mini|hochkant|Gisèle Halimi (2008) Gisèle Halimi (geboren als Zeiza Gisèle Élise Taïeb; * 27. Juli 1927 in La Goulette, Französisches Protektorat Tunesien; † 28. Juli 2020 in Paris) war eine französische Rechtsanwältin, Feministin und Bürgerrechtsaktivistin tunesischer Herkunft.

Leben Familie Zeiza Gisèle Élise Taïeb – den Namen Gisèle Halimi nahm sie erst 1949 nach ihrer Verheiratung an – wurde 1927 im 10 km von Tunis entfernten La Goulette als Tochter von Fortunée („Fritna“) (geb. Metoudi), einer Sephardin, Tochter eines Rabbiners, und Édouard Taïeb, einem jüdischen Berber, geboren. Der Vater arbeitete als Angestellter in einer Anwaltskanzlei. Gisèle Halimi wuchs gemeinsam mit ihren Geschwistern – dem zwei Jahre älteren Bruder Marcel, der vier Jahre jüngeren Schwester Gaby und dem Jüngsten, ihrem Bruder Henri – zunächst in La Goulette, dann im Zentrum von Tunis auf. Ihr Bruder André war bereits im Alter von zwei Jahren durch einen tragischen Unfall ums Leben gekommen.

In Halimis Familie herrschte patriarchalische Ordnung: Die Geburt eines Mädchens wurde als „malédiction“, als Fluch, aufgefasst, und ihre Geburt wurde von ihren Eltern mehrere Wochen verschwiegen, weil man sich gegenüber Verwandten und Freunden schämte, dass sie kein Junge war. Und das setzte sich ununterbrochen fort:

oder

Ihre Mutter war mit 16 Jahren verheiratet worden, gemäß der zu dieser Zeit in Tunesien, auch in jüdischen Familien, vorherrschenden Normen, hatte alle zwei Jahre ein Kind geboren und glaubte, dass ihre Tochter diese Tradition fortsetzen würde.

Jugend und Ausbildung Das Leben ihrer Mutter zu sehen – unterwürfig, in völliger Abhängigkeit von ihrem Vater, den sie für noch so geringe Ausgaben um Geld anbetteln muss – machte ihr Angst. Und es war diese unterschiedliche Behandlung der Geschlechter, die für Mädchen ausschließlich Ehe und Mutterschaft und die weibliche Unterordnung festschreiben sollten, gegen die sie schon früh rebellierte und beschließen ließ, niemals von einem Mann abhängig zu sein. Gerade 10 Jahre alt, weigerte sie sich, ihre Brüder zu bedienen, ging sogar so lange in einen Hungerstreik, bis ihre Eltern nachgaben.

Auch für die (Aus-)Bildung von Mädchen wollte man in der Familie kein Geld ausgeben, schon gar nicht für den Besuch eines Gymnasiums. Doch von ihrer Lehrerin ermutigt nahm Halimi an einem Wettbewerb teil, bei dem sie ein Stipendium erhielt, das sie von den Schulgebühren befreite. So gelangte sie aufs Gymnasium, das Lycée Armand-Fallières.

Angetrieben von der Erkenntnis, dass Wissen, Erfolg in der Schule, für sie der einzige Ausweg war, dem von Traditionen festgeschriebenen Schicksal der Frauen zu entfliehen, waren ihre Schulleistungen so überragend, dass das Stipendium Jahr um Jahr verlängert wurde. Mit 17 Jahren bestand sie ihr Abitur (baccalauréat) mit Auszeichnung.

Während ihrer gesamten Schulzeit fragte sie sich, warum ihren brillanten Leistungen in der Schule innerhalb der Familie nur Gleichgültigkeit entgegengebracht wurde, während ihre Brüder, die keineswegs so erfolgreich waren, für ihre weitaus geringeren Leistungen gelobt wurden.

Folgerichtig wehrte sie sich auch gegen eine Ehe, die ihre Eltern, als sie gerade vierzehn Jahre alt geworden war, mit einem doppelt so alten wohlhabenden Ölhändler arrangieren wollten.

Seit ihrem 14. Lebensjahr träumte sie davon, nach Frankreich zu gehen, um dort zu studieren. Während ihrer Schulzeit hatte sie Schülern Nachhilfeunterricht gegeben, hatte das Geld, das sie dafür erhielt, zur Seite gelegt und bekam von den französischen Behörden die Aufenthaltserlaubnis für Frankreich.

