Der Chinesische Flussdelfin (Lipotes vexillifer), auch als Jangtse-Flussdelfin oder Baiji () bekannt, ist ein ausschließlich im mittleren und unteren Einzugsgebiet des Jangtsekiang beheimateter Flussdelfin. Er gilt seit den 1980er Jahren als eines der seltensten Säugetiere der Welt und wird seit 2007 als vermutlich ausgestorben betrachtet. Die letzte gesicherte Sichtung fand im Jahr 2002 statt. Bei umfassenden Untersuchungen in den folgenden Jahren konnten keine Hinweise mehr auf das Vorkommen der Art im Flussgebiet gefunden werden, sporadische jüngere Sichtungen konnten nicht wissenschaftlich bestätigt werden. Damit handelt es sich um das erste Aussterben eines großen Säugetiers seit dem Verschwinden der Karibischen Mönchsrobbe im Jahr 1952 und die erste Walart, die durch den Einfluss des Menschen ausgestorben wäre.

Der Chinesische Flussdelfin erreicht eine Länge von bis zu 2,50 Metern und ein Gewicht von bis zu 160 Kilogramm, wobei Weibchen oft größer sind als die Männchen. Er ist an das Leben im trüben Flusswasser angepasst, mit einer langen, schmalen Schnauze und einer kleinen Rückenfinne sowie breiten Flippern, die ihn von Meeressäugern unterscheiden. Historisch lebte er auf einer etwa 1700 Kilometer langen Strecke des Jangtsekiang und bevorzugte Bereiche in der Nähe von Sandbänken und Inseln. Sein Bestand nahm im 20. Jahrhundert infolge menschlicher Einflüsse durch Umweltverschmutzung, intensivem Schiffsverkehr, Überfischung, Elektrofischerei und dem Bau großer Staudämme wie der Drei-Schluchten-Talsperre rapide ab und trotz Schutzbemühungen konnte das Aussterben nicht aufgehalten werden.

Merkmale Allgemeine Merkmale mini|Größenvergleich zum Menschen Der Chinesische Flussdelfin entspricht in Größe und Gewicht anderen Flussdelfinen. Die Tiere besitzen einen Sexualdimorphismus, wobei die Männchen mit einer maximalen Größe von etwa 2,30 Metern und einem Gewicht von 125 Kilogramm etwas kleiner als die Weibchen bleiben, die bis über 2,50 Meter lang und bis zu 160 Kilogramm schwer werden. Bei den Weibchen sind zudem die Schädel und vor allem die Kiefer größer und kräftiger ausgebildet.

Die Tiere sind oberseits blassgrau bis bläulich und unterseits weiß gefärbt. Die helle Bauchfärbung reicht im Wangenbereich und an der Schwanzwurzel weit nach oben. Auch die Fluken und die Flipper tragen oberseits eine graue und unterseits eine weiße Färbung. Sie haben eine kleine dreieckige Rückenfinne mit abgestumpfter Spitze. Die Flipper sind breit, abgerundet und paddelartig ausgebildet und unterscheiden sich darin von den eher schmalen und spitz zulaufenden Flippern meereslebender Delfine.

Die fast schnabelartige Schnauze ist deutlich vom Kopf abgesetzt und zur Spitze leicht aufwärts gebogen. Der Kopf besitzt auf der Oberseite eine große und gerundete, fettgefüllte Melone, die eine wichtige Funktion als Schallempfänger für die Echolokation der Tiere hat. Am höchsten Punkt des Kopfes befindet sich ein oval geformtes Blasloch, das gegenüber der Mittellinie leicht nach links verschoben ist. Im Vergleich zu denen meereslebender Delfine befinden sich beim Chinesischen Flussdelfin die Augen etwas höher am Kopf und sie sind deutlich kleiner ausgebildet. Aufgrund des Lebens im trüben Wasser spielen sie für die Tiere eine untergeordnete Rolle, anders als bei den Gangesdelfinen (Platanista) besitzen die Augen allerdings eine funktionierende Linse und sind entsprechend voll funktionsfähig.

