Die Geschichte der Stadt Aurich umfasst die Entwicklungen auf dem heutigen Gebiet der Stadt Aurich von der ersten Besiedlung bis zur Gegenwart. Sie lässt sich ab dem 13. Jahrhundert belegen. Die Ursprungssiedlung Aurechove wurde erstmals 1276 in einer friesischen Rechtsaufzeichnung, dem Brokmerbrief, erwähnt. Aurich entwickelte sich zu einem bedeutenden Viehmarktplatz und war ab 1561 Residenz der Grafen und Fürsten von Ostfriesland. Nach deren Aussterben blieb die Stadt unter wechselnden Herrschaften Verwaltungsmittelpunkt Ostfrieslands.

mini|hochkant=2.5|Aurich um 1632

Mittelalter bis 1514 mini|Lambertiturm

Die Geschichte Aurichs lässt sich bis in das 13. Jahrhundert zurückverfolgen. Über die Deutung des Stadtnamens gibt es verschiedene Hypothesen. Entweder er ist einer Person (Affo, Ostfriesischer Vorname) und seinem Besitz (Reich) zuzuordnen oder er bezieht sich auf ein Wasserwerk an der fruchtbaren, wasserreichen Niederung des Flüsschens Aa (oder Ehe), an dem die Stadt errichtet wurde.Ein kurzer Streifzug durch Aurichs lange Geschichte. Aurich.de Bekannt sind die Schreibweisen Aurichove, Aurike, Aurikehove, Auerk, Auryke, Auwerckhove, Auwerick, Auwerck, Auwreke, Awerck, Awreke, Awrik, Auwerich und Aurickeshove.

Wann die Besiedelung des Stadtgebietes begann, ist unbekannt. Möglicherweise setzte der Herzog von Sachsen Lothar von Süpplingenburg die Grafen von Oldenburg als Amtsgrafen in der Region ein. Diese schufen um Aurich einen neuen Herrschaftsstützpunkt. Erstmals wird der Ort als Aurechove 1276 in einer friesischen Rechtsaufzeichnung, dem Brokmerbrief, erwähnt. Diese Ursprungssiedlung war um die Lambertikirche entstanden, die Graf Moritz von Oldenburg stiftete. Geweiht war sie dem Heiligen Lambertus, dem im Jahre 703 getöteten Bischof von Maastricht. Ihr wuchtiger Kirchturm, der sich in heutiger Form seit 1662 zeigt, ist das Wahrzeichen der Stadt. In den folgenden Jahren behielten die Grafen von Oldenburg die Oberhoheit über den Ort.

Im 14. Jahrhundert etablierte sich in Ostfriesland ein Herrschaftssystem, in dem lokale Häuptlinge (hovedlinge) in häufigem Streit die Macht über mehr oder weniger weite Gebiete an sich rissen. In diesen Wirren gelangte Aurich schon vor 1379 mit dem gesamten Auricherland in die Hand der Familie tom Brok, die offenbar von den Grafen von Oldenburg mit Burg und Kirche in Aurich belehnt wurde. 1379 bezeichneten sich die tom Brok als „dominus terre Brocmannie et Averice“. Die Macht der Oldenburger schwand dagegen. Sie konnten ihre Herrschaft über Aurich nicht erhalten und hatten in der weiteren Geschichte Aurichs keine Bedeutung mehr.Herbert Obenaus (Hrsg.): Historisches Handbuch der Jüdischen Gemeinden in Niedersachsen und Bremen. Wallstein, Göttingen 2005, ISBN 3-89244-753-5

Um 1380 erbaute die Familie tom Brok die erste Häuptlingsburg der Stadt. Sie stand wahrscheinlich an der Stelle des heutigen Hotels Piqueurhof. Sie bekam den Namen Nieburg (Neue Burg)Landgericht Aurich - Schlossgeschichte im Gegensatz zur Oldeborg (alte Burg) der tom Brok im Brokmerland. Nach der Schlacht auf den Wilden Äckern übernahm Focko Ukena die Herrschaftsgebiete der tom Brok, mit ihnen erhielt er Aurich und das Auricherland. Er versuchte, seine Herrschaft zu festigen und ließ Stadt und Burg mit Wällen und Gräben und Bollwerken umgeben. Um 1430 schleiften die Gegner Focko Ukenas, die im Freiheitsbund der Sieben Ostfrieslande vereint waren, die Burg im Ringen um die Vorherrschaft in Ostfriesland. Heute ist von ihr nichts mehr erhalten. Bei Ausgrabungen im Jahre 1986 wurden Reste von Gräben, Mauerwerk, Steinpflasterungen und einer Brandschicht, in der sich Eisengerätschaften und Schlacke befanden, gefunden.Ostfriesische Landschaft - Fundchronik 1986

mini|Die Averborg um 1632

Nach dem Sieg über Ukena erhob Kaiser Friedrich III. Ulrich Cirksena, einen Angehörigen eines der letzten einflussreichen Häuptlingsgeschlechter, in den Reichsgrafenstand und belehnte ihn mit Ostfriesland als Reichsgrafschaft. Ulrich ließ gegenüber der alten Häuptlingsburg 1447 die sogenannte Averborg (mögliche Namensdeutungen: Gegenüber der alten Burg, jenseits der Aa) errichten. Das Gelände, auf dem die Burg errichtet wurde, war vorher für Pferde- und Viehmärkte genutzt worden. Zudem kaufte Ulrich für den Bau vier Kämpen von einem Udo Riekena aus Barstede.

