mini|hochkant=1.2|Fluchtafel auf Griechisch, Bleilamelle, 4. Jh. n. Chr., Fund aus dem Kolumbarium der Villa Doria Pamphilj in Rom Die Fluchtafel oder Defixion ( oder „Bindung, Bindezauber“; von Die Verwendung des Substantives ist erst ab dem 6. Jahrhundert n. Chr. nachweisbar. Preisendanz: Fluchtafel (Defixion). In: Reallexikon für Antike und Christentum. Bd. VIII, Sp. 1, zur antiken Namensvielfalt s. Kropp: Magische Sprachverwendung. (2008), S. 38. „festheften, durchbohren“, im literarischen Sprachgebrauch auch „Gebet, Verwünschung“) stellt eine in der Antike weit verbreitete Form des Schadenzaubers dar.
Fluchtafeln sind für gewöhnlich mit Inschriften versehene Bleibleche, die dem Zweck dienen sollten, Personen oder andere Lebewesen mit magisch-rituellen Mitteln oder mit Hilfe einer Gottheit in ihrem Handeln zu beeinflussen, an ihren Tätigkeiten zu hindern und sie zu „binden“ oder ihnen auf bestimmte Zeit geistig beziehungsweise körperlich zu schaden, seltener sie sogar zu töten. Das Anliegen wurde entweder Gottheiten der Unterwelt anvertraut, welche den Fluch vollziehen sollten, oder galt bereits allein durch die rituelle Behandlung der Tafel als umgesetzt. Dazu wurden die beschrifteten Lamellen oft zusätzlich eingerollt, gefaltet oder mit Nägeln durchbohrt. Verletzungen des Mediums sollten im Sinne eines Analogiezaubers auf die verwünschte Person übertragen werden.
Die meisten Exemplare wurden an besonderen Orten wie Gräbern, Tempeln oder Teichen vergraben. So verborgen sollten die Botschaften allein die angerufenen Gottheiten erreichen. Fluchtafeln wurden häufig bei Rechtsstreitigkeiten, aber auch gegen Konkurrenten bei Wagenrennen, im Theater oder im Wirtschaftsleben verwendet. Ebenso waren erotische Rivalität, Eifersucht oder ein erotisch motivierter Rachewunsch Anlass der Verwünschungen; einige Inschriften sollten hingegen den gewünschten Partner anziehen.
Entwicklung und Verbreitung Bisher wurden etwa 1600 archäologische FundeEidinow: Oracles, Curses, and Risk among the Ancient Greeks. S. 141. publiziert, die über große Teile der antiken Mittelmeerwelt verteilt sind. Umstritten ist in der Forschung die Frage nach dem Ursprung dieser Tradition: Einige Forscher führen deren Entwicklung auf Kontakte von sich gegenseitig beeinflussenden Kulturen zurück, wodurch etwa religiöse Vorstellungen aus dem assyro-babylonischen Kulturraum auf das hellenistische Griechenland entwicklungsgeschichtlich einwirkten. Für Mesopotamien existieren jedoch keine direkten archäologischen Zeugnisse der Anwendung von Fluchtafeln, weshalb lediglich indirekte Quellen den weitverbreiteten Glauben an Schadenzauber belegen können: Zum einen sind assyrische Zauberbücher aus dem 1. Jahrtausend v. Chr. erhalten, die unter anderem Gegenmittel gegen Verwünschungen und Verzauberungen anführen und die Angst vor diesen Praktiken widerspiegeln. Zum anderen dokumentieren Gesetzeswerke und Gerichtsprotokolle, dass Schadenzauber als Kapitalverbrechen galt und als beispielsweise mit vorsätzlicher Tötung vergleichbar angesehen wurde. Andere Forscher nehmen hingegen aufgrund der geographisch konzentrierten Quellenlage an, dass es sich bei Defixionen um Praktiken handelt, die allein im griechischen Raum entstanden und in der griechisch-römischen Welt Verbreitung fanden.Zu den einzelnen Forschungspositionen und weiterer Literatur s. Kropp: Magische Sprachverwendung. (2008), S. 43–45.
