Nicolò Carandini (* 6. Dezember 1896 in Como; † 15. März 1972 in Rom) war ein italienischer Politiker in der Mitte des 20. Jahrhunderts. Seine größte Bekanntheit erlangte er als Italienischer Botschafter in Großbritannien zwischen 1944 und 1947. Außerdem war er kurzzeitig Minister in der ersten Regierung Ivanoe Bonomis (Juli bis November 1944) und Präsident der Fluggesellschaft Alitalia von 1948 bis 1968.

Familie Andrea Carandini ist Sohn von Nicolò Carandini. Dieser war wiederum Cousin von der Mutter von Christopher Lee (der behauptete auf Anregung von Carandini zum Schauspiel gekommen zu sein).

Erste politische Betätigung Carandini machte seine ersten politischen Erfahrungen nach dem Ersten Weltkrieg, als er sich in demokratischen Veteranenverbänden engagierte. Jedoch erst die Heirat mit Elena Albertini, der Tochter des langjährigen Direktors der Tageszeitung Corriere della Sera, Luigi Albertini, brachte Carandini 1926 näher an die Kreise liberaldemokratischer Politiker heran, die sich während der Zeit des Faschismus an den oppositionellen Gelehrten Benedetto Croce und Luigi Einaudi orientierten. Er hatte in den 1930er Jahren auch freundschaftliche Kontakte zum deutschen Botschafter in Rom, Ulrich von Hassell, der sich zunehmend als Gegner des Hitler-Regimes profilieren sollte und 1944 nach dem gescheiterten Attentat Stauffenbergs auf Hitler hingerichtet wurde.

Carandini machte sich während der Zeit des Faschismus vor allem einen Namen durch den Aufbau des Landgutes Torre in Pietra nahe Rom, das er bis zum Zweiten Weltkrieg zu einem landwirtschaftlichen Musterbetrieb Italiens machte. Auf zahlreichen Auslandsreisen, vor allem nach Großbritannien und in die Vereinigten Staaten, konnte er viele Kontakte zum dortigen politischen Establishment knüpfen, die ihm später bei seiner Aufgabe als Botschafter von großem Nutzen sein sollten.

Im antifaschistischen Widerstand Die Kreise der demokratischen Opposition zu Mussolini arbeiteten seit 1942, als die italienischen Streitkräfte an allen Fronten in arge Bedrängnis gerieten, verstärkt an Umsturzplänen und auch Carandini wurde zunehmend in diese Aktivitäten einbezogen. Er zögerte jedoch, sich dem Partito d’Azione anzuschließen, den liberale, demokratische und sozialistische Oppositionelle im Sommer 1942 im Untergrund gründeten, da sein Mentor Croce der Initiative skeptisch gegenüberstand. Im Mai 1943 dann ergriff Carandini in Rom die Initiative zur Abfassung und Verbreitung von Flugblättern, in denen unter der Bezeichnung Movimento Liberale Italiano (Liberale Bewegung Italiens) eine Art Programm eines neuen, durch die Lehren aus Diktatur und Krieg gereinigten Liberalismus propagiert werden sollte. Als der faschistische Großrat am 25. Juli tatsächlich Mussolini stürzte, hatte sich bereits eine Kerngruppe jüngerer Liberaler um Carandini gefunden (unter ihnen Leone Cattani, Mario Pannunzio, Franco Libonati, Giambattista Rizzo, Mario Ferrara u. a.), die bereitstand, eine neue Liberale Partei ins Leben zu rufen. Dies geschah gegen anfängliche Widerstände Croces im August (ein genaues Gründungsdatum ist nicht bekannt, jedoch scheint der 9. August am wahrscheinlichsten).

Carandini wurde nach der Besetzung Norditaliens und Roms durch die Deutschen am 9. September als Repräsentant der Liberalen ins antifaschistische Nationale Befreiungskomitee (Comitato di Liberazione Nazionale, CLN) entsandt. Mit dessen Vorsitzenden Ivanoe Bonomi geriet er in eine Auseinandersetzung über die Frage, ob das CLN König Vittorio Emanuele III. anerkennen oder, wie die Linksparteien, vor allem Sozialisten (PSIUP) und Aktionisten (Pd'A) forderten, den Befreiungskampf unter dem Zeichen der Republik als neuer Staatsform für das Nachkriegsitalien fortführen sollte. Carandini war im Gegensatz zur Mehrheit seiner Parteifreunde Republikaner, auch wenn er die Ansicht Croces teilte, der zufolge die institutionelle Frage nach Ende des Krieges in einem Referendum entschieden werden sollte.

