Die wissenschaftliche Vorurteilsforschung befasst sich mit der kritischen Erforschung von Vorurteilen, inklusive der Möglichkeiten zu deren Abbau, die sich aufgrund gesellschaftlicher und kultureller Totalität nicht allein auf die private Interaktion und den öffentlichen Raum, sondern auch auf den wissenschaftlichen Diskurs auswirken könnten. Sie bedient sich dabei soziologischer, psychologischer, geschichts- und kulturwissenschaftlicher, sowie weiterer akademischer Methoden.
Die Vorurteilsforschung befasst sich grundsätzlich mit distinktiven Abwertungen gegenüber Angehörigen einer Fremdgruppe, die von der eigenen Gruppe unterschieden und als ungleichwertig angesehen werden (siehe Othering). Zentrale Forschungsfelder sind jedoch gesellschaftspolitisch relevante Themen, wie Geschlechterrollen, ethnische Zugehörigkeit, sexuelle Orientierung, Religion u. a. Verwandte Themengebiete, bzw. Teilgebiete der Vorurteilsforschung sind u. a. Rassismusforschung, Weißseinsforschung, Queer-Theorie, Gender Studies und Feminismus.
Theoretische Grundlagen der Vorurteilsforschung sind
der konflikttheoretische Ansatz der lerntheoretische Ansatz der psychodynamische Ansatz die kognitiven Theorien.
Die Vorurteilsforschung beschränkt sich dabei nicht auf die Geisteswissenschaften. Zum Beispiel legt eine Auseinandersetzung mit Essentialismus und Konstruktivismus eine detaillierte Beschäftigung mit dem aktuellen naturwissenschaftlichen Forschungsstand nahe, um z. B. das Konzept der sozialen Identität als Selbst- und Fremdsicht sozialer Gruppen, aus dem naturwissenschaftlichen und dem kulturellen Blickwinkel erforschen zu können. Dabei geht es auch darum, eine möglicherweise ideologisch beeinflusste wissenschaftlich-experimentelle Methodik offen zu legen bzw. eine entsprechende Aufarbeitung und Interpretation wissenschaftlicher Daten kenntlich zu machen und einer Objektivierung durch allgemeingültige Kriterien zu unterziehen.
Ideologisch gefärbte Weltanschauungen beeinflussen oftmals Wahrnehmungen, Vorstellungen, Denken und Verhalten.Yvonne Kneubühler; Motivation und Verhalten deutscher "Men on the spot" in den afrikanischen Kolonien; in: Dominik J. Schaller et al., Enteignet, vertrieben, ermordet - Beiträge zur Genozidforschung, Chronos, Zürich, 2004
Unterschiedliche Ansätze der Vorurteilsforschung Lerntheoretischer Ansatz (1934) Im lerntheoretischen Ansatz wird angenommen, dass Personen durch ihre Sozialisation oder durch Beobachtung von Gruppenunterschieden Vorurteile erlernen. Die beiden wichtigsten Konzepte des lerntheoretischen Ansatzes bestehen im EtikettierungsansatzMead, Goerge Herbert (1934; postum): Mind, Self, and Society, University of Chicago Press (dt. Geist, Identität und Gesellschaft aus der Sicht des Sozialbehaviorismus, Suhrkamp-Verlag, Frankfurt am Main 1968, ISBN 0-226-51668-7)Becker, Howard S. (1963): Outsiders: Studies in the sociology of deviance (dt. Außenseiter - Zur Soziologie abweichenden Verhaltens, S. Fischer Verlag, Frankfurt/Main 1971, ISBN 3-10-805301-9)) sowie im sozialen Lernen).
Der hinter der leichten Verbreitung von Vorurteilen stehende Mechanismus ist der des eigentlich lebenswichtigen sozialen Lernens, bei dem Autoritäten und Gleichaltrige dem Individuum Kenntnisse, Einstellungen und Verhaltensweisen vermitteln, die mittels des klassischen Musters Imitation durch Identifikation schon ab der frühesten Kindheit erlernt werden und damit lange bevor das Individuum selbst zur kritischen Hinterfragung des ihm Vermittelten fähig ist. Später dann ist vieles von dem, was schon früh durch soziales Lernen vermittelt wurde, beim Individuum derart in den Gedanken- und Gefühlsabläufen automatisiert, dass es unbewusst abläuft und entsprechend schnell aktiviert werden kann.
