Paolo Santonino (auch Paulus Santoninus/Sanctoninus/de Sanctoninis, * im 15. Jahrhundert in Stroncone im südlichen Umbrien; † 1507) war ein Jurist und Bürger von Udine. Seine handschriftlichen Reisedokumentationen („Itinerarien“) sind von hohem kulturhistorischem Wert. Er stand im Dienste des Kardinals Marco Barbo, dem Bischof von Venedig und Patriarchen von Aquileia, einem Neffen von Papst Paul II.
Leben und Persönlichkeit Die bisherigen biographischen Kenntnisse über Paolo Santonino hat der italienische Bibliothekar Giuseppe Vale (1877–1950) erarbeitet und seiner Edition von Santoninos „Itinerarium“ vorangestellt.Giuseppe Vale (Hrsg.): L’itinerario di Paolo Santonino in Carintia, Stiria e Carniola negli anni 1485–1487 (= Studi e testi. Band 103). Città del Vaticano 1943 (Reprint 1983), S. 103–119. Aus dem „Itinerarium“ selbst können darüber hinaus relevante Einzelheiten zu Santoninos Persönlichkeit erschlossen werden.
Der gebürtige Umbrier Paolo Santonino ist ab 1469 in der Friaul nachweisbar. In Udine sesshaft geworden, erlangte er im Jahr 1473 das Bürgerrecht und wurde nachmals als „kaiserlich befugter öffentlicher Notar und ordnungsgemäß eingesetzter Richter“ bezeichnet. Dort besaß er ein Haus mit Landbesitz in der heutigen Via Vittorio Veneto. Mit seiner Frau Allegrezza Lucretia hatte er, soweit bekannt, eine Tochter und fünf Söhne, von denen drei ebenfalls juristische Laufbahnen ergriffen. Paolo Santonino, der anfänglich als Privatsekretär der Udineser Vikare des Patriarchen von Aquileia tätig war, stieg 1491 aufgrund seiner anerkannten Kompetenz zum alleinigen Kanzler dieses Vikariats auf. Als Jurist wurde er auch direkt von Patriarchen mit Sonderaufgabern betraut.
Als Autor ist Paolo Santonino, ein hochgebildeter Mensch der Renaissance, heute nur dank seines „Itinerariums“ bekannt, insbesondere in den von ihm bereisten Landstrichen.Zum Folgenden siehe Helmut Hundsbichler: Reise, Gastlichkeit und Nahrung im Spiegel der Reisetagebücher des Paolo Santonino (1485–1487). Phil. Diss. Wien 1979 (ungedruckt); Helmut Hundsbichler: Il ruolo e l’importanza dell’Itinerarium Sanctoniniano. In: L’Unicorno. 2, 1999, S. 17–30; Helmut Hundsbichler: Paolo Santoninos „Reisetagebücher“ in neuer Sicht. In: Volker Schimpff, Wieland Führ (Hrsg.): Historia in Museo. Festschrift für Frank-Dietrich Jacob. Langenweissenbach 2004, S. 215–223. Im „Itinerarium“ gibt Santonino einerseits ein kommunikatives und eloquentes, geistreiches und humorvolles Naturell zu erkennen, und andererseits zeigt er, entsprechend seiner juristischen Berufstätigkeit, die Qualitäten eines um Objektivität bemühten, spontanen, ja „notorischen“ Beobachters, der in seine reichdifferenzierten Aufzeichnungen auch viele selbständige Urteile einfließen lässt. Die amtlichen, jeweils vor Ort von ihm selbst geschriebenen Urkunden scheint Santonino dann auch als Textbausteine und Erinnerungshilfen für sein „Itinerarium“ verwendet zu haben – ein Indiz für seinen Wahrheitsanspruch.
Obwohl die bereisten Landstriche und Kulturen für Santonino bis dahin unbekannte, fremdsprachige Erfahrungsräume waren, lässt er nicht den geringsten Vorbehalt gegen kulturelle Fremdheit erkennen, ja die negativen literarischen Stereotype italienischer Autoren gegenüber den „transmontanen“ Kulturräumen (das sogenannte Barbarenverdikt) sind bei ihm geradezu ins positive Gegenteil gewendet. Das Spektrum der Aufmerksamkeit für die ihn faszinierende, noch tief im Mittelalter verankerte Kultur seiner Reiseziele, erscheint inhaltlich quasi unbegrenzt. Schwerpunkte sind: kirchliche Amtshandlungen, Kirchenausstattungen, Merkmale der Landschaft, Stadtbeschreibungen, topographische und kulturelle Besonderheiten, vor allem aber Personenbeschreibungen und festliche Gastmähler. Mit seinen zahlreichen Essensbeschreibungen überliefert Paolo Santonino eine für das Mittelalter auf diesem Sektor absolut solitäre Informationsdichte. Als echte Rarität wird manchmal sogar der Aufbau von Speisenfolgen im Sinne der mittelalterlichen Diätetik nachvollziehbar.Hundsbichler: Reise, Gastlichkeit und Nahrung, S. 158–177.
