mini|hochkant=1.4|Die Fram im Drifteis Die Fram-Expedition (1910–1912) unter der Leitung des norwegischen Polarforschers Roald Amundsen war eine Forschungsreise in die Antarktis mit dem Ziel, erstmals den geografischen Südpol zu erreichen. Amundsen fuhr mit der Fram, die bereits zweimal zuvor bei Expeditionen in die Arktis eingesetzt worden war, in die Bucht der Wale, wo er Ausrüstung und Hunde an Land brachte und sein Winterquartier aufschlug. Von dort zog er per Hundeschlitten von seiner Basis Framheim aus zum Südpol, den er am 14. Dezember 1911 35 Tage vor seinem Konkurrenten Robert Falcon Scott von der britischen Terra-Nova-Expedition erreichte. Damit hatte er das „Rennen um den Pol“ gewonnen.
Die Expedition sollte zunächst in die arktischen Gewässer führen, um den Nordpol zu erreichen; als Amundsen jedoch im Herbst 1909 erfuhr, dass sowohl Frederick Cook als auch Robert Edwin Peary beanspruchten, den Pol erreicht zu haben, änderte er das Ziel, worüber Geldgeber und Öffentlichkeit erst nach seiner Abreise informiert wurden.
Hintergrund Vorgängerexpeditionen mini|hochkant|James Clark Ross Das Rossmeer war traditionell das Arbeitsgebiet der britischen Antarktisexpeditionen gewesen. Begründet wurde diese Tradition durch James Clark Ross, der zwischen 1839 und 1843 mit den Schiffen Erebus und Terror drei Reisen in die Antarktis unternahm, dabei weiter nach Süden vorstieß als je ein Mensch zuvor, viele topografische Gegebenheiten entdeckte und teilweise auch benannte, darunter das Rossmeer selbst, die Ross-Insel, die Great Ice BarrierDie Great Ice Barrier heißt heute Ross-Schelfeis und erhielt diesen Namen, denn „wir könnten mit ebenso viel Aussicht auf Erfolg durch die Klippen von Dover hindurch zu segeln versuchen wie durch eine solche Eismasse.“ – Ross, nach Huntford, S. 11. sowie die Bucht der Wale, das Ausgangslager der Fram-Expedition.Huntford, S. 10–11. Fortgesetzt wurde Ross’ Tradition durch die Discovery-Expedition von 1901 bis 1904, die erste britische Antarktisexpedition seit Ross und damit des sogenannten „Heldenzeitalters der Antarktisforschung“, die Nimrod-Expedition sowie die Terra-Nova-Expedition, die Amundsens Hauptkonkurrenz bei der Ersterreichung des Südpols war.
Ab 1895 gab es in diesem Gebiet jedoch auch norwegische Aktivitäten. In diesem Jahr landete nämlich die Antarctic, ein norwegisches Walfangschiff, kurz am Kap Adare an, dem Nordzipfel Viktorialands. Ein Mitglied dieser Landungsgruppe, der Norweger Carsten Egeberg Borchgrevink, reiste darauf auf eigene Kosten zum Sechsten Internationalen Geografenkongress nach London und bot sich als Leiter einer Expedition an, die als erste auf dem antarktischen Kontinent überwintern sollte. Er überzeugte die Teilnehmer des Kongresses – auch durch mitgebrachte Moosproben, die das Leben unter der antarktischen Eisdecke bewiesen – und erweckte damit das Interesse an einer wissenschaftlichen Erforschung der Antarktis neu. Im Frühjahr 1898 bot ihm der Verleger George Newnes (1851–1910) an, seine Expedition im Gegenzug für einen packenden Erlebnisbericht zu finanzieren. Diese Expedition, die Southern-Cross-Expedition, überwinterte erstmals in der Antarktis und stieß auf dem Ross-Schelfeis 70 Kilometer weit nach Süden vor. Borchgrevink zeigte, dass die Ice Barrier nicht nur als Hindernis, sondern auch als Weg in den Süden betrachtet werden könne, zudem bewies er den Nutzen von Hunden und Skiern auch in der Antarktis.Huntford, S. 108. Die Expedition war bereits ganz nach der neuen „norwegischen Schule der Polarforschung“Huntford, S. 21. ausgerüstet.
