Die Samson-Schule in Wolfenbüttel war eine überregional bedeutende jüdische Freischule, die auf das Jahr 1786 zurückgeht und bis 1928 bestand. Sie gilt als Wiege des Liberalen Judentums. Seit 1881 hatte sie den Status einer überkonfessionellen Simultanschule, in der auch christliche Schüler unterrichtet wurden. Mit dem Neubau von 1896 war sie eine Internatsschule. Viele Schüler wurden später als Wissenschaftler, Politiker und Erfinder bekannt. Berühmt gewordene Absolventen waren Leopold Zunz als Begründer der Wissenschaft des Judentums und der Erfinder der Schallplatte Emil Berliner. Heute ist das frühere Schulgebäude ein Wohnheim sowie ein Lern- und Gedenkort.
Geschichte Vorläufereinrichtungen mini|hochkant|Früherer Sitz der von Philipp Samson 1786 gegründeten Religionsschule in der Harzstraße 12
Im Jahre 1786 gründete der Wolfenbütteler Hofbankier Philipp Samson aus dem 20.000 Reichstaler betragenden Stiftungskapital seines Vaters in der Harzstraße 12 eine Talmud-Tora-Freischule (Beth-hamidrasch), der er selbst vorstand. Diese zunächst orthodoxe Religionsschule befand sich in Nachbarschaft zu der 1781 durch Samson eingerichteten Synagoge. Im Jahre 1796 gründete die Witwe seines Bruders Herz Samson eine weitere Lehranstalt in Wolfenbüttel, die 1807 in der Samsonschen Freischule aufging. Der achtjährige Leopold Zunz besuchte die Schule von 1803 bis 1809 und schildert die unzureichenden Zustände vor 1807 in seinen Erinnerungen:
Es gab keine Schulgesetze, kein Protokoll, gewissermaßen keine Pädagogik. Freitag nachmittag lasen wir die Bohnen und Erbsen aus; in unseren Spielen und Raufereien waren wir uns selber überlassen. […] Lektüre und dergleichen gab es nicht; es kümmerte sich auch niemand um uns.Hans-Jürgen Derda: Im Geiste der Emanzipation. Leopold Zunz – Begründer der Wissenschaft des Judentums. In: Braunschweigisches Landesmuseum, Informationen und Berichte 3–4/1996, S. 27–28
Gründung 1807 Im Jahre 1807 wurde Samuel Meyer Ehrenberg, der die Anstalt zwischen 1789 und 1794 als Schüler besucht hatte, Direktor der Samson-Schule. Der durch die jüdische Aufklärung geprägte Ehrenberg gestaltete die Schule im Sinne des Reformjudentums in Anlehnung an die Jacobsonschule in Seesen um. Ziel Ehrenbergs war die Vorbereitung auf den Besuch des Gymnasiums oder auf Tätigkeiten in Handel und Handwerk. Bereits 1807 wurde die jüdische Konfirmation eingeführt, seit 1827 für Mädchen. Der plötzliche Wechsel im pädagogischen Programm wird durch einen Mitschüler Leopold Zunz’ beschrieben:
Wir sind buchstäblich aus einer mittelalterlichen Zeit in eine neue an >einem< Tage übergegangen. Alles, was ich bis dahin entbehrt hatte, Eltern, Liebe, Unterweisung, Bildungsmittel, war mir plötzlich gegeben.Hans-Jürgen Derda: Im Geiste der Emanzipation. Leopold Zunz – Begründer der Wissenschaft des Judentums. In: Braunschweigisches Landesmuseum, Informationen und Berichte 3–4/1996, S. 28
Im Jahre 1840 erfolgte die Umwandlung in eine dreiklassige Bürgerschule. Ehrenberg blieb bis 1846 Leiter der Schule. Das Amt übernahm bis 1871 sein Sohn Philipp Ehrenberg (1811–1883). Die Samson-Schule erhielt 1888 den Status einer sechsklassigen Realschule, die seit 1892 „Einjährigen-Zeugnisse“ ausstellen durfte. Seit 1881 wurden auch christliche Schüler unterrichtet. Nach ihm folgte Moritz Rosenstock als Leiter der Schule.
