mini|hochkant=1.5|Saint-Eutrope, von der Arena aus Die ehemalige Prioratskirche Saint-Eutrope liegt im Westen der Altstadt von Saintes, einer französischen Stadt im Département Charente-Maritime in der Region Nouvelle-Aquitaine, am linken Ufer des Flusses Charente und circa 95 km nördlich von Bordeaux. Sie ist eine romanische Pilgerkirche aus dem 11. teils auch 12. Jahrhundert, deren Schiffe im 19. Jahrhundert bis auf Reste der Südwand zerstört und abgetragen worden ist. Sein alles überragender Glockenturm wurde im 15. Jahrhundert im Flamboyantstil der Spätgotik über dem nördlichen Querhausarm errichtet. Die Kirche erhielt 1886 durch Papst Leo XIII. den Titel einer Basilica minor. Seit 1998 ist die Kirche als Teil des Weltkulturerbe der UNESCO „Jakobsweg in Frankreich“ ausgezeichnet.
Geschichte mini|hochkant|Heiliger Eutropius Der heilige Eutropius Über die geschichtliche Einordnung seines Lebens oder seines Bischofsamtes gibt es keine gesicherten Erkenntnisse. Selbst die verschiedenen Legenden über sein Wirken und seine Herkunft weichen stark voneinander ab.
Louis Audiat, ein Historiker aus der Saintonge, studierte im 19. Jahrhundert, ließ ihn aus Persien, vermutlich dem heutigen Iran, stammen und ein Zeitgenosse Christi sein. Er soll mit dem Schiff zusammen mit Martha und Maria Magdalena in Saintes-Maries-de-la-Mer in Südfrankreich gelandet sein. Audiat nennt aber noch drei andere Alternativen, mit denen er gereist sein könnte, und zwar mit dem heiligen Denis (französisch) = Dionysius (um 250), oder mit dem heiligen Martial (zweite Hälfte des 3. Jahrhunderts), oder mit Petrus (1. Jahrhundert), um Gallien und Rom zu christianisieren.
Nach einer anderen Legende stammte er aus Griechenland und wurde von Papst Clemens I. (Bischof von Rom 92–101) gesandt, um das Land der Santonen zu christianisieren.
Der Geschichtsschreiber Gregor von Tours (538–594) scheint dem richtigen Datum seines Bischofsamtes deutlich nahezukommen. Er nennt den Namen Eutrope in einer Liste der Bischöfe in Gallien unter Kaiser Decius (249–251). Danach könnte er nicht von Papst Clemens gesandt worden und auch kein Zeitgenosse Christi gewesen sein, wohl aber einer von Saint-Denis und Saint-Martial.
Die weiteren Geschehnisse sollen sich wie folgt zugetragen haben:
Nach Ankunft des Bischofs in Saintes hat er sich in die Armenviertel begeben und dort viele Menschen zum christlichen Glauben bekehrt, wie auch die Prinzessin Eustelle oder Estelle, die Tochter des römischen Gouverneurs, die im Alter von 13 Jahren getauft wurde. Ihr Vater verleugnete sie daraufhin. Sie lebte dann in der Nähe des Bischofs. Aber der Gouverneur konnte sich nicht mit der Vorstellung abfinden, dass seine Tochter einem Christen diente. Er bot 150 Livres (Pfund) etlichen Söldnern, die den Unruhestifter beseitigten sollten. Die Männer brachten einem Aufstand von 2000 Personen zusammen, die den Bischof steinigten. Ein Mann „erlöste“ ihn von den Qualen mit einem Hieb auf den Kopf des Missionars, und durchschlug seine Schädeldecke. Eustelle und seine Jünger begruben seinen Leichnam in der folgenden Nacht. Das Grab wurde zu einem Ort der Verehrung, und man sagt, es hätten sich dort Wunder ereignet. Estelle wurde auf Befehl ihres Vaters enthauptet, ihre Leiche wurde bei Eutropius begraben. Im Bereich der römischen Arena tritt auf deren Südseite, in halber Höhe der Stufen eine Ste.-Eustelle-Quelle aus dem Boden, an der Stelle sie geköpft worden sein soll.
Einige Jahrhunderte später, ließ Bischof Palladius den Sarkophag des Eutropius öffnen und fand die Spur des Hiebs in seinem Schädel.
Der Kult um Saint-Eutrope wurde von Gregor von Tours gegen Ende des 6. Jahrhunderts bezeugt. Seine Grabstätte wurde von Pilgern verehrt. Es entstand dort zu Beginn des Mittelalters eine Klostergemeinschaft.
Ab dem 11. Jahrhundert befanden sich die Reliquien des Heiligen im Wesentlichen in dem Sarkophag in der Krypta, sein Haupt wurde in einem Reliquiar in der Oberkirche aufbewahrt.
