Der Alldeutsche Verband (bis 1894 Allgemeiner Deutscher Verband)Hermann Bott: Lexikon zur Geschichte und Politik im 20. Jahrhundert. Stuttgart 1971, S. 19. bestand von 1891 bis 1939. In der Zeit des Deutschen Kaiserreichs zählte er zeitweise zu den größten und bekanntesten Agitationsverbänden.Matthias Piefel: Antisemitismus und völkische Bewegung im Königreich Sachsen 1879–1914. Göttingen 2004, S. 112. Er wurde als eine der lautstärksten, mächtigsten und einflussreichsten Organisationen des völkischen Spektrums wahrgenommen. Sein Programm war expansionistisch, pangermanisch, militaristisch, nationalistisch sowie von rassistischen und antisemitischen Denkweisen bestimmt.Uwe Puschner: Die völkische Bewegung in Deutschland. In: Hannes Heer (Hrsg.): „Weltanschauung en marche“. Die Bayreuther Festspiele und die Juden 1876 bis 1945. Würzburg 2013, S. 151–167, hier: S. 151. Regional war der Alldeutsche Verband in Ortsgruppen organisiert, die auch im Ausland existierten.Rainer Hering: Konstruierte Nation. Der Alldeutsche Verband 1890 bis 1939. Hamburg 2003, S. 115.

Geschichte Vorgeschichte Der Auslöser für die Gründung des Alldeutschen Verbandes war die Beratung des Helgoland-Sansibar-Vertrages. Am 24. Juni 1890 veröffentlichten vier in der Schweiz lebende Deutsche, die Mediziner Adolf Eugen Fick, Walther Felix und Otto Lubarsch sowie der Buchhändler Albert Müller, in mehreren deutschen Tageszeitungen einen Aufruf gegen den Vertrag unter dem Motto „Deutschland wach’ auf!“.Gedruckt in: Otto Bonhard, Geschichte des Alldeutschen Verbandes, Berlin / Leipzig 1920, Anlage 1 (S. 233–237) Theodor Reismann-Grone und Alfred Hugenberg setzten sich daraufhin mit den Initiatoren in Verbindung. Hugenberg verabredete die Gründung eines „Nationalvereins“ zur Förderung der deutschen Kolonialinteressen und erklärte sich bereit, dessen Organisation zu übernehmen. Am 28. September 1890 trafen sich Hugenberg, Reismann-Grone, Adolf Fick (Onkel von Adolf Eugen Fick), Johannes Wislicenus (Schwiegervater von Adolf Eugen Fick), Theodor Eimer und Carl J. Fuchs in Frankfurt am Main zu einer vorbereitenden Besprechung.Stefan Frech: Wegbereiter Hitlers? Theodor Reismann-Grone. Ein völkischer Nationalist (1863–1949). Paderborn 2009, S. 94–97. Heidrun Holzbach: Das „System Hugenberg“. Die Organisation bürgerlicher Sammlungspolitik vor dem Aufstieg der NSDAP. Stuttgart 1981, S. 27.

Entwicklung bis 1903 mini|Friedrich Ratzel Am 9. April 1891 wurde in Berlin mit Unterstützung Carl Peters der „Allgemeine Deutsche Verband“ ins Leben gerufen. Zu den Gründungsmitgliedern gehörten auch Emil Kirdorf, Emil Possehl, Friedrich Ratzel und andere. Als erste Ehrenmitglieder wurden Carl Peters und der frühere Reichskanzler Otto von Bismarck aufgenommen.Richard Evan Frankel: Bismarck's Shadow – The Cult of Leadership and the Transformation of the German Right, 1898–1945. Oxford 2005, S. 108. Das alldeutsche Programm war in seinen Grundzügen in den 1890er Jahren fertig entwickelt: Expansion, Aufbau der Flotte, Förderung des Deutschtums und Kampf gegen Minderheiten im Deutschen Reich.Otto Bonhard: Geschichte des Alldeutschen Verbandes. Leipzig/Berlin 1920, S. 248f.; Wolfgang J. Mommsen: Imperialismus. Seine geistigen, politischen und wirtschaftlichen Grundlagen. Ein Quellen- und Arbeitsbuch. Hamburg 1977, S. 127.

