Seit der Gründung des Königreichs Ungarn lebten dort neben den Magyaren stets Angehörige unterschiedlicher Völker. Im Lauf der Jahrhunderte kam es immer wieder zu größeren Bevölkerungsbewegungen, wobei sich die Zusammensetzung der Bevölkerung änderte. Die Epoche der türkischen Herrschaft hatte besondere Wirkungen, da während dieser Zeit weite Teile des Landes entvölkert wurden. Später siedelten sich dort neue Einwanderer an. Die heutige Situation wurde maßgeblich durch den Vertrag von Trianon bestimmt. Weitere wichtige Ereignisse im 20. Jahrhundert waren Vertreibungen und der Bevölkerungstausch mit der Tschechoslowakei nach dem Zweiten Weltkrieg. In der kommunistischen Zeit wurden die verbliebenen Minderheiten assimiliert, was besonders Deutsche und Slowaken betraf.
Dieser Artikel behandelt nur die unter gesetzlichem Minderheitenschutz stehenden Bevölkerungsgruppen, d. h. dass die Situation religiöser Gruppierungen nicht dargestellt wird. Eine Sonderrolle spielt der jüdische Bevölkerungsteil, da dieser zugleich als ethnische Minderheit bedeutend ist.Im Oktober 2005 versuchte die „Gesellschaft für die jüdische Minderheit in Ungarn“ (Társaság a Magyarországi Zsidó Kisebbségért) eine Volksabstimmung zu initiieren, dem Parlament die Frage der Anerkennung als ethnische Minderheit vorzulegen. Allerdings gelang es nicht, die erforderlichen 1000 Unterschriften zu sammeln.
Historischer Überblick Landnahmezeit und Mittelalter Als die Magyaren im 9. Jahrhundert im Karpatenbecken eintrafen, lebten dort bereits Völker verschiedener Kulturen, beispielsweise Awaren und slawische Stämme. Wo keine Assimilation stattfand, bildeten sich die teilweise heute noch bestehenden slawischen Minderheiten aus. Dazu gehören die „ungarischen Slowenen“ (magyarországi szlovén bzw. vendek), die im Deutschen auch als Wenden bezeichnet werden. Ihre Vorfahren ließen sich im 6. Jahrhundert im Karpatenbecken nieder.
Ehemals bedeutende Minderheiten bildeten die islamischen Böszörmény, bulgarische und türkische Volksgruppen, die etwa seit dem 9. Jahrhundert im Karpatenbecken ansässig waren. Im Jahr 1092 erließ Ladislaus I. ein Gesetz, dem zufolge die Böszörmény christianisiert wurden. Die Namen der Gemeinden Berekböszörmény und Hajdúböszörmény im Komitat Hajdú-Bihar erinnern heute noch an diese Volksgruppen.
Im Mittelalter, insbesondere infolge der Verwüstungen während des Mongolensturms nahm der Anteil der Magyaren in der Bevölkerung Ungarns ab. Es siedelten sich auch Angehörige anderer Völker in dem Gebiet an. Diese waren oft Händler oder Handwerker aus dem Heiligen Römischen Reich, in geringerer Zahl auch aus italienischen Gebieten sowie Flandern. Aus osteuropäischen Ländern kamen die Kyptschaken und die Jász, ein mit den Alanen und Osseten verwandtes Volk, das einen indoiranischen Dialekt spricht. Ihre Nachfahren leben heute in der Region Jászság im Komitat Jász-Nagykun-Szolnok. Diese Volksgruppen glichen sich relativ schnell an die Magyaren an. Ausnahmen bilden die deutschsprachigen Siebenbürger SachsenDie Siebenbürgener Sachsen stammten ursprünglich aus linksrheinischen fränkischen Gebieten ab (siehe: Internetportal Siebenbürgener) und Zipser Sachsen sowie Rumänen, die seit dem 14. Jahrhundert in größerer Anzahl in Siebenbürgen erschienen. Sie hielten ihre eigene Sprache und Kultur aufrecht.
Auswirkungen der Türkenkriege Unter den Feldzügen von Sultan Süleyman dem Prächtigen im Österreichischen Türkenkrieg (1526–1555) litten alle Volksgruppen gleichermaßen. Weite Teile des Landes wurden entvölkert als die osmanischen Truppen Dörfer zerstörten und die überlebende Bevölkerung flüchtete. Beispielsweise floh die slowenische Bevölkerung an der Mur im Komitat Zala und im Komitat Somogy nach Prekmurje und in Gebiete an der Raab. Diese Region wurde später Vendvidék genannt.