Das Priorat und die Pilgerkirche Saint Eutrope In den vorherigen Jahrhunderten waren der späteren Pilgerkirche über dem Grab des heiligen Eutropius bereits mehrere Kirchengebäude und Sanktuarien vorausgegangen. Bekannt ist eine Kirchengründung im 6. Jahrhundert. mini|hochkant=0.6|links|Jakobspilger, Darstellung von 1568 mini|hochkant|Jakobsgrab, Santiago-de-Compostela
Gegen Ende des 11. Jahrhunderts wurden Pilgerfahrten des Jakobswegs nach Santiago de Compostela immer populärer, auf ihren Stationen benötigten die Pilgerscharen große Pilgerkirchen. Saintes war Kreuzungspunkt mehrerer Pilgerrouten, die Via Turonensis, mit dem Ausgangspunkt Paris, war eine der vier Hauptrouten in Frankreich. Die vorhandenen Kirchen in Saintes konnten die vielen Pilger, die zum großen Teil in den Kirchen übernachteten, nicht mehr fassen.
So übertrug Guy-Geoffroy, Graf von Poitou und Herzog von Aquitanien, im Jahr 1081 das Heiligtum von Saint-Eutrope der großen Benediktinerabtei Cluny in Burgund in Erwartung sachkundiger Hilfe beim Bau einer großen Kirche. Die Cluniazenser waren eifrige Betreuer der Jakobspilger und hatten dadurch wesentlichen Anteil an der großen Bedeutung der Santiago-Wallfahrt. Von Cluny entsandte man eine Gemeinschaft von mehr als zwanzig Benediktiner-Mönchen nach Saintes, die die Erbauung der Kirche organisierten.
Sie begannen mit der Krypta und trieben die Bauarbeiten in nur 15 Jahren so zügig voran, dass Papst Urban II. 1096 die Weihe vollziehen konnte. Fertiggestellt waren der Umgangschor und die Krypta, ein funktionstüchtiger Bauabschnitt, der sich schon für die Besuche der Pilger nutzen ließ. Die Bauarbeiten zogen sich allerdings noch bis in die Anfänge des 12. Jahrhunderts. Parallel zum Bau der Kirche entstanden an der Südseite des Lang- und Querhauses die zu einem Benediktiner-Priorat gehörigen Konventsgebäude.
Mit ihrer neuen großen Pilgerkirche, einem der wichtigsten Baudenkmäler am Jakobsweg, gedieh das Priorat in der ersten Hälfte des 12. Jahrhunderts durch die Hunderttausende von Pilgern, die jedes Jahr nach Süden zogen. Es ist überliefert, dass die meisten Pilger für einige Tage in Saintes Rast machten, ehe sie sich auf den langen und anstrengenden Weg zum Westende Spaniens machten. Die Kirche mit ihren beiden großen Umgangschören und den Kapellen für die Präsentation zahlreicher Reliquien bot den vorbeiziehenden Pilgerprozessionen genügend Raum.
Die Streitigkeiten um Aquitanien zwischen England und Frankreich nach Mitte des 12. Jahrhunderts ließen die Pilgerbewegungen zurückgehen, die Kriege im 13. und 14. Jahrhundert brachten dramatische Einbrüche. Nach einer Urkunde vom Juni 1276 stiftete König Philipp III. in Erfüllung des Testamentes seines Onkels Alfons jährlich 60 Livres (Pfund) zur Verwendung der Kirche Saint-Eutrope. Im 14./15. Jahrhundert wurde die zentrale Umgangskapelle der Oberkirche entfernt und durch einen deutlich größeren Choranbau in spätgotischem Stil ersetzt. Damit hat man die Funktion des ursprünglichen Umgangschors aufgegeben. Der Chor wurde in den neuen östlichen Anbau eingerichtet, und aus dem bisherigen Chor, der nur für die Kleriker zugänglich war, entstand eine Verlängerung des Mittelschiffs.
Der prächtige spätgotische, 65 Meter hohe Glockenturm im Flamboyantstil wurde von 1478 bis 1496 an Stelle des nördlichen Querschiffarms errichtet, der dazu größtenteils abgebrochen werden musste. Dabei wurden einige der romanischen Kapitelle entfernt. Sie blieben aber erhalten und sind im Archäologischen Museum ausgestellt. Die Bauarbeiten am Turm wurden durch eine Spende von König Ludwig XI. (1423–1483) finanziert.
mini|hochkant|Der Sturm auf die Bastille am 14. Juli 1789 In der Französischen Revolution (1798) wurde der schmucklose Sarkophag mit der Aufschrift EUTROPIUS aus der Krypta entfernt und geschändet. Dabei sind wohl auch die Reliquien des Heiligen verschollen, was aber der Anziehungskraft seiner Grabstätte keinen Abbruch getan hat.
