mini|Meinoud Rost van Tonningen, 1938

Meinoud Marinus Rost van Tonningen (* 19. Februar 1894 in Surabaya; † 6. Juni 1945 in Scheveningen) war ein niederländischer Politiker der nationalsozialistischen Partei Nationaal-Socialistische Beweging (NSB). Zunächst 1923–1928 und 1931–1936 Vertreter des Völkerbundes in Österreich, trat er 1936 der NSB bei und kehrte in die Niederlande zurück, wo er die NSB-Parteizeitung Het Nationale Dagblad leitete. Während der deutschen Besetzung der Niederlande im Zweiten Weltkrieg arbeitete er intensiv mit den deutschen Besatzungstruppen zusammen, zunächst bei dem Versuch, die niederländische Arbeiterschaft gleichzuschalten, später dann als Leiter der niederländischen Finanzgeschäfte.

Werdegang und Arbeit für den Völkerbund

miniatur|Der Vater Bernardus Marinus Rost van Tonningen auf einer Zeichnung, 1905

Rost van Tonningen wurde 1894 in Niederländisch-Ostindien geboren (heute Indonesien). Er war der Sohn des KNIL-Generals Bernardus Marinus Rost van Tonningen, der eine Revolte gegen die niederländische Herrschaft auf Lombok, Aceh (Atjeh) und Bali niedergeschlagen hatte. Mit 15 Jahren siedelte Rost nach Holland über, wo er ein Gymnasium in Den Haag besuchte. Nach dem Abitur 1912 begann er zunächst ein Ingenieursstudium an der Technischen Hochschule Delft, das er jedoch schon nach vier Semestern abbrach. Nach dem Beginn des Ersten Weltkrieges meldete sich Rost im August 1914 freiwillig zur Armee. Nach Stationen in einer Offiziersschule in Amsterdam (August 1914–Sommer 1915) und in Leiden war er seit Februar 1916 als Oberleutnant in Noordwijk stationiert. Nach dem Ende des Krieges begann Rost im Frühjahr 1919 ein Studium der Rechtswissenschaften an der Universität Leiden. Sein wichtigster Lehrer dort war Willem van Eysinga, bei dem er 1921 promoviert wurde.

Nach der Promotion war er kurzzeitig für die amerikanisch-norwegische Schiedskommission für maritime Fragen (Juli–September 1922) und das Internationale Arbeitsbüro der International Labour Organisation (ILO) in Genf tätig (Herbst/Winter 1922). 1923 wurde ihm der Posten eines Assistenten Alfred Zimmermanns angeboten, des Generalkommissärs des Völkerbundes in Wien. Diese Tätigkeit übte er bis 1926 aus. In dieser Zeit schloss er sich den Forderungen der Österreicher an, die Finanzkontrolle des Völkerbundes in Österreich möglichst schnell zu beenden. 1926 beschloss der Völkerbund schließlich die Abberufung Zimmermanns, verfügte jedoch zunächst eine zweijährige Übergangslösung: Rost van Tonningen wurde – allerdings mit deutlich verringerten Kompetenzen – Nachfolger Zimmermanns. In dieser Funktion, die er mit Erfolg bewältigte, setzte er sich etwa für Auslandskredite für die Österreichische Bundesbahn ein. 1928 war die Tätigkeit Rosts in Wien mit dem Ablauf der Übergangsregelung jedoch erst einmal beendet.Zu Rost in Wien 1923–1928 vgl. Berger, Meinoud Marinus Rost van Tonningen, S. 354f.; ausführlich Berger, Im Schatten der Diktatur, S. 49–136.

Im Anschluss wechselte Rost zur Privatbank Hope & Co. nach Amsterdam. Dort gelang es ihm jedoch weder privat noch dienstlich, wirklich Fuß zu fassen, so dass er mit seiner Arbeit zunehmend unzufrieden war. 1931 brach infolge der Weltwirtschaftskrise die Wiener Credit-Anstalt zusammen. Österreich bat daraufhin um internationale Finanzhilfe (die Lausanner Anleihe), sodass man erneut einen Vertreter des Völkerbundes in das Land schickte. Der Posten wurde sofort Rost van Tonningen angeboten, der ihn im Oktober 1931 zunächst als „Vertreter des Finanzkomitees in Österreich“ antrat, bevor er sich ab dem 1. Januar 1933 „Vertreter des Völkerbundes“ nennen durfte.Vgl. Berger, Meinoud Marinus Rost van Tonningen, S. 356 mit Anm. 16 (S. 373). Seine Hauptaufgabe in dieser Funktion war die Aufklärung des Völkerbundes über die österreichische Finanzpolitik. Zudem besaß er ein Mitspracherecht bei der Frage, ob Österreich seine Staatsschulden weiter erhöhen dürfe. Er hatte also erheblichen Einfluss auf die Vergabe von Krediten durch ausländische Investoren und damit auch auf die Finanzierbarkeit der österreichischen Wirtschaftspolitik.Berger, Meinoud Marinus Rost van Tonningen, S. 356.

