Die Literatur der Weimarer Republik umfasst die während der Weimarer Republik entstandene und die zu dieser Zeit vom lesenden Publikum bevorzugte Literatur. Standen die frühen 1920er Jahre noch im Zeichen des Expressionismus der Kriegs- und Vorkriegszeit, so waren die Mitte und das Ende dieses Jahrzehnts von einer Wendung zu realitätsbezogenen Darstellungen geprägt, die als literarische Ausprägung der Neuen Sachlichkeit begriffen wurden. Die Fülle und Vielfalt der deutschen Literatur in dieser Ära würden aber verzerrt, wollte man sie auf einen einzigen Begriff bringen. Zwischen der großen Anzahl namhafter Schriftsteller, Lyriker und Dramatiker bestand nur geringer Zusammenhalt; Kommunikation zwischen links- und rechtsorientierten Literaten fand kaum statt. Die literarischen Zeitschriften vertraten jeweils die Meinung kleinerer Gruppen oder politischer Parteien.Walter Laqueur: Weimar. Die Kultur der Republik. Frankfurt 1976, S. 156 f.
Klassiker, Wiederentdeckte und Wegbereiter
Dichtung und Dramen spielten im literarischen Leben der Weimarer Republik eine wichtige Rolle. Die Poesie besaß zu dieser Zeit nach dem Eindruck von Peter Gay eine merkwürdige Macht über die ihre Dichter verehrenden Deutschen, ausgehend von der Weimarer Klassik der Goethe und Schiller.Peter Gay: Die Republik der Außenseiter. Geist und Kultur in der Weimarer Zeit 1918–1933. Frankfurt am Main 1987, S. 95 und 98. Neben diesen fortdauernd Zitierten kamen aber auch eine Reihe anderer Dichter in der republikanischen Ära durch ihre Werke zu einer Art Renaissance.
Vor dem Hintergrund der Zeitumstände wurde zum Beispiel Hölderlins Hyperion beziehungsreich zitiert, wo man sich mit den Folgen von Krieg, Novemberrevolution und Versailler Vertrag geistig auseinandersetzte: „ich kann kein Volk mir denken, das zerrißner wäre, wie die Deutschen. Handwerker siehst Du, aber keine Menschen, Denker, aber keine Menschen, Priester, aber keine Menschen, Herrn und Knechte, Jungen und gesetzte Leute, aber keine Menschen.“Zitiert nach Peter Gay: Die Republik der Außenseiter. Geist und Kultur in der Weimarer Zeit 1918–1933. Frankfurt am Main 1987, S. 86. Hölderlin wird von Gay als Vorbote einer modernen Welt gedeutet, die den Menschen zerbricht, ihn der Gesellschaft und seinem eigentlichen Wesen entfremdet.Peter Gay: Die Republik der Außenseiter. Geist und Kultur in der Weimarer Zeit 1918–1933. Frankfurt am Main 1987, S. 87.
Gleichfalls neue Beachtung zuteil wurde Heinrich von Kleist und seinem Werk: Kleistforschung und Kleistverehrung schlugen sich in einer Vielzahl von Buchveröffentlichungen und in der Gründung der Kleist-Gesellschaft 1920 nieder. Ihr schlossen sich unter anderen Gerhart Hauptmann, Hugo von Hofmannsthal, Ernst Cassirer und Max Liebermann an.Peter Gay: Die Republik der Außenseiter. Geist und Kultur in der Weimarer Zeit 1918–1933. Frankfurt am Main 1987, S. 89. Der Kleist-Preis war die bedeutendste literarische Auszeichnung der Weimarer Republik.
Republikaner und Linke in der Weimarer Zeit hielten unter den bedeutenden Literaten der Vergangenheit besonders auf Georg Büchner große Stücke: Sein Mitgefühl für die Armen, sein Abscheu vor Autoritäten und seine realistisch-drastische Gesellschaftsbeschreibung stellten für Demokraten, Sozialisten und Kommunisten ein packendes Orientierungs- und Identifikationsangebot dar. Die von Alban Berg nach Büchners Woyzeck komponierte Oper Wozzeck, eine Kombination aus Zwölftonmusik, Sprechgesang und konventionellen musikalischen Mitteln, wurde 1925 in Berlin uraufgeführt und trug zur Popularisierung Büchners und seines Bühnenstücks entscheidend bei.Peter Gay: Die Republik der Außenseiter. Geist und Kultur in der Weimarer Zeit 1918–1933. Frankfurt am Main 1987, S. 91–93.
