Crime of the Century ist das dritte Studioalbum der britischen Pop-Rock-Band Supertramp, das im September 1974 erschien. Nach zwei erfolglosen Alben und mehreren Umbesetzungen entstand es in neuer Besetzung unter dem Produzenten Ken Scott. Die aufwendige Produktion, die sich über fast sechs Monate hinzog und für die die Beteiligten sämtliche Klangeffekte selbst aufnahmen, brachte der Gruppe den kommerziellen Durchbruch. Das Album erreichte Platz 4 der britischen und Platz 5 der deutschen Albumcharts und hielt sich in Deutschland 155 Wochen in den Charts. Von den Auskopplungen kam Dreamer in Großbritannien in die Top 20, Bloody Well Right in den Vereinigten Staaten in die Top 40. In rückblickenden Bestenlisten wird Crime of the Century zu den prägenden Alben des Progressive Rock gezählt.
Veröffentlichung Die Erstveröffentlichung von Crime of the Century erfolgte am 13. September 1974 bei A&M Records. Das Album erschien in seiner Originalausführung als LP mit acht Titeln (Katalognummer: AMLH 68258). Im Jahr 1984 erschien es erstmals als CD-Ausführung (Katalognummer: CDAMLH 68258). Am 5. Dezember 2014 erschien zum 40-jährigen Jubiläum die sogenannte „Back to Black“ Deluxeversion, die um das Livealbum Live at Hammersmith Odeon March 9th 1975 erweitert wurde (Katalognummer: 0600753547397). Die europäische Erstauflage der LP ließ A&M nicht im Popbereich des damaligen Vertriebspartners CBS pressen, sondern in dessen Klassikabteilung, die hochwertigeres Vinyl verwendete und sorgfältiger fertigte. Nach dem Verkaufserfolg wechselte die Herstellung aus Kostengründen in die Popabteilung, was nach Scotts Urteil die Qualität der späteren Pressungen deutlich minderte.Ken Scott, Bobby Owsinski: Abbey Road to Ziggy Stardust. 2012, S. 245. Der Film, den Derek Burbridge von demselben Konzert im Hammersmith Odeon gedreht hatte, blieb jahrzehntelang unveröffentlicht. Er erschien am 29. Mai 2026 restauriert und mit einer Dolby-Atmos-Abmischung versehen als Blu-ray bei Mercury Studios.
Alle Lieder sind den Supertramp-Mitgliedern Rick Davies und Roger Hodgson gemeinsam zugeschrieben. Nach Hodgsons Darstellung schrieben die beiden jedoch spätestens ab Crime of the Century getrennt voneinander und behielten den gemeinsamen Autorenvermerk lediglich bei. Gesungen wurde ein Stück jeweils von seinem Urheber, an der Ausarbeitung der Stücke des anderen waren beide beteiligt, wobei Hodgson sich selbst als hauptsächlichen Arrangeur der Band bezeichnete. Einer Aufstellung, die Hodgson auf seiner Website aus dem Vertrag über die Aufteilung der Rechte an den Kompositionen wiedergibt, zufolge stammen Hide in Your Shell, Dreamer und If Everyone Was Listening von ihm, Bloody Well Right, Asylum, Rudy und Crime of the Century von Davies, während School als gemeinsame Arbeit geführt wird. Als Produzenten weisen die Tonträger Ken Scott und Supertramp aus.Angaben nach den Plattenetiketten: Supertramp: Crime of the Century. A&M Records, 1974, LP, AMLS 68258, Seite 1 und Seite 2.
Hintergrund Im Vorfeld der Aufnahmen zu Crime of the Century kam es zu diversen Umbesetzungen, weiterhin zur Band gehörten ihre zwei verbliebenen Gründungsmitglieder Rick Davies (Keyboards, Mundharmonika, Gesang) und Roger Hodgson (Gitarren, Klavier, E-Piano, Gesang). Hinzu gesellten sich nun John Helliwell (Saxophon, Klarinette, Querflöte, Begleitgesang), Bob Siebenberg (Schlagzeug, Perkussion) und Dougie Thomson (Bassgitarre). Die Gruppe war also weiterhin als (umbesetztes) Quintett aktiv.
Den Kontakt zum Produzenten Ken Scott stellte A&M her. Nach dessen Darstellung bat ihn das Label zunächst um eine Mischung des Titels Land Ho, die der Band jedoch nicht zusagte und die zunächst unveröffentlicht blieb. Als A&M ihm später Demoaufnahmen schickte und ihn als Produzenten des nächsten Albums gewinnen wollte, lehnte er ab, weil er das eingesandte Material für unbrauchbar hielt.Ken Scott, Bobby Owsinski: Abbey Road to Ziggy Stardust. 2012, S. 227. Erst ein Konzert der Gruppe änderte sein Urteil, danach sagte er die Produktion zu.Ken Scott, Bobby Owsinski: Abbey Road to Ziggy Stardust. 2012, S. 228.