In den ersten Jahren gab es zahlreiche interne Streitigkeiten über den einzuschlagenden Kurs und auch in Bezug auf die Gewinnung neuer Mitglieder. So vertrat der damalige Vorsitzende Karl von der Heydt die Ansicht, der Verband solle eine eigene Partei, eine ‚Nationalpartei‘, gründen; seine Kontrahenten (unter anderem Claß, Lamprecht, Hugenberg und Reismann-Grone) forderten dagegen strikte Unabhängigkeit und ein Heraushalten aus der Parteipolitik. Letztere Position setzte sich schließlich durch. Zudem gab es innerhalb des Verbands Probleme bei der Kommunikation zwischen den Mitgliedern und auch die Öffentlichkeitsarbeit konnte wegen finanzieller Schwierigkeiten nicht wie erhofft betrieben werden. Am 5. Juli 1893 kam es bei der Vorstandssitzung dann zum Rücktritt Heydts; sein Nachfolger wurde Ernst Hasse, der bis 1908 der geschäftsführende Vorsitzende war. 1894 wurde dann der Name Alldeutscher Verband gewählt, womit die Umstrukturierung des Verbands abgeschlossen wurde.Rainer Hering: Konstruierte Nation. Der Alldeutsche Verband 1890 bis 1939. Hamburg 2003, S. 115–118. Die Bezeichnung „alldeutsch“, zunächst nur als Erweiterung von „reichsdeutsch“ gedacht, bekam in den Äußerungen des Verbandes mit der Zeit die Nebenbedeutung „besonders gesinnungstreu patriotisch“; sie wurde zum Komparativ von „Deutsch“.Alfred Kruck: Geschichte des Alldeutschen Verbandes. Wiesbaden 1954, S. 7 ff.

Im Gründungsaufruf hieß es, der neue Verband wolle die Regierung nicht bekämpfen, sondern sie im Sinne seines Programms vorantreiben. Zwar übte der ADV bis 1902 immer wieder vereinzelt Kritik an ihr, jedoch bildete der Verband keine generelle Opposition.Rainer Hering: Konstruierte Nation. Der Alldeutsche Verband 1890 bis 1939. Hamburg 2003, S. 123. Die Kernziele waren die Belebung des vaterländischen Bewusstseins, Pflege und Unterstützung der deutschen Interessen im Ausland und die Förderung einer tatkräftigen deutschen Interessenpolitik.Otto Bonhard: Geschichte des Alldeutschen Verbandes. Leipzig/Berlin 1920, S. 248 f., Wolfgang J. Mommsen: Imperialismus. Seine geistigen, politischen und wirtschaftlichen Grundlagen. Ein Quellen- und Arbeitsbuch. Hamburg 1977, S. 127. Zudem sollte die Arbeit des Verbandes dabei weiterhin „außerhalb des Parteiensystems stehen“.Michael Peters: Der „Alldeutsche Verband“. In: Uwe Puschner (Hrsg.): Handbuch zur „Völkischen Bewegung“. 1871–1918. Saur, München 1999, ISBN 3-598-11421-4, S. 301–315, hier: S. 303. Bis zu seinem Tod 1908 war Hasse auch das einflussreichste Mitglied in Bezug auf die ideologischen Grundzüge des Verbandes. Diese hielt er in mehreren Aufsätzen fest, die von 1905 bis 1908 unter dem Titel ‚Deutsche Politik‘ veröffentlicht wurden. Darüber hinaus gab der Verband selbst die ‚Alldeutschen Blätter‘ heraus, die ebenfalls das Programm und die ideologischen Ansichten des Verbandes beinhalteten.Roger Chickering: We Men Who Feel Most German. A Cultural Study of the Pan-German League, 1886–1914. Boston 1984, S. 76. Das gewaltige Echo, das die Alldeutschen vor und während des Krieges im Ausland auslösten, ging aber weniger auf die offiziellen Veröffentlichungen des Verbandes zurück, der sich aus taktischen Gründen oft möglichst mild und maßvoll gab, als auf die Schriften der sogenannten wilden Alldeutschen. So gehen die in den bekanntesten und umfangreichsten Werken ausländischer Autoren, die sich mit der alldeutschen Gefahr befassen, angeführten Zitate nur zu einem Bruchteil auf den Verband selbst zurück. Die alldeutschen Kreise waren geprägt von Rassendünkel, schärfstem Antisemitismus, einem die Expansion fordernden Autarkiekomplex und dem Bekenntnis zum Krieg als schöpferischer Lebenskraft (→ Bellizismus), als Erneuerer und Erhalter, der große Arzt und Gärtner, der die Menschheit auf ihrem Wege zur Höherentwicklung begleitet.Alfred Kruck: Geschichte des Alldeutschen Verbandes. Wiesbaden 1954, S. 44 und 69f.

Radikalisierung seit 1903 mini|Heinrich Claß Eine Zäsur in der Geschichte des Alldeutschen Verbandes war der Verbandstag 1903. Hier hielt der spätere Vorsitzende Heinrich Claß eine Rede mit dem Titel „Bilanz des Neuen Kurses“. Mit dieser Rede, in der neben Reichskanzler Bernhard von Bülow auch Kaiser Wilhelm II. und Bismarck scharf angegriffen wurden, vollzog der Alldeutsche Verband den Übergang zur offenen Opposition. Der Führung des Deutschen Reiches wurde außenpolitisches Versagen vorgeworfen und ein energischeres Auftreten nach außen gefordert. Ausschlaggebend für die schärfere Richtung des Verbandes war jedoch, dass nun der Rassegedanke in die Satzungen des Alldeutschen Verbandes aufgenommen und somit als „Definitionsmerkmal des ‚deutschen Volkes‘ fest im Programm der Alldeutschen verankert“Rainer Hering: Konstruierte Nation. Der Alldeutsche Verband 1890 bis 1939. Hamburg 2003, S. 125. wurde. Die immer schärfere Opposition des Verbandes gegen die Reichsleitung und Wilhelm II. führte den Verband jedoch an den Rand des Zusammenbruchs.

