mini|hochkant=1.2|Pfalz Wimpfen mit erhaltenen und rekonstruierbaren staufischen Mauern Die ehemalige Königspfalz in Wimpfen ist mit 215 Metern Länge, bis zu 88 Metern Breite und mit ursprünglich drei Bergfrieden die größte staufische Pfalzanlage in Deutschland.Die Burg Girbaden im heute französischen Elsass wies nach dem pfalzartigen Ausbau durch Friedrich II. mit 280 Metern Länge und 60 Metern Breite eine vergleichbare Größe auf. Sie liegt auf einem Bergsporn über dem Neckar an einer strategisch vorteilhaften Stelle. Im Norden, Osten und Süden ist die Pfalz noch heute von einem fast geschlossenen Mauerzug umfasst. Die Bauarbeiten begannen unter Friedrich I. Barbarossa (1152–1190) kurz nach der Mitte des 12. Jahrhunderts. 1190 oder spätestens 1197 erfolgte ein Baustopp. Unter Friedrich II. (1212–1250) setzte nach 1217 eine zweite Bauphase ein, die möglicherweise unter Heinrich (VII.) fortgesetzt wurde. Vermutlich 1320/22 wurde die Pfalz in großen Teilen zerstört und nach dem ersten Drittel des 14. Jahrhunderts vom Königtum kaum noch genutzt. Im Laufe der Zeit verschmolz sie mit der westlich anschließenden Stadt, in der das ehemalige Pfalzareal heute das sogenannte Burgviertel bildet.
mini|Silhouette der Pfalz vom Neckartal aus gesehen mini|Blick vom Blauen Turm über das Burgviertel von Bad Wimpfen und weiter über das Neckartal mit der älteren Siedlung Wimpfen im Tal mini|Roter Turm mit Wehrmauern und Nürnberger Türmchen aus dem 17. Jahrhundert
Lage
Die Königspfalz in Wimpfen wurde auf dem vom Tal des Neckars zum Kraichgau hin ansteigenden Bergrücken des Eulenbergs errichtet, oberhalb der Siedlung Wimpfen im Tal. Im Norden und Osten war sie durch den steil abfallenden Hang geschützt, im Süden bildete ein Bachlauf einen natürlichen Graben.
Geschichte
Wimpfen im Tal war schon zur Zeit der Römer eine stadtartige, ummauerte Siedlung an einem Neckarübergang. Hier begann der Odenwaldlimes, der den Neckarlimes nordwärts zum Main hin fortsetzte. Das Gebiet um Wimpfen wurde im 6. Jahrhundert fränkisches Königsgut. Schon sehr früh hatte dort der Bischof von Worms einen starken Einfluss und später auch Besitz. Worms gründete das Stift Wimpfen, das 965 das Marktrecht erlangte und als dessen ältester erhaltener Bauteil das Westwerk der Stiftskirche St. Peter aus dem 11. Jahrhundert gilt. Der Wimpfener Stiftspropst war zugleich Wormser Archidiakon für den Elsenzgau und den Gartachgau. Zur Rückgewinnung und Sicherung von verloren gegangenem altem Königsgut errichteten die Staufer in Wimpfen eine Pfalz, an die sich westlich die Bergstadt anschloss. Die Besiedlung von Wimpfen am Berg und des späteren Pfalzareals reicht mindestens bis in das frühe achte Jahrhundert zurück.Hildebrandt/Knauer, S. 193.
Kaiser Friedrich I. Barbarossa ist der vermutete Begründer der Pfalz; schriftliche Nachrichten zum Baubeginn gibt es nicht. Am 9. Februar 1182 ist sein Aufenthalt in Wimpfen bezeugt. Wenn man sein Itinerar betrachtet, dürfte er auch 1154, 1164, 1188 und 1189 durch Wimpfen gezogen sein; er könnte dort die Großbaustelle kontrolliert haben, oder er kam zur Einweihung eines wichtigen Gebäudes der Pfalz, denn durch archäologische Befunde ist belegt, dass nach der Mitte des 12. Jahrhunderts auf diesem Areal größere Baumaßnahmen stattfanden.
Friedrichs Sohn, Kaiser Heinrich VI. (1190–1197), war nachweislich dreimal in Wimpfen, Kaiser Friedrich II. mindestens achtmal. Sein aufrührerischer Sohn Heinrich (VII.) unterwarf sich ihm 1235 in Wimpfen. Heinrich (VII.) ist häufig in Wimpfen belegt, insgesamt vierzehn Mal. Nach den Staufern besuchte Rudolph von Habsburg 1282 Wimpfen, 1284 kam seine Gemahlin, Königin Anna, 1297 Adolph von Nassau. Albrecht I. ist 1300, 1305 und 1306 nachgewiesen; Heinrich VII. 1309; Ludwig der Bayer (1314–1347) 1315, 1336 und 1346. Dessen Gegenkönig Friedrich der Schöne (1314–1330) hielt sich 1320 in Wimpfen auf. Hier stellte er Privilegien aus, empfing Boten und warb um hochgestellte Gefolgsleute für seinen Kampf gegen Ludwig den Bayern. Die Königsbesuche in dieser Zeit haben vielleicht nicht alle in der Pfalz stattgefunden, sondern manche möglicherweise auch im Wormser Hof oder im Ritterstift in Wimpfen im Tal.
