mini|Oliver Grau (2011) Oliver Grau (* 24. Oktober 1965) ist ein deutscher Kunsthistoriker und Medientheoretiker mit Schwerpunkt im Bereich Bildwissenschaft/Visuelle Kommunikation, in der Moderne und Medienkunst sowie in der Kultur des 19. Jahrhunderts und der italienischen Kunst der Renaissance. Er ist Gründer und Direktor des Archive for Digital Art (1998) und Leiter der Society for MediaArtHistories und ihrer biennalen Konferenzserie (seit 2004).

Leben Oliver Grau ist Sohn des Physikers Lothar Grau und der Graphikerin Doris Grau. Nach Studium der Kunstgeschichte, Wirtschaftswissenschaften und Romanistik in Hamburg, Siena und London, dem Magister 1994 u. a. bei Martin Warnke und Promotion 1999 in Berlin bei Horst Bredekamp und Friedrich Kittler lehrte und forschte Grau am Kunsthistorischen Seminar der Humboldt-Universität zu Berlin, verbrachte Gastaufenthalte an Forschungseinrichtungen in Japan und USA und war nach der Habilitation 2004 an der Kunstuniversität Linz als Gast- und Vertretungsprofessor an internationalen Universitäten tätig. Zeitgleich schrieb er für Wochenzeitungen, wie Die Zeit. Von 2005 bis 2022 war er Inhaber des ersten Lehrstuhls für Bildwissenschaften im deutschen Sprachraum am von ihm geleiteten Department für Bildwissenschaften der Donau-Universität Krems. Rufe an die Universität Bamberg (2002), Universität Siegen (2005) und internationale Universitäten (City University Hong Kong u. a.) wurden nicht angenommen.

Forschung Seine Forschungsschwerpunkte konzentrieren sich auf die Geschichte von Medienkunst, Immersion und Emotionen, die Bildtheorie sowie auf die Geschichte, Idee und Kultur „belebter“ und telematischer Bilder, bzw. Telepräsenz, sowie auf die Entwicklung der Digital Humanities durch bildwissenschaftliche Arbeitsinstrumente, wie Online-Bild- und -Videodatenbanken.

Immersion Die Monographie Virtual Art: From Illusion to Immersion enthält eine historisch vergleichende Bild-Betrachter-Theorie der Immersion sowie eine systematische Analyse der Trias von Künstler, Werk und Betrachter unter den Bedingungen digitaler Kunst. Grau entwickelt ein Erklärungsmodell für die Evolutionsgeschichte der Illusionsmedien: Diese resultiere aus der relativen Abhängigkeit neuer sensueller Suggestionspotentiale und den diesen gegenüberstehenden Distanzierungskräften, der Medienkompetenz ihrer Betrachter.Grau 2000 Zugleich untersuchte Grau interdisziplinär Methoden, den Immersionseindruck der Betrachter in digitalen Bildräumen hervorzurufen, bzw. zu steigern: Dieses geschehe insbesondere durch die Interaktion (Reaktion der Bilder in Echtzeit auf die Benutzerbewegung),Grau 1999–2007 die Verwendung evolutionärer Bildprozesse – etwa durch genetische Algorithmen,Grau 1997 und 2001 haptisches Feedback, die natürliche Gestaltung des Interface,Grau 2002 den Eindruck telematischer PräsenzGrau 2000 und insbesondere durch die umfassende Gestaltung des Bilddisplays, das zumindest das Gesichtsfeld der Betrachter ausfülle und bis zu 360° horizontal und vertikal gesteigert werde.Grau 2001 und 2003 Hergebrachte monomediale Ansätze der Illusionsforschung wurden mit diesen Studien zu überwinden versucht und stattdessen Begriffe wie Polysensualität, Suggestionspotential, Bildraum, individuelle Disposition der Betrachter, Evolution der visuellen Medien eingeführt und bestehende Distanztheorien von Cassirer, Panofsky u. a. für digitale Bildräume erweitert. Ferner wurden Untersuchungen zur Verbindung von Architektur und immersiven Bewegtbildern vorgelegt,Grau 2003 u. a. sowie zur Immersion in der Geschichte des Films.Grau 2006 und 2007 Die Mehrzahl der Publikationen zur Immersion gehen auf zwei mehrjährige Forschungsprojekte der Deutschen Forschungsgemeinschaft zurück (Kunstgeschichte und Medientheorien der Virtuellen Realität 1998–2002 sowie Immersive Kunst 2002–2005).