Santoninos markantes Interesse an der Paraphrasierung exquisiter Kochkunst dürfte mit exzellenter persönlicher Kompetenz zu erklären sein, denn terminologische und sprachliche Gemeinsamkeiten mit dem Libro de l’arte coquinaria des Friulaners Maestro Martino bzw. mit dem damals brandneuen diätetischen Hauptwerk De honesta voluptate et valetudine des Humanisten Bartolomeo Sacchi („Platina“) attestieren Santonino einen hochqualifizierten kulinarischen Urteilshorizont.Hundsbichler: Reise, Gastlichkeit und Nahrung, S. 21 f. Damit dieser pointierte Interessensschwerpunkt heutzutage aber keine Fehleinschätzungen provoziert, muss zur Persönlichkeitsstruktur Paolo Santoninos auf jeden Fall auch festgehalten werden, dass er, obwohl Laie, in vielen Details seines „Itinerariums“ zu erkennen gibt, wie entschieden seine Mentalität der christlichen Weltsicht verpflichtet ist. Ein typisches Beispiel hierfür ist etwa die wiederholte Betonung der Mühseligkeit des Reisens (eine christliche Metapher für den entsagungsvollen „Weg“ ins Himmelreich), ein anderes die Stadtbeschreibung von Villach (eine auch im religiösen Sinn „schöne Stadt“).Hundsbichler: Santoninos „Reisetagebücher“ in neuer Sicht, S. 218 f.; Helmut Hundsbichler: Die „schöne“ Stadt Villach im „Itinerarium“ des Paolo Santonino (1486). In: Helmut Bräuer, Gerhard Jaritz, Käthe Sonnleitner (Hrsg.): Viatori per urbes castraque. Festschrift für Herwig Ebner (= Schriftenreihe des Instituts für Geschichte. Band 14). Graz 2003, S. 293–299. Andächtig verehrt er in der von Türken niedergebrannten Klosterkirche von Arnoldstein das wundersam vom Brande verschonte Tafelgemälde der seligen Maria.
Unter diesem Vorzeichen ist auch die Rezeption von Santoninos Essensbeschreibungen zu relativieren: Zwar hat er die tagtägliche Wiederkehr eines exzeptionellen Festtags-Standards sichtlich genossen, doch hat er diese keineswegs als Apotheose der Völlerei beschrieben, wie es häufig hineininterpretiert wird. Mit leisem Spott kritisiert er sogar den „allmächtigen Magen“ des Bischofs, einem Gourmand, der die besonders guten Weine gegen den Zugriff der Reisegefährten bewachen lässt und oft als Einziger noch bei den finalen Gängen zugreift. Die üppigen Essensbeschreibungen sind daher auch aus dem Postulat der Gastfreundschaft zu erklären, die ja die sieben christlichen Werke der Barmherzigkeit sehr maßgeblich mitkonstituiert (Hungrige speisen, Durstigen zu trinken geben, Fremde beherbergen). So gesehen hätte Santonino mit den Essensbeschreibungen auch sein Lob dafür manifestieren wollen, dass während der kirchenrechtlich veranlassten Reisen eine aus christlicher Sicht grundlegende Norm durch seine Gastgeber hervorragend erfüllt worden war. Diese Sicht bestätigen seine durchaus lobenden Erwähnungen von ungewohnten Begrüßungssitten, auch wenn diese ihm befremdlich, ja moralisch fragwürdig anmuteten.
Santoninos nichtliterarischer schriftlicher Nachlass ist um vieles umfangreicher als das „Itinerarium“, aber auch trockener: Im Kanzleidienst verfasste er unter anderem die gigantischen Akten der Kurie des Patriarchats Aquileia (1472–1481) sowie einen „Visitationum liber“ (1488 ff.). Die in allen seinen Schriften erkennbare klassische Bildung und seine (auch berufsbedingte) Routine im Gebrauch der lateinischen Sprache begründete wohl auch sein Naheverhältnis zu friulanischen Literaten und zu humanistischen Zirkeln, etwa um Marcus Antonius Coccius Sabellicus (1436–1506). Das derzeit letzte Lebenszeichen Paolo Santoninos ist eine von ihm unterzeichneten Urkunde vom 8. Juli 1507.Vale: Itinerario, S. 116–119; Hundsbichler: Reise, Gastlichkeit und Nahrung, S. 12 f.
