mini|Rekonstruiertes Grab Nr. 43 mit Fundstücken, die zum ältesten Goldschmuck der Menschheit zählen (Rekonstruktion im Archäologischen Museum Warna), Skelett aus Plastik
Das Gräberfeld von Varna (/Warnenski nekropol) ist eine Nekropole der Kupfersteinzeit im Westen der bulgarischen Stadt Warna. Von besonderer Bedeutung sind die Kupfer- und Goldfunde, welche die Bestattungen über die regulären Gräber dieses Zeitraumes herausheben. Nach bisherigen Erkenntnissen treten in der wenige Kilometer westlich des Gräberfeldes gelegenen Gräbergruppe von Varna II die ersten europäischen Kupfer- und Goldfunde auf.И. Иванов, Раннохалколитни гробове до град Варна. Известия Музей Варна 14 (29), 1978, 81–92. Diese Grabgruppe gilt als unmittelbarer Vorläufer des Gräberfeldes von Warna (Varna I). Die Gräber gehören zur Warna-Kultur, eine lokale Variante der Kodzadermen-Gumelnitza-Karanovo-VI (4500–4000 v. Chr.).Henrieta Todorova, Ivan Vajsov: Der kupferzeitliche Schmuck Bulgariens. Franz Steiner Verlag, Stuttgart 2001, ISBN 3-515-07616-6.uni-tuebingen.de mini|Goldobjekte aus dem Gräberfeld mini|Stieranhänger und Astragal aus Grab 36 Lage Die Fundstätte befindet sich ca. 5 km vom Zentrum der Stadt Warna auf einer nach Süden leicht abfallenden Terrasse am Nordufer des Warnasees, im Industriegebiet von Warna.
Entdeckung und Ausgrabungen Im Oktober des Jahres 1972 entdeckte der Baggerfahrer Raitscho Marinow das Gräberfeld, als er im westlichen Industriegebiet von Warna einen Kabelgraben anlegte. Die wissenschaftlichen Ausgrabungen wurden 1972 bis 1976 unter der Leitung von Michail Lasarow und von 1976 bis 1991 unter der Leitung von Iwan Iwanow vom Archäologischen Museum Warna durchgeführt. Auf einem Gebiet von etwa 7500 m² wurden die Spuren von 294 Gräbern gefunden. Über 30 % des Gräberfelds sind noch nicht ergraben. Viele Grabgruben enthielten Zeugnisse hochentwickelten metallurgischen Werkens (Gold und Kupfer), Keramik (etwa 600 Stücke, darunter zwei Gefäße mit geometrischen, streng stilisierten und mit Goldfarbe ausgemalten Mustern aus Grab Nr. 4) sowie langeFeuerstein- und Obsidianklingen, Muschelschalen und Spondylusperlen. Über 3000 Schmuckstücke aus sehr reinem Gold (23–23,5 Karat) mit einem Gesamtgewicht von ca. 6 kg zeugen von großer technischer und handwerklicher Begabung der Künstler. Zu den Grabbeigaben zählen Arm- und Stirnreifen, Halsketten und massive Zierenden von Zepterstäben sowie zahlreiche Besatzstücke von Gewändern aus Goldblech, die teilweise Tiergestalt haben.
Chronologie Die Belegungszeit des Gräberfeldes wird mittels der Radiokohlenstoffdatierung am Skelettmaterial der Bestatteten und der organischen Materialien der Beigaben auf 4590–4340 v. Chr. datiert.R. Krauß/C. Schmid/D. Ciobotaru/V. Slavchev, Varna und die Folgen. Überlegungen zu den Ockergräbern zwischen Karpatenbecken und der nördlichen Ägäis. In: M. Bartelheim/B. Horejs/R. Krauß (Hrsg.), Von Baden bis Troia. Ressourcennutzung, Metallurgie und Wissenstransfer. Eine Jubiläumsschrift für Ernst Pernicka (Rahden 2016) 273-315.Tom Higham, John Chapman, Vladimir Slavchev, Bisserka Gaydarska, Noah Honch, Yordan Yordanov: In: Antiquity Band 81, Nr. 313, 2007, S. 640–654. Dies entspricht dem späten Äneolithikum. Eine statistischen Auswertung der Grabinhalte ergibt eine fünfphasige Entwicklung.Raiko Krauß/S. Zäuner/Ernst Pernicka, Statistical and anthropological Analysis of the Varna Necropolis. In: Harald Meller/Roberto Risch/Ernst Pernicka (Hrsg.), Metalle der Macht – Frühes Gold und Silber. 