Zu den bedeutenden zeitgenössischen Lyrikern, deren Leben und Werke sich in die Weimarer Republik hinein erstreckten, gehören insbesondere Stefan George und Rainer Maria Rilke. In seinem gesellschaftlichen Auftreten entwickelte George eine spezifische Aura und homoerotische Ausstrahlung, die eine mit ihm eng verbundene Anhängerschaft hervorbrachte, den George-Kreis. Seine bereits 1892 gegründeten Blätter für die Kunst enthielten sorgfältig inszenierte Gespräche mit jungen Männern, die seine Visionen entfalteten und auf ein Publikum für sein dichterisches Schaffen zielten. Von Baudelaire und Mallarmé inspiriert, zudem durch Hölderlin und Nietzsche beeinflusst, betrieb er die Erneuerung eines aristokratischen Lebensgefühls im Zeichen der Verewigung kultureller Werte, ein durch und durch elitäres Programm.Peter Gay: Die Republik der Außenseiter. Geist und Kultur in der Weimarer Zeit 1918–1933. Frankfurt am Main 1987, S. 156 f.
Rilkes Anhängerschaft war nicht in einem Kreis Auserwählter konzentriert, sondern erstreckte sich auf seine ganze außerordentlich große Leserschaft. In allen Gruppen der Jugendbewegung war er ein Lieblingsdichter. Man rezitierte ihn am Lagerfeuer und druckte seine Gedichte in den eigenen Zeitschriften. „Man konnte Rilke zum reinen Vergnügen lesen und in seinen Bildern baden. Man konnte Rilke als den Dichter der Entfremdung lesen oder als den Hohepriester eines heidnischen Universums, worin sich menschliche Empfindungen und unbeseelte Dinge, Liebe und Leid, Leben und Tod zu einem harmonischen Ganzen zusammenfügten.“Peter Gay: Die Republik der Außenseiter. Geist und Kultur in der Weimarer Zeit 1918–1933. Frankfurt am Main 1987, S. 78 ff.; Zitat S. 83.
Vielfalt der Epoche
Das Ende des Ersten Weltkriegs und die Novemberrevolution wurden auch von den Schriftstellern als Einschnitt und vielfach als Signal für einen Aufbruch verstanden, der auch zu neuen Formen in der Literatur führte. Der Expressionismus wirkte fort. Die wichtige Anthologie Menschheitsdämmerung, die Kurt Pinthus zusammenstellte, erschien erst 1919. Der Dadaismus führte zu Collage- und Montageromanen. Außerdem beeinflussten neue Medien wie Film und Hörfunk die Literatur. Auffällig ist die große Vielfalt der Themen und Genres. Nicht wenige Autoren engagierten sich politisch. Die Mitglieder des Bundes proletarisch-revolutionärer Schriftsteller verstanden sich ausdrücklich als Propagandisten der Politik der KPD. Die der neuen Sachlichkeit zuneigenden Autoren verbanden ihr Schreiben hingegen mit einem unvoreingenommen-realistischen Blick auf die zeitgenössischen gesellschaftlichen Zustände. Zu neuen wichtigen Themen wurden das Verhältnis von Individuum und Masse sowie Aspekte der Alltagskultur.
In breiten Teilen der Bevölkerung populär waren Schriftsteller wie Karl May, Hermann Löns, Hans Carossa, Ernst Wiechert, Rudolf G. Binding und Hedwig Courths-Mahler. Zu den meistgelesenen Büchern zählten Ina Seidels Wunschkind, Hermann Stehrs Heiligenhof und Emil Strauß’ Schleier.Walter Laqueur: Weimar. Die Kultur der Republik. Frankfurt 1976, S. 173. Als „Klassiker der Republik“ bezeichnet Walter Laqueur die beiden Literatur-Nobelpreisträger Gerhart Hauptmann (1912) und Thomas Mann (1929).Walter Laqueur: Weimar. Die Kultur der Republik. Frankfurt 1976, S. 151 f.
Dramen
Die Hauptwerke des Dramatikers Gerhart Hauptmann lagen zu Zeiten der Weimarer Republik schon lange zurück: Vor Sonnenaufgang war 1889 erschienen, Die Weber 1894. Den Ersten Weltkrieg hatte Hauptmann mit patriotischen Gedichten begrüßt; ebenso begeistert begrüßte er fünf Jahre später die Republik als „das wichtigste Ereignis in tausend Jahren deutscher Geschichte“.Zitiert nach Walter Laqueur: Weimar. Die Kultur der Republik. Frankfurt 1976, S. 153. Sogar als Reichspräsident wurde er 1919 vereinzelt vorgeschlagen.Walter Laqueur: Weimar. Die Kultur der Republik. Frankfurt 1976, S. 93. Nach der Uraufführung seines Stückes Vor Sonnenuntergang endete 1932 das facettenreiche und vom Publikum viel besuchte republikanische Theater vor halbleeren Rängen, bedingt durch die Folgewirkungen der Weltwirtschaftskrise, obwohl die Kritik das Werk hoch gelobt hatte.Walter Laqueur: Weimar. Die Kultur der Republik. Frankfurt 1976, S. 176 und 327.