Psychodynamischer Ansatz (1939) Der psychodynamische Ansatz betont, dass Vorurteile ihre Wurzeln in innerpsychischen Vorgängen haben. Hier wird unterschieden zwischen:
der deterministisch-essentialistischen Frustrations-Aggressions-Hypothese (Dollard, Miller u. a. 1939Dollard, Miller u. a. (1939): Frustration and Aggression, Yale University Press, New Haven; Miller, Barker u. a. 1941Miller, Barker u. a. (1941): Symposium on the Frustration-Aggression Hypothesis, Psychological Review, Nr. 48, S. 337–366; Berkowitz 1969Leonard Berkowitz (1969): The frustration-aggression hypothesis revisited, in: ders. (Hrsg.): Roots of aggression, Atherton Press, New York), welche allgemeine, natürliche und damit von Kultur und Erziehung unabhängige Grundeigenschaften des Menschen annimmt,
sowie den beiden dekonstruktivistischen, gesellschaftskritischen Ansätzen, welche die veränderbare erzieherische und sozialkulturelle Prägung der Einzelpersönlichkeit in den Vordergrund rücken:
dem Sündenbockprinzip (Coser 1964Coser, Lewis (1964): Sociological Theory: A book of readings (dt. Theorie sozialer Konflikte, Luchterhand, 1965))
und der Theorie der autoritären Persönlichkeit (Adorno u. a. 1950Adorno u. a. (1950): Studies in Prejudice Series, Volume 1: The Authoritarian Personality, Harper & Row, New York 1950, dt.: Studien zum autoritären Charakter, Suhrkamp-Verlag, Frankfurt/Main 1973 sowie deren Weiterentwicklung zum Konzept des Right-Wing Authoritarianism bei Altemeyer 1981Altemeyer, Bob (1981): Right-Wing Authoritarianism, University of Manitoba Press).
Kognitiver Ansatz (1958) Der kognitive Ansatz (Broadbent 1958Broadbent, Donald E. (1958): Perception and Communication, Pergamon Press, London; Chomsky 1959Chomsky, Noam (1959): A Review of B. F. Skinner's "Verbal Behavior" (Nachdruck 1967 in: Jakobovits & Miron (Hrsg.): Readings in the Psychology of Language, Prentice-Hall); Neisser 1967Neisser, Ulrich (1967): Cognitive Psychology, Appleton-Century-Crofts, New York (dt.: Kognitive Psychologie, Klett Verlag, Stuttgart 1974, ISBN 3-12-926230-X)) beruht auf der Erkenntnis, dass Lernen allgemein überlebenswichtig ist und daher dem Individuum von der natürlichen, endogenen Neuronalstruktur im Laufe der Evolution zunehmend vorgegeben wurde, was mit einer vermehrten Instinktreduktion zugunsten des Lernprozesses einherging. In den Kognitionswissenschaften gilt der Mensch als Wesen, das sich ein ihm nützliches Bild von der Welt konstruiert, mit dem es in seinem unmittelbaren Bezugsrahmen zurechtkommt und das die damit entstandenen Vorstellungen aktiv an Seinesgleichen weiterzugeben bemüht ist. Kognitionspsychologen nehmen an, dass die persönliche Informationsverarbeitung des Menschen beschränkt ist, weshalb dieser sich auf das verlassen muss, was sein soziales Umfeld ihm vorgibt. Daher werden u. a. auch Menschen in vorgegebene Kategorien einsortiert. Allerdings komme es aufgrund der Beschränktheit des persönlichen Bezugsrahmens, die im Laufe der Menschheitsgeschichte einem immer komplexer und damit unübersichtlicher werdenden Gesellschaftsgeflecht gegenübersteht, häufig zu fehlerhaften Kategorisierungen, die sich dann als Stereotype äußern.
Konflikttheoretischer Ansatz (1979) Der konflikttheoretische Ansatz erklärt die Entstehung von Vorurteilen und Stereotypen aus der Dynamik von Gruppenkonflikten. Zu den beiden wichtigsten Konzepten gehören die Theorie der sozialen Identität (Tajfel & Turner 1979Tajfel & Turner (1979): An integrative theory of intergroup conflict, in: Austin & Worchel (Hrsg.): The social psychology of intergroup relations, Brooks-Cole, Monterey) sowie deren Weiterentwicklung, die Selbstkategorisierungstheorie (Turner u. a. 1987J. C. Turner, M. A. Hogg, P. J. Oakes, S. D. Reicher & M. S. Wetherell (1987): Rediscovering the social group: A Self-Categorization Theory, Basil Blackwell, New York).
