Die japanische Rugby-Union-Nationalmannschaft (jap. , Ragubī Nihon Daihyō) ist die Nationalmannschaft Japans in der Sportart Rugby Union und repräsentiert das Land bei allen Länderspielen (Test Matches) der Männer. Sie gilt als beste Mannschaft Asiens und wird seit Mai 2020 von World Rugby zur ersten Stärkeklasse () gerechnet. Die organisatorische Verantwortung trägt die 1926 gegründete Japan Rugby Football Union (JRFU; , Nihon ragubī futtobōru kyōkai). Japan nahm bisher an allen Weltmeisterschaften teil und erreichte bei der Weltmeisterschaft 2019 im eigenen Land erstmals das Viertelfinale.
Der Rugbysport in Japan geht auf das Jahr 1866 zurück, als britische Seeleute ihn erstmals in den Vertragshäfen ausübten. 1899 entstanden die ersten Mannschaften an japanischen Universitäten und 1932 bestritt Japan sein erstes Test Match gegen Kanada. Das Team nimmt am jährlichen Pacific Nations Cup teil, bei dem es gegen Fidschi, Kanada, Samoa, Tonga und die Vereinigten Staaten antritt. Bis 2017 nahm Japan auch an der Asienmeisterschaft teil und gewann bei 25 Austragungen den Titel, bei weitem mehr als jede andere Mannschaft; nur fünfmal musste es Südkorea den Vortritt lassen. Bisher wurden zwei japanische Nationalspieler in die World Rugby Hall of Fame aufgenommen. Traditionell spielt Japan in rot-weiß gestreiften Trikots mit weißen Hosen und weißen Socken mit roten Streifen.
Organisation
Verantwortlich für die Organisation für Rugby Union in Japan ist die 1926 gegründete Japan Rugby Football Union (JRFU; , Nihon ragubī futtobōru kyōkai), die 1987 kurz vor der ersten Weltmeisterschaft Vollmitglied des International Rugby Football Board (IRFB; heute World Rugby) wurde. Die JRFU erhielt gleichzeitig einen Sitz im Ausführenden Rat des Weltverbandes.Bath: Complete Book of Rugby. S. 69. Die JRFU war im Jahr 1968 außerdem Gründungsmitglied der Asian Rugby Football Union (ARFU; heute Asia Rugby, AR).
Die Japan Rugby League One, an der 12 Profimannschaften teilnehmen, ist die höchste Rugbyliga Japans. Sie wurde 2003 zur Weiterentwicklung des japanischen Rugbysports gegründet. Ein Großteil der für die Nationalmannschaft antretenden Spieler speist sich seitdem aus dieser Liga. Von 2016 bis 2020 nahm mit den Sunwolves eine japanische Mannschaft an Super Rugby teil, der internationalen Rugbyliga der Südhemisphäre.
Neben der eigentlichen Nationalmannschaft ruft die JRFU weitere Auswahlmannschaften zusammen. Junior Japan bilden die zweite Mannschaft Japans. Sie nehmen seit 2013 an der World Rugby Pacific Challenge teil, zusammen mit den zweiten Mannschaften aus Fidschi, Samoa und Tonga. Hinzu kommen die Japan Sevens, die Nationalmannschaft für Siebener-Rugby. Wie andere Rugbynationen verfügt Japan über eine U-20-Nationalmannschaft, die an den entsprechenden Weltmeisterschaften teilnimmt. Kinder und Jugendliche werden bereits in der Schule an den Rugbysport herangeführt und je nach Interesse und Talent beginnt dann die Ausbildung.
Geschichte Einführung und Verbreitung von Rugby mini|Ein Rugbyspiel in Japan, Harper’s Magazine, 1874 Das früher in Japan weit verbreitete Ballspiel Kemari, das auf dem chinesischen Cuju basierte, hatte gewisse Ähnlichkeiten mit dem heutigen Fußball und in geringem Maße mit Rugby. Die erste Erwähnung geht auf das Jahr 644 zurück, also auf die Asuka-Zeit. Im 13. Jahrhundert etablierten sich standardisierte Regeln. Ziel des Spiels war es, einen Ball aus Hirschleder möglichst lange in der Luft zu halten, wobei die Spieler miteinander kooperierten.