Während der Monate der Besetzung Roms geriet Carandini wegen seiner Untergrund-Aktivitäten mehrmals in Gefahr, verhaftet zu werden und konnte sich nur mit Vorsicht in der Stadt bewegen. Sein Gut Torre in Pietra wurde im Frühjahr 1944 von deutschen Soldaten verwüstet. Während dieser Zeit ereignete sich dort auch die Episode um den Carabiniere Salvo d'Acquisto, der einige Bauern vor der Exekution rettete, indem er sich selbst für sie von den Deutschen erschießen ließ.

Nach der Befreiung Roms am 4. Juni 1944 war Carandini de facto Chef der Liberalen Partei, auch wenn es noch keinen gewählten oder ernannten Vorsitzenden gab. In Neapel hatte der süditalienische Teil des PLI nach dem Eintritt in die zweite Regierung Pietro Badoglios Ende April Giovanni Cassandro zum provisorischen Generalsekretär und Croce selbst zum provisorischen Präsidenten ernannt, was auf einem Kongress vom 2. bis 4. Juni bestätigt wurde. Durch die Vereinigung mit den römischen Liberalen aber wurde diese Aufgabenverteilung hinfällig; nach der Bildung der ersten Regierung Bonomis, in die Ende Juli auch Carandini als Minister anstelle Croces als erster Repräsentant des PLI eintrat, wurde dann Manlio Brosio zum ersten offiziellen Generalsekretär ernannt. In Norditalien waren die Liberalen hingegen immer noch in den Widerstandskampf gegen die Republik von Salò verwickelt, wenn auch in eher zweitrangiger Funktion; die beiden Teile des PLI hatten bis zum Frühjahr 1945 so gut wie keine Kontaktmöglichkeit.

Am 3. September 1944 hielt Carandini eine vielbeachtete Rede im römischen Theater Brancaccio, die als Vorstellung eines liberalen Programms für die Nachkriegszeit aufgefasst wurde. Carandini stellte den Aspekt der sozialen Gerechtigkeit in den Mittelpunkt seiner Ausführungen und distanzierte sich damit deutlich von den bisherigen, rein marktwirtschaftlich orientierten Doktrinen des klassischen Liberalismus, auch wenn er die Kontinuitäten eines Nachkriegsitaliens mit den Traditionen des liberalen Risorgimento im Sinne Croces nicht leugnete. Carandini strebte jedoch eine organische Vereinigung des PLI mit der liberalsozialistischen, von Croce verabscheuten Aktionspartei (Pd'A) und den Schulterschluss mit den Sozialisten an. Dies missfiel vielen seiner Parteifreunde. Kurze Zeit später war der Posten eines ersten Gesandten der neuen italienischen Regierung in London zu besetzen und die Wahl fiel auf Carandini, der durchaus überrascht reagierte, aber letztlich widerwillig akzeptierte.

Botschafter in Großbritannien Ende November 1944 trat Carandini seinen neuen Posten in London an, wo er zunächst auf erhebliche Feindseligkeit stieß, betrachtete Großbritannien doch Italien als besiegten Gegner, den es zu bestrafen galt, und nicht als Verbündeten, der sich seit dem Waffenstillstand vom September 1943 durch den Partisanenkrieg und einige Freiwilligenverbände an den Kriegsanstrengungen der Alliierten beteiligte. Erste Fürsprecher fand Carandini vor allem unter Labour-Politikern, allen voran Ernest Bevin, während Premierminister Winston Churchill es ablehnte, ihn zu empfangen. Carandini versuchte, die in England befindlichen italienischen Kriegsgefangenen von der neuen politischen Situation in Italien zu informieren und sie dafür zu gewinnen, sich durch Fabrikarbeit für die alliierten Streitkräfte am Krieg gegen Deutschland und seine Verbündeten zu beteiligen. Nicht alle Gefangenen waren jedoch zu einer solchen Kollaboration bereit.