Nach dem Sieg über die Osmanen führten zwei Entwicklungen zu einer Zunahme der nicht Ungarisch sprechenden Bevölkerungsgruppen. Einerseits wurden nach den Plänen von Maria Theresia Deutsche in den entvölkerten Gebieten angesiedelt. Von diesen stammen die deutschsprachigen Bevölkerungsteile ab, die in abgeschiedenen Regionen, vor allem im Mecsek und Zselic im Ungarischen Mittelgebirge ansässig waren. Die meisten Siedler kamen aus Schwaben, weswegen die Deutschen, die sich im 18. Jahrhundert in Ungarn niederließen, als Schwaben bezeichnet werden – auch diejenigen, die aus anderen Landesteilen kamen. So wurden sie auch von den Sachsen unterschieden, die schon seit dem Mittelalter dort lebten.
Die zweite Entwicklung ist die Einwanderung von Angehörigen armer Bevölkerungsschichten, die in der Hoffnung auf ein besseres Leben in die kaum mehr bewohnten Gebiete zogen. Zu Beginn des 18. Jahrhunderts kamen so auch unabhängig von der organisierten Besiedlung Deutsche ins Land. Weiterhin ließen sich Serben und Bunjewatzen entlang der Donau nieder. Šokci, katholische Bosnier und Kroaten siedelten sich in Transdanubien an. Im Rahmen weiterer Bevölkerungsbewegungen zogen Rumänen aus Siebenbürgen in das östliche Alföld (Banat und Partium). Außerdem wanderten Slowaken von Oberungarn in das Komitat Békés ein. In geringeren Zahlen kamen auch Armenier, Griechen, Aromunen und Bulgaren nach Ungarn.
Einwanderung im 19. Jahrhundert Die letzte große Einwanderungswelle fand im 19. Jahrhundert statt. In dieser Zeit wanderten insbesondere Juden aus Osteuropa ein. Zuvor betrug der jüdische Bevölkerungsanteil einige tausend Einwohner, die v. a. in Städten lebten. Hauptsächlich waren es sefardische Juden von tschechischer oder deutscher Abstammung. Die neuen Einwanderer aus Galizien oder dem Russischen Reich waren weniger wohlhabend, hatten einen dörflichen Lebensstil und beschäftigten sich mit Feldarbeit. Ihre Sprache war Jiddisch. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts war der Anteil der jüdischen Bevölkerung auf 5 % (etwa eine Million Personen) angestiegen. Ebenfalls zu dieser Zeit setzte eine zweite Einwanderungswelle von Roma (Oláh und Beasch) ein. Diese Gruppen kamen aus rumänischen Gebieten.
Bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts lebten die verschiedenen Völker weitgehend friedlich zusammen. Bei der Nationalversammlung 1843–44 wurde die ungarische Sprache als offizielle Amtssprache akzeptiert. Daraufhin forderten auch andere Völker den Schutz ihrer eigenen Sprache. Mit der Ablehnung ihrer Forderungen begannen die Konflikte, die zur Zeit der Revolution von 1848 bis 1849 in bewaffnete Auseinandersetzungen mündeten.
Der erste gesetzliche Schritt in Ungarn wurde 1868 von József Eötvös durchgesetzt. Es handelte sich weltweit um das erste Gesetz zur Regelungen des Rechts nationaler Minderheiten auf eine eigenständige Kultur. Es sicherte die Ausübung der eigenen Sprache in der Verwaltung und im Bildungssystem, sofern der Bevölkerungsanteil einer Minderheit in einem Gebiet mehr als 20 % betrug. Das Gesetz legte den Rahmen für spätere Entwicklungen. Ein Effekt war, dass die Grenzen so festgelegt wurden, dass der Anteil einer Nationalität in einem Gebiet die Schwelle von 20 % nicht überschreitet.
Magyarisierung
mini|hochkant=1.5|Verteilung der Nationalitäten in Österreich-Ungarn, 1911 Ungarische Politiker folgten dem Beispiel Frankreichs und Großbritanniens, um den Anteil derer zu erhöhen, deren Muttersprache sich mit der offiziellen Amtssprache deckte. Im Frankreich des 18. Jahrhunderts sprach nur ungefähr die Hälfte der Bevölkerung Französisch als Muttersprache. Dort konnte unter der Wirkung gezielter Bildungspolitik dieser Anteil bis Mitte des 19. Jahrhunderts auf 85 % erhöht werden. Es gelang auch, das französische Nationalbewusstsein unter den Minderheiten zu stärken.