Wie zahlreiche andere westliche Gewohnheiten gelangte auch der Rugbysport nach Japan, nachdem die Kanonenbootpolitik der Vereinigten Staaten und der europäischen Mächte 1854 die selbstauferlegte Isolation des Landes beendet hatte. Der erste Rugbyverein war der 1866 gegründete Yokohama Foot Ball Club. Die Regelkommission bestand aus Absolventen der Rugby School, des Radley College und des Winchester College. Hauptsächlich spielten die Besatzungen verschiedener in Yokohama vor Anker liegender Schiffe gegeneinander, wofür sie das Gelände der britischen Garnison im Stadtteil Yamate nutzten. Das erste offiziell aufgezeichnete Spiel fand 1874 statt. In anderen Vertragshäfen wie Kōbe fanden ebenfalls Rugbyspiele zwischen länger verweilenden ausländischen Bewohnern sowie besuchenden Seeleuten und Garnisonen statt, jedoch selten mit japanischer Beteiligung.Richards: A Game for Hooligans: The History of Rugby Union. S. 99.
mini|hochkant|Ginnosuke Tanaka, einer der Rugbypioniere Japans 1899 gilt als Jahr der ersten nachweisbaren Teilnahme von Japanern an Rugbyspielen. Der in Yokohama geborene Literaturprofessor Edward Bramwell Clarke stellte damals zusammen mit Ginnosuke Tanaka – beide Absolventen der University of Cambridge – die Sportart seinen Studenten an der Keiō-Universität vor, damit sie etwas Sinnvolles in ihrer Freizeit machten und nicht „durch Herumlungern das schöne Herbstwetter“ vergeudeten. Von Keiō aus verbreitete sich Rugby bald auf andere Universitäten, die bis heute zu den Hochburgen zählen. Das Wachstum von Rugby auf dem Höhepunkt der anglo-japanischen Allianz war rasant; in den 1920er Jahren gab es fast 1500 Rugbyvereine und mehr als 60.000 registrierte Spieler. Trotz dieser beeindruckenden Zahlen war das japanische Rugby vor allem aus geographischen Gründen weitgehend isoliert.Bath: Complete Book of Rugby. S. 70. Auch organisatorisch hinkte das Land der internationalen Entwicklung hinterher. So erfolgte die Gründung des nationalen Verbandes Japan Rugby Football Union (JRFU; , Nihon ragubī futtobōru kyōkai) erst am 30. November 1926. Allerdings erhielt er von Anfang an Unterstützung durch die Kaiserfamilie und insbesondere von Prinz Chichibu. Er setzte sich aktiv für die Verbreitung von Rugby ein und war von 1947 bis zu seinem Tod Ehrenpräsident der JRFU.Richards: A Game for Hooligans: The History of Rugby Union. S. 130.
Die ersten Jahre der Nationalmannschaft Vier Jahre nach ihrer Gründung stellte die JRFU die erste Nationalmannschaft zusammen, die im September 1930 mehrere Spiele gegen Vereine und Auswahlteams in der kanadischen Provinz British Columbia bestritt. Knapp anderthalb Jahre später stattete die kanadische Nationalmannschaft einen Gegenbesuch ab, als Teil einer von der kanadischen Regierung finanzierten Handelsdelegation. Am 31. Januar 1932 fand in Higashiōsaka das erste offizielle Test Match statt, das mit einem knappen 9:8-Sieg der Japaner endete. Elf Tage später setzten sich die Gastgeber in Tokio mit 38:5 durch. Die Kanadier führten ihre Niederlagen auf „übermäßige Unterhaltung, zu viele Spiele in einem kurzen Zeitraum und die inspirierte Spielweise der Japaner vor dem versammelten Hochadel“ zurück.Richards: A Game for Hooligans: The History of Rugby Union. S. 143. Für mehr als dreieinhalb Jahrzehnte sollten dies die einzigen Test Matches für Japan sein. 1934 und 1936 besuchten Auswahlteams australischer und neuseeländischer Universitäten das Land.
Nach dem Ausbruch des Pazifikkriegs nahm das faschistische Regime trotz der anhaltenden Unterstützung durch die Kaiserfamilie eine zunehmend feindselige Haltung gegenüber dem Rugby ein, da es als besonders fremd bzw. „unjapanisch“ galt. Als Folge davon wurde er in tokyu umbenannt, was mit „Kampfball“ übersetzt werden kann. Trotz der Entbehrungen des Krieges konnten Spiele bis 1943 ausgetragen werden, ehe die militärische Kontrolle der Spielfelder und der Mangel an verfügbaren Spielern ihren Tribut forderten. Der Rugbysport erholte sich in der Nachkriegszeit erstaunlich schnell, trotz massiver Schäden an der Infrastruktur und dem Tod vieler Spieler.Richards: A Game for Hooligans: The History of Rugby Union. S. 150. Ende 1945 ermutigte der Stahl- und Maschinenbaukonzern Kobe Steel seine Arbeiter, Rugby zu spielen und schuf damit einen Präzedenzfall für das große Engagement japanischer Unternehmen für den Rugbysport.