Im Jahr 1803 wurde bis auf Reste der Südwand fast das ganze Langhaus abgebrochen. Über die Ursachen und näheren Umstände geben die Quellen keine Auskunft. Vermutlich geschah dies infolge der erst fünf Jahre zurückliegenden Revolution. Die erste Welle der Säkularisation erfolgte zwischen 1802 und 1803, eine weitere unter der Herrschaft Napoleons, als die Auflösung von Klöstern und Kirchen und die Vereinnahmung von Kirchengut von staatlicher Seite aus betrieben wurde. So fielen die größten Teile des Langhauses und vermutlich auch sämtliche Prioratsgebäude der Spitzhacke zum Opfer und wurden als „Nationalgut“ zum Abbruch verkauft.
Der Boden des Schiffs lag etwa auf halber Höhe der Krypta. Das Niveau des heutigen Vorplatzes wurde auf die Höhe des Fußbodens der Oberkirche durch entsprechenden Auffüllungen angehoben. Vorher hat man die Öffnungen in der Querhauswand der Krypta zugemauert, und die breite Treppe, die vom Mittelschiff zur Unterkirche hinunterführte mit einer Betondecke abgedeckt. Als Ersatz für diesen ehemals großzügigen inneren Zugang hat man an der Nordwand des Turms eine Treppe mit Eingangstür geschaffen. Man gelangt heute nur durch diesen von außen zugänglichen Seiteneingang in die Krypta. Die beim Abbruch des Langhauses entstandene riesige Öffnung im mittleren Querhaus hat man im 19. Jahrhundert mit einer zeitgenössischen Fassade geschlossen. Der heutige befestigte Vorplatz ist ein Parkplatz, der die Würde des Denkmals beeinträchtigt.
Erst im Jahr 1842 konnte der Sarkophag restauriert und an seinem angestammten Platz im Chor der Unterkirche wieder aufgestellt werden.
Kirchengebäude mini|hochkant=1.8|Grundrissskizze Oberkirche u. ehem. Langhaus Abmessungen (ohne Vorlagen) zirka:
Bauteil ursprünglich heute Gesamtlänge 70,00 m 45,00 m Langhauslänge 33,50 m --- Langhausbreite 18,00 m --- Umgangschorlänge 27,50 m --- Umgangschorbreite 16,70 m --- Choranbaulänge --- 3,50 m Querhauslänge 35,30 m 39,30 m Querhausbreite 8,70 m 10,00 m (mit Turm) Turmhöhe --- 65,00 m Höhe romanischer Chor 10,00 m 10,00 m Höhe unter Vierungskuppel 14,00 m 14,00 m
Das äußere Erscheinungsbild Der Grundriss des cluniazensischen Kirchengebäudes ist heute etwas mehr als zur Hälfte erhalten. Es bestand im Wesentlichen aus einem basilikalen fünfjochigen Langhaus, einem Umgangschor, in fast gleicher Grundrissdimension wie das Langhaus, mit drei Umgangskapellen und einem weit über die Langhauswände hinausreichenden Querhaus, mit einer kuppelüberwölbten Vierung und zwei Querhauskapellen. Wahrscheinlich gab es auch einen Glockenturm über der Vierungskuppel. Der Umgangschor inklusive seiner Kapellen, wie auch das Querhaus mit seinen Kapellen waren in gleichen Grundrissdimensionen mit einer Krypta unterkellert, aber in deutlich geringeren Geschosshöhen. Der nördliche Querhausarm hatte die gleiche Form, wie der südliche, inklusive seiner Kapelle.
Das ehemalige Langhaus mini|hochkant|Reste der Südwand innenseitig, 1. u. 2. Joch Das basilikale Langhaus besaß einen Aufriss mit gestuften schwach geneigten Dächern und fensterlosen Scheidewänden, in Form und Höhenlage des heutigen Umgangschors. Die äußeren Wände der Seitenschiffe wiesen dieselbe Höhe auf wie die Außenwände der Chorumgänge, einschließlich etwa der halben Höhe der Krypta. Die Gestaltung der Wandgliederungen entsprach weitgehend der des Umgangschors, die Joche waren jedoch doppelt so breit. Außerdem fehlten wahrscheinlich dort die Untergadenfenster, die beim Umgangschor die Umgänge der Krypta belichten. Von der Außenwand des südlichen Seitenschiffs stehen heute noch Reste, deren untere Bereiche von der Platzauffüllung verschüttet sind. Vom ersten und kleinsten Joch reicht die Wand noch bis über das Fenster, das heute einen Raum des dahinter befindlichen Anbaus belichtet. Auch die übrigen niedrigeren Teile der Wand wurden außenseitig mit Anbauten versehen. Im Bereich des zweiten Jochs gab er eine Tür zu den ehemaligen Gebäuden des Klosters.