Die Schüler kamen in der Mehrzahl von außerhalb. Die Schule zählte 201 Absolventen zwischen 1807 und 1843; im Zeitraum 1844 bis 1886 waren es 452 Schüler.Simone Lässig: Jüdische Wege ins Bürgertum: Kulturelles Kapital und sozialer Aufstieg im 19. Jahrhundert, 2004, S. 173
Schulneubau 1896 mini|Zeitgenössische Darstellung des Neubaus der Samson-Schule am Neuen Weg von 1896 mini|Rückseite mit dem Nordflügel und Mitteltrakt, im Vordergrund der Leopold Zunz-Platz mini|Rückseite mit Mitteltrakt und Südflügel
Wegen der Zunahme der Schülerzahlen und der Enge der Räumlichkeiten in der Innenstadt beschloss die Samson-Familie den Bau eines modernen Schulgebäudes am nördlichen Ortsrand von Wolfenbüttel an der Straße nach Braunschweig. Es entstand nach einem Entwurf des Wolfenbütteler Kreisbaumeisters Carl Müller. Am 3. September 1896 wurde am Neuen Weg der zwei- bis dreigeschossige Neubau eingeweiht.Paul Zimmermann (Hrsg.): Braunschweigische Chronik für d. J. 1896. In: Braunschweigisches Magazin. Nro. 1. 3. Januar 1897. Seite 7. In: Braunschweigisches Magazin. Dritter Band. Jahrgang 1897. Braunschweig. 1897. Seite 7.
Baubeschreibung Der Neubau ist eine Dreiflügelanlage als Backsteinbau mit der dreigeschossigen Hauptfassade nach Osten zum Neuen Weg. Der seitliche Gebäudeflügel im Norden ist dreigeschossig und der kürzere südliche Seitenflügel ist zweigeschossig. Außerdem gibt es auf der Gebäuderückseite einen dreigeschossigen Mitteltrakt. An der Straßenfassade springen rechts und links vom Haupteingang zwei übergiebelte Risalite vor. Der Haupteingang ist rundbogig und die Fensterrahmungen im darüber liegenden Geschoss sind in Sandstein ausgeführt.
Im Erdgeschoss des neuen Gebäudes befanden sich die Schulräume und im ersten Stockwerk die Arbeits- und Aufenthaltsräume, Bibliothek, Speisesaal und Aula. Der zweite Stock war für die Schlaf- und Waschräume und für eine gesonderte Krankenabteilung gebaut worden. Die Lehrerzimmer waren so über die Stockwerke verteilt, so dass eine permanente Aufsicht möglich wurde. Es gab auf dem Schulgelände eine Turnhalle.Ernst A. Boas: Die Wolfenbütteler Samson-Schule. S. 35–38. In: Heimatbuch für den Landkreis Wolfenbüttel 1992, hrsg. v. Landkreis Wolfenbüttel.
Schließung 1928 Nach dem Ende des Ersten Weltkriegs wurde das Schulwesen umgestellt. Diesem Wandel konnte die Schule nicht folgen und die Schülerzahl sank ständig. Die Schließung der Schule erfolgte 1928 infolge wirtschaftlicher Probleme. Hildegard Feidel-Mertz sieht aber tieferliegende Gründe: „1928 war gerade die traditionsreiche Samson-Schule in Wolfenbüttel daran gescheitert, ein modernes jüdisches Landerziehungsheim nach dem Vorbild von Wickersdorf oder der Odenwaldschule zu werden, weil das assimilierte jüdische Bürgertum seine Kinder lieber von vornherein in diese durch Toleranz und Weltoffenheit ausgezeichneten liberalen Landerziehungsheime schickte.“Hildegard Feidel-Mertz: „Mit dem Blick fürs Ganze“. Die Sozialpädagogin Gertrud Feiertag (1890–1943), in: Inge Hansen-Schaberg und Christian Ritzi (Hg.): Wege von Pädagoginnen vor und nach 1933, Schneider Verlag Hohengehren GmbH, Baltmannsweiler, 2004, ISBN 3-89676-768-2, S. 24
Nachfolgende Gebäudenutzung In der Zeit des Nationalsozialismus diente das Gebäude bis 1945 zahlreichen Zwecken, wie der Unterbringung von Wohnungslosen und Bauarbeitern, als Sitz des Freiwilligen Arbeitsdienstes, Sportschule der SS, Luftwaffenfachschule, Kaserne der motorisierten Gendarmerie sowie ab Oktober 1943 Standort des Nachrichtenmittelversuchskommandos der Kriegsmarine (zuvor Kiel), einer Forschungs- und Entwicklungseinrichtung u. a. für Radartechnik und den Ortungsschutz von U-Booten.
Bereits 1936 war die Schule unter Wert an den Freistaat Braunschweig verkauft worden.
Nach Ende des Zweiten Weltkriegs befand sich von 1945 bis 1971 das Wolfenbütteler Krankenhaus im dem Gebäude.Ernst A. Boas: Die Wolfenbütteler Samson-Schule. S. 38. In: Heimatbuch für den Landkreis Wolfenbüttel 1992, hrsg. v. Landkreis Wolfenbüttel. Von 1973 bis 1983 wurde es von der Polizei Niedersachsen als Dienststelle der Kriminalpolizei und Zweigstelle der Landespolizeischule Niedersachsen genutzt.
