Mit dem Begriff Nilschwemme (auch Nilflut, Nilüberschwemmung, Nilschwelle; altägyptisch Hapi, Bahu) werden die periodisch auftretenden Hochwasser in den Flussrandregionen des Nils im Alten Ägypten und neuzeitlichen Ägypten vor dem Bau des Assuan-Staudamms bezeichnet.
Allgemeine Eigenschaften Entstehung während der Regenzeit im äthiopischen Hochland mini|Klima von Addis Abeba mini|Dörfer in der Nilflut bei Kairo (1830) mini|Nilflut bei den Pyramiden von Gizeh (19. Jahrhundert) Die Nilschwemme wird durch den Monsun verursacht, der im äthiopischen Hochland mit seinen mehr als 4000 m hohen Bergen zwischen Mai und August zu starken Niederschlägen führt.S. Seidlmayer: Historische und moderne Nilstände. Berlin 2001, S. 93–94.Vgl. das nachstehende Klimadiagramm Diese Wassermengen fließen weitgehend in den Blauen Nil und den Atbara, und damit in den Nil, teilweise auch im Sobat über den Weißen Nil in den Nil. In dieser Zeit führt der Blaue Nil im Mittel gut fünfmal so viel Wasser wie der Weiße Nil, der eine wesentlich gleichmäßigere Wasserführung zeigt. Umgekehrt führt im Mittel der übrigen acht Monate der Weiße Nil fast das 1,8fache des Blauen Nil.
Diese Wassermengen ließen den Nilpegel bei Assuan im Süden Ägyptens ab Juni steigen, bis er im August seinen Höchststand erreichte und im September wieder abfiel. Die sich langsam flussabwärts bewegende Flutwelle erreichte das Nildelta etwa zwei Wochen später. Bei Kairo begann sie Anfang Juli, erreichte ihren Höchststand in den 14 Tagen von Ende September bis Anfang Oktober und fiel dann wieder ab. Dabei wurden die Felder des Niltals und weite Bereiche des Deltas überschwemmt. Der tiefste Wasserstand war im Mai erreicht.
Vorhersehbare und nicht vorhersehbare Eigenschaften Die Nilschwemme zeichnet sich dadurch aus, dass sie prinzipiell vorhersehbar ist. Sie tritt immer zur gleichen Jahreszeit auf, nur ihre Eigenschaften ändern sich. Beginn und Ende können sich um wenige Tage verschieben, die Flutwelle kann kurz und hoch oder lang und flach sein. Von entscheidender Bedeutung war und ist jedoch die nicht vorhersehbare gesamte Wassermenge. Zeiten geringer Wasserführung bedeuteten Dürren, Ernteausfälle und Hungersnöte, zu hohe Fluten führten zu Schäden an Dämmen und Häusern. Von Alters her bis heute treten immer wieder mehrere Jahre hintereinander mit besonders wenig oder besonders viel Wasser auf, was für Ägypten bis heute zu ernsthaften Problemen führt.
Sedimentation und Auswirkungen Der blaue Nil verdankt seinen Namen seiner dunklen Farbe. Da er aus dem äthiopischen Hochland stammt, schwemmt er auf seinem Weg talwärts große Mengen von Sedimenten weg und verfärbt sich dabei.
Mit der Nilschwemme war entgegen der weitverbreiteten Meinung nicht automatisch eine Sedimentation im Sinne einer dauerhaften Ablagerung des Nilschlammes auf den Talebenen verbunden. Vielmehr bestimmen variable Faktoren wie Fließgeschwindigkeit, Flutvolumen, Zusammensetzung der Schwemmpartikel des Nils und das Niveau des Mittelmeeres, ob eine Sedimentation stattfindet. Insbesondere die wechselnden Höhen des Mittelmeeres verursachen das sogenannte „thalassostatische Verhalten“ des Nils stromauf bis zum ersten Katarakt. Ein niedriger Meeresstand verhindert aufgrund der höheren Fließgeschwindigkeit des Nils ein Aufschütten von Sedimenten; in Extremfällen führt dieser Faktor sogar zu einer Abnahme der Sedimentschichten. Bei einem hohen Meeresspiegel tritt die gegenteilige Wirkung ein und es finden vermehrte Ablagerungen statt. Nach den vorliegenden Untersuchungsergebnissen ergibt sich der Befund, dass das Mittelmeer für den Zeitraum vom dritten Jahrtausend v. Chr. bis zum ersten Jahrhundert n. Chr. eine geringe Höhe aufwies und deshalb kaum Sedimentablagerungen zuließ. Erst mit dem späteren Anstieg des Meeresspiegels ist eine Zunahme der Sedimentablagerungen belegt. Im Rückschluss bedeutet dieses Ergebnis, dass die Phase der intensiven Aufschüttung etwa 3000 v. Chr. endete. Während der gesamten Pharaonenzeit konnte keine merkliche Zunahme der Ablagerungen festgestellt werden.