Bleibtreu-Ehrenbergs Synthese (1978, 1989)
Überblick
Die deutsche Soziologin Gisela Bleibtreu-Ehrenberg bietet in zwei ihrer Publikationen – Tabu Homosexualität (1978) sowie Angst und Vorurteil (1989) – eine grundsätzliche Analyse gesellschaftlicher Vorurteile sowie deren sozialer Dynamiken, indem sie die älteren Einzelansätze in einer interdisziplinären, schulenübergreifenden Synthese zusammenführt. Bleibtreu-Ehrenberg stützt sich dabei auf ihre ursprüngliche Forschung zu Vorurteilen der Leibfeindlichkeit, d. h. gegenüber vermeintlich oder tatsächlich abweichender Sexualität unter der Annahme traditionell rigide vorgegebener Geschlechtsrollen, bezieht ihre Erkenntnisse aber durchaus grundsätzlich auf die allgemeine Vorurteilsforschung.
Tabu Homosexualität befasst sich grundlegend und vor allem mit der geschichtsanthropologischen Betrachtung der historischen Ursprünge und der Entwicklung ethnozentrischer Vorurteile im Abendland über große Zeitabschnitte hinweg. Angst und Vorurteil dagegen legt trotz Ergänzung der vorangegangenen Handlungsgeschichte eher als sein Vorgänger den Fokus auf die abstraktere soziopsychologische Strukturanalyse der aus der Historie heraus entstandenen gesellschaftlichen Totalität westlicher Kultur sowie der damit verbundenen sozialen Dynamiken und Vorurteilsmechanismen. Bleibtreu-Ehrenberg verliert dabei auch nicht die notwendige Auseinandersetzung mit anthropologisch-naturwissenschaftlichen Grundeigenschaften des Menschen aus den Augen, die im Laufe der abendländischen Entwicklung in die Bildung von Vorurteilen und darauf beruhenden sozialen Konflikten derart integriert wurden, dass sie die Schaffung und Verbreitung von Vorurteilen unterstützten. Dabei entwickelt Bleibtreu-Ehrenberg bereits in Tabu Homosexualität anhand der Entwicklung der abendländischen Kultur und der in ihr angelegten Vorurteile die implizite These, dass grundsätzlich jegliche typisch westlichen Vorurteile tendenziell auf – oft verdrängten bzw. kulturell rationalisierten bis codierten – Vorurteilen der Leibfeindlichkeit (auch, obgleich nicht unbedingt zentral, in Form von verdrängtem Sexualneid) sowie z. T. auf rigiden, konservativ-westlichen Geschlechterrollen beruhen.
Zu Bleibtreu-Ehrenbergs wichtigsten Forschungsmethodiken und -instrumenten zählen dabei – neben den oben angeführten Herangehensweisen, darunter Identitäts-, Ideologie- und Kulturkritik der Kritischen Theorie der Frankfurter Schule und besonders deren Theorieansatz der autoritären Persönlichkeit (s. auch dessen Weiterentwicklung Right-Wing Authoritarianism) – der Etikettierungsansatz von George Herbert Mead und Howard S. Becker sowie die Frustrations-Aggressions-Hypothese von Dollard und Miller, aber auch das Dispositiv und die Diskursanalyse von Michel FoucaultFoucault, Michel: (1971): L'ordre du discours, Gallimard, Paris, ISBN 2-07-027774-7 (dt. Die Ordnung des Diskurses, Hanser Verlag, München 1974).
In-group und out-group: Vorurteil, Feindbild und Gruppenzusammenhalt
Hierbei betont Bleibtreu-Ehrenberg, dass die Hauptfunktion von Vorurteilen darin bestehe, dem sozialen Gruppenzusammenhalt zu dienen; die herrschende in-group grenze sich mittels der eigenen sozialen Deutungshoheit von einer so definierten out-group ab (wobei die von der in-group vorgenommene Abgrenzung auf teils fiktiven, teils tatsächlichen, stets aber negativ bewerteten Merkmalen der dieserart von außen definierten out-group beruhe), um erst in dieser Ab- und Ausgrenzung und der damit einhergehenden Abwertung von Out-group-Minderheiten im Sinne identitätsstiftender Feindbilder ihre eigene Identität und einen daraus resultierenden Gruppenzusammenhalt zu finden.