Aurich blieb zunächst ohne größere politische Bedeutung – die Grafen Ostfrieslands residierten in Emden –, konnte aber durch seine zentrale Lage innerhalb der Grafschaft seine wirtschaftliche Stellung als großer Viehhandelsplatz mit sieben Jahrmärkten ausbauen.

Frühe Neuzeit mini|Aurich um 1650

Während der Sächsischen Fehde zerstörte ein Brand Aurich im Jahre 1514 nahezu vollständig. Graf Edzard I. begann 1517 den planmäßigen Wiederaufbau der Stadt. Dabei berücksichtigte der Graf die Stellung Aurichs als bedeutender Viehhandelsplatz, indem der Markt vom heutigen Schlossplatz auf den neu geschaffenen (für eine Stadt der damaligen Größe Aurichs ungewöhnlich großen) Marktplatz (zirka 150 mal 50 Meter) verlegte. Gleichzeitig ließ Edzard I. die Stadt im Westen erweitern, so dass der Marktplatz ins Zentrum der heutigen Altstadt rückte. Der Grundriss dieser Neuanlage bestimmt noch heute den Stadtkern.

Unter der Regierung Ennos II. wurden die Befestigungswerke der Stadt nach 1529 erneuert und ausgebaut. Neue Wälle und Gräben wurden errichtet. Im Jahre 1539 bekam der Flecken Aurich von Graf Enno II. und seinem Bruder Johann das Stadtrecht verliehen.

Aurich als Residenzstadt mini|Aurich um 1729

Im Jahre 1539 ließ Enno II. alle Landesbehörden in Aurich zusammenziehen. Ab 1561 verlegten die Grafen von Ostfriesland ihre Residenz in die Stadt und machten das Schloss zum Mittelpunkt des höfischen Lebens. Sie wurde damit zur Hauptstadt der Grafschaft und des späteren Fürstentums Ostfriesland. In dieser Zeit nahm die Stellung Aurichs als Verwaltungssitz für Ostfriesland ihren Anfang, die bis in die Gegenwart erhalten blieb. Aurich entwickelte sich zur Residenz- und Beamtenstadt, in der sich erst seit der Weimarer Zeit kleinere Industriebetriebe ansiedelten.

Im Dreißigjährigen Krieg wurde Ostfriesland dreimal (1622–1624, 1627–1631 und 1637–1651) von fremden Truppen eingenommen und als Quartier benutzt, wenn auch keine größeren Kampfhandlungen stattfanden. Von 1622 bis 1624 besetzten die Mansfelder Ostfriesland. Aurich und die Orte in der Umgebung litten unter der Besetzung durch die Truppen. Das Grafenhaus floh von Aurich nach Esens und nahm eine Summe von 300.000 Talern mit, die in der Harlinger Nebenresidenz versteckt wurden – jedoch nicht gut genug: Mansfeld folgte dem Grafen Enno III. nach Esens, setzt ihn dort fest und ließ seine Söldner nach dem gräflichen Schatz suchen. Sie fanden die 300.000 Taler in dem Versteck und behielten die Summe als Kontribution ein. Dieser Verlust belastete die gräfliche Kasse noch nach Ende des Krieges. Enno III. gelang die Flucht nach Emden, der einzig unbesetzten Stadt Ostfrieslands im Dreißigjährigen Krieg.

Die beiden folgenden Besetzungen bedeuteten zwar ebenfalls Belastungen durch Kontributionen. Die Besatzer von 1627 bis 1631 jedoch, kaiserliche Truppen unter Tilly, „hielten Manneszucht und vermieden Ausschreitungen“,Walter Deeters: Ostfriesland im Dreißigjährigen Krieg. In: Emder Jahrbuch für historische Landeskunde Ostfrieslands, 1998, Band 78, S. 32–44, hier: S. 39. desgleichen die von 1637 bis 1651 in Ostfriesland einquartierten hessischen Truppen unter Wilhelm V. von Hessen-Kassel. Auch materiell stellte sich die Situation unter den beiden Besetzungen anders dar als unter Mansfeld: Es wurden zwar Kontributionen eingetrieben, doch wurden diese auch wieder in der Region ausgegeben.Darauf hatte bereits der ostfriesische Geschichtsschreiber Tileman Dothias Wiarda in Band 5 seiner „Ostfriesischen Geschichte“ (Aurich 1795) hingewiesen: „Da indessen durch die langjährigen Einquartierungen diese Kontributionen fast völlig wieder in der Provinz verzehrt wurden, und das Geld immer in Circulation blieb, so läßt sich das aufgeworfene Rätsel einigermaßen auflösen.“ Zitiert in: Walter Deeters: Ostfriesland im Dreißigjährigen Krieg. In: Emder Jahrbuch für historische Landeskunde Ostfrieslands, 1998, Band 78, S. 32–44, hier: S. 43. Während des Krieges brach in Ostfriesland die Pest aus.Walter Deeters: Ostfriesland im Dreißigjährigen Krieg. In: Emder Jahrbuch für historische Landeskunde Ostfrieslands, 1998, Band 78, S. 32–44, hier: S. 38.