Diese „neue Schule“ war zehn Jahre zuvor von Fridtjof Nansen begründet worden, als er im Sommer 1888 Grönland von Osten nach Westen durchquerte und dabei nicht nur die norwegische Polarforschung begründete und zur Identifikationsfigur vieler Norweger wurde, sondern auch neue Wege in der Technik eröffnete. Anstelle der herkömmlichen schweren Schlitten setzte er leichtere Modelle ein, die auf Skiern liefen. Ebenso erkannte er die Notwendigkeit, eigene Kleider, Zelte und Kochausrüstungen zu entwickeln, und stellte erstmals die Nahrung nach wissenschaftlichen Gesichtspunkten zusammen. Bedeutung hatten auch Hunde, geringes Gewicht der Ausrüstung und Beweglichkeit der Mannschaft im Gelände.Huntford, S. 99. Kernstück der Polarforschung aber war nun der Einsatz von Skiern, wofür Norweger beste Voraussetzungen mitbrachten, da das Skifahren als Fortbewegungsmittel seit Jahrtausenden Bestandteil der Kultur der skandinavischen Völker war – das Wort Ski stammt aus dem Altnorwegischen.. Auf: bartleby.com. Auf den jungen Roald Amundsen machte diese Expedition so großen Eindruck, dass er 1903 mit der Gjøa auf eine eigene Expedition aufbrach, die ihn als ersten Menschen durch die gesamte Nordwestpassage führte. Diese Fahrt hatte insofern Einfluss auf die Fram-Expedition, als Amundsen hier die Grundlagen der Polarforschung, die er als Zweiter Steuermann auf der Belgica gelernt hatte, vertiefen und durch Inuit-Wissen ergänzen konnte. Während der Gjøa-Expedition machte Amundsen erste Erfahrungen im Umgang mit Hunden und Hundeschlitten und studierte die Techniken der Inuit, etwa Iglubau oder Herstellung von Kleidung.Huntford, S. 72–78.
Fram-Expedition mini|hochkant|Fridtjof Nansen Zurück in Norwegen begann Amundsen mit der Planung einer Expedition ins Nordpolarbecken, bei der er sich vier oder fünf Jahre lang im Eis eingeschlossen treiben lassen und dabei den noch unentdeckten Nordpol erreichen wollte. Letzteres war, so vermutet Huntford, sein Hauptziel,Huntford, S. 165. während die wissenschaftliche Erforschung des Nordpolarbeckens vorgeschoben wurde, um mehr Spendengelder zu erhalten. Zu diesem Zweck erbat er sich von Fridtjof Nansen die Fram. Dieses Schiff war zwar Staatseigentum, da Nansen aber die erste Instanz der Polarforschung in Norwegen war und selbst noch Hoffnungen auf eine letzte Expedition hegte, hielt Amundsen es für nötig, sein Vorbild um die Freigabe zu bitten, die Nansen ihm auch gewährte.Huntford, S. 165 und 168. Am 10. November 1908 gab er seinen Plan öffentlich bekannt, tags darauf erhielt er vom Königspaar bereits 20.000 Kronen. Nachdem das norwegische Parlament Amundsen eine teilweise Rückzahlung seiner Schulden von der Gjøa-Expedition bewilligt hatte, brach er in die Vereinigten Staaten auf, um durch eine Vortragsreise weitere Geldquellen zu erschließen. Anfang 1909 hatte Amundsen ein Viertel der notwendigen Gelder einwerben können, aber nun versiegten die Spenden. Am 6. Februar 1909 gewährte ihm das Storthing jedoch 75.000 Kronen und gestattete ihm, die Fram für seine Zwecke zu nutzen.