Vielfach variiertes gesellschaftskritisches Thema einer neuen Dramatiker-Generation war der Vater-Sohn-Konflikt als fortgesetzter Ansturm der Jugend „gegen die alte Welt, und ihre politischen, sozialen und künstlerischen Konventionen.“Walter Laqueur: Weimar. Die Kultur der Republik. Frankfurt 1976, S. 181; Peter Gay: Die Republik der Außenseiter. Geist und Kultur in der Weimarer Zeit 1918–1933. Frankfurt am Main 1987, S. 152–157. Zu den Helden der neuen Dramen zählten Fremde, Leidende, Selbstmörder und Prostituierte.Peter Gay: Die Republik der Außenseiter. Geist und Kultur in der Weimarer Zeit 1918–1933. Frankfurt am Main 1987, S. 151. Politische Dramen von Autoren wie Walter Hasenclever oder Leonhard Frank kreisten um die Hoffnung auf eine neue Menschlichkeit, geboren aus der Erfahrung des Lebens und Leidens in und nach dem Krieg. Ludwig Rubiner entwickelte in seinem Drama Die Gewaltlosen (1919) die Idee einer gewaltlosen Revolution. Auch Ernst Toller verfocht in seinen expressionistischen Dramen Masse Mensch (1921) und Hinkemann Ideen des Pazifismus und der Gewaltlosigkeit. Georg Kaiser entwarf in Stücken wie Die Bürger von Calais (1914) oder Gas (1918/20) die Vision des sich über die menschenfeindliche Technik erhebenden, freien und opferbereiten neuen Menschen. Ähnlich entwickelten Fritz von Unruhs Dramen Ein Geschlecht (1918) oder Platz (1920) ein mythisch getragenes Pathos der Absage an den Krieg und der Ansage weltumspannender Brüderlichkeit.
Zu den Neuentdeckungen des Weimarer Literatur- und Theaterbetriebs gehörte Bertolt Brecht, der als 24-Jähriger mit Trommeln in der Nacht 1922 seine erste Uraufführung realisierte und noch im selben Jahr den Kleist-Preis erhielt. Mit der Dreigroschenoper, die 1928 auf die Bühne kam, erzielte Brecht seinen größten Publikumserfolg. In dem Lehrstück Die Maßnahme (1930) wandte er sich dem Innenleben kommunistischer Gruppen- und Parteiorganisation zu, indem er die Liquidierung eines jungen Kommunisten durch seine Genossen zur Aufführung brachte. Der junge Mann gefährdet durch mitleidiges Handeln gegenüber den Ausgebeuteten unvorsichtig die konspirative Tarnung der Gruppe; er wird, um das Überleben der anderen und den Erfolg der Mission zu gewährleisten, von ihnen umgebracht. Wie der Vorkämpfer des proletarischen Theaters Erwin Piscator verwendete Brecht in seinen Stücken gelegentlich Filmprojektionen und Schlagzeilen von Zeitungen, nutzte aber auch die herkömmlichen dramatischen Mittel Chor, Erzähler und Kontrastwirkungen.Walter Laqueur: Weimar. Die Kultur der Republik. Frankfurt 1976, S. 187–189 und 193.
Als volkstümlicher Dramatiker etablierte sich 1925 Carl Zuckmayer mit der Komödie Der fröhliche Weinberg an den deutschsprachigen Bühnen. In Berlin lief das Lustspiel fast drei Jahre in Folge, von der Kritik teilweise als allzu seichte Unterhaltung abgetan. Vordem hatte sich Zuckmayer wie andere am expressionistischen Drama erprobt; in der Ära der Neuen Sachlichkeit aber bot er dem Publikum einen deftig angereicherten, breiten Naturalismus von eigener Machart. Der bedeutende Theaterkritiker Alfred Kerr brachte seine Eindrücke nach dem Vorstellungsbesuch auf die Formel: „Sic transit gloria expressionismi.“Zitiert nach Peter Gay: Die Republik der Außenseiter. Geist und Kultur in der Weimarer Zeit 1918–1933. Frankfurt am Main 1987, S. 162. Zu einem phänomenalen und noch nachhaltigeren Erfolg wurde 1931 Zuckmayers Der Hauptmann von Köpenick, eine packende Verbindung von Slapstickkomödie und strenger Tragödie.Walter Laqueur: Weimar. Die Kultur der Republik. Frankfurt 1976, S. 194 f.
Wiederbelebung und Neugestaltung des Romans