Die Grafen und späteren Fürsten begannen in Aurich mit einer regen Bautätigkeit. Einen guten Eindruck davon vermittelt noch heute der Marstall. Inmitten der Wirren des Dreißigjährigen Krieges ließ Graf Ulrich II. zu Ehren seiner Frau Juliane die Julianenburg, ein Lustschloss mit einem großen herrschaftlichen Schlosspark anlegen.Hinrich Schoolmann: Unsere liebe kleine Stadt - Ein Gang durch das alte Aurich. Verlag A.H.F. Dunkmann, Aurich ohne Jahr, S. 68. Unter der Regentschaft der Fürsten Christian Eberhard und Georg Albrecht erfolgte die Neugestaltung des Schlossparks nach dem Vorbild der Parkanlagen von Schloss Versailles. Georg Albrecht ließ zudem zu Ehren seiner Frau noch einen weiteren Lustgarten mit -schloss, die Carolinenburg anlegen. Der Ausbau der Residenz mit staatlichen Institutionen und repräsentativen Bauten hielt bis zum Aussterben des Fürstengeschlechts und der damit einhergehenden Machtübernahme durch Preußen im Jahre 1744 an.

Preußen, Niederlande, Frankreich (1744–1814) mini|Blick auf den Auricher Hafen um 1800

Als am 25. Mai 1744 Carl Edzard, der letzte ostfriesische Fürst aus dem Hause Cirksena, starb, machte König Friedrich II. von Preußen sein Nachfolgerecht geltend, welches in der Emder Konvention geregelt war. Er ließ Aurich am 7. Juni 1744 ohne Widerstand von 500 Mann besetzen, worauf am 23. Juni das Land der preußischen Krone huldigte. Aurich blieb Sitz der Landesbehörden, erhielt eine Kriegs- und Domänenkammer und wurde Regierungshauptstadt der Preußischen Provinz Ostfriesland. Unmittelbar nach dem Machtantritt der Preußen begann der Ausverkauf des Fürstlichen Mobiliars in Aurich. Das gesamte Inventar des Schlosses, darunter die ostfriesische Fürstenbibliothek, wurde in mehreren Auktionen versteigert, so dass davon heute kaum noch etwas erhalten ist.Martin Tielke: Die neue Bibliothek der Ostfriesischen Landschaft in Aurich (PDF)

Während des Siebenjährigen Krieges wurde Ostfriesland zweimal von französischen Truppen besetzt, wobei besonders die zweite Besetzung durch den Marquis de Conflans 1761/62 erhebliches Leid für die Einwohner bedeutete. Die Residenzstadt wurde besetzt.

Mit dem Urbarmachungsedikt (1765) wurde auch in Ostfriesland der Landesausbau vorangetrieben. In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts wurden in Ostfriesland mehr als 80 neue Moorkolonien angelegt. Dazu zählten auch mehrere der heutigen Auricher Stadtteile. Plaggenburg wurde 1777 gegründet. Der Name weist bereits auf die ärmlichen Erstsiedler hin: Die ersten Häuser waren eher Hütten und wurden aus Plaggen errichtet. Die ersten Siedler waren sechs Familien, die ursprünglich aus der Pfalz stammten. Über eine Zwischenstation am Niederrhein kamen sie nach Ostfriesland. 1802 wurde ein weiteres Dorf von pfälzischen Exilanten gegründet, Pfalzdorf. Zur gleichen Zeit (1801/02) gründete der Auricher Rentmeister Julius Dietrich Tannen (1752–1829) die Kolonie Tannendorf, später Tannenhausen, in den ausgedehnten Moorgebieten nördlich von Aurich.

In den Jahren 1798/99 wurde zwischen Emden und Aurich der Treckschuitenfahrtskanal (heutiger Name Treckfahrtstief) angelegt, der durch die heutige Gemeinde Ihlow führte. Mit Schuten, die von Pferden getreidelt wurden, beförderte die Treckfahrtsgesellschaft Post, Stückgut und Passagiere. Daraus ergibt sich auch der Name des Kanals. „Trecken“ ist ostfriesisches Plattdeutsch und heißt „ziehen“. Zugleich wurde der kleine Auricher Hafen angelegt.