Von den im Mittelmeergebiet gefundenen Fluchtafeln entfallen ungefähr zwei Drittel auf griechische, nur etwa 600 Exemplare auf lateinische Texte.Kropp: Magische Sprachverwendung. (2008), S. 29, zu den unterschiedlichen Zahlenangaben zu lateinischen Defixionen s. S. 37. In Kombination mit anderen Quellen ergibt sich aus den Funden für den griechisch-römischen Raum ein vielfältiges Bild dieser Praxis. Die frühesten Fluchtafeln stammen aus der griechischen Kolonie Selinunt auf Sizilien und werden in den Zeitraum vom Ende des 6. Jahrhunderts bis zum frühen 5. Jahrhundert v. Chr. datiert. Insbesondere aus dem 5. und 4. Jahrhundert v. Chr. sind vor allem aus Attika zahlreiche Täfelchen bekannt. Wenig später entstanden viele Exemplare in Olbia am Schwarzen Meer. Dabei ist umstritten, ob sich die Fluchtafeln nur vom sizilischen und attischen Raum ausgehend verbreiteten oder ob sie in anderen Regionen aus dortigen älteren Formen verbaler magischer Praktiken entstanden. Möglich ist auch, dass außerhalb Siziliens und Attikas ältere Fluchtafeln bisher lediglich nicht archäologisch nachgewiesen sind.
Etwa ab dem 2. Jahrhundert n. Chr. und besonders in der Spätantike wurden Fluchtafeln im Römischen Reich sehr beliebt. Ältere griechischsprachige Funde aus Italien stammen aus griechischen Kolonien in Unteritalien und Sizilien. Die nach heutigem Kenntnisstand älteste lateinischsprachige defixio entstand im 2. Jahrhundert v. Chr. und wurde in einem samnitisch-römischen Grab in der Nähe von Pompeji gefunden.Kropp: Magische Sprachverwendung. (2008), S. 45. Lateinischsprachige Fluchtafeln aus vorchristlicher Zeit waren zunächst im Wesentlichen auf Italien und Hispanien beschränkt. Ab der frühen Kaiserzeit verbreitete sich die Praxis der defixio zunehmend über die Provinzen des Imperium. Ab dem 2. und 3. Jahrhundert bildeten sich deutliche Zentren: Mit 250 Exemplaren stammt ein großer Teil der bisher gefundenen römischen Fluchtafeln aus der Provinz Britannien. Diese Funde konzentrieren sich mit über 100 Täfelchen auf die Tempelanlage des Mercurius im heutigen Uley sowie auf das Quellheiligtum der Sulis Minerva in Bath. Eine ungewöhnlich hohe Anzahl von ihnen richtet sich in Form von „Gebeten um Gerechtigkeit“ gegen Diebe.Kiernan: Britische Fluchtafeln und „Gebete um Gerechtigkeit“ als öffentliche Magie und Votivrituale. In: Brodersen, Kropp: Fluchtafeln. S. 101. Auch in Nordafrika war diese Praxis des Schadenzaubers weit verbreitet. In Karthago und dem antiken Hadrumetum wurden vor allem Fluchtäfelchen konkurrierender Parteien bei Zirkusspielen oder Kämpfen in Amphitheatern gefunden. Aus Ägypten sind nur wenige Fluchtafeln erhalten; die bekannten Flüche wenden sich häufig zugleich an Götter und Dämonen unterschiedlicher Kulte.Preisendanz: Fluchtafel (Defixion). In: Reallexikon für Antike und Christentum. Bd. 8, Sp. 13 ff., zur historischen Entwicklung im Römischen Reich s. Kropp: Magische Sprachverwendung. (2008) S. 45 f.
Ab dem 4. Jahrhundert nehmen die archäologischen Zeugnisse zeitlich parallel zum Aufstieg des Christentums deutlich ab. Vereinzelt sind auch noch später christliche oder jüdische Flüche zu finden. Sie lassen sich nur schwer von spätantiken paganen Verwünschungen unterscheiden, da diese häufig auch jüdische oder christliche Elemente und Namen in den Zauber einbezogen.Preisendanz: Fluchtafel (Defixion). In: Reallexikon für Antike und Christentum. Bd. 8, Sp. 26.