Die Nilschwemme im alten Ägypten mini|1870–1888: Ansicht der Ruinen der Kolonnade des Vorhofs von Amenhotep III. im Tempelkomplex von Amun in Luxor, überschwemmt bei einer Nilflut.
Bedeutung für die Landwirtschaft Für das von Wüsten umgebene, niederschlagsarme und auf das Niltal sowie das Delta konzentrierte Ägypten war früher nicht nur das Wasser des Nils, sondern auch der Nilschlamm überlebenswichtig, der aus den Sedimenten bestand, die sich auf dem langen Weg nach Ägypten mit organischen Stoffen vermischt hatten. Die Fluten sorgten für eine Durchfeuchtung der Felder, der Nilschlamm brachte Dünger für die Landwirtschaft.
Vor etwa 5000 Jahren begannen die Ägypter nicht mehr nur die vom Nil überschwemmten Flächen zu bestellen, sondern die jährlichen Fluten systematisch zur Bewässerung speziell angelegter Felder zu nutzen. Sie teilten die landwirtschaftlich genutzten Flächen in Überschwemmungsbassins auf, die mit Dämmen umgeben und mit Zu- und Abflusskanälen ausgestattet wurden. Die Bassins wurden zur Zeit des höchsten Wasserstandes der Nilschwemme geflutet und dann für ca. sechs Wochen geschlossen, damit der Schlamm sich absetzen und der Boden durchfeuchtet werden konnte. Anschließend wurde das restliche Wasser in benachbarte, tiefer liegende Becken und in den schon wieder fallenden Nil abgelassen.Hermann Henze: Der Nil, eine nach neueren Quellen bearbeitete Darstellung seiner Hydrographie und seiner wirtschaftlichen Bedeutung. Gebauer-Schwetschke, Halle 1903, (Digitalisat des vergilbten und daher schlecht lesbaren Originals auf archive.org); Nachdruck, Unikum Verlag, Barsinghausen 2012 (in Auszügen auf Google-books) Unmittelbar nach dem Ablassen der Bassins erfolgte die Aussaat. Bis zur Ernte dauerte es nur drei bis vier Monate; in der anschließenden Trockenheit war Ackerbau kaum möglich. Somit konnten auch nur Pflanzen angebaut werden, die in dieses Bewässerungs- und Zeitschema passten.
Über Kanäle mit geringerem Gefälle als der Nil konnten auch entferntere und geringfügig höher gelegene Flächen geflutet werden. Das System war jedoch empfindlich gegenüber den Schwankungen der einzelnen Fluten. War die Schwellhöhe zu gering, wurden höhere Bassins nicht ausreichend oder gar nicht gefüllt, was zu ausfallenden Ernten und damit zu Hungersnöten führte; eine zu hohe Schwelle zerstörte Dämme und Häuser.
Der historisch höchste Wert der Nilschwemme lag in Assuan und Elephantine bei etwa 16 Ellen (8 Meter) über dem niedrigsten Stand des Nils im Juni. Auf dem Weg bis zum Nildelta verlor die Nilschwemme etwa zwei Ellen an Höhe. Die jährlichen Abweichungen der Nilschwemmenhöhe lagen durchschnittlich bei etwa drei bis vier Ellen (2 Meter). Sesostris I. entwarf das „geografische Modell des Nilometers“, um im Zusammenhang der Nilschwemme und den damit verbundenen Steuererhebungen verlässliche Angaben über alle Regionen im Alten Ägypten zu erhalten. Die an Nilometern gemessene Höhe der Nilflut war ein wichtiges Mittel zur Schätzung der Steuern, die die Bauern nach der drei bis vier Monate später eingebrachten Ernte abführen mussten. Bemessungsgrundlage war meist die Anbaufläche, die vom Wasser erreicht wurde. In guten Jahren, wenn der Wasserstand des Nils den Stand der „Fülle“ – der in Memphis bei etwa 16 Ellen lag, sich aber im Zeitverlauf durch Sedimentation des Nils änderte – erreichte, konnte der Pharao mit der vollen Steuereinnahme rechnen. Stand wegen niedriger Nilfluten weniger Anbaufläche zur Verfügung, konnte dies steuerlich berücksichtigt werden, zum Beispiel durch Stundung von Steuerschulden.
Mit der Flächenstaumethode wurde der Boden nicht übermäßig beansprucht, die Fruchtbarkeit wurde durch den jährlichen Eintrag von Schlamm aufrechterhalten. Es war deshalb nicht nötig, Land brach liegen zu lassen. Versalzung trat nicht auf; im Sommer lag der Grundwasserspiegel weit unter der Oberfläche, während der Flut wurden möglicherweise angesammelte Salze wieder ausgewaschen.
