).

Ortsangaben

Gewöhnlich liest man davon, dass der Inessiv im Gegensatz zum Adessiv dann gebraucht werde, wenn etwas sich nicht an einer Seite von etwas, sondern in seinem Inneren befindet. Der Inessiv ähnelt jedoch sehr der Verwendung der Präposition „in“ im Deutschen, und von der gilt das vorige im Gegensatz zur Präposition „an“ auch keineswegs. Beispiel: „Ah, Günther ist wieder im Land.“ – was ja nicht heißt, dass Günther in der Erde steckte. Insbesondere fällt im Estnischen der Schnee ins und nicht aufs Land. Die Regel, soweit man davon sprechen kann, ist hier, dass Dinge, die nur in einem übertragenen Sinn ein Inneres haben, mit dem Adessiv gebraucht werden, z. B. an der Arbeit sein, und Dinge, die n-dimensional ausgedehnt gedacht werden, den Inessiv für ihr n-dimensional Inneres und den Adessiv für ihren (n−1)-dimensionalen Rand nach sich ziehen, wobei n aus {1,2,3}.

Allerdings befolgt das Estnische diese Regel flächiger als das Deutsche, wie z. B. den Handschuh in die Hand zu ziehen, das Hemd in den Rücken und die Mütze in den Kopf.

Verben Verben unterliegen im Estnischen den grammatischen Kategorien Modus, Tempus, Genus verbi, Person und Numerus.

Konjugation Die folgende Tabelle zeigt die Konjugation estnischer Verben am Beispiel von kirjutama (schreiben) im Präsens, Indikativ: Person Endung Beispielwort Übersetzung 1. Sg. -n (ma) kirjutan ich schreibe 2. Sg. -d (sa) kirjutad du schreibst 3. Sg. -b ta kirjutab er/sie schreibt 1. Pl. -me (me) kirjutame wir schreiben 2. Pl. -te (te) kirjutate ihr schreibt 3. Pl. -vad nad kirjutavad sie schreiben

Präteritum:

Das Suffix, das das Präteritum markiert, wird zwischen den Stamm des ma-Infinitivs und die Personalendung eingefügt. In der Regel lautet das Suffix „-si“, es gibt jedoch die Ausnahmen „-s“ und „-is“*, die in der 3. Person Singular eingesetzt werden, da bei dieser Person im Präteritum die Personalendung entfällt. In der einfachen Vergangenheitsform entspricht die Personalendung der 3. Person Plural der der 2. Person Singular, also „-d“.Ehala, M. (Mai 2009). Linguistic strategies and markedness in Estonian morphology. STUF, Akademie Verlag, S. 29–48.