Nach dem Untergang der Staufer war die Königspfalz zeitweise auch Sitz des kaiserlichen Landvogts. Konrad IV. von Weinsberg diente in dieser Funktion, bis 1320 auf der Seite Ludwigs des Bayern und danach auf der Seite des Gegners. Vermutlich war er es, der Friedrich dem Schönen in den Auseinandersetzungen 1320/22 die Pfalz öffnete. Damals wahrscheinlich kam es zu einem starken flächenhaften Brand, der die Pfalz ruinierte; die originalen Palasarkaden und die Westfront der Pfalzkapelle zeigen noch Spuren. Bei den Grabungen 1983 und 2008 entdeckte man eine Brandschicht, überlagert von Hohlziegelbruch mit Fundgut aus dem 14. Jahrhundert. Dieses Brandereignis führte in der Folge zur Aufgabe der Pfalz, zum Abriss des Palas und eines Bergfrieds. Nachrichten machen deutlich, dass die Pfalz nach 1333 vom Königtum kaum noch genutzt wurde: Engelhard VII. von Weinsberg, der Sohn Konrads IV., verkaufte 1336 einen Teil seines Besitzkonglomerats, wahrscheinlich mit dem später abgerissenen Bergfried, an die Stadt Wimpfen. Die 1347 erwähnten Häuser im Burggraben dokumentieren die Aufgabe der Befestigung. 1359 vermachte ein Domherr das „Steinhaus“ neben dem Palas dem Kloster Schöntal. 1365 bemerkt Kaiser Karl IV., dass die Tagungen der Reichsvogtei im Palas schon lange nicht mehr stattfanden. 1391 werden Scheunen im Palasareal genannt. Alle Nachrichten beleuchten den Niedergang der Pfalz im 14. Jahrhundert.
Bauwerke Palas mini|Palas-Arkaden Der Palas, ein repräsentativer Saalbau, war das zentrale Gebäude der Pfalz. Vom aufgehenden Mauerwerk ist nur die Nord- und Ostmauer bis zur Deckenhöhe des Obergeschosses erhalten. Die Ostwand – zugleich Westwand der Pfalzkapelle – läuft nach Süden drei Meter über die Flucht der südlichen Kapellenwand hinaus und bildet am Ende eine Ecke. Die Fundamente der Südwand verlaufen mehr als vier Meter weiter südlich, sodass in der Südostecke des Gebäudes eine Einbuchtung entstand, vielleicht der Platz für eine Treppenkonstruktion. 2007 hat der Verein Alt-Wimpfen bei einer Grabung westlich vom Palas im Keller des Hauses Burgviertel 19 ein Fundament ergraben;Haberhauer/Hartmann, S. 17–33. angrenzende Fundstücke datieren es auf bald nach 1150. Es handelte sich höchstwahrscheinlich um das bisher nicht aufgefundene Fundament der Westwand. Der Palas hatte mithin eine Länge von etwa 36 Metern und eine größte Breite von 16,70 Metern.
In der erhaltenen Nordwand sieht man im Obergeschoss die drei Arkadenfenster des Saals mit ihren vierzehn Arkaden, durch die man ins Neckartal blickt. Die Bogen aus glatt gearbeiteten Keilsteinen ruhen auf Kämpfern, die von jeweils zwei gedrungenen Säulen getragen werden. Die Säulen, meist mit einem Scheibenwürfelkapitell, sind unterhalb des einfachen Schaftrings in der Mehrzahl ohne Verzierung und besitzen attische Basen. Im Erdgeschoss befinden sich unterhalb der Arkaden vier Lichtschlitze.
Westlich der Arkaden sitzt ein großes rundbogiges Biforium mit einem umlaufenden Stabprofil und einer Mittelsäule, die bis auf ihre Länge den Arkadensäulen entspricht. Dieses Fenster erhellte einen neben dem Saal liegenden Raum. Etwas weiter im Westen befanden sich im Obergeschoss zwei rundbogige Eingänge mit dem gleichen Profil wie das Biforium. Die Türblätter waren innen angeschlagen, anders als bei den beiden Türen im Erdgeschoss. Hier liegt die westliche Tür höher als die östliche, was an der Fassade von romanischen Bauten auf eine außen liegende Treppe hinweist. Die Nordseite des Palas mit diesen beiden Türen im Erdgeschoss war wahrscheinlich durch einen Zwinger geschützt. Bei den Grabungen 2007 entdeckte man das westliche Mauerstück mit der Verzahnung für eine Mauer, die nach Osten lief. Es ist nicht unwahrscheinlich, dass der Palas ein weiteres Geschoss besaß, denn die ursprüngliche Mauerhöhe des Gebäudes ist nicht bekannt. Die zweite Tür im Obergeschoss führte vielleicht zu einem Treppenaufgang. Nach Ludwig Hildebrandt und Nicolai Knauer wurde der Palas kurz nach der Mitte des 12. Jahrhunderts innerhalb der noch existierenden Umfassungsmauer einer älteren Wehranlage erbaut. Spätestens in den 1170er Jahren war der Bau vollendet.Hildebrandt/Knauer, S. 202.