1932 wurde Engelbert Dollfuß österreichischer Bundeskanzler. Rost empfand von Beginn an tiefen Respekt für den Kanzler, der sein persönlicher Freund wurde. Er war begeistert über das Ende der parlamentarischen Demokratie, das Dollfuß im März 1933 erreichte. Rost bemühte sich nach Kräften, Dollfuß zu unterstützen, etwa in dessen Konflikt mit den österreichischen Nationalsozialisten, die einen Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich unter Adolf Hitler erreichen wollten. Nur mit dem für Dollfuß immer wichtiger werdenden Katholizismus konnte Rost wenig anfangen.Zur Freundschaft und Zusammenarbeit mit Dollfuß vgl. Berger, Meinoud Marinus Rost van Tonningen, S. 356f. Seine Situation änderte sich jedoch schlagartig mit der Ermordung Dollfuß’ während des Juliputsches 1934. Zu seinem Nachfolger Kurt Schuschnigg konnte Rost nie eine engere Beziehung aufbauen, so dass sein Einfluss auf die österreichische Politik schwand. Er wandte sich nationalsozialistischen Wiener Kreisen um den Schriftsteller Karl Anton Rohan zu und begann, über ein politisches Engagement in seiner Heimat nachzudenken. Bereits im Sommer 1935 führte er erste Gespräche mit Anton Mussert, dem Führer der Nationaal-Socialistische Beweging (NSB). Nach der Scheidung von seiner Frau gab Rost schließlich seinen Vertreterposten am 3. August 1936 auf.Berger, Meinoud Marinus Rost van Tonningen, S. 358.

NSB-Zeit, 1936–1940 miniatur|NSB-Führer Anton Mussert 1936

Nach seiner Rückkehr aus Österreich wurde Rost van Tonningen am 10. August 1936 Mitglied der Nationaal-Socialistische Beweging (NSB). Der bekannte und erfahrene Finanzpolitiker war in der Partei, die bei der Wahl der Provinciale Staten am 16. April 1935 den ersten größeren Wahlerfolg erlangt hatte (7,9 % der abgegebenen Stimmen), äußerst willkommen; der Parteichef und Leider Anton Mussert begrüßte ihn in einem Schreiben persönlich. Rost zählte von Anfang an zum radikaleren, prodeutschen und ausgeprägt völkisch-rassistischen Flügel der Partei. Dadurch geriet er in Konflikt mit der Gruppe um NSB-Führer Mussert, der eher zu einem weniger aggressiven, großniederländischen Faschismus tendierte. Ein Beispiel für den Radikalismus Rosts waren etwa die von ihm gegründeten Schlägertrupps (Mussertgarde, Freikorps-Rost, Sturmabteilung-Rost), die er immer wieder zur Provokation in Arbeiter- oder Judenviertel führte. Für Rost war nicht der Leider Mussert, sondern Adolf Hitler, den er sogar zweimal persönlich traf, eigentliche Bezugsperson seines Führerglaubens.Zum ideologischen Konflikt zwischen Rost und Mussert vgl. etwa Berger, Im Schatten der Diktatur, S. 512–514. Dazu auch kurz Friso Wielenga, Die Niederlande: Politik und politische Kultur im 20. Jahrhundert, Münster 2008, S. 130f. Zur ersten Audienz bei Hitler am 20. August 1936 Berger, Im Schatten der Diktatur, S. 494.

Kurz nach Rosts Eintritt in die Partei wurde er am 2. November 1936 Chefredakteur der neu gegründeten NSB-Parteizeitung Het Nationale Dagblad. Die Zeitung sollte sich von anderen rechtsgerichteten Blättern wie der ebenfalls zur NSB gehörenden Volk en Vaderland durch ihre eher seriös-informative Konzeption abheben, offen radikale und extremistische Ausfälle sollten unterbleiben. Auf diese Weise sollte sie der traditionellen bürgerlich-liberalen Presse Konkurrenz machen, was jedoch nicht gelang.Vgl. Berger, Im Schatten der Diktatur, S. 496. Rost instrumentalisierte die Zeitung vielfach für seine eigenen Interessen gegenüber der Parteiführung. So hatte sie eine ausgesprochen prodeutsche Ausrichtung, was etwa in der Begeisterung über den Anschluss Österreichs 1938 seinen Ausdruck fand.Dazu ausführlich Berger, Im Schatten der Diktatur, S. 498–502. Immer wieder brachte die Zeitung auch völkisch motivierte Ausflüge in die germanische Vorzeit.