Schädel und Skelett

Der Schädel hat mit den langgezogenen Kiefern eine Länge von etwa 25 bis 32 % der Körperlänge. Im Vergleich zu dem der Amazonas-Flussdelfine unterscheidet sich der Schädel des Chinesischen Flussdelfins vor allem durch eine nach oben gebogene Schnauzenregion. Das vordere, proximale, Ende des Zwischenkieferknochens ist dünn und plattenförmig und bildet keinen erhöhten vorderen Rand zum freien Teil der Nasenöffnung. Am vorderen Rand des Blaslochs befindet sich ein Paar einzelner Knochen, die wahrscheinlich das Öffnen und Schließen unterstützen. Die Schnauze selbst ist sehr schmal und vom Schädel abgesetzt, sie hat pro Kieferhälfte sowohl im Ober- wie im Unterkiefer zwischen 31 und 36 gleichartig geformte, kegelförmige Zähne. Wie bei anderen Zahnwalen gibt es also keine unterschiedlichen Zahntypen und alle Zähne sind so angeordnet, dass sie leicht nach innen weisen, um Beutetiere im Wasser zu ergreifen und festzuhalten. Anders als bei den südamerikanischen Arten sind die Zahnwurzeln allerdings nicht verdickt.

Das Körperskelett entspricht weitgehend dem der Delfine. Wie bei anderen Süßwasserdelfinen sind die sieben Halswirbel nicht miteinander verwachsen, wodurch der Hals und der Nacken im Vergleich zu den meereslebenden Arten sehr beweglich sind. Es folgen 10 Brustwirbel, sieben bis acht Lendenwirbel und 19 bis 20 Schwanzwirbel mit zwölf verbindenden Chevronknochen. Die ersten sechs Rippen sind am oberen und am vorderen Rand verbunden.

Das Handskelett des Chinesischen Flussdelfins unterscheidet sich zudem von dem anderer Delfine einschließlich der Flussdelfine durch einen zusätzlichen kleinen Knochen am Ende der Ulna zwischen dem Erbsenbein und dem fünften Mittelhandknochen.

Weichteilanatomie Die Blutversorgung der Unterhautregionen erfolgt wie bei anderen Walen durch ein enges Netz von kleinen kapillaren Venen und Arterien, die zusammen mit stark verästelten Nerven ein Netz vor allem im Brust- und Bauchraum, am Rücken entlang der Wirbelsäule und im Unterleib bilden. Gemeinsam mit Bündeln von Blutgefäßen mit einer zentralen Arterie und jeweils fünf bis sieben Venen, die in die Brust- und Schwanzflossen ragen und einen Wärmeaustausch ermöglichen, stellt dieses Blutgefäßsystem einen zentralen Teil der Thermoregulation für die Tiere dar. Der Blubber, die Fettschicht unter der Haut, hatte beim Typusexemplar eine Dicke von etwa 38 Millimeter am gesamten Körper.

Der Chinesische Flussdelfin ist die einzige Art der Wale, die keinen Vormagen besitzt, in der Nahrung vor der Verdauung vorbereitet und gelagert wird. Zudem besitzen die Männchen bei dieser Art als einzige Walart einen kurzen und direkten, nicht aufgerollten Samenleiter (Ductus deferens), der in den flach angelegten Penis mündet.

Das Gehirn des Chinesischen Flussdelfins erreicht ein Gewicht von bis zu etwa 590 Gramm, was etwa der Hälfte des Gehirngewichts eines vergleichbar großen Meeresdelfins entspricht. Der vierte Hirnnerv, der bei anderen Tieren den äußeren Augenmuskel steuernde Nervus trochlearis, fehlt den Tieren, und die weiteren für die Augenmuskulatur zuständigen Nerven sind nur rudimentär ausgebildet. Die Gesichtsnerven (Nervus facialis) und die Hör- und Gleichgewichtsnerven (Nervus vestibulocochlearis) sind dagegen sehr gut ausgebildet.

Genetik und Molekularbiologie Der Karyotyp des Chinesischen Flussdelfins besteht aus 2n=44 Chromosomen, also 22 Chromosomenpaaren. Zwei dieser Chromosomen sind Geschlechtschromosomen X und Y, der Rest Autosomen. Von diesen sind 12 mit einem etwa mittig liegenden Centromer (metazentrisch), 18 mit einem gegen die Mitte leicht verschobenen Centromer (submetazentrisch), vier mit einem deutlich Richtung Ende verschobenen Centromer (subtelozentrisch) und acht mit einem ganz am Ende liegenden Centromer und praktisch nur einem langen Chromosomenarm (telozentrisch). Das größte Autosom gehört dabei zu den subtelozentrischen Chromosomen, das kürzeste zu den telozentrischen. Zudem ist das X-Chromosom das größte der metazentrischen und das Y-Chromosom das kleinste der telozentrischen Chromosomen. Das Heterochromatin bildet deutlich erkennbare Blöcke (C-Bänderung) entlang der Chromosomenarme, die Bereiche direkt an der Centromer-Region sind nur schwach gefärbt. In der gemessenen Leukozyten macht das C-band-sichtbare Heterochromatin ungefähr 12 Prozent der gesamten Chromosomen-DNA aus.