Die Arkadenstruktur des Palastes, deren Nordwand erhalten ist, weist in Verbindung mit der Fensterstruktur der Pfalzkapelle semiotisch auf historische Ereignisse des 12. Jahrhunderts hin, wie beispielsweise die Exkommunikation von Friedrich I. während der Bauzeit und seine Beziehung zu Hildegard von Bingen.Jürgen W. Dollmann, 2024: Semiotische Analyse von Baustrukturen der Wimpfener Königspfalz: Eine Kontextualisierung von Historie, mittelalterlicher Theologie, Philosophie und Baukunst. Lehrbuchverlag, S. 26–46Günter Bandmann 1998: Mittelalterliche Architektur als Bedeutungsträger, Gebrüder Mann, BerlinHeilbronner Stimme 10. August 2024: Jürgen Dollmann dechiffriert einen Teil der Stauferpfalz in Bad WimpfenGörich Knut 2006: Die Staufer, Herrscher und Reich, München
Gleichzeitig mit dem Palas wurde an der Südwestecke der Pfalz ein Bergfried errichtet, der die gefährdete Westflanke und einen Teil der Südflanke sicherte. Seine Fundamente hat man in den 1980er Jahren bei der Sanierung des heute dort befindlichen Bürgermeister-Elsässer-Hauses gefunden.
Pfalzkapelle mini|Pfalzkapelle Die an den Palas grenzende Pfalzkapelle bestand nach 1160 aus einem rechteckigen Langhaus mit östlich anschließender halbrunder Apsis als Chorschluss. Sie war dem heiligen Nikolaus von Myra geweiht. Das Eingangsportal lag auf der Südseite. Hier und auf der Nordseite befanden sich jeweils drei rundbogige Fenster und ein Biforium. Der untere Teil der Nordwand besaß nur einfache Lichtschlitze. Die beiden Biforen im Westteil der Kapelle brachten Licht auf die Empore, von der eine Tür in das Obergeschoss des Palas führte. König Ludwig der Bayer gab 1333 die Kapelle an das Benediktinerkloster in Sinsheim. Vermutlich in dieser Zeit entstand anstelle des romanischen Chors mit halbrunder Apsis ein rechteckiger gotischer Chor mit angebauter Sakristei.
Bereits vor dem Dreißigjährigen Krieg wurde die Kapelle als Zeug- und Lagerhaus genutzt, während des Krieges zogen vorübergehend Kapuziner ein und danach diente sie wieder als Lagerhaus. Das Gebäude wurde 1833 an Wimpfener Bürger verkauft, die es nach einem Umbau zum dreigeschossigen Wohnhaus mit Stallungen ab 1837 nutzten. In die Südwand hatte man zwei weitere Eingänge gebrochen und in die beiden Obergeschosse je fünf rechteckige Fenster. Bis auf ein Fenster und das Biforium in der Nordwand wurden die alten Fenster zerstört.
Von 1909 bis 1911 wurde die Kapelle wieder in ihren alten Zustand versetzt, wobei der Chor in seinen gotischen Formen neu entstand. Die rechteckigen Fenster wurden entfernt; die neuen Rundbogenfenster und das Biforium der Südseite erhielten ihre Gestalt nach den erhaltenen Fenstern der Nordseite. Die Südseite der Kapelle ist mit Sandsteinquadern verkleidet. Die Wand wird durch leicht hervortretende Lisenen gegliedert, die oberhalb der Fenster in einen Rundbogenfries übergehen. Die Halbsäulen der beiden Biforen mit Basis, Schaft und Kapitell liefern wichtige Anhaltspunkte zur Datierung. Der Prähistoriker S. Frey hat anhand der Patronatsfunktion das Weihedatum der Pfalzkapelle auf den 14. Juni 1192 bestimmt.Stephan Frey: Die Nikolauskapelle der Kaiserpfalz Bad Wimpfen. Studien zum Patrozinium und zur Datierung. Ein interdisziplinärer Forschungsansatz. Akademische Verlagsgemeinschaft München, München 2011, ISBN 978-3-86306-755-7 In der ehemaligen Pfalzkapelle befindet sich heute ein kirchenhistorisches Museum.
Romanisches Haus mini|Romanisches Wohnhaus