Vor den Aufnahmen zog sich die neue Besetzung mit Angehörigen für mehrere Monate auf die abgelegene Farm Southcombe in Somerset zurück, um dort weitere Stücke zu schreiben. Angemietet hatte sie Dave Margereson, der bei A&M für die Band zuständig war und später ihr Manager wurde. Neben Material für Crime of the Century entstanden dabei auch Titel späterer Alben, unter anderem Lord Is It Mine, Even in the Quietest Moments, The Logical Song und Babaji. Saxophonist Helliwell beschrieb die Zeit gegenüber dem Magazin eclipsed als Leben in einer Kommune von dreizehn oder vierzehn Personen mit knappem Budget für Lebensmittel. Von den 42 dort erarbeiteten Stücken habe die Band acht für das Album ausgewählt, nach seiner Darstellung nicht die besten, sondern diejenigen, die am besten zusammenpassten. Das übrige Material habe die Grundlage der folgenden Alben gebildet, darunter Breakfast in America.
Aufnahmen Das Album entstand zwischen Februar und Juni 1974 in London, und zwar in den Trident Studios in Soho, in den Ramport Studios im Stadtbezirk Lambeth, die damals der Band The Who gehörten, sowie in den Scorpio Sound Studios. Als Toningenieure wirkten Ken Scott und John Jansen. Die Aufnahmen begannen bei Trident. Allein die Einstellung des Schlagzeugklangs beanspruchte anderthalb Tage, nach Scotts Darstellung ein für die damalige Zeit ungewöhnlicher Aufwand.Ken Scott, Bobby Owsinski: Abbey Road to Ziggy Stardust. 2012, S. 230. Die Grundspuren nahm die Band mit Klavier oder Wurlitzer-E-Piano, Bass und Schlagzeug auf, Gitarren kamen ausnahmslos als Overdub hinzu. Davies spielte dabei ausschließlich Keyboards, Hodgson wechselte zwischen Keyboards und Gitarre und war bei den Grundspuren nur dann an den Tasten, wenn es um eines seiner eigenen Stücke ging. Etwa zwei Wochen nach Beginn der Arbeiten hörte sich A&M-Mitinhaber Jerry Moss den bis dahin erreichten Stand an. Anders als die Beteiligten befürchteten, sagte er der Band anschließend zu, sie könne so viel Zeit aufwenden, wie das Album benötige.Ken Scott, Bobby Owsinski: Abbey Road to Ziggy Stardust. 2012, S. 231 f.
Als Gastmusiker wirkten unter anderem eine Streichergruppe unter Leitung von Richard Hewson sowie Scott Gorham von Thin Lizzy, Christine Helliwell und Vicky Siebenberg im Begleitgesang.
Anders als damals üblich griff das Team für die Klangeffekte nicht auf Geräuscharchive zurück, sondern nahm sie mit einem gemieteten tragbaren Stereotonbandgerät der Marke Nagra selbst auf. Die Kinderstimmen in School zeichnete Scott während einer Mittagspause eine halbe Stunde lang auf dem Hof der Schule auf, die seine Töchter besuchten. Die Geräusche für Rudy entstanden in einem Londoner Bahnhof, an der Aufnahme war Helliwell beteiligt. Dabei nahm die Gruppe auch einen vor dem Bahnhof spielenden Straßenmusiker auf, dessen Geige zwischen dem Hauptteil und dem instrumentalen Schlussteil des Stücks zu hören ist. Erst im Studio fiel auf, dass die mitgeschnittene Bahnsteigdurchsage Didcot und Swindon nennt, die Herkunftsorte von Hodgson und Davies.Ken Scott, Bobby Owsinski: Abbey Road to Ziggy Stardust. 2012, S. 232 f.
Auch bei den Instrumenten suchte das Team gezielt nach ungewöhnlichen Klangquellen. Statt eines Tamburins schüttelte Davies in Dreamer ein Paar Jazzbesen. Zwei lang ausgehaltene Töne desselben Stücks entstanden auf Weingläsern, die mit unterschiedlich viel Wasser gestimmt wurden. Scott zufolge spielte er sie selbst, Helliwell schrieb den Einfall und die Ausführung dagegen sich zu. Eine Melodielinie in Hide in Your Shell, die Scott vorgegeben hatte, klang auf dem Keyboard nach seiner Einschätzung zu gewöhnlich und wurde schließlich von einem eigens hinzugezogenen Musiker auf einer Singenden Säge eingespielt. Bei den Tom-Überspielungen desselben Stücks veränderte Scott während des Spiels die Bandgeschwindigkeit, wodurch die Tonhöhe jedes Schlags zunächst absinkt und dann wieder ansteigt. Für den Schlussteil von Crime of the Century mietete die Produktion ein großes Wasserbecken. Siebenberg schlug ein Stück Blech an und tauchte es in das Wasser, wodurch sich die Tonhöhe des Klangs fortlaufend veränderte.Ken Scott, Bobby Owsinski: Abbey Road to Ziggy Stardust. 2012, S. 234 f. Am Ende von Asylum, dem letzten Stück der ersten LP-Seite, steht eine Kuckucksuhr, die in der Auslaufrille der Schallplatte zu hören ist.Ken Scott, Bobby Owsinski: Abbey Road to Ziggy Stardust. 2012, S. 236.