Dort nahm sie an der Sorbonne ein Studium der Rechtswissenschaften, Philosophie und Politischen Wissenschaften auf und musste gleichzeitig als Telefonistin arbeiten, um das Studium finanzieren zu können. 1948 machte sie ihren Abschluss in Jura; ein Jahr später, 1949, wurde sie in Tunis als Rechtsanwältin zugelassen, 1956 auch in Paris.

Engagements Tunesien 1949 als Anwältin in Tunesien zugelassen, verteidigte sie Gewerkschafter und Mitglieder der Unabhängigkeitsbewegung. Moknine (Procès de Moknine) Im Jahre 1953 kam Halimis erster bedeutender Prozess. 57 Tunesier wurden beschuldigt, am 23. Januar 1952 an einer Demonstration der Neo-Destur-Partei in Moknine teilgenommen zu haben. Zuvor hatte das harte Vorgehen des am 13. Januar 1952 neu ernannten General-Residenten (Résident général) Frankreichs in Tunesien (s. frz. Wiki: Résident général de France en Tunisie), Jean de Hauteclocque, gegen die Unabhängigkeitsbewegung – Hauteclocque ließ einen geplanten Kongress der Neo-Destur-Partei verbieten, Habib Bourguiba und andere Parteimitglieder inhaftieren – das Land in Aufruhr versetzt und Demonstrationen geradezu provoziert. In deren Verlauf war es zu Zusammenstößen zwischen den Demonstranten und kolonialen Ordnungskräften gekommen. Mehrere Polizisten waren bei den Auseinandersetzungen getötet worden. Der Prozess fand vom 18. bis 25. Mai 1953 vor einem Militärgericht statt (Tunesien war zu diesem Zeitpunkt noch immer französisches Protektorat) (s. frz. Wiki: Protectorat français de Tunisie). Die Militärrichter verhängten hohe Haftstrafen und drei Todesurteile. Einer der drei zum Tode Verurteilten war von Gisèle Halimi vertreten worden. Um ihn vor der Guillotine zu retten, reiste Halimi im Januar 1954 – als Anwältin ‚der letzten Chance‘ – nach Paris, vertrat beim damaligen Präsidenten Frankreichs, René Coty, das Gnadengesuch (Demande de grâce) und konnte die Begnadigung ihres Klienten erreichen.Gisèle Halimi: Avocate irrespectueuse. Mémoires. Paris 2002, S. 44, F. 1Le Maitron : HALIMI Gisèle , née TAÏEB Zeiza (Gisèle), Élise. Version Dictionnaire AlgérieReporters 10. September 2020 : Note de lecture de « Une farouche liberté » : Gisèle Halimi, l’Algérienne entêtée…Histoire colonial et anitcolonial 30. Juli 2020 : Gisèle Halimi, symbole de l’engagement anticolonialiste et de la défense des droits des femmesCrif 23. September 2019 : Gisèle Halimi : « J’avais en moi une rage, une force sauvage, je voulais me sauver»

Algerienkrieg Als der Algerienkrieg begann, unterstützte sie die Front de Libération Nationale (FLN), die algerische Unabhängigkeitsbewegung, und unterzeichnete 1960, ebenso wie Jean-Paul Sartre, Simone de Beauvoir und zahlreiche andere französische Intellektuelle, das „Manifest der 121“, das die Weigerung von Franzosen, „Waffen gegen das algerische Volk zu ergreifen“, für gerechtfertigt erklärt.

Prozess Djamila Boupacha Im selben Jahr erfuhr sie vom Fall der 22-jährigen Djamila Boupacha, einer FLN-Kämpferin, die beschuldigt wurde, in Algier eine Bombe gelegt zu haben, und anschließend von Angehörigen der französischen Armee mehr als einen Monat lang vergewaltigt und gefoltert wurde. Halimi beschloss, die junge Frau zu verteidigen. Der Prozess fand zunächst vor einem algerischen Militärgericht statt, wurde dann aber – durch öffentlich aufgebauten Druck – nach Frankreich verlegt. Trotz eines brillanten Plädoyers Halimis wurde Boupacha zum Tode verurteilt, aber 1962 entsprechend der mit den Verträgen von Évian verbundenen Amnestie begnadigt (allerdings auch ihre Folterer). Im selben Jahr veröffentlichten Gisèle Halimi und Simone de Beauvoir ein Buch mit Zeugenaussagen und Stellungnahmen zum Fall Djamila Boupacha.