In der ersten Septemberwoche des Jahres 1909 erreichte Amundsen die Nachricht, dass sowohl Cook als auch Peary behaupteten, den Nordpol erreicht zu haben. Diese Behauptungen sind zwar heute umstritten, und nach der ersten Nachricht über Cooks Erfolg, die er am 1. September erhielt, sagte Amundsen noch, diese Nachricht werde seine Pläne in „gar keiner Weise“Huntford, S. 180. beeinflussen. Doch die am 7. September erhaltene Mitteilung über Peary rüttelte ihn auf und veranlasste ihn zum Handeln.Huntford, S. 183. Er beschloss, seinen „ursprünglichen Plan um ein oder zwei Jahre zu verschieben, um in der Zwischenzeit zu versuchen, die noch immer fehlenden Gelder [für die anschließende Erforschung des Nordpolarbeckens] zu sammeln.“Amundsen, S. 43. Dies sollte ihm dann auch tatsächlich gelingen, indem er zum Südpol vorstieß und damit das letzte große Ziel der Polarforschung erreichte. Wann Amundsen diesen Entschluss fasste, ist nicht bekannt. Ein Brief, mit dem er Schlittenhunde aus Grönland nach Dänemark bestellte, beweist aber, dass er spätestens am 9. September feststand.Huntford, S. 183. — Wenn Amundsen wie offiziell geplant zuerst um Kap Hoorn gesegelt wäre und von dort aus die Beringstraße angelaufen hätte, wäre es unsinnig gewesen, die Hunde von Dänemark aus mitzunehmen und zweimal durch die Tropen zu transportieren. Von der prestigeträchtigen Ersterreichung des Südpols versprach sich Amundsen verbesserte Möglichkeiten der Akquisition von Geldern für die „eigentliche“ Expedition zum Nordpol und eine Möglichkeit, einem Reputationsverlust vorzubeugen. „Wenn ich meinen Ruf als Forscher nicht verlieren wollte, musste ich auf die eine oder andere Weise einen spektakulären Sieg erringen.“Amundsen, zitiert nach Huntford, S. 181 f. Er habe sich daher für ein neues Unternehmen entschieden. mini|hochkant|Robert F. Scott Am 13. September erfuhr Amundsen, dass Robert Falcon Scott plante, im kommenden August zu einer eigenen Antarktisexpedition aufzubrechen. Am Tag darauf teilte Amundsen mit, dass der Start seiner Expedition auf den 1. Juli 1910 verschoben werde. Der vorgeschobene Grund war die angeblich verzögerte Lieferung des Dieselmotors; tatsächlich wurde wegen des geänderten Expeditionsziels Zeit für Sonderarbeiten benötigt.
Amundsens Planänderung wurde noch immer geheim gehalten, denn er wollte den Vorteil des Wissens um Konkurrenz nicht mit Scott teilen. Zum einen war ihm Scott persönlich unsympathisch, zum anderen spielten nationale Interessen eine Rolle, da der Prestigeerfolg gegenüber dem britischen Empire spektakulär gewesen wäre. Amundsen hielt seine Pläne auch deshalb geheim, weil er fürchtete, die norwegische Regierung könnte seine Expedition untersagen. Ein Konkurrenzkampf um prestigeträchtige Ziele mit Großbritannien war politisch nicht opportun. Außerdem fürchtete Amundsen, Nansen könnte ihm den Gebrauch der Fram untersagen. Nansens Frau war inzwischen gestorben und er war nicht mehr norwegischer Konsul in London, somit hätte er seine zurückgestellten Expeditionspläne wieder aufnehmen können. Amundsen nahm auch an, dass das Storthing und private Geldgeber die Expedition verhindern könnten. Ein weiterer, eher taktischer Beweggrund war, dass Scott bei Bekanntwerden eines ausländischen Rivalen wahrscheinlich zusätzliche Geldmittel erhalten hätte.Huntford, S. 185–187. Zweifel an der Fairness seines Vorgehens hatte er nicht. Amundsen schätzte die Terra-Nova-Expedition als von seiner eigenen Expedition völlig verschieden ein, denn ihm selbst gehe es vorrangig um wissenschaftliche Ziele und das Erreichen des Südpols sei nur nebensächlich. Eine öffentliche Bekanntgabe von Amundsens Plänen hätte seiner Darstellung zufolge deshalb kaum Einfluss auf Scotts Planung haben können.Amundsen, S. 43–44. Andere Expeditionen, die sich zu dieser Zeit in der Antarktis befanden, hatten ohnehin nicht das Ziel, den Südpol zu erreichen (siehe Liste von Antarktisexpeditionen). Amundsen informierte nur zwei Personen von seinem Entschluss: seinen Bruder, der nach Amundsens Abfahrt von Madeira an die Öffentlichkeit gehen sollte, und Thorvald Nilsen, der als Schiffsmeister und Kapitän der Fram das wahre Ziel der Expedition für seine Vorbereitungen kennen musste.
Personal
mini|hochkant|Sverre Hassel (1912) Bei der Auswahl der Mannschaftsmitglieder achtete Amundsen auf verschiedene persönliche Aspekte, darunter Einbettung ins soziale Umfeld, Erfolg im Arbeitsbereich, der mit der Polarfahrt zu tun haben musste, Neugier und Tatkraft. Gefühle schaltete er, so Huntford, bei der Auswahl gänzlich aus.Huntford, S. 220. Neben fachlichen Qualitäten wie möglichst großer Erfahrung in der Polarforschung, der Beherrschung des Skifahrens und der Führung von Hundeschlitten verlangte er, dass seine Männer an Einsamkeit und harte Arbeit im Freien gewöhnt waren.Huntford, S. 228.