60 Minutes ist ein investigatives Nachrichtenmagazin, das seit 1968 vom US-Fernsehsender CBS ausgestrahlt und von CBS News produziert wird. Das von Donald Hewitt entwickelte Format hat im Laufe seiner Geschichte mehr Emmy Awards gewonnen als jede andere Prime-Time-Sendung in den USA. Über die Jahre sorgten einige Kontroversen um 60 Minutes für Aufsehen.
Geschichte Die Idee zu 60 Minutes basierte auf dem kritischen kanadischen Nachrichtenformat This Hour Has Seven Days von CBC (1964–1966) und That Was The Week That Was (1962–1963), einer Comedy- und Satire-Show der BBC. 60 Minutes gilt als Pionier beim Einsatz investigativer journalistischer Techniken. Dazu gehören überraschende Besuche von Kamerateams für spontane Interviews im Büro oder zu Hause oder die direkte Gegenüberstellung gegensätzlicher Aussagen, die in Interviews gemacht wurden.
mini|Mike Wallace (2007) Die erste Folge von 60 Minutes wurde am 24. September 1968 ausgestrahlt. In der Anfangszeit war die Sendung in einem zweiwöchentlichen Wechsel mit anderen CBS-Nachrichtensendungen am Dienstagabend zu sehen und wurde von Harry Reasoner und Mike Wallace moderiert. Donald Hewitt, der gemeinsam mit Walter Cronkite Produzent der Abendnachrichten CBS Evening News war, wählte Mike Wallace als stilistischen Gegenpol zu Reasoner aus.
Nach dem Vorbild von This Hour Has Seven Days bestand der Hauptaspekt der Show darin, dass die Moderatoren der Show gleichzeitig auch als Reporter tätig waren. Die Berichte, nicht länger als 13 Minuten, sollten vor allem über kontroverse Themen von nationalem Interesse und den davon betroffenen Menschen informieren. Nach einer Saison zeigten die Zuschauerquoten, dass die Themenauswahl nicht von einem breiten Publikum angenommen wurde.
1970 trat Morley Safer dem Team bei und übernahm die Berichterstattung zu weniger polarisierenden Themen. Als aber Richard Nixon begann, die Pressefreiheit in Frage zu stellen, veränderte Safer das Sendungskonzept zu hartem, investigativem Journalismus. Noch 1970 berichtete 60 Minutes kritisch über die Verwendung von Streubomben, die südvietnamesische Armee, Kanadas Amnestie für amerikanische Steuerhinterzieher, Nigeria, den Nahen Osten und den Nordirlandkonflikt. 1983 führte Safers Bericht Lenell Geter in Jail zum Freispruch des Texaners Lenell Geter, der zu Unrecht wegen bewaffneten Raubes verurteilt wurde. Dieser Erfolg gilt bis heute als einer der Meilensteine der Sendung.
1971 erließ die FCC die Prime Time Access Rule. Aufgrund einer Ausnahme für Nachrichtensendungen verlegte CBS ab Januar 1972 den Sendeplatz von 60 Minutes auf sonntags zwischen 18:00 und 19:00 Uhr.
Dieser Sendeplatz erwies sich im Herbst, wenn die Abendspiele der National Football League übertragen werden, als problematisch, da die Sendung dann oft verschoben werden musste, denn Footballübertragungen waren seit dem Heidi-Game im November 1968 vertraglich vor Unterbrechungen geschützt. Der Begriff (auch „Heidi-Bowl“ genannt) bezieht sich auf einen Vorfall in der American Football League (AFL) bei einem Spiel zwischen den New York Jets und den Oakland Raiders am 17. November 1968 in Oakland. NBC beendete die Übertragung des Spiels 65 Sekunden vor dem Ende der Partie zu Gunsten des pünktlichen Starts des Spielfilms Heidi aus dem Jahr 1968. Andere Sportereignisse (wie Golfturniere) verursachten gelegentlich die gleichen Probleme.
1975 wechselte die Sendung auf ihren noch heute aktuellen Sendeplatz am Sonntag zwischen 19:00 und 20:00 Uhr. 1979 erreichte sie den ersten Platz der Einschaltquoten in ihrer Sparte auf Basis des Nielsen Ratings. Dieser Erfolg ließ die Werbepreise von 17.000 US-Dollar pro dreißig Sekunden im Jahre 1975 auf 175.000 US-Dollar im Jahr 1982 steigen. 2007/2008 war die Sendung das am häufigsten gesehene Nachrichtenformat der USA.