Der internationale Spielbetrieb setzte 1952 wieder ein, als bedeutende Universitätsmannschaften nach Japan zu reisen begannen, darunter die englischen Universitäten Oxford und Cambridge. Nationalteams anderer Länder scheuten den langen Reiseweg jedoch weiterhin, sodass sich die Japaner 1958 mit dem Besuch der Junior All Blacks (der B-Auswahl Neuseelands) begnügen mussten.Richards: A Game for Hooligans: The History of Rugby Union. S. 165. Dieses Muster setzte sich in den 1960er Jahren fort. Die erste Auslandtour der Japaner nach über drei Jahrzehnten Unterbrechung führte 1963 nach British Columbia. Der bedeutendste Erfolg jener fast rein universitär geprägten Ära war am 3. Juni 1968 ein 23:19-Auswärtssieg über die Junior All Blacks in Wellington, der auch in den britischen Medien für Aufsehen sorgte.
Führende Position in Asien Auf Initiative der JRFU kam es im Dezember 1968 in Bangkok zur Gründung des Kontinentalverbandes Asian Rugby Football Union (ARFU; heute Asia Rugby, AR); die anderen Gründungsmitglieder waren Hongkong, Malaysia, die Republik China, Singapur, Sri Lanka, Südkorea und Thailand. Eines der Gründungsziele des Kontinentalverbandes war die Förderung des Sports durch eine jährlich ausgetragene Asienmeisterschaft und dadurch freundschaftliche Beziehungen zwischen den Mitgliedsländern zu verstärken. Auch erhoffte man sich, durch ein kompetitiveres Umfeld die geographische Isolation in Bezug auf andere bedeutende Rugbynationen zu durchbrechen. Folglich waren die Japaner bereits im März des darauf folgenden Jahres Gastgeber der ersten Asienmeisterschaft. Mit Siegen in ihren ersten vier Test Matches seit 1932 sicherten sie sich überlegen den Titel. In den ersten sieben Austragungen bis 1980 blieben die Japaner unbesiegt und die vermehrten Auftritte auf internationaler Ebene führten zu einem größeren Interesse anderer Nationalmannschaften, gegen diese anzutreten (auch wenn die Spiele üblicherweise nicht als Test Matches zählten). So empfingen sie im September 1971 England zu zwei Partien und unterlagen jeweils nur knapp. Der einflussreiche Rugbyförderer Shigeru „Shiggy“ Konno gab zu, dass die geringere Körpergröße der Japaner ein Problem darstelle; andererseits sei dies auch ein Vorteil, denn es sei so „einfacher, den Ball aufzunehmen, im Gedränge tiefer runterzugehen und sich generell schneller zu bewegen. Darin liegt unsere Stärke, und die müssen wir ausspielen.“Richards: A Game for Hooligans: The History of Rugby Union. S. 204.
Im Herbst 1973 unternahmen die Japaner eine elf Spiele umfassende Tour durch Europa. Nach inoffiziellen Begegnungen mit Wales und der englischen U23 folgte am 27. Oktober 1973 in Bordeaux das erste Test Match gegen eine bedeutende europäische Mannschaft, bei dem die Japaner Frankreich mit 18:30 unterlagen. Im August 1975 fanden im Rahmen einer Australien-Tour die ersten beiden Spiele gegen die Wallabies statt, die ebenfalls als Test Matches zählten. Nicht diesen Status hatten die Begegnungen 1975 daheim gegen Wales sowie 1976 auswärts und 1977 zuhause gegen Schottland. Beinahe eine Sensation gelang den Japanern am 13. Mai 1979 in Higashiōsaka, als sie gegen England bis kurz vor Spielende in Führung lagen und sich schließlich knapp mit 19:21 geschlagen geben mussten. Die Nationalmannschaft hatte in den 1980er Jahren eine Schwächephase und musste sich ihre Spitzenposition in Asien vorübergehend streitig machen lassen. Bei den Asienmeisterschaften 1982, 1986, 1988 und 1990 verlor sie jeweils im Finale gegen Südkorea. Verschiedene Freundschaftsspiele ohne Test-Match-Status gegen alle Teams der damaligen Five Nations endeten allesamt mit Niederlagen. Allerdings konnten die Japaner in einigen dieser Begegnungen durchaus mithalten; so verloren sie am 22. Oktober 1983 in Cardiff gegen Wales relativ knapp mit 24:29. Vermehrt kam es auch zu transpazifischen Begegnungen: Im April 1982 spielte man nach 50 Jahren erstmals wieder gegen Kanada, drei Jahre später folgte die erste Partie gegen die Vereinigten Staaten.