Man schätzt, dass im Alten Ägypten 2 bis maximal 12 Mio. Einwohner ernährt werden konnten. Zu der Zeit als Ägypten römische Provinz war und zur Versorgung des Imperiums mit Getreide beitrug, dürften 10.000 km² landwirtschaftliche Fläche bestellt worden sein. Nach der Spätantike verfielen die Methoden und die Anlagen langsam, während die Bevölkerung abnahm. Um 1800 hatte das Land nur noch etwa 2,5 Millionen Einwohner.
Mythologische Bedeutung Die Ägypter, denen die Herkunft der Nilschwemme aus Äthiopien und die klimatischen Zusammenhänge nicht bekannt waren, bezeichneten die Nilflut unter anderem als Hapi, da sie die Überschwemmung als göttlich verursachtes zusätzliches Wasser definierten, das auf dem Nil schwamm.
In der altägyptischen Geschichte hatte die Nilschwemme als Bestandteil der Mythologie mehrere Beinamen. Von der frühdynastischen Zeit bis zum Mittleren Reich fungierte die Göttin Sopdet als „Verkünderin der Nilflut“. Vom Mittleren bis zum Neuen Reich übernahm Sopdet die Rolle als „Mutter der Nilschwemme, die sie alljährlich neu gebiert“. Seit Ende des Neuen Reichs galt die Nilflut aufgrund ihres Auftretens im Sommer als „Schweiß des Urozeans“.
Herodots Datierung Den Beginn der Nilschwemme für das Delta setzte Herodot auf die Zeit der Sommersonnenwende – zu seiner Zeit im 5. Jahrhundert v. Chr. um den 22./23. Juni – und nennt als Dauer der Nilschwemme knapp 100 Tage.Herodot, Historien 2. Buch, 19 Das Ende der Überschwemmungszeit fiel nach Herodots Ausführungen in den Bereich um den 25. September.
mini|Jährlich überschwemmter Bereich am Nilufer bei Karima
Der Bericht von Herodot deckt sich mit den Angaben der Vermessungsurkunden, in denen die in der Landwirtschaft zu bewirtschaftenden Flächen festgelegt wurden. Die alljährlich neuen Vermessungen waren notwendig, da die alten Grenzmarkierungen bedingt durch die Nilschwemme nicht mehr auffindbar waren.
Die Nilschwemme kündigte sich um die Sommersonnenwende durch die Färbung des Nilwassers an, das durch das Mitführen der aus dem Weißen Nil stammenden Algen grün schimmerte. Die zumeist Mitte Juli einsetzende eigentliche Flutwelle mit der sich anschließenden beschleunigten Erhöhung des Wasserstandes konnten die Ägypter durch eine abermalige Verfärbung des Flusses im Voraus erkennen.
Durch die starken Regenfälle in Äthiopien löste sich der dortige Gebirgsschlamm und verlieh dem Nil die „rötliche Hathorfarbe“. Nach dem Erreichen der Höchstmarken zwischen Ende August und Anfang September sank der mitgeführte schwarze Nilschlamm auf den Feldern zu Boden.
Phasen der Nilschwemme mini|Sirius (A und B) vom Hubble-Weltraumteleskop.
Die Ägypter bezeichneten die Jahreszeit der Nilüberschwemmung als Achet. Sie umfasste vier Monate, beginnend mit dem ersten Anschwellen des Nils Anfang Juni und endend mit dem Absinken auf das Normalniveau Anfang Oktober. In die vier Monate war die Hochflutsaison eingebettet, die durchschnittlich mit dem beschleunigten Anschwellen des Nils Ende Juni/Anfang Juli startete. Der weitere Verlauf war von der Regenfallintensität in Äthiopien abhängig.
Die jährlichen Regenfälle setzen in Äthiopien etwa Mitte Mai ein. Die Niederschlagsmengen fließen hauptsächlich in die Flüsse Atbara und Blauer Nil. Der Atbara führt mehr als ein Fünftel der gesamten Wassermenge des Nils und mehr als 10 Millionen Tonnen dunkler Schwebstoffe pro Jahr mit sich, durch die er seinen Namen erhält, „Schwarzer Fluss“. Abhängig von der äthiopischen Regenfalldauer unterlag die altägyptische Hochflutsaison einer Schwankungsbreite von sechs bis zehn Wochen. Kurz verlaufende Nilschwemmen konnten bereits bis Mitte August ihr Maximum erreichen, während es ebenso normal war, dass erst Mitte September die höchsten Pegelstände eintraten.