Weitere .... Halimi war Mitglied des Russell-Tribunals gegen vermutete Kriegsverbrechen der Amerikaner im Vietnamkrieg 1967. Sie verteidigte viele baskische Terrorverdächtige und wurde bekannt durch frauenrechtlich relevante Prozesse, wie den eines Mädchens im Pariser Vorort Bobigny 1972, das nach einer Vergewaltigung abgetrieben hatte (Procès de Bobigny).verfilmt 2006 von François Luciani für das französische Fernsehen mit Sandrine Bonnaire 1971 gründete sie mit Simone de Beauvoir, Jean Rostand, Christiane Rochefort und Jacques Monod die feministische Gruppe Choisir la cause des femmes, um Frauen zu verteidigen, die das „Manifest der 343“ unterzeichnet hatten, in dem sie zugaben, illegal abgetrieben zu haben.darunter Halimi selbst, Simone de Beauvoir, Christine Delphy, Catherine Deneuve, Marguerite Duras, Brigitte Fontaine, Bernadette Lafont, Violette Leduc, Ariane Mnouchkine, Jeanne Moreau, Marie Pillet (die Mutter von Julie Delpy), Marie-France Pisier, Yvette Roudy, Françoise Sagan, Delphine Seyrig, Nadine Trintignant, Agnès Varda, Marina Vlady, Monique Wittig Gisèle Halimi war bis zu ihrem Tod Vorsitzende des Vereins. Ihre Kampagne spielte eine große Rolle in den Gesetzesreformen zur Legalisierung von Verhütung und Schwangerschaftsabbruch, die Simone Veil 1974 bzw. 1975 als französische Justizministerin durchbrachte.

1978 verteidigte sie in einem in Frankreich sehr bekannten Prozess zwei Belgierinnen, die während ihres Urlaubs von drei Männern vergewaltigt worden waren. Das Urteil führte zwei Jahre später dazu, dass 1980 Vergewaltigung in Frankreich offiziell zur Straftat erklärt wurde.

Halimi wurde 1981 als Abgeordnete des Departements Isère in die französische Nationalversammlung gewählt, der sie bis 1984 angehörte. Sie war parteilos, schloss sich aber als Gast (apparenté) der sozialistischen Fraktion an. 1985–1986 war sie französische Delegierte bei der UNESCO (nachdem sie der französische Präsident François Mitterrand 1984 beauftragt hatte, deren Effizienz zu untersuchen), 1987 dort französische Vertreterin im Exekutivkomitee und 1989 Beraterin der französischen Delegation bei der UNO. Halimi gehörte zu den Gründern des globalisierungskritischen Netzwerks Attac. 1994 unterstützte sie Jean-Pierre Chevènement bei der Wahl zum Europaparlament und kandidierte selbst auf der Liste des Mouvement des citoyens (MDC), das jedoch keinen Sitz errang. Staatspräsident Jacques Chirac ernannte sie 1995 zur Vorsitzenden des Observatoire de la parité entre hommes et femmes („Beobachtungsstelle für die Gleichstellung zwischen Männern und Frauen“). Bis 1997 leitete sie die Erstellung eines Regierungsberichts zu diesem Thema.

Halimi war u. a. die Anwältin von Jean-Paul Sartre (mit dem sie auch befreundet war), Simone de Beauvoir, Françoise Sagan, Henri Cartier-Bresson und Roberto Matta.

Privates Gisèle Halimi war zweimal verheiratet. 1949, im Alter von 22 Jahren, schloss sie ihre erste Ehe mit Paul Halimi, einem französischen Verwaltungsbeamten. Das Paar bekam zwei Söhne – Jean-Yves und Serge. 1959 wurde die Ehe wieder geschieden. Halimi behielt aber den Namen ihres Mannes, unter dem sie auch bekannt wurde. 1961 heiratete sie in zweiter Ehe Claude Faux († 2017), Sekretär von Jean-Paul Sartre. Aus dieser Ehe ging Halimis drittes Kind, der Sohn Emmanuel, hervor. Ihr Sohn Serge Halimi ist Direktor der Monatszeitschrift Le Monde diplomatique.

Gisèle Halimi starb am 28. Juli 2020, einen Tag nach ihrem 93. Geburtstag, in Paris.

Auszeichnungen Seit 2013 war sie Kommandeur der Ehrenlegion, nachdem sie schon 1997 Ritter und 2006 Offizier des Ordens geworden war. 2008 machte sie einen Vorschlag von Gleichstellungsgesetzen für Europa mit dem Titel Die Meistbegünstigungsklausel – das Beste für Europas Frauen.

Schriften

Avortement, une lois en procès. 1973.

Weblinks

Website mit bekannten französischen Anwälten

Gisèle Halimi, Annick Cojean: „Seid unbeugsam!“ Aufbau Verlag, Berlin 2021

Einzelnachweise

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