Seit 1979 endet die Show mit einem humorvollen Kommentar von Andy Rooney zu einem aktuellen Thema aus der internationalen Politik, der Wirtschaft oder seinem Alltag.
60 Minutes wird zeitgleich von CBS Radio und den daran angeschlossenen lokalen Radiostationen übertragen. Seit dem 23. Oktober 2007 ist ein kostenloser Audio-Mitschnitt (Podcast) verfügbar.
Kurz vor seinem 88. Geburtstag, nach 38 Jahren bei 60 Minutes und 43 Jahren bei CBS, kündigte Wallace am 14. März 2006 seinen Rückzug aus dem Berufsleben an. Er kommentierte seinen Ruhestand ironisch: … angesichts meines 88. Geburtstages ist es offensichtlich, dass meine Augen und Ohren sowie andere wichtige Körperteile nicht mehr die alten sind, und die Aussicht, nach langen Flügen an irgendeinen Ort der Welt auf der Suche nach irgendetwas zu sein, erscheint mir nicht mehr ganz so attraktiv.
Heute ist 60 Minutes das einzige regelmäßig ausgestrahlte Nachrichtenformat des US-Fernsehens, das keine Titelmelodie verwendet. Als Erkennungszeichen wird das Ticken der Stoppuhr verwendet.
Format Den Kern der Sendung bilden je drei Berichte, die Veröffentlichungen in überregionalen Zeitungen aufgreifen und diese kurz zusammenfassen. Mit Hilfe von Recherchen der 60-Minutes-Redaktion werden die Themen im Anschluss umfassend dargestellt. Bei der Themenauswahl stehen Korruption und andere Verfehlungen von Unternehmen, Politikern und Amtsträgern im Vordergrund. Eine Besonderheit stellt der Umgang mit Interviews dar, die ohne unmittelbar kommentiert oder zusammenfassend erwähnt zu werden, ausgestrahlt werden. Dem Zuschauer soll so ermöglicht werden, sich seine eigene Meinung zu bilden.
In loser Folge werden Personen des öffentlichen Lebens vorgestellt, die sich z. B. in Non-Profit-Organisationen engagieren. 60 Minutes achtet dabei darauf, dass diese Beiträge keine oberflächliche Selbstdarstellung bleiben. Die Person wird möglichst umfassend porträtiert und ggf. kritisch hinterfragt.
Die Sendung stellt eine Mischung aus investigativem Journalismus und Personalityshow dar. Der investigative Teil orientiert sich an der 1950er CBS-Dokumentar- und Nachrichtensendung See It Now mit Edward R. Murrow, in deren ersten Jahren Donald Hewitt als Regisseur tätig war. Das zweite Format erinnert an Person to Person, eine Persönlichkeitsshow, die ebenfalls von Edward R. Murrow moderiert wurde. Aufgrund dieses ungewöhnlichen Formates bezeichnete Donald Hewitt 60 Minutes als eine Mischung aus den beiden Extremen der Murrow-Sendungen: …a blend of high Murrow and low Murrow.Richard M. Clurman, Beyond Malice: The Media’s Years of Reckoning, Meridian Books, 1990, ISBN 978-0-452-01029-1.
Mit dem Format Point/Counterpoint startete 1971 eine Serie von Fernsehdebatten, in denen sich je ein liberaler und ein konservativer Kommentator gegenüberstanden. Die ersten beiden Kontrahenten waren James J. Kilpatrick als Vertreter der konservativen Seite und Nicholas von Hoffman für die Liberalen. Es war quasi eine Live-Version von konkurrierenden Leitartiklern und stellte ein innovatives TV-Konzept dar. Nach dem Tod von Hoffmann übernahm Shana Alexander seinen Part.
Point/Counterpoint wurde regelmäßig parodiert. In der NBC-Comedy-Serie Saturday Night Live waren Jane Curtin und Dan Aykroyd als Kommentatorenpaar zu sehen. Aykroyd begann eine Debatte typischerweise mit dem Satz Jane, you ignorant slut. Im Motion Picture Spielfilm Die unglaubliche Reise in einem verrückten Flugzeug ist in einer Szene eine Diskussion im Stil der Sendung zu sehen, in der es um das Für und Wider eines Absturzes geht. Auf Grund mangelnden Zuschauerinteresses wurde Point/Counterpoint 1979 eingestellt.