Deshalb sah sich der 1908 zum Vorsitzenden des Verbandes gewählte Claß genötigt, allmählich die scharfe Kritik an der Politik der Reichsleitung wesentlich zu mindern und – insbesondere in der Frage der Politik Deutschlands gegenüber Österreich-Ungarn – die Linie des Verbandes völlig zu revidieren. Stand bis 1908 letztlich der Anschluss der deutschen Gebiete Österreich-Ungarns an Deutschland im Mittelpunkt, wurde nun ein enges Bündnis zwischen der Habsburger Doppelmonarchie und dem Deutschen Reich befürwortet.Rainer Hering: Konstruierte Nation. Der Alldeutsche Verband 1890 bis 1939. Hamburg 2003, S. 127 f. Das stieß allerdings auf erheblichen Widerstand innerhalb des Verbandes. Insbesondere Theodor Reismann-Grone, der Herausgeber der einflussreichen Rheinisch-Westfälischen Zeitung, wandte sich ganz entschieden gegen den veränderten Kurs von Claß.

Bis zum Ausbruch des Ersten Weltkrieges wagte Claß nicht, den Konflikt mit Reismann-Grone offen auszutragen, weil er dadurch letztlich eine Spaltung des Verbandes befürchten musste, was zu seiner politischen Bedeutungslosigkeit geführt hätte. Außerdem gab es erhebliche finanzielle Probleme, die den Verband letztlich bis zum Ausbruch des Weltkrieges nie zu einer Konsolidierung gelangen ließen. Hinzu kamen die wachsenden Widersprüche zu anderen nationalen Verbänden. Insofern gelang es der Regierung bis zum Ausbruch des Krieges, den Verband auf Distanz zu halten und nur bei Bedarf für ihre Interessen zu benutzen. Aber selbst in der zweiten Marokkokrise (1911) distanzierte sich der Staatssekretär des Auswärtigen Amtes Alfred von Kiderlen-Waechter von den Stellungnahmen der Verbandsleitung. Zu deren Forderungen gehörte es, „für unseren Bevölkerungsüberschuss ein Gebiet zu sichern, in dem ... Deutsche unserem Vaterland erhalten bleiben.“.Abneigung gegen Tropenkolonien; Volksstimme, 29. August 1911, S. 1, abgerufen am 6. Mai 2024.

So zeigte der Ausgang der zweiten Marokkokrise die begrenzten Möglichkeiten der Alldeutschen, auf die Regierung tatsächlich Druck auszuüben. Auch ihr Einfluss auf die öffentliche Meinung in Deutschland blieb eher begrenzt. Die Regierung unter Theobald von Bethmann Hollweg war in den Augen der Alldeutschen vor Frankreich zurückgewichen. Nach Meinung der Alldeutschen bedeutete dies ein Versagen der deutschen Politik. Als Konsequenz forderten die Alldeutschen ab 1912 eine verstärkte Heeresrüstung, die besonders vom Deutschen Wehrverein beworben wurde.Rainer Hering: Konstruierte Nation. Der Alldeutsche Verband 1890 bis 1939. Hamburg 2003, S. 128 f.

Der Einfluss des Alldeutschen Verbandes zeigt sich besonders an dessen Mitwirkung in weiteren Vereinen und Verbänden. So waren Mitglieder des Verbandes oft parallel dazu auch in führenden Positionen in anderen Zusammenschlüssen vertreten. Durch die Mehrfachmitgliedschaften innerhalb der völkischen Bewegung konnten Informationen und Neuigkeiten konstant und rasch ausgetauscht und verbreitet werden. Dadurch ergaben sich unter anderem Beziehungen der Alldeutschen zu folgenden Organisationen: Deutscher Flottenverein Deutscher Wehrverein Deutsche Kolonialgesellschaft Evangelischer Bund zur Wahrung der deutsch-protestantischen Interessen Reichsverband gegen die Sozialdemokratie Hamburgischer Verband zur Bekämpfung der Sozialdemokratie Unabhängiger Ausschuss für einen Deutschen Frieden Hauptvermittlungsstelle der vaterländischen Vereine und Verbände Deutsche Vaterlandspartei Verein für das Deutschtum im Ausland Deutscher Ostmarkenverein DeutschbundRainer Hering: Konstruierte Nation. Der Alldeutsche Verband 1890 bis 1939. Hamburg 2003, S. 174 f.