mini|Gipfelpyramide des Mount Everest von Südwesten (nepalesische Seite). Rechts der Südsattel; der Zacken im oberen rechten Grat ist der Südgipfel.
Beim Unglück am Mount Everest wurden am 10. und 11. Mai 1996 mehr als 30 Bergsteiger bei dem Versuch, den Gipfel des Mount Everest zu erreichen, von einem Wetterumschwung überrascht. Fünf Bergsteiger auf der Südseite und drei auf der Nordseite des Berges kamen dabei ums Leben. Obwohl es immer wieder zu Todesfällen bei der Besteigung des Mount Everest kommt, fanden die Ereignisse 1996 weltweite Medienbeachtung, da einerseits mehrere erfahrene Bergführer kommerzieller Expeditionen unter den Opfern waren und andererseits einige der Überlebenden in der Folgezeit ihre Erlebnisse veröffentlichten. Bekannt wurden vor allem die Berichte des US-amerikanischen Journalisten Jon Krakauer, des britischen Regisseurs Matt Dickinson sowie des kasachischen Bergführers Anatoli Bukrejew. Angesichts der hohen Opferzahl an einem einzigen Tag wurden nach dem Unglück insbesondere die Vorgehensweisen von kommerziell operierenden Organisationen am Mount Everest in Frage gestellt.
Vorgeschichte Kommerzielle Expeditionen Seit den 1980er Jahren wurde die Besteigung des höchsten Punktes der Erde immer attraktiver. Um diese Besteigung auch weniger geübten Bergsteigern zu ermöglichen, gründeten erfahrene Bergführer kommerziell operierende Organisationen.
Als Anfang dieser Entwicklung gilt vielen die bezahlte Unterstützung, die der Bergführer David Breashears dem Unternehmer und Hobby-Bergsteiger Richard Bass gab, um ihn in der Saison 1985 auf den Mount Everest zu führen – das erste Mal, dass ein weitenteils unkundiger Amateur sich den Gipfel des Mount Everest offen „erkaufte“. Bass wollte die Seven Summits besteigen und brauchte hierzu den Erfolg am Mount Everest. Dieses Geschehen brachte einige sehr gute Bergsteiger auf die Idee, ihre Erfahrungen in der Organisation von Expeditions-Besteigungen gegen Bezahlung wohlhabenden Kunden anzubieten und so aus ihrem bis dahin aufwendigen Hobby ein Geschäft zu generieren.
Diese Expeditionsunternehmen organisieren für ihre Kunden möglichst alles, vom Einreisevisum über Träger und Bergführer bis hin zu den Sauerstoffflaschen für die Besteigung und der Müllentsorgung am Berg. Die zahlenden Kunden sollen mit kalkulierbarem Risiko und maximalen Erfolgschancen zum Gipfel geführt werden. Die Spanne der Kunden reicht vom erfahrenen Alpinisten bis hin zu unerfahrenen Bergsteigern, die sich mehr oder weniger blind auf ihre Bergführer verlassen (müssen). Außerdem ist die Mehrheit dieser Kunden auf zusätzlichen Sauerstoff angewiesen, um die Effekte der dünnen Luft in großen Höhen zu kompensieren und den Aufstieg zu schaffen. Etwa ein Drittel aller Bergsteiger am Mount Everest gehört zu einer dieser Expeditionen. Kommerzielle Expeditionen am Mount Everest und ihr Vorgehen stehen unter heftiger Kritik.
Vorbereitungen für den Aufstieg Kommerzielle Expeditionen am Mount Everest laufen nach einem Schema ab: Die Kunden fliegen nach Kathmandu, werden von ihren Bergführern in Empfang genommen und anschließend in mehreren Etappen zum jeweiligen Basislager der Nord- oder Südseite gebracht. Bereits auf dem Weg zum jeweiligen Basislager, später auch von den Basislagern aus, unternehmen die Bergsteiger mehrere Wochen lang Akklimatisierungstouren, bis sie dann in vier bis sechs Tagen, je nach Route, vom Basislager zum Gipfel aufsteigen. Die Bergsteiger tragen in dieser Zeit nur eine minimale persönliche Ausrüstung mit sich; der Rest des Materials, von Lebensmitteln über Gaskocher und Schlafsäcke bis zu Zelten, wird von Trägern in die einzelnen Hochlager gebracht.
Ebenso bereiten Träger die Routen zum Gipfel für die Kunden vor. Hierzu gehören die Errichtung der Hochlager und die Befestigung von neuen Fixseilen an schwierigen oder gefährlichen Stellen des Aufstiegs. Darüber hinaus sorgen sie für den Transport der Sauerstoffflaschen. In der Saison vom Frühjahr 1996 hatte bis zum 10. Mai noch kein Bergsteiger den Gipfel erreicht, weshalb die Schlüsselstellen unterhalb des Gipfels noch nicht durch Seile gesichert waren.