Santoninos sogenannte Reisetagebücher
Paolo Santonino hat sein „Itinerarium“ in lateinischer Sprache verfasst. Im deutschen Sprachraum kursiert dafür die Bezeichnung „Reisetagebücher“ in Anlehnung an den Buchtitel der Übersetzung von Rudolf Egger. Als literarische Gattungszuweisung ist dies missverständlich bis unzutreffend. Es handelt sich vielmehr um einen Bericht (historia) über drei kirchliche Dienstreisen aus den Jahren 1485, 1486 und 1487, die Pietro Carlo, Bischof von Caorle, im Auftrag des damaligen Patriarchen von Aquileia, Marco Barbo, zu absolvieren hatte. Zugleich betitelt Santonino den Anfang sowie auch die Gesamtheit seines dreiteiligen Berichts auch als itinerarium und deklariert sich als dessen Verfasser im Dienst des Patriarchats. Obwohl Santoninos Texte weit über die in Itinerarien üblichen Informationen hinausgehen, sprechen seine originären Gattungszuweisungen und auch andere Überlegungen (siehe unten) mit Nachdruck dafür, die Titulierung „Reisetagebücher“ durch die literarhistorisch adäquatere Bezeichnung „Itinerarium“ zu ersetzen.Hundsbichler: Santoninos „Reisetagebücher“ in neuer Sicht.
Die drei Reisen dauerten insgesamt 114 Tage und führten aus Friaul an den nördlichen Rand der Diözese Aquileia, den damals die Drau markierte. Dadurch erfassten jene Reisen im heutigen Österreich Teile von Osttirol und Kärnten sowie im heutigen Slowenien Teile von Krain und der einstigen Mark an der Sann. Die drei Reisen kamen aus kirchlichen Notwendigkeiten zustande, hatten aber einen herben realpolitischen Hintergrund: Wiederholte Einfälle der Osmanen in die betreffenden Gebiete zwecks Erkundung einer geeigneten Aufmarschroute nach Venedig hatten das Spenden der Firmung und die Visitation der Pfarrgeistlichkeit teils jahrzehntelang verunmöglicht. Zahlreiche (Neu-)Weihen von Kirchen und Altären nach Reliquiendeponierungen waren nach deren Verwüstung nötig, um den kanonischen Rahmen für ordnungsgemäße Gottesdienste wiederherzustellen.
In einer von anderen Quellen des Mittelalters kaum überbietbaren Signifikanz lassen die Aufzeichnungen Santoninos auch viele praktische Details des Unterwegsseins erkennen, nämlich:Helmut Hundsbichler: Realien zum Thema „Reisen“ in den Reisetagebüchern des Paolo Santonino (1485–1487). In: Die Funktion der schriftlichen Quelle in der Sachkulturforschung (= Veröffentlichungen des Instituts für mittelalterliche Realienkunde Österreichs. Band 1 = Sitzungsberichte der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, phil.-hist. Kl. Band 304/4). Wien 1976, S. 55–143 und 250–258. die Reiserouten anhand der Tag für Tag aufgelisteten Orte, die – mit Ausnahme von Sonn- und Feiertagen – tagtäglich zurückgelegten Entfernungen, die mittlere Reisegeschwindigkeit (= 4 bis 5 km/h), die überwiegende Verwendung von Reitpferden als Mittel der Fortbewegung, die ungefähre Größe der Reisegesellschaft, die Beschaffenheit von Straßen und Brücken, das Zeitschema der Tagesabläufe (inkl. Dauer der Nachtruhe, Art der Stundenzählung, Essenszeiten und Essensdauer)Helmut Hundsbichler: All’ora debita. Il computo delle ore e i riferimenti temporali in Paolo Santonino (1484/87). In: L’Unicorno. 2, 1999, S. 7–16 = Helmut Hundsbichler: Zur rechten Zeit. Stundenzählung und Tageseinteilung bei Paolo Santonino (1485/87). In: Gernot P. Obersteiner, Peter Wiesflecker (Red.): Festschrift Gerhard Pferschy (= Forschungen zur geschichtlichen Landeskunde der Steiermark. Band 42). Graz 2000, S. 79–93 (zum Geburtstag von Gerhard Pferschy)., die Kategorien von NachtquartierenHelmut Hundsbichler: Gasthäuser und Pfarrhöfe als bischöfliche Unterkunft am Nordrand der Kirchenprovinz Aquileia. Beispiele aus den Reisetagebüchern des Paolo Santonino und aus verwandtem Quellenmaterial des 15. Jahrhunderts. In: Hans Conrad Peyer (Hrsg.): Gastfreundschaft, Taverne und Gasthaus im Mittelalter (Schriften des Historischen Kollegs, Kolloquien. Band 3). München 1983, S. 189–203. und vereinzelte Hinweise zu Kleidung und Hygiene. Diese Informationen sprechen ebenfalls für eine Benennung der Reisebeschreibungen als „Itinerarien des Paolo Santonino“.