Durch häufige Besuche in Rom versuchte Carandini, gleichzeitig sein politisches Engagement im Heimatland weiterzuführen, glaubte er doch, nach wenigen Monaten seine Mission beenden zu können. Er musste jedoch machtlos mitansehen, wie seine Partei von konservativen Kreisen aus dem süditalienischen Großgrundbesitzertum unterwandert wurde und auch seine eigenen Freunde aus der Phase des Untergrundes sich einer Konfrontationspolitik mit den Parteien der Linken zuwandten. Nicht etwa Vertreter des PLI, sondern ein Abgesandter des Pd'A sondierte im März 1945 im Auftrag Ugo La Malfas Carandinis eventuelle Bereitschaft, als Ministerpräsident einer neuen Regierung nach der Befreiung Norditaliens zu fungieren. Da dieses Amt jedoch in jener schwierigen Phase als ausgesprochener "Schleudersitz" galt, verzichtete Carandini von vornherein und es folgte auch keinerlei offizielle Anfrage mehr. Er begrüßte hingegen im Juni die Wahl Ferruccio Parris von der Aktionspartei als Kompromisskandidat der zerstrittenen CLN-Parteien.

Dementsprechend negativ reagierte Carandini darauf, dass es seine eigenen Parteifreunde waren, allen voran Generalsekretär Leone Cattani und Mario Pannunzio, Chefredakteur der Parteizeitung Risorgimento Liberale, die Ende 1945 eine Kampagne gegen Parri starteten und im November seinen Sturz provozierten. Die Einwände Carandinis, per Brief aus London der Parteidirektion übermittelt, wurden ignoriert oder als Meinung eines aufgrund seiner physischen Abwesenheit vom Ort des Geschehens Inkompetenten abgetan. Ihm blieb nichts übrig, als sich dem Vorgehen seiner Partei zu fügen.

1946 gehörte Carandini zur italienischen Delegation bei den Friedensverhandlungen in Paris und New York, konnte jedoch nicht verhindern, dass Italien als besiegte Nation behandelt wurde. Besondere Anerkennung erwarb er sich als Unterhändler bei den italienisch-österreichischen Gesprächen über das Südtirol-Statut in der zweiten Jahreshälfte. Ministerpräsident Alcide De Gasperi, mit dem Carandini freundschaftlich verbunden war, wollte ihn daher Anfang 1947 als Außenminister in seine dritte Regierung holen, was dieser jedoch ablehnte, da er mittlerweile jeglichen Rückhalt in seiner Partei verloren hatte. Bezeichnenderweise intervenierten in jenen Tagen im Januar viele der führenden Liberalen persönlich im Hause Carandinis, um ihn von einem solchen Schritt abzuhalten, beteiligten sich doch an der Koalition auch Sozialisten und Kommunisten, gegen die der PLI schon seit Monaten propagandistisch zu Felde zog.

Ebenfalls aus der Ferne hatte sich Carandini trotz anfänglicher Zweifel an den Wahlen zur Verfassunggebenden Nationalversammlung am 2. Juni 1946 beteiligt. Einzige Wahlkampfaktion war sein Erscheinen auf dem III. Parteikongress des PLI in Rom Ende April gewesen, wo er sich für eine sektoriell begrenzte Planwirtschaft einsetzte und abermals in heftigen Widerspruch zu den Vertretern des klassischen marktwirtschaftlichen Liberalismus geriet. Sein errungenes Mandat überließ er nach kurzem Überlegen Renato Morelli aus Neapel, während er die Fortsetzung seiner Mission in London vorzog. Im Juli gab er unter Protest gegen den Kurs seiner Partei auch die im April übernommene Vize-Präsidentschaft ab. Croce hatte eigentlich ihn als seinen Nachfolger an der Spitze der Liberalen ausersehen, doch nun wurden die Differenzen zwischen beiden Männern immer unüberbrückbarer, so dass sie monatelang überhaupt nicht mehr miteinander kommunizierten.

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