Während der Aufnahmen geriet Scott in einen Streit mit seiner Managementgesellschaft, die zugleich die Trident Studios betrieb.Ken Scott, Bobby Owsinski: Abbey Road to Ziggy Stardust. 2012, S. 239. Da dort nicht weitergearbeitet werden konnte, entstanden die übrigen Overdubs in den Ramport Studios. Als auch dort die verfügbare Zeit erschöpft war, wechselte die Produktion für den Abschluss zu Scorpio Sound.Ken Scott, Bobby Owsinski: Abbey Road to Ziggy Stardust. 2012, S. 241 f. Gemischt wurde wie schon bei Scotts Arbeiten für David Bowie abschnittsweise, jede Mischung beanspruchte etwa anderthalb Tage. Bei Asylum fiel dabei ein Abschnitt gegen Ende des Stücks aus der fertigen Mischung heraus, weil Scott ihn beim Schneiden übergangen hatte. Davies, der die nächtliche Sitzung vorzeitig verlassen hatte, bemerkte das Fehlen am folgenden Tag, worauf die Passage nachträglich eingefügt wurde.Ken Scott, Bobby Owsinski: Abbey Road to Ziggy Stardust. 2012, S. 243 f. Insgesamt zogen sich die Arbeiten über fast sechs Monate hin.
Musik und Texte Den Klang des Albums prägen zwei gegensätzliche Sänger und Keyboarder. Scott hob die beiden völlig unterschiedlich klingenden Stimmen hervor, die in vielen Stücken so eingesetzt seien, dass die eine der anderen antwortet. Helliwell wies darauf hin, dass Supertramp mit Klarinette und Saxophon Holzblasinstrumente als zentrale Soloinstrumente verwendete, eine Rolle, die bei den meisten Gruppen jener Zeit der Gitarre zufiel. Prägend seien außerdem die unterschiedlichen Spielweisen von Davies und Hodgson gewesen sowie der Klang des Wurlitzer-E-Pianos, das anders als das damals verbreitete Fender Rhodes auf den Druck im Tastenanschlag reagierte.
Die einzelnen Stücke sind unterschiedlich angelegt. School beginnt mit einem Mundharmonikasolo von Davies und baut über etwa zwei Minuten Spannung auf, die sich mit einem Kinderschrei entlädt. Bloody Well Right setzt mit einem Wurlitzerintro von Davies ein, hinzu treten ein Wah-Wah-Solo Hodgsons und Helliwells Saxophon. Asylum beginnt nur mit Klavier und Gesang, im weiteren Verlauf gewinnt ein Streichersatz zunehmend Raum und bildet die Grundlage des Schlussteils. In Rudy münden Klavier-, Streicher- und Gitarrenarrangements in einen Groove-Abschnitt mit Wechselgesang von Davies und Hodgson. Das Titelstück wird von hämmernden Klavierakkorden und Streichern getragen und endet in einer lang gezogenen Coda.Kurzbesprechungen der einzelnen Titel in: eclipsed, Nr. 166, Dezember 2014, S. 40 (School, Steven Thomsen), S. 41 (Bloody Well Right, Michael Lorant, sowie Asylum, Joe Asmodo), S. 46 (Rudy, Marcus Wicker) und S. 47 (Crime of the Century, Walter Sehrer).
Das Saxophonsolo am Ende des Titelstücks hatte Helliwell zunächst improvisiert. Da es mit dem später hinzugefügten Streicherarrangement Richard Hewsons klanglich kollidierte, arbeiteten Davies und Helliwell es um und bauten dabei Ausschnitte anderer Stücke des Albums ein. Es ist nach Helliwells Angaben das einzige Saxophonsolo bei Supertramp, das nicht vollständig bei der Aufnahme improvisiert wurde.
Marcel Anders sieht die Texte um Einsamkeit, Isolation und Zivilisationsängste sowie um die Schattenseiten der modernen Gesellschaft kreisen. Hodgson führte das darauf zurück, dass er und Davies damals sehr viel von ihrem Innenleben in die Lieder gelegt hätten. Rudy lasse erahnen, was in Davies vorging, Hide in Your Shell verrate einiges über sein eigenes Seelenleben.
Albumtitel und Konzeptfrage