Emotionsforschung Aus mehreren Forschungsprojekten an der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften und der Leopoldina und zwei durch die Volkswagenstiftung geförderten Sommerakademien ging eine interdisziplinäre Studie zur Geschichte der Lenkung von Gefühlen durch Bild und Sound hervor.Grau 2005 Die Forschungen von Antonio Damasio, Joseph LeDoux und Wolf Singer erweiternd, wurde am Beispiel von Matthias Grünwalds Isenheimer Altar, Leni Riefenstahls Triumph des Willens und dem Computer Game America’s Army die gemeinschaftsformende Wirkung emotionaler Bilderlebnisse nachgewiesen und damit ein problematischer Schlüsselbegriff der Bildwissenschaften erforscht.

Medienkunstgeschichte Seit 2002 brachte Grau die interdisziplinäre Medienkunstforschung und ihre Geschichte(n) als in einer internationalen und interdisziplinären Konferenzserie zusammen. Einer etwa einjährigen Wissenschaftsrecherche von Grau und Wendy Coones folgte die Vorstellung und Diskussion des Konzepts im Rahmen eines von Grau geleiteten DFG-geförderten Planungstreffens mit einer Auswahl eingeladener internationaler Experten im Wissenschaftszentrum Villa Vigoni 2004.Grau 2007 Forschungskonzept und Mission führten 2005 unter der Leitung von Grau zum ersten Kongress zur Medienkunstgeschichte in Banff (Kanada) mit 500 Teilnehmern. Durch die Weltkonferenzen in Berlin (2007), Melbourne (2009), Liverpool (2011), Riga (2013), Montreal (2015), 2017 Krems/Wien (2017), Aalborg (2019), Venedig (2023), Manizales/Bogota (2025), die bislang über 1000 Vorträge verzeichnen, konnte Grau als Gründungsdirektor und Chair mit den Mitgliedern des schrittweise entstehenden Boards das internationale Feld etablieren, das sich insbesondere aus Kunst-, Medien-, Film-, Technik- und Wissenschaftsgeschichte speist sowie Digital Humanities, Soundstudies, Anthropologie und Philosophie einbezieht.vgl. das Online-Textarchiv mediaarthistory.org

Digital Humanities Grau konzipierte bildwissenschaftliche Arbeitsinstrumente für die Geisteswissenschaften/Digital Humanities. Er leitete an der Humboldt-Universität das von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) geförderte Projekt „Immersive Kunst“, dass digitale Kunst aus Kunstgeschichte und digitaler Gegenwart erforschte. Seit 1998 konzipierte und leitet er auch das Archive of Digital Art (ADA; zuvor Database of Virtual Art), das erste internationale Archiv für Digitale Kunst und mit über 3000 besprochenen Werken zugleich unter den größten Online-Archiven, das heute von der Society for MediaArtHistories in Wien und Berlin gehostet wird.Oliver Grau: The Database of Virtual Art, in: Leonardo, Bd. 33, No. 4, 2000, S. 320 Als erstes Onlinearchiv streamte die Database of Virtual Art (DVA / ADA) seit 2000 regelmäßig Videodokumentationen. ADA wurde mit personengebundener Förderung durch den FWF seit 2013 zum ersten web 2.0 Onlinearchiv der Kunstgeschichte weiterentwickelt. Zudem entwickelte Grau auf der Basis des Getty AAT und des Warburg Index einerseits und den Schlagwörtern der Medienkunstfestivals und Literatur einen Brückenthesaurus, der erstmals Medienkunst mit ihren kunsthistorischen Vorläufern verbindet. Seit 2020 wird ADA durch Förderung des österr. Bundesministeriums von 1,2 Mio. Euro zur Forschungs- und Lehrplattform für Hochschulen erweitert. Von 2005 bis 2022 war Grau zudem Leiter der Datenbank der Graphischen Sammlung Göttweig, Österreichs größter privater graphischen Sammlung, die 32.000 Werke von Albrecht Dürer bis Gustav Klimt umfasst. Bereits seit 2007 wurden in Kooperation mit Martin Gregor Lechner regelmäßig Virtuelle Ausstellungen online publiziert: Unter Deinen Schutz: Das Marienbild in Göttweig (2007), Venezianische Veduten (2008), Lieben und Leiden der Götter: Antikenrezeption in der Druckgraphik (2009), Barocke Bilder-Eytelkeit: Personifikation, Allegorie und Symbol (2010), Das Barocke Thesenblatt (2011), Theorie der Architektur (2011), Künstlerporträts (2012), Das Geistliche Porträt (2013).

Lehrtätigkeit Grau entwickelte als Departmentleiter mit seinen Teams internationale Curricula für die Bildwissenschaften: das MA-Programm MediaArtHistory, die Akademischen Experten Programme Digitales Sammlungsmanagement und Ausstellungsdesign, Visuelle Kompetenzen CP sowie die Masterprogramme Bildwissenschaften, Crossmedia und Data Studies, ferner entstand bereits 2006 mit den Danube Telelectures ein neues interaktives Vortrags- und Debattenformat, das international gestreamt wurde. 2014 startete gemeinsam mit den Universitäten von Aalborg, Łódź und der City Universität Hong Kong (seit 2019 Lassale Art School, Singapore) den von ihm geleiteten Erasmus Exzellenz Joint Master in MediaArtCultures, der von der EU mit insgesamt 5,5 Mio. Euro unterstützt wird.

Auszeichnungen und Beiratstätigkeit 2026 Member of CIFRA Artistic Vision Council 2023 Distinguished Fellow Baptist University Hong Kong 2019 Wissenschaftspreis des Landes Niederösterreich 2016 Ehrensymposium zur Forschung von Oliver Grau an der Open University, Israel 2015 Wahl in die Academia EuropaeaEintrag auf der Internetseite der Academia Europaea 2014 Ehrendoktorwürde Universität OradeaKunsthistoriker Oliver Grau erhält Ehrendoktorwürde. Pressemitteilung vom 20. Mai 2014 beim Informationsdienst Wissenschaft (idw-online.de) 2011 Nobelpreisträgervortragszyklus POSTECH, Korea, Eröffnungsvortrag 2010 Vortrag auf dem G20-Gipfel, Seoul 2008 Eingeladener Vortrag im Olympischen Kulturprogramm Beijing 2004 Medienpreis der Humboldt-Universitätsgesellschaft 2003 Fellow am Deutsch-Italienischen Zentrum für Exzellenz Villa Vigoni 2003 Book of the Month, Scientific American 2002 InterNationes/Goethe-Institut 2001 Wahl in die Junge Akademie der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften und der Leopoldina

Grau fungiert als Herausgeber und Boardmitglied folgender wissenschaftlicher Zeitschriften und Einrichtungen: International Journal of Media & Cultural Politics (UK); Rundbrief Fotografie (GER); IJArt Journal (UK); EKFRASE: Nordisk Tidsskrift for Visuell Kultur (N); International Journal of Art and Technology (UK); SECOND NATURE: International Journal of Creative Media (AUS); IMAGES, Journal for Visual Studies in Southeast Europe; JUNCTURES The Journal for Thematic Dialogue (NZ); Jordan Journal of the Arts (JOR); Revista de Estudios Globales y Arte Contemporaneo (ESP); MediaArtHistories Conference Series Board/Steering Committee (seit 2004); Interdisciplinary Research Center Humanities/Art/Technology, Adam Mickiewicz University, Poznań (POL); St. Petersburg Branch of the Russian Institute for Cultural Research, Machina Media (RUS).

Schriften (Auswahl) Monographien Virtuelle Kunst in Geschichte und Gegenwart: Visuelle Strategien. Reimer, Berlin 2001. (Rezension in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung von Barbara Basting: Schachmatt durch die Simulatorkrankheit: Eine Schlüsselstudie: Oliver Graus kunsthistorische Erschließung der neuen virtuellen Räume. Nov. 19, 2001, S. 48.) stark erweiterte und überarbeitete englische Ausgabe: Virtual Art. From Illusion to Immersion. MIT-Press, Cambridge/Mass. 2003, ISBN 978-0-262-07241-0. Rezension von Alison Abbott in Nature 427, page 17 (2004): Art that draws you in (Chinesisch 2006, Serbisch 2008, Portugiesisch 2009). On the Visual Power of Digital Arts. For a New Archive and Museum Infrastructure in the 21st Century. Editiones de la Universidad de Castilla-La Mancha, 2016. Эмоции и иммерсия: ключевые элементы визуальных исследований / Пер. с нем. А. М. Гайсина, EDIOS Publishing House, St. Petersburg 2013. Bildwerdung. Habilitationsschrift. Kunstuniversität, Linz 2004. Die Sehnsucht, im Bild zu sein. Zur Kunstgeschichte der virtuellen Realität. Dissertation. Humboldt-Universität zu Berlin 1999.

Herausgeberschaft