In Rostock wurde Ende 2023 eine Fluchtafel aus dem 15. Jahrhundert entdeckt. Auf einem zusammengerollten Stück Blei fand sich die Inschrift „sathanas taleke belzebuk hinrik berith“ in gotischer Minuskel. Der Fluch richtete sich, so die Deutung, gegen eine Frau namens Taleke und einen Mann namens Hinrik, die es mit den Teufeln Satan, Beelzebub und Berith zu tun bekommen sollten.Pressemitteilung der Stadt Rostock https://rathaus.rostock.de/meldungen/350259
Soziale und kulturelle Aspekte In der Forschung ist umstritten, in welchen Kreisen man Schadenzauber anwandte. Einige Wissenschaftler nehmen an, dass diese Form von Magie nicht auf untere Schichten beschränkt war, da auf Funden aus Griechenland häufig auch Namen bekannter Persönlichkeiten verzeichnet sind.Preisendanz: Fluchtafel (Defixion). In: Reallexikon für Antike und Christentum. Bd. 8, Sp. 2, 8 f. Andere meinen, dass Fluchtafeln ausschließlich in den niederen Sozialschichten gebräuchlich waren.Lambert, Defining magical spells and particularly defixiones of Roman Antiquity: a personal opinion. In: Brodersen, Kropp: Fluchtafeln. S. 76. Auf lateinischen defixiones scheinen häufig Namen auf, die lediglich aus einem Cognomen bestehen; manche kennzeichnen auch durch direkte Angabe des Sozialstatus den Verfluchten als Person, die nicht im Besitz des römischen Bürgerrechts oder Sklave ist. Für zahlreiche defixiones bilden auch Konkurrenzkämpfe zwischen Gladiatoren oder Wagenlenkern den Hintergrund, welche ebenso eine geringe soziale Stellung einnahmen. Dennoch tauchen in den Fluchtexten durchaus auch Namen bekannter Familien höchster Kreise bis hin zu Prokuratoren und Legaten auf. Abgesehen von erotischen Flüchen überwiegen zudem Männer als Verwünschungsziele.Kropp: Magische Sprachverwendung. (2008), S. 57 f.
Im klassischen Athen standen magische Praktiken nicht unter Strafe;Faraone, Ancient Greek Curse Tablets. allenfalls konnte ein Prozess wegen Asebie oder – bei einem auf magische Mittel zurückgeführten Todesfall – der Verabreichung eines Gift- oder Zaubertrankes (pharmakeía) angestrengt werden. Im Römischen Reich hingegen waren Fluchtafeln wie magische Handlungen allgemein trotz ihrer Popularität verboten. Bereits das Zwölftafelgesetz untersagte in der Mitte des 5. Jahrhunderts v. Chr. generell „böse Gesänge“ (mala carmina) als magische Praktiken. Schadenzauber wird zusammen mit Ernteraub genannt und dadurch mit diesem Delikt, auf das die Todesstrafe stand, auf eine Stufe gestellt.Zwölftafelgesetz, Frg. VIII 1a (Plinius, Naturalis Historia, XXVIII, 18), Kropp: Magische Sprachverwendung. (2008) S. 47. Sulla richtete unter den neu installierten Gerichtshöfen ein Gericht für Kapitalverbrechen und Magie ein. Zudem legten die 81 v. Chr. erlassenen „Dolchmänner- und Giftmischereigesetze“ (lex Cornelia de sicariis et veneficiis) fest, dass Brandstiftung, Meuchelmord und Giftmischerei (veneficium) als heimtückische Verbrechen geahndet wurden, wozu nach antiker Rechtsauffassung auch der Schadenzauber zählte. Ergänzend richteten sich unterschiedliche Senatsbeschlüsse gegen Zauberei und „bösartige Kulthandlungen“ (mala sacrificia).Kropp: Magische Sprachverwendung. (2008), S. 48 mit Quellenangaben und weiterer Literatur. Zum römischen Verbot von Schadenszaubern auch Fritz Graf: Gottesnähe und Schadenszauber. Die Magie in der griechisch-römischen Antike. C. H. Beck, München 1996, S. 41–78.