6. Mitteldeutscher Archäologentag vom 17. bis 19. Oktober 2013 in Halle (Saale). Tagungen des Landesmuseums für Vorgeschichte Halle 11/II (Halle 2014), 371-387. Der Bestattungsplatz entwickelt sich von Nordwesten nach Südosten, also in Richtung des Ufers des Varna-Sees. Die Belegung beginnt in Phase 1 am nordwestlichen Rand des Platzes mit Hockern und Rückenstreckern, die in ihrer Lage der natürlichen Hangneigung folgen. Nach Südosten voranschreitend, aber auch leere Areale zwischen den älteren Gräbern ausnutzend, wird in den Phasen 2 und 3 das gesamte Gebiet des Gräberfeldes belegt. Die Belegung erfolgt den Hang hinab. Ab der zweiten Phase domi nieren dieRückenstrecker, während die Hockergräber kontinuierlich zurückgehen. Besonders aufschlussreich ist die Verteilung der Gräber in den letzten Phasen 4 und 5. Nur noch wenige Bestattungen werden in dieser Zeit im südwestlichen Areal des Gräberfeldes eingebracht. Darunter sind auch viele der an Kupferschwergeräten und Goldgegenständen besonders reich ausgestatteten Gräber. Zeitlich parallel werden aber auch entlang der südwestlichen Grenze des Bestattungsareals symbolische Gräber und reiche Materialdeponierungen angelegt, die eine symbolische Begrenzung zwischen dem Gräberfeld und der Seeuferzone darstellen könnten. Möglicherweise wurden diese Depots nicht unbedingt zeitgleich, aber in einem abgrenzbaren chronologischen Rahmen, entlang einer bereits zuvor bestehenden Grenzlinie zwischen der Welt der Toten und der der Lebenden in den Boden eingebrachtR. Krauß/S. Zäuner/E. Pernicka, Statistical and anthropological Analysis of the Varna Necropolis. In: H. Meller/R. Risch/E. Pernicka (Hrsg.), Metalle der Macht – Frühes Gold und Silber. 6. Mitteldeutscher Archäologentag vom 17. bis 19. Oktober 2013 in Halle (Saale). Tagungen des Landesmuseums für Vorgeschichte Halle 11/II (Halle 2014) 371-387..
Beschreibung Es wurden Skelette in Hockerlage als auch in gestreckter Rückenlage gefunden. Funde belegen, dass die Warna-Kultur Handelsbeziehungen mit weit entfernten Gebieten, möglicherweise bis zur unteren Wolga und den Kykladen unterhielt. Als Handelsgut diente Salz aus dem Salzbergwerk Prowadija. Das Kupfer derArtefakten stammt aus den Lagerstätten von Ai-Bunar nördlich der ca. 200 km südwestlich gelegenen Stadt Stara Sagora.
Schalen von Spondylus-Muscheln, die in den Gräbern gefunden wurden, könnten als einfache Währung gedient haben.
Das Gold von Warna Das Grab Nr. 43 enthielt das Skelett eines etwa 1,70 m großen, 40- bis 50-jährigen Mannes umgeben von 990 Goldobjekten mit einem Gesamtgewicht von 1516 g, sowie Kupferwerkzeuge, Knochenschmuck, Spondylus und Tongefäße. Seine Kleidung war mit Applikationen aus Gold versehen. Der als Clanchef, Priester oder Goldschmied interpretierte Mann wurde mit einem Goldzepter begraben, das mit den abgestumpften Spitzen und dem vergoldeten Schaft einer Streitaxt ähnelt. Im Grab lag ein goldener Bogenbeschlag. In Grab 43 wurde mehr Gold als im restlichen Gräberfeld gefunden, u. a. als Unikat eine Goldkette mit doppelkonischen Perlen.
Im Boden der Grube Nr. 1 befand sich eine Vertiefung, die mit einer Ockerschicht bedeckt war. Zu den Beigaben der symbolischen Bestattung gehörten 216 Goldobjekte mit einem Gewicht von 1092 g darunter Armreife und Zierteile aus Goldblech und zahlreiche Goldperlen, verschiedene Kupferwerkzeuge und eine stilisierte menschliche Figur aus Bein.Albert Schmitz: Typologische, chronologische und paläometallurgische Untersuchungen zu den frühkupferzeitlichen Kupferflachbeilen und Kupfermeißeln in Alteuropa. Dissertation. Universität des Saarlandes, Saarbrücken 2004, S. 43. (PDF; 2,9 MB) Eine in Grab Nr. 3 gefundene Kette aus goldenen, kurzzylinderförmigen Perlen wird als der früheste bekannte Goldschmuck angesehen. Drei Kenotaphe (Grab Nr. 2, 3, und 15) enthielten Masken aus schwach gebranntem Ton mit goldenen Dekorationen. Foto einer Maske aus Ton mit goldenen Dekorationen (englisch) Sie wurden anhand ihrer Ausstattung als symbolische Frauenbestattungen interpretiert.