1984 übernahm die Handwerkskammer Braunschweig das Gebäude und baute es zu einem Berufsbildungszentrum mit Internat um. Gleichzeitig wurde es als Schulungsstätte und Gästehaus der benachbarten Bundesfachschule für das Konditorenhandwerk genutzt. Nachdem die Auslastung der Konditorenschule mit Lehrlingen und Meisterschülern erheblich sank, musste diese 2003 aufgegeben werden und die Nutzung der Samsonschule entfiel. Von 2002 bis 2020 wurden Gebäudeteile von der Moreno-Schule der Braunschweiger Mansfeld-Löbbecke-Stiftung genutzt. Der langjährige Leerstand führte zu baulichem Verfall.
Im Jahre 2007 erwarb die Stadt Wolfenbüttel das denkmalgeschützte Bauwerk. Von der Stadt erhielt die Moses Mendelssohn Stiftung 2019 den Zuschlag zur Entwicklung des Gebäudes, dessen denkmalgerechte Sanierung 2022 begann. Die Eröffnung als Wohnheim mit Lern- und Gedenkort erfolgte 2025. Im Gebäude gibt es rund 150 neu geschaffene Apartments für Auszubildende und Studierende. Die frühere Schulaula, benannt als Emil Berliner Saal, dient als kultureller Veranstaltungsort in Wolfenbüttel. Der Lern- und Gedenkort besteht aus einem öffentlich zugänglichen Ausstellungsraum zur Schulgeschichte, zur Samson-Familie und zur jüdischen Geschichte in Wolfenbüttel.Samsonschule - Wiege des liberalen Judentums bei wolfenbuettel.de vom 22. November 2025
Mitte der 2020er Jahre entstand im rückwärtigen Bereich der früheren Schule eine neue Wohnbebauung unter der Bezeichnung „Quartier Samson Schule“. 2026 wurde die Freifläche zwischen Schule und Wohngebäude am 140. Todestag des früheren Schülers Leopold Zunz in Leopold Zunz-Platz benannt. Dadurch änderte sich die Anschrift des früheren Schulgebäudes von Neuer Weg 50 in Leopold Zunz-Platz 1.Neue Adresse: Dieser Platz hat jetzt einen Namen bei regionalheute.de vom 18. März 2026
Schulbetrieb Philipp Samson konnte nach Erhalt der herzoglichen Genehmigung den Schulbetrieb am 4. Juni 1786 eröffnen. Die Schulleitung übernahm er selbst. Damals waren es 10 Schüler, die nach Alter in zwei Klassen eingeteilt wurden. Die Teilnahme am Schulbetrieb, die Kleidung und das Essen waren kostenlos. Der Schulbetrieb begann um 8.00 Uhr mit einem Morgengebet mit Philipp Samson. Zwei Lehrer erteilten Unterricht ohne Lehrplan, meistens aus der Bibel oder aus dem Talmud, für Deutsch und Rechnen waren wenige Stunden vorgesehen. Spiele, Abwechslung und Freizeitunterhaltung gab es nicht. Die Schulabgänger galten als „moralisch gefestigt“, waren aber wenig auf einen Beruf vorbereitet.
Nach dem Tod von Philipp Samson führte die Samson-Familie die Schule weiter. Samuel Meyer Ehrenberg wurde mit der Schulleitung beauftragt, ein ehemaliger Schüler. Dieser kannte die Mängel aus eigener Erfahrung und leitete Veränderungen ein. Er teilte den Unterricht in zwei Stufen nach einem festen Stundenplan, der religiöse Unterricht wurde zu Gunsten von Grammatik, Schönschreiben und richtiger Aussprache eingeschränkt. Damit sich Schüler anschließend an Wolfenbütteler Gymnasien weiterbilden konnten, wurde für Begabte auch Griechisch, Latein und Mathematik unterrichtet. Hierfür wurden auch christliche Lehrer engagiert. Die Schülerzahl entwickelte sich, und es wurden nicht nur Freischüler unterrichtet, sondern auch zahlende. Der Unterricht erfolgte in mehreren Stufen; die Baulichkeiten reichten nicht mehr aus. Auf Weisung des Braunschweigischen Staatsministeriums wurde die Schule in eine mehrstufige Realschule umgestaltet.
Die 1886 von Mitgliedern der Familie Samson und ehemaligen Schülern ins Leben gerufene „Säkularstiftung“ förderte abgehende Schüler während ihrer anschließenden Lehrzeit in Handwerk, Kunstgewerbe, Landwirtschaft und Gartenbau.
Bekannte ehemalige Lehrer Als Lehrer wirkten seit 1863 Jakob Freudenthal, seit 1864 Samuel Spier und seit 1874 der Rabbiner Emanuel Schreiber. Salo Adler unterrichtete von 1879 bis 1882 an der Schule.Salo Adler bei samson-schule.de Von 1920 bis 1924 arbeitete Hugo Rosenthal als Mittelschullehrer an der Samson-Schule. Um 1928 verbrachte Fridolin Friedmann einen Teil seines Referendariats an der Samson-Schule.
Bekannte ehemalige Schüler