Bei Untersuchungen des Genoms mehrerer Individuen wurde eine sehr geringe genetische Vielfalt anhand der heterozygoten Einzelnukleotid-Varianten (SNPs) festgestellt, die deutlich niedriger war als bei allen anderen bisher untersuchten Säugetier-Genomen. Dies wurde zum einen auf die zum Zeitpunkt der Probennahme bereits stark zurückgegangenen Bestände und auf einen starken genetischen Flaschenhals mit drastischer Verkleinerung der Population gegen Ende der letzten Eiszeit zurückgeführt. Die Genomgröße wurde auf der Grundlage der Häufigkeitsverteilung von 17-Basen-Oligonukleotiden in den nutzbaren Sequenzierungsproben auf 2,8 Gigabasen (Gb) geschätzt, was etwa vergleichbar ist mit der Genomgröße einer Kuh oder eines Pferdes. Etwa 43 % des Genoms des Chinesischen Flussdelfins bestehen aus sich wiederholenden DNA-Abschnitten, die von Transposons stammen, die Gesamtzahl der Gene wurde auf 22.168 geschätzt, von denen über 98 % eine erkennbare Ähnlichkeit zu bekannten Genen in fünf häufig verwendeten Gendatenbanken haben und somit zu bekannten Säugetiergenen homolog sind.

Verbreitung mini|Verbreitung des Chinesischen Flussdelfins im Flusssystem des Jangtsekiang Der Chinesische Flussdelfin ist eine endemische Art im mittleren und unteren Einzugsgebiet des Jangtsekiang. Ursprünglich glaubte man, dass der Chinesische Flussdelfin auf den Dongting-See beschränkt sei, ehe man in den 1970er Jahren erkannte, dass er auf einer Länge von 1600 Kilometern von der Mündung des Jangtsekiang aufwärts bis etwa auf die Höhe von Yichang auftritt. Nach einer großen Flut im Jahr 1955 wurden einige Exemplare im Qiantang, unmittelbar südlich des Jangtsekiang, gesichtet, die jedoch nach dem Bau eines Wasserkraftwerks im Jahr 1957 wieder verschwanden. Im Dongting- und auch im Poyang-See verschwanden die Tiere in den 1990er Jahren und ihre Verbreitungsgrenze flussaufwärts im Jangtsekiang verschob sich von der Drei-Schluchten-Region etwa 35 km oberhalb des Gezhouba-Staudamms in der Nähe von Yichang in den 1940er Jahren auf etwa 170 km unterhalb des Staudamms in der Nähe von Jingzhou in den 1990er Jahren. Die ursprüngliche Verbreitung reichte sogar flussabwärts bis an die Flussmündung bei Shanghai; bei Untersuchungen in den Jahren 1997 bis 1999 wurden jedoch keine Delfine unterhalb von Jiangyin gefunden, das 256 Kilometer flussaufwärts von der Mündung liegt. Ende der 1990er Jahre wurden die Tiere hauptsächlich in mehreren Abschnitten des Jangtsekiang zwischen Tongling und dem Dongting-See gefunden, vor allem bei Tongling, im Mündungsgebiet des Poyang-Sees und im Bereich von Honghu.

Lebensweise Über die Lebensweise des Chinesischen Flussdelfins ist wenig bekannt. Er lebt als Einzelgänger, früher war er allerdings eher in Paaren oder Kleingruppen von drei bis sechs Tieren anzutreffen und gelegentlich wurden auch Gruppen bis zu zehn Tieren gesichtet. Die meiste Zeit hält sich der Flussdelfin knapp unter der Wasseroberfläche auf. Beim Auftauchen kommt zuerst der Kopf zum Vorschein, und das Tier taucht mit einer buckelförmigen Krümmung wieder ab. Die Fluke taucht dabei nicht auf.