Im März 2003 wurde das Konzept Point/Counterpoint mit Bob Dole und Bill Clinton (ehemalige Gegner im US-Präsidentschaftswahlkampf von 1996) wieder aufgegriffen. Die vorproduzierten zehn Folgen von Clinton/Dole and Dole/Clinton wurden allerdings nicht komplett ausgestrahlt, da sie aus Sicht der Zuschauer zu freundlich und rücksichtsvoll miteinander umgingen. Im September 2008 feierte die Sendung ihr 40-jähriges Bestehen und damit den Rekord der am längsten durchgehend ausgestrahlten Sendung im US-amerikanischen Fernsehen.
Rezeption In dem 1991 erschienenen Buch 60 Minutes and the News: A Mythology for Middle America untersuchte Richard Campbell detailliert die Berichte von 60 Minutes. Campbell, der sich über Jahre hinweg mit der Sendung beschäftigt hat, behauptet, dass sie vor allen Dingen auf die konservative Zuschauergruppe des Mittleren Westens der USA ausgerichtet seien. An diesem Buch wurde vor allem eine Oberflächlichkeit kritisiert, so dass zwar eine exakte Beschreibung der Sendung und ihrer Techniken vorliege, allerdings keine tiefergehenden Analysen über ihre Entwicklung und die damit verbundene Entwicklung ihrer Zielgruppe.
Diese Lücke schließt eine 2002 erstellte Untersuchung Sex, Lies, and War: How Soft News Brings Foreign Policy to the Inattentive Public, die die Zuschauerstrukturen von Nachrichtensendungen wie 60 Minutes und deren außenpolitischer Themenauswahl analysierte. Die Studie stellt unter anderem dar, wie außenpolitische Nachrichten durch einen Bezug zur Lebensweise („Human Touch“) der politisch eher desinteressierten Zuschauer aufgenommen werden und welche Rolle dabei Sendungen wie 60 Minutes spielen.
Kritik Laut Campbell sollen die Berichte vermitteln, dass die Welt der aufrichtig und hart arbeitenden Menschen permanent den Angriffen korrupter Bürokraten und habgieriger Unternehmen ausgesetzt sei. 60 Minutes ist demzufolge keine objektive Nachrichtensendung, sondern ein „Werkzeug“ zur Meinungsbildung in Form von entsprechend suggestiv aufbereiteten Informationen.
Im weiteren Verlauf beschreibt Campbell die manipulativen Stilmittel, die in den Berichten zum Einsatz kommen. Dies bezieht Campbell vor allem auf Kameraeinstellungen, durch welche häufig eine Souveränität des Reporters und seine Überlegenheit gegenüber seinem Gesprächspartner suggeriert werden solle.
Die bekannten Korrespondenten und Reporter stehen im Mittelpunkt und führen nicht einfach durch die Berichte, sondern legen, den Zuschauer manipulierend, auch die „richtigen“ Schlüsse nahe. Zu etwa einem Drittel bis zur Hälfte eines 12- bis 14-minütigen Berichtes sind die Reporter zu sehen. Sie stehen dabei in einem Abstand zur ruhig stehenden Kamera, der auch Platz für Hintergrundbilder lässt. Von den Interviewpartnern dagegen wird oft nur ein closeup gezeigt, das Teile des Kopfes abschneidet. Mit diesem Unterschied dominiert der Reporter das Interview visuell, während sein Gegenüber wie ein Verdächtiger wirken muss. Die Reporter nehmen dabei wiederkehrende, themenabhängige Rollen ein. Geht es in einem Bericht um etwas Unverständliches, ist er der Aufklärer, bei psychologischen Themen spielt er den Therapeuten, geht es um Abenteuer, gibt er den Scout und bei kontroversen Themen den Vermittler.
In der Summe konzentriere sich die Sendung zu sehr auf individuelle Geschichten, anstatt die dahinter stehenden Probleme zu schildern.
Kontroversen Im Laufe der Jahre war 60 Minutes in einige Kontroversen verwickelt, die für öffentliches Aufsehen sorgten:
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