Eine ähnliche Wirkung erhoffte man sich von der Magyarisierung. Dies bezeichnet zwei Prozesse: Magyarosodás und Magyarosítás. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts passten sich viele Nationalitäten freiwillig an die Magyaren an. Dieser Magyarosodás genannte Prozess fand vor allem in den Gebieten statt, in denen die Bevölkerung mehrheitlich aus Magyaren bestand, besonders auf dem heutigen Staatsgebiet Ungarns. In den anderen Landesteilen assimilierten sich eher nur die Mitglieder der wachsenden jüdischen und deutschen Minderheiten. In den Gebieten, in denen mehrheitlich Slowaken, Rumänen oder Serben lebten, verursachte die oktroyierte Politik der Magyarosítás Widerstand. Nationalistische Strömungen wurden bei den verschiedenen Nationalitäten verstärkt. Den Daten der Volkszählung von 1900 zufolge beherrschten zu diesem Zeitpunkt etwa 60 % der Bevölkerung die ungarische Sprache. Die Magyarisierungspolitik wurde den Erwartungen nicht gerecht, die man an sie gestellt hatte.
Im Jahr 1907 wurde das Schulgesetz Lex Apponyi eingeführt. Seither wurde Ungarisch auch in den Grundschulen unterrichtet und Lehrer förderten das nationale Bewusstsein der Kinder. Diese Politik breitete sich auch in die bis dahin nicht ungarischsprachigen Gemeinden aus und erregte dort immer heftigeren Widerstand.
Allerdings lehnten nicht alle Deutschen und Slowaken die Magyarisierung ab. Die Assimilation eines Teils dieser Volksgruppen kann mit der Rolle des ungarischen Judentums erklärt werden. In Ungarn war es zu einer stärkeren Verschmelzung mit der mehrheitlich christlichen Gesellschaft gekommen als in anderen Ländern. Anderswo blieben die Juden eine isolierte Minderheit. In Ungarn fühlten sich dagegen viele als Angehörige der ungarischen Nation. Ein dort entstandenes Phänomen ist die neologe jüdische Glaubensrichtung (siehe Konservatives Judentum). In den neologen Synagogen wurden Gottesdienste in ungarischer Sprache abgehalten. Seit Ende des 19. Jahrhunderts war das Judentum per Gesetz eine Glaubensrichtung innerhalb der ungarischen Nation. Es war seither ebenso möglich, ungarischer Bürger jüdischen Glaubens zu sein, wie katholischen oder protestantischen Glaubens.
Von der hauptsächlich städtischen jüdischen Bevölkerung hielt nur ein Teil den traditionellen Glauben und ethnische Eigenart aufrecht. Die Mehrheit, so etwa ein Drittel der hauptstädtischen Juden, schloss sich dem neologen Judentum an. In dieser liberalen Atmosphäre in der Zeit der Jahrhundertwende wählten viele Juden ungarische oder deutsche Ehepartner, die sich ebenfalls zu dieser Zeit assimilierten. Im 20. Jahrhundert hatte sich die jüdische und christliche Bevölkerung stark vermischt und Juden bildeten einen wichtigen Teil der Gesellschaft und Kultur, sodass eine Trennung nicht mehr möglich gewesen wäre. Unter den heutigen Ungarn, besonders in den Städten, gibt es viele Nachkommen von Juden, teilweise deutscher, slowakischer oder anderer Herkunft. mini|hochkant=1.5|Anteil der Bevölkerungsgruppen im Jahr 1910 Den Daten der Volkszählung aus dem Jahr 1910 zufolge stellten die folgenden Ethnien die größten Anteile an der Bevölkerung Ungarns. Diese Zählung berücksichtigt keine religiösen Gruppen. Die Gesamtbevölkerung (exklusive Kroatien) von 18.264.533 Einwohnern bestand aus: 55 % Magyaren 16 % Rumänen 11 % Slowaken 10 % Deutschen 2,5 % Russinen und Ukrainer 2,5 % Serben 1,5 % Kroaten 0,6 % Zigeuner.
Nach dem Vertrag von Trianon Ungarn wurde auch im 20. Jahrhundert kein homogener Nationalstaat. Infolge des Vertrags von Trianon und der gewaltsam durchgesetzten Nationalitätenpolitiken blieb Ungarn ein Vielvölkerstaat. In Ostmitteleuropa entsprachen die Staatsgrenzen nie der nationalen Verbreitung der Bevölkerung. Dies war am ehesten aber gerade in Ungarn der Fall (Volkszählung 2001 – In Ungarn 92,3 % Magyaren). Noch heute lebt etwa ein Drittel der Magyaren außerhalb der Staatsgrenzen. In fast allen Nachbarländern leben mehr Magyaren als andere Nationalitäten in Ungarn. So gibt es deutlich mehr Ungarn in der Slowakei als Slowaken in Ungarn. Es leben auch mehr Magyaren in der Ukraine als Russinen bzw. Ukrainer in Ungarn. Ein ähnliches Verhältnis besteht zwischen Ungarn in Siebenbürgen und Rumänen, die in Ungarn leben.