Interpretationen Marija Gimbutas vertritt die Auffassung, „dass die Diskontinuität der Warna-, Karanowo-, Vinča- und der Lengyel-Kulturen in ihren Hauptsiedlungsgebieten und die großen Bevölkerungsverschiebungen in den Norden und Nordwesten indirekte Beweise für eine Katastrophe eines solch gewaltigen Ausmaßes sind, dass diese nicht durch eventuelle klimatischen Veränderungen, Bodenerschöpfungen oder Epidemien erklärt werden können, für die es für die zweite Hälfte des 5. Jahrtausends v. Chr. keine Beweise gibt. Direkte Beweise gebe es dagegen für eine Invasion von Reiterkriegern, nicht nur durch die Funde von Hügelgräbern, die für einen einzigen Mann angelegt waren, sondern weil zu diesem Zeitpunkt ein „ganzer Komplex“ von kulturellen Merkmalen hervortrat, der für die Entwicklung der Kurgankultur charakteristisch war.“Marija Gimbutas: The Civilization of the Goddess. Harper, San Francisco 1991, ISBN 0-06-250337-5.
Laut John Chapman „wurde vor nicht allzu langer Zeit allgemein anerkannt, dass Nomaden aus dem Steppengebiet nördlich des Schwarzen Meeres durch eine Invasion auf dem Balkan der hochentwickelten Gesellschaft der Kupferzeit ein Ende setzten, die ihre Siedlungen auf Tells (Siedlungshügeln) erbauten, eine autonome Kupfermetallurgie besaßen und als großartigsten Höhepunkt das Gräberfeld von Warna mit seinen atemberaubenden frühen Kunstzeugnissen aus Gold schufen. Jetzt sind die Auffassungen komplett verändert und es ist der Warnakomplex und die dazugehörigen Gemeinschaften, die für das Aufkommen der von extrem reichen Grabbeigaben gekennzeichneten Bestattungsriten als Folge der Ausbreitung des Ackerbaus verantwortlich gehalten werden.“John Chapman . Balkankommission der Heidelberger Akademie der Wissenschaften, Internationale Interakademische Kommission für die Erforschung des Vorgeschichte des Balkans. Monographien Band 6. Philipp von Zabern, Mainz 2004, ISBN 3-8053-3365-X.
mini|Gold von Warna
Museen, Ausstellungen Die Artefakte sind im Archäologischen Museum Warna und im Nationalen Historischen Museum in Sofia ausgestellt. Im Jahr 2006 wurden einige Goldobjekte in einer großen nationalen Ausstellung antiker Goldschätze in Sofia und Warna gezeigt. Die Ausstellungstour „Das Gold von Warna“ begann im Jahr 1973. Sie wurde, integriert in die nationale Ausstellung „Das Gold der thrakischen Reiter“, in den 1970er Jahren in vielen weltweit führenden Museen und Ausstellungen gezeigt. Im Jahr 1982 erzielte sie in Japan sieben Monate lang unter dem Titel „Das älteste Gold der Welt – Die erste europäische Zivilisation“ große Publizität, zwei TV-Dokumentationen entstanden in der Folge. In den 1980er und 1990er Jahren wurden Goldobjekte aus Warna unter anderem auch in Kanada, Deutschland, Frankreich, Italien und Israel ausgestellt. Das National Geographic Magazine brachte im Dezember 2006 eine umstrittene Titelstory über den „Goldrausch in Bulgarien“.A. R. Williams: Bulgaria’s Gold Rush. In: National Geographic Deutschland. Dezember 2006. (englisch)
Siehe auch Solnizata
Literatur Alexander Fol, Jan Lichardus (Hrsg.): Macht, Herrschaft und Gold: Das Gräberfeld von Varna (Bulgarien) und die Anfänge einer neuen europäischen Zivilisation. Stiftung Saarländischer Kulturbesitz, 1990, ISBN 3-925303-39-1. John Chapman: Social inequality on Bulgarian tells and the Varna problem. In: Ross Samson (Hrsg.): The social archaeology of houses. Edinburgh University Press, Edinburgh 1990. John Chapman: The creation of social arenas in Varna. In: Paul Garwood (Hrsg.): Sacred and profane. Oxford University Committee for Archaeology, 1991. Brian Hayden: An archaeological Evaluation of the Gimbutas Paradigm. In: The Virtual Pomegranate. 6, 1998. Tom Higham, B. Gaidarska, Vladimir Slavchev: The first AMS dates for the Varna cemetery. Antiquity 2004. R. Krauß/C. Schmid/D. Kirschenheuter/J. Abele/V. Slavchev/B. Weninger, Chronology and development of the Chalcolithic necropolis of Varna I. Documenta Praehistorica 44, 2017, 282–305 Raiko Krauß: Karanovo und das südosteuropäische Chronologiesystem aus heutiger Sicht. In: Eurasia Antiqua. 14, 2008, S. 115–147. Raiko Krauß: Zur Akkumulation von Prestigegütern im Westschwarzmeerraum während des 5. Jahrtausends v. Chr. In: C. Theune, F. Biermann, Ruth Struwe, G. H. Jeute (Hrsg.): Zwischen Fjorden und Steppe. Festschrift für Johan Callmer. Studia honoraria 31. Rahden 2010, S. 289–300.