Im Juni 1937 gewann Rost bei den Wahlen einen Sitz im Parlament und wurde Fraktionsvorsitzender der NSB in der Zweiten Kammer der Generalstaaten. Zunächst fuhr die kleine Fraktion der Nationalsozialisten in der Kammer einen eher angepassten Kurs, was sich jedoch 1938 schlagartig änderte: Die NSB unter Rosts Führung agierte nun überaus destruktiv und setzte auf Konfrontation, sowohl inhaltlich als auch im Auftreten. Rost etwa wurde mit insgesamt vier Geldstrafen belegt, zweimal musste er eine laufende Sitzung verlassen. Am 28. Februar 1939 griff Rost im Parlament einen Abgeordneten körperlich an und löste dadurch eine Massenprügelei aus.Berger, Im Schatten der Diktatur, S. 502f. Das radikale Auftreten der NSB im Parlament war jedoch insgesamt eher kontraproduktiv und isolierte die Fraktion vollständig.Gerhard Hirschfeld, Fremdherrschaft und Kollaboration. Die Niederlande unter deutscher Besatzung, 1940–1945, Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart 1984, S. 167f.

Die Reaktion ließ nicht lange auf sich warten. Die politischen Gegner warfen der NSB Landesverrat vor. Der Grund für den Vorwurf war die zunehmend prodeutsche Haltung der Partei, die auch die für die Niederländer besonders beunruhigenden großdeutschen Annexionen Hitlers in Österreich und der Tschechoslowakei guthieß. Vor allem Rost van Tonningen geriet in die Kritik, da er besonders gute Beziehungen nach Deutschland unterhielt. Bereits seit März 1937 stand er in Kontakt zum Reichsführer SS Heinrich Himmler, mit dem ihn offenbar eine persönliche Freundschaft verband, und zum deutschen Außenminister Joachim von Ribbentrop. 1936, 1937 und 1938 wurde Rost als offizieller Gast bei den Reichsparteitagen in Nürnberg empfangen und auch sonst unternahm er häufig Reisen ins Nachbarland.Zu Rosts Kontakten nach Deutschland vgl. Berger, Im Schatten der Diktatur, S. 493–495, 504.

Als die Gefahr eines Angriffs auf die Niederlande größer wurde, setzte man Rost 1940 auf eine Liste „staatsgefährlicher Personen“, weil angenommen werden konnte, dass er im Falle eines Angriffs mit den Deutschen zusammenarbeiten würde. Am 3. Mai wurde er schließlich verhaftet und kam in ein Internierungslager auf der Insel Overflakkee. Schon eine Woche später begann der Westfeldzug der Deutschen mit einem Angriff auf die Niederlande. Rost und seine Mithäftlinge wurden sofort evakuiert und zuerst nach Belgien, dann nach Nordfrankreich gebracht. Die Flucht vor der deutschen Armee hatte schließlich ein Ende im französischen Calais, das die Deutschen am 26. Mai eroberten. Rost, nach dem sich Himmler und Hitler persönlich erkundigt hatten, kam so schon nach weniger als einem Monat wieder frei.Berger, Im Schatten der Diktatur, S. 505.

Rost als Kollaborateur, 1940–1945

Politische Kollaboration

miniatur|Arthur Seyß-Inquart bei einer Ansprache vor der Ordnungspolizei in Den Haag (1940)

Am 2. Juni 1940 kehrte Rost van Tonningen unter dem begeisterten Applaus von 400 Nationalsozialisten, die sich zur Begrüßung vor dem Gebäude der NSB-Parteileitung versammelt hatten, nach Den Haag zurück. Sofort begann er seine umfangreiche Kollaboration mit dem deutschen Regime. Noch am Abend des 2. Juni führte er erste Gespräche mit Himmler und dem neuen Reichskommissar für die besetzten Niederlande Arthur Seyß-Inquart. Hier wurden die Grundlagen für einen Plan gelegt, der gemäß den deutschen Vorstellungen dabei helfen sollte, die niederländische Bevölkerung möglichst schnell und ohne zu großen äußeren Zwang zu „nazifizieren“. Dem vor allem von Rost van Tonningen entwickelten Konzept zufolge sollte zunächst die Arbeiterschaft vom Nationalsozialismus überzeugt werden. Nach dem Erreichen dieses Ziels sei, so seine Vorstellung, eine „Selbstnazifizierung“ der übrigen gesellschaftlichen Gruppen verhältnismäßig leicht zu erreichen.Zum Plan Rosts und seinem Hintergrund vgl. Berger, Im Schatten der Diktatur, S. 506f. Zum Treffen vom 2. Juni vgl. auch Hirschfeld, Fremdherrschaft und Kollaboration, S. 170 f.