mini|Der Misanthrop wird von der Welt beraubt, Pieter Brueghel dem Älteren (Tempera magra auf Leinwand, 86 × 85 cm, um 1568) – einem ältere Mann in Schwarz mit Kapuze, der so in Gedanken versunken ist, dass er weder wie die Welt (im Globus Cruciger) hinter sich bemerkt, die seinen Beutel abschneidet, noch die vierzackigen Fußangeln vor sich – Bildunterschrift auf Altflämisch: Weil die Welt so tückisch ist / Darum gehe ich in Trauer. Misanthropie (von „hassen, ablehnen“ und „Mensch“), Menschenhass oder Menschenfeindlichkeit ist die Weltanschauung einer Person, die Menschen hasst oder deren Nähe ablehnt. Aus dem gleichbedeutenden französischen misanthrope (daher zunächst in französischer Schreibweise), das durch Molières Komödie (1666) bekannt wird. Eine Entlehnung (Rabelais, 1552), gebildet als Antonym zu ‘menschenfreundlich, gütig, Menschenfreund’, woraus Philanthrop ‘Menschenfreund, Wohltäter’ (18. Jh.), französisch philanthrope (14. Jh.) entstand. Die griech.-lat. Form Misanthropus ist vereinzelt bereits im 16. Jh. im Deutschen belegt.
Begriffliche Abgrenzung Misanthropie charakterisiert eine Geisteshaltung, keine Handlungsweise. Ein Misanthrop muss weder gewalttätig, aggressiv noch arrogant sein, altruistisches Handeln ist bei ihm nicht ausgeschlossen. Bei extremen Fällen von Abscheu dem Menschen gegenüber sondert sich der Misanthrop ab und führt ein Einsiedlerdasein. Diese selbst gewählte Isolation ist von pathologischer Menschenscheu zu unterscheiden, bei der trotz des Wunsches danach keine Nähe zur umgebenden menschlichen Gemeinschaft erreicht werden kann.
Philosophie Immanuel Kant verurteilte in seiner Allgemeinen Anmerkung zur Exposition der ästhetischen reflektierenden Urteile die Misanthropie:
Arthur Schopenhauer äußerte sich häufiger in misanthropischer Weise, etwa im Stachelschwein-Gleichnis:
Kunst mini|Das Gefängnisgebäude am Rathaus und Gerichtsgebäude, Martinus Rørbye (Öl auf Leinwand, 63 × 47,5 cm, aus dem Jahr 1831), Gemälde des dänischen Künstlers Martinus Rørbye, das in die Epoche des Goldenen Zeitalters fällt, zeigt Menschen, die im rückwärtigen Bereich des Kopenhagener Nytorv, im Vordergrund einen in einem Mantel gehüllten Mann, der – selbst am helllichten Tag – eine Laterne trägt: den Misanthropen In der Literatur wurde Misanthropie unter anderem von den Dramatikern Menandros (Dyskolos, deutsch Der Griesgram oder Der Menschenfeind), Shakespeare (Timon of Athens, deutsch Timon von Athen), Molière (Le Misanthrope, deutsch Der Menschenfeind) und Schiller (Der versöhnte Menschenfeind) behandelt, ebenso etwa von dem Satiriker Lukian von Samosata (Timon). Auch die ersten Romane Thomas Bernhards, vor allem Frost und Verstörung, sind in ihren Grundzügen und Betrachtungen der Umwelt tief misanthropisch. Der norwegische Autor Matias Faldbakken veröffentlichte mit seinen Werken Cocka Hola Company, Macht und Rebel und Unfun seine Skandinavische Misantrophie-Trilogie.
Literatur Übersichtsdarstellungen René Bloch: Misanthropia. In: Reallexikon für Antike und Christentum. Band 24, Hiersemann, Stuttgart 2012, ISBN 978-3-7772-1222-7, Sp. 828–845 Hanns Huning: Misanthropie. In: Historisches Wörterbuch der Philosophie. Band 5, Schwabe, Basel 1980, Sp. 1402–1408
Untersuchungen Karim Akerma: Verebben der Menschheit? Neganthropie und Anthropodizee. Alber, Freiburg im Breisgau/München 2000, ISBN 978-3495479124. Matt Cartmill: Das Bambi-Syndrom. Jagdleidenschaft und Misanthropie in der Kulturgeschichte. Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 1995, ISBN 3-499-55566-2. Friedrich-Karl Praetorius: Reisebuch für den Menschenfeind. Die Freuden der Misanthropie. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1993, ISBN 3-518-38703-0. Wendelin Schmidt-Dengler, Martin Huber (Hrsg.): Statt Bernhard. Über Misanthropie im Werk Thomas Bernhards. Österreichische Staatsdruckerei, Wien 1987, ISBN 3-7046-0082-2. Bernhard Sorg: Der Künstler als Misanthrop. Zur Genealogie einer Vorstellung (= Untersuchungen zur deutschen Literaturgeschichte, Band 51). Niemeyer, Tübingen 1989, ISBN 3-484-32051-6 (zur Misanthropie als Motiv bei Shakespeare, Molière, Thomas Bernhard, Friedrich Schiller und Arno Schmidt). Yasmin Temelli, Manuel Baumbach (Hrsg.): Misanthrop im Dialog. Annäherungen an eine abgewandte Figur. Franz Steiner Verlag, Stuttgart 2025, ISBN 978-3-515-13877-2. Friederike Wursthorn: Der Misanthrop in der Literatur der Aufklärung. Rombach, Freiburg im Breisgau/Berlin/Wien 2013, ISBN 978-3-7930-9733-4 (zugleich Dissertation, Universität Freiburg im Breisgau)
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Einzelnachweise
Kategorie:Ethische Haltung Kategorie:Sozialpsychologie Kategorie:Philosophische Anthropologie