Aufstiegsrouten ab den Basislagern mini|Hauptrouten zum Gipfel („summit“) des Mount Everest
Die beiden Standardrouten auf den Gipfel sind die von Tibet ausgehende Nordroute (gelb) und die von Nepal ausgehende Südroute (orange). Die Erstbesteigung des Berges fand 1953 über die Südroute statt. Beide Routen beginnen am jeweiligen Basislager und verlaufen über mehrere Hochlager. Der letzte Aufstieg zum Gipfel beginnt für die Nordroute in „Hochlager 6“ auf 8300 m Höhe und für die Südroute in „Hochlager 4“ auf dem sogenannten Südsattel in 7900 m Höhe. Diese letzte Etappe wird von den Bergsteigern normalerweise ohne weitere Zwischenlager an einem einzigen Tag zurückgelegt: Sie beginnen ihren Aufstieg in der Nacht oder am frühen Morgen, steigen zum Gipfel auf und sind bis zum Einbruch der Dunkelheit wieder zurück im jeweiligen Hochlager. Um den Rückweg bei Tageslicht zu schaffen, legen die Expeditionsleiter im Vorfeld des Aufstiegs eine Umkehrzeit fest. Bei Erreichen dieser Umkehrzeit, zum Beispiel 14:00 Uhr, müssen die Kunden dann ihren Aufstieg abbrechen und ins Lager zurückkehren, auch wenn sie bis dahin den Gipfel noch nicht erreicht haben.
Gefahren Da der Gipfel des Mount Everest auf einer Höhe von 8848 m liegt, müssen Bergsteiger, um ihn zu erreichen, ab einer Höhe von circa 7000 m in die sogenannte Todeszone aufsteigen. In der Todeszone ist ein längerer Aufenthalt nicht mehr möglich. Der Körper kann sich auch ohne weitere Betätigung nicht mehr regenerieren. Zudem erhöht ein dauerhafter Aufenthalt das Risiko, an den Folgen der Höhenkrankheit, zum Beispiel einem Hirn- oder Lungenödem, zu sterben. Höhenbergsteiger versuchen daher immer, die Aufenthaltsdauer in der Todeszone so weit wie möglich zu minimieren.
Weitere Gefahren sind Kälte, Windgeschwindigkeiten von mehr als 150 km/h (der Gipfel des Mount Everest ragt zeitweise in den Jetstream), Windböen und plötzliche Wetterumschwünge.
Obwohl die Bergsteiger von Schnee (und Felsen) umgeben sind, ist es schnell möglich, dass der Körper dehydriert. Wasser kann zwar durch Schmelzen von Schnee gewonnen werden, was die Mitnahme von Gaskocher und Geschirr erfordert und den Aufstieg durch die Wartezeit beim Schmelzen verzögert. Die Bergsteiger führen deshalb einen Vorrat Wasser mit sich, der jedoch leicht gefrieren kann, auch wenn er statt im Rucksack am Körper getragen wird. Durch die Dehydrierung wird der Körper anfälliger für die Höhenkrankheit, die neben den körperlichen Symptomen auch die Denkfähigkeit und Entscheidungssicherheit beeinträchtigt. Bergsteiger, die an der Höhenkrankheit leiden, steigen unter Umständen weiter auf, obwohl eine Umkehr zum Lager sicherer und sinnvoller wäre.
Die Umkehrzeit ist ebenfalls wichtig: Die Bergsteiger sollten unter allen Umständen bis zum Einbruch der Dunkelheit am Gipfeltag das Hochlager wieder erreicht haben. Sollten sie es nicht schaffen, rechtzeitig das Lager zu erreichen, und müssten sie deshalb oberhalb des Hochlagers mit unzureichenden Mitteln biwakieren, erhöht sich die Gefahr für die Bergsteiger erheblich: Einerseits tragen sie normalerweise aus Gewichtsgründen keine Zelte, Gaskocher, Schlafsack und ähnliche Dinge auf der Gipfeletappe mit sich und setzen sich damit der Gefahr von schweren Erfrierungen aus, andererseits reichen die mitgenommenen Sauerstoffvorräte nicht durch die Nacht. Der Sauerstoffmangel wiederum erhöht die Anfälligkeit für die Höhenkrankheit. Der Abstieg wird in der Nacht und durch die zwischenzeitlich eingetretene Erschöpfung extrem gefährlich.
Eine weitere Gefahr ist, dass es kaum Möglichkeiten gibt, Bergsteiger in Schwierigkeiten aus großen Höhen zu retten. Die meisten verfügbaren Hubschrauber können in der dünnen Luft nicht schweben, und anderen Bergsteigern fehlen in großen Höhen im Allgemeinen die Kraftreserven, um zu helfen. Bergsteiger, die nicht aus eigener Kraft absteigen können, müssen in den meisten Fällen am Berg liegen bleiben. Die Routen auf den hohen Hängen des Mount Everest sind von Bergsteigerleichen gesäumt: ca. 330 Menschen (Stand: Anfang 2024) ließen beim Versuch der Besteigung bisher ihr Leben.
Auf der Südseite Expeditionen mini|Karte des Mount Everest mini|Tal des Schweigens
Im Frühjahr 1996 befanden sich mehrere zum Teil kommerzielle Expeditionen im Basislager auf der Südseite in 5400 m Höhe. Von dort aus stiegen die beteiligten Bergsteiger, ihre Bergführer und die Träger innerhalb von vier Tagen über den Khumbu-Eisbruch, das Tal des Schweigens („Western Cwm“) und die Lhotse-Flanke bis ins Hochlager 4 auf dem Südsattel auf. Der Südsattel war in der Nacht vom 9. zum 10. Mai dann der Ausgangspunkt der folgenden Expeditionen für den letzten Aufstieg zum Gipfel:
Adventure Consultants Die neuseeländische Expedition von Adventure Consultants brach unter der Führung von Rob Hall am 9. Mai um circa 23:35 Uhr zum Gipfel auf.
Beteiligte Bergführer: Rob Hall (Neuseeland, Expeditionsleiter) Mike Groom (Australien) Andy Harris (Neuseeland)
Kunden: Frank Fischbeck (Hongkong) Doug Hansen (USA, erfahrener Bergsteiger) Stuart Hutchinson (Kanada) Lou Kasischke (USA, hatte sechs der Seven Summits bestiegen) Jon Krakauer (USA, erfahrener Bergsteiger, jedoch ohne Erfahrung im Höhenbergsteigen) Yasuko Namba (Japan, hatte sechs der Seven Summits bestiegen) John Taske (Australien) Beck Weathers (USA)
Träger (alle Nepal): Ang Dorje Sherpa Lhakpa Chhiri Sherpa Kami Sherpa Nawang Norbu Sherpa
Krakauer nahm als Journalist im Auftrag des Outside Magazine an der Expedition teil. Er hatte den Auftrag, einen Artikel über die steigende Anzahl von kommerziellen Besteigungen des Mount Everest zu schreiben. Dem Expeditionsleiter Rob Hall wurden als Gegenleistung Werbeflächen im Magazin zugesagt.
Die Träger Arita Sherpa und Chuldum Sherpa blieben auf Anweisung von Hall in den Zelten von Hochlager 4 zurück. Sie hatten die Aufgabe, sich bereitzuhalten, falls Schwierigkeiten auftreten sollten. Beide zogen sich jedoch am Nachmittag eine Kohlenstoffmonoxidvergiftung zu, als sie im Zelt kochten.
Mountain Madness Die ebenfalls kommerzielle Expedition des Veranstalters Mountain Madness stand unter der Leitung von Scott Fischer. Die Teilnehmer verbrachten, wie die Bergsteiger von Adventure Consultants, die Nacht im Hochlager 4 auf dem Südsattel. Sie verließen das Lager um etwa 0:05 Uhr am 10. Mai 1996.
Bergführer: Scott Fischer (USA, Expeditionsleiter) Anatoli Bukrejew (Kasachstan) Neal Beidleman (USA)
Kunden: Martin Adams (USA, hatte bereits drei der Seven Summits (Aconcagua, Denali und Kibo) bestiegen) Charlotte Fox (USA, hatte alle 54 Gipfel über 4200 m in Colorado sowie zwei 8000er bestiegen) Lene Gammelgaard (Dänemark, erfahrene Bergsteigerin) Tim Madsen (USA, erfahrener Bergsteiger, jedoch ohne Erfahrung an 8000ern) Sandy Hill Pittman (USA, hatte sechs der Seven Summits bestiegen) Klev Schoening (USA)
Träger (alle Nepal): Lopsang Jangbu Sherpa Tashi Tshering Sherpa Ngawang Dorje Sherpa Ngawang Sya Kya Sherpa Tendi Sherpa
Der Träger „Big“ Pemba Sherpa blieb auf Anweisung von Lopsang Jangbu Sherpa im Hochlager 4 zurück, um in Notfällen Hilfe leisten zu können.
Die Kunden Dale Kruse und Pete Schoening (beide Vereinigte Staaten) nahmen am Aufstieg zum Gipfel nicht mehr teil. Kruse litt an Höhenkrankheit und wurde bereits während der Akklimatisierung am 26. April 1996 von Hochlager 3 durch Scott Fischer wieder ins Basislager zurückgebracht, während Pete Schoening auf Anraten der Ärzte des Basislagers wegen akuter Herzrhythmusstörungen auf den Aufstieg höher als